Wo bleiben Renäsanxe und Tschinquetschento?

Sie versinken in den Wogen des eleganten Lebens, sie ertrinken in

Pilsner Bier.

Doch einmal des Tages lebt die Erinnerung an die Pflichten der Bildung

auf.

Wenn Alma und Elvira Postkarten an die Freundinnen schreiben.

Man wählt zu diesem Zwecke wahnsinnig echt aussehende Landschaften,

Zypressen- und Olivenhaine, oder Reproduktionen jener Bilder, deren

Besuch ja eigentlich den Reiz des Aufenthaltes stört.

Dann schreibt man Verzückungen darunter. »Es ist unsagbar schön«, »Ihr

glaubt nicht, was man hier erlebt«, »Jeder Tag ist ein neues Wunder«.

Und Mama als gute Seele verfehlt nicht, an besonders Liebe zu Hause,

einen Stoßseufzer beizufügen: »Warum seid Ihr nicht hier, um all dies

Schöne mitzuerleben?« Die Lieben empfangen die Karten mit süffisantem

Lächeln, wenn sie den Mumpitz selbst schon mitgemacht haben, mit

ungläubigem Neid, aber doch mit Neid, wenn sie's noch vor sich haben.

Und dann gehen sie daheim in den _tea-room_, wo sie winselnde Geigen

hören, schöne Offiziere und neue Hüte sehen.

Bildung schafft eine gewisse Gleichheit der Ansichten und der

Lebensführung.

* * * * *

Heimkehr.

Papa sehr aufgeräumt über die Aussicht, in zwei Tagen sämtlichen

Gewohnheiten wieder frönen zu können, Mama innerlich ebenso glücklich,

nun bald von der Fahrt nach dem schönen Süden erzählen zu dürfen und

dabei von ihren Unbequemlichkeiten erlöst zu sein, die Töchter in Wonne

schwimmend.

»Eigentlich,« sagt Papa, »eigentlich war diese Reise doch kolossal

interessant und belehrend. Man mag über Italien denken, wie man

will, aber so das rechte Verständnis für das Schöne in der Kunst

gewinnt man doch nur hier. Man hat zuletzt 'n ganz andern Blick für

Kunstgegenstände, aber es is doch famos, daß wir wieder heimkommen.«

Eine ablehnende Handbewegung von Mama läßt ihn verstummen.

Frauen sind doch wirklich unehrlich und haben ungemein

schauspielerisches Talent.

Vielleicht in keiner Sache und vielleicht noch nie war Mama innerlich

so einig mit ihrem Gatten wie in dieser Ablehnung des Tschinquetschento

und der aufgezwungenen Bildungsweise, und dabei konnte sie in ihre

Augen den geradezu frappanten Ausdruck des Schmerzes über seine

Unbildung legen!

Dabei konnte sie so träumerisch und sehnsüchtig zum Fenster

hinaussehen, als zögen sie übermächtige Gefühle zurück nach Florenz --

Firenze, wie sie stets auf Postkarten schrieb -- als wäre ihr Durst

nach den Herrlichkeiten der Renäsanxe noch lange, lange nicht gestillt!

So täuschend machte sie es, daß er, der gewiegte Kenner ihrer

nüchternen Seele, beinahe daran glaubte.

Hinterhalb Mailand, in Zürich, wäre sie um ein Haar aus der Rolle

gefallen.

Man hatte dort Station gemacht, und beim Frühstück im Hotel, als

Honig, Käse, Butter und Wurst lieblich ausgebreitet lagen, rief Papa:

»Nee, Kinner, sagt mir, was Ihr wollt! Kunst ist gut, Kunst verschönt

das Leben, aber so'n Frühstück im Schweizer Stil ... Kinner, da kann

Italien nich ran!«

Und in das Aufjauchzen der Töchter hätte Mama beinahe eingestimmt.

Aber sie besann sich noch und nahm den sehnsüchtigen Blick, rückwärts

nach dem Tschinquetschento, mit über den Bodensee und durch

Mitteldeutschland bis nach Berlin, wo er nunmehr als ihr Trick und ihre

Sehenswürdigkeit gilt bei allen Einladungen am Kurfürstendamm.

Der Interviewer

Zu deutsch: der Zusammenkünftler. Der Mann, der mit Ihnen

zusammenkommt, ohne daß Sie ihn gerufen haben.

Er kennt Ihre Marke, unter der Sie im Publikum kursieren, und will, daß

Sie Ihre Eigenart recht originell zum Ausdrucke bringen.

Erlauben Sie sich also nicht, diesem wildfremden Menschen reserviert

entgegenzukommen.

Seien Sie vom ersten Augenblicke an »herzig und liab«, wenn das Ihr

Firmenzeichen ist, oder »biderb grob« oder »geistvoll und sarkastisch«,

und glauben Sie ja nicht, daß Sie den Mann durch gleichgültiges

Benehmen täuschen können.

Er weiß, wie Sie sind, und prüft genau, ob Ihre Konversation

musterecht ist.

Beobachten Sie den Mann, während Sie Indifferentes sagen.

Seine Gesichtszüge verraten eine innere Qual, die sich bis zur

Hoffnungslosigkeit steigert, wenn Sie Ihr Charakteristisches lange

zurückhalten.

Es kommt nicht ... es kommt nicht ... da! Es ist Ihnen, ohne daß Sie

es wissen, ein Aperçu entfahren, noch dazu eines aus Ihrem innersten

Wesen heraus. In den Augen des Zusammenkünftlers flammt das Feuer des

Verständnisses auf, er schleckt seinen Bleistift ab und schreibt darauf

los.

Sie sind festgenagelt, mein Lieber; man hat Sie.

Sagte ich schon, daß Wien die Stadt dieser »Zusammenkünfte« ist? Wenn

nicht, dann möchte ich es hiermit nachgeholt haben.

In Deutschland werden fast nur Staatsmänner ausgebohrt, und jedenfalls

geht man mit dem Experiment nicht unter Richard Strauß hinunter.

Diesem begabten Musiker sind allerdings schon so viele Würmer aus der

Nase geholt worden, daß es verwunderlich erscheint, wenn noch einer

drin sein sollte.

Aber reden wir von Wien! Das ist die Stadt, wo immer jemand mit einem

zusammenkommt. Man braucht keinen Rosenkavalier vertont zu haben,

es genügt, daß man vom zweiten Stockwerk herunterfällt, oder ein

aussterbender Fiaker ist, um über seine Weltanschauung oder gehabte und

noch habende Schmerzen eine druckreife Meinung äußern zu dürfen.

Wenn im Deutschen Reiche ein Mann aus dem Volke von einem Automobil

überfahren wird, so erscheint bei dem Verunglückten zuerst der Arzt, in

Wien aber der Zusammenkünftler.

»Wöiches woarn Ihre Gedanken, als Sie bemerkten, daß das Rad über Sie

hinwegginge?«

»Woarn Sie im erst'n Schmärz bewußtlos?«

»Wöiches woarn Ihre Gefiehle im Hinblick auf Ihre Gattin und die

zahlreichen Kinder?«

Ein geschulter Wiener wird diese Fragen immer so beantworten, daß aus

seinem Schmerzenslager ein Duft von Treuherzigkeit in die Zeitung

weht, und wenn das Malheur in der inneren Stadt passiert ist, wird

er nicht verfehlen, den Stephansturm in rührende Beziehung zu seinem

überfahrenen Zustande zu bringen.

Aber der Fremde steht einem Zusammenkünftler denn doch etwas hilflos

gegenüber.

Ich denke dabei nicht gerade an einen sich ereignet habenden

Unglücksfall, es ist schon bitter genug, wenn jemand zu einer Vorlesung

oder zur Aufführung seines Theaterstückes in die Donaustadt reist.

Hier gilt also das, was ich von der Hausmarke sagte. Die Redaktion

sagt ihrem galizischen Kundschafter, daß der Mann sarkastisch sei,

regierungsbissig, respektlos.

Also muß etwas auf diese Eigenschaften Bezug Habendes in den Bericht.

Der fremde Schriftsteller steht auf, zieht zunächst einmal die

Unterhosen an, denkt an gar nichts und gähnt.

Es klopft.

Ein Zimmermädchen schiebt durch die Türspalte eine Visitenkarte herein.

»Siegfried Parketöl, Vertreter der 'Interessanten Welt'.«

Was will man machen?

Der Fremde läßt Herrn Parketöl bitten. Und nun kommt ein kleiner Mann

herein, von fleischiger Nase und mit klugen, listigen Augen, Augen wie

die einer Kanalratte.

Der Zusammenkünftler.

Er hat sich seine Rolle ausgedacht; er wird volkstümlich und

vertrauenerweckend sein.

»Guat Murg'n! Särvus!«

Er blinzelt den Fremden an, als erwarte er schon im Gegengruß etwas

Sarkastisches, Respektloses, Regierungsbissiges.

Es kommt nichts.

Der Fremde ist bloß höflich.

»Wöiche besonderen Verhältnisse haben Sie im Aage gehabt bei

Verabfassung Ihres neien Stückes?«

Der Fremde sagt, er habe nur ganz allgemein, verstehen Sie, und so

weiter.

»Oba bittä!«

Herr Parketöl lächelt vertrauenerweckend. Ihm gegenüber sollte man

nicht so zurückhaltend sein.

Der Fremde versteht ihn nicht.

Er glaubt wirklich, daß er Daten für die Literaturgeschichte deponieren

müsse.

»Ich wollte also den Konflikt schildern, der sich einerseits aus

der Ueberspannung des Pflichtgefühls, andererseits aus menschlichen

Leidenschaften ...«

»Ah wos! Ah wos!«

»Wie?«

»Lieba Freind! Vor mir brauchen S' Ihnen oba wirklich keine Resärve

aufzuerlegen!«

»Ja, ich verstehe nicht ...«

»Also sagen S' ma nur dos: wöiche Ueberspanntheiten und von wöicher

Regierung haben Sie geißeln wohlen?«

»Regierung?«

»Oba jo! Lieba Freind, net woah, das Publikum erwoatet von Ihnen

dennoch eine gewisse Satire, etwas Pikantes, etwas Prickelndes ...?«

»Sie wollten doch wissen, was ich in diesem Stücke ...«

»No freili!«

»Wie gesagt, ich wollte in dramatischer Steigerung den Konflikt

beruflicher und menschlicher Gefühle....«

»Jetz hören S' oba auf! Mir können Sie dos würklich sag'n, gegen

wöiche Regierung Sie Ihre satierische Geißel geschwungen haben.«

»Davon ist in diesem Stücke also wirklich nicht ...«

»Wem erzählen S' denn dos, lieba Freind? Wann i a Konflikt hamm

will, net woa? Oder eine dramatische Steigerung, nachdem geh ich zum

Schönherr Koarl oder zum Hofmannsthal, aber von Ihnen erwoatet man doch

was anderes, so a bisserl wos Despektierliches. Hm?«

Der Fremde versteht nicht.

Obwohl ihm Herr Parketöl auf die Schulter klopft und mit jeder Minute

herzlicher und familiärer wird, kommt ihm nichts Respektloses aus. Er

kennt weder seine Rolle noch seine Pflicht gegen einen Zusammenkünftler.

Parketöl horcht angestrengt.

Jetzt? Jetzt?

Nichts.

Er geht niedergeschlagen weg.

Denn was hilft es ihm, daß er am selbigen Tag in die »Interessante

Welt« schreibt, er habe den fremden Dichter in sprühender Laune

angetroffen, und habe dieser auch sowohl bezugnehmend auf das neue

Stück als im allgemeinen nach allen Seiten hin seiner bekannten Satire

die Zügel schießen lassen.

Das glaubt ihm kein Zusammenkünftler, also kein Wiener. Er hätte was

Prickelndes bringen müssen.

Die Halsenbuben

»Beim Halsen« heißt ein schöner Hof in Lenggries. In den sechziger

Jahren hauste darauf der Quirinus Gerold mit seinem Weibe und zwei

Söhnen.

Er war ein wohlhabender Mann, dem bares Geld im Kasten lag und der wohl

an vierzig Stück Jungvieh zu Almen trieb.

Seine Söhne, der Halsen-Toni und der Blasi, waren im ganzen Isartale

bekannt wegen ihrer Kraft und Verwegenheit.

Sie waren von gutem Schlage, hochgewachsene und breitbrustige

Burschen. Und flink und lustig dazu. Es hätte ihnen jeder eine

vergnügliche Zukunft voraussagen mögen; sie ist ihnen aber nicht

geworden.

Denn alle zwei sind in jungen Jahren gefallen von Jägershand und sie

starben im grünen Walde.

Zuerst der Blasi.

Das war im Jahre 1869 gegen den Herbst zu.

Da ist den Jägern in der Vorder-Riß eine Botschaft zugekommen,

daß zur Nachtzeit ein Floß mit Wilderern und ihrer Beute die Isar

herunterkommen werde.

Wie es auf den Abend zuging, sind die Jagdgehilfen von ihren

Reviergängen heimgekommen und haben sich recht auffällig in der

Wirtsstube des Forsthauses bei Essen und Trinken gütlich getan.

Denn es waren, wie immer, Flößer und Holzknechte als Gäste da, und

vielleicht die meisten von ihnen waren Spießgesellen der Wilddiebe.

Darum haben sich die Jäger nichts merken lassen.

Nach ein paar Stunden sind sie einzeln aufgebrochen und haben sich

freundlich Gute Nacht gewunschen, als wolle sich jeder friedlich aufs

Ohr legen.

Auch die Flößer und Holzknechte haben sich entfernt; sie gingen in die

Sägmühle, wo sie auf dem Heu übernachten wollten.

Die Lichter in der Wirtsstube sind ausgelöscht worden und das Forsthaus

lag still und verschlafen in der finsteren Nacht.

Hinter einem Fenster des oberen Stockes brannte noch ein kleines Licht.

Denn die Frau Oberförster lag gerade um dieselbige Zeit in den Wehen

und die Tölzer Hebamme wachte bei ihr.

Hie und da steckte der lange Herr Oberförster seinen Kopf zur Türe

herein und fragte mit leiser Stimme, wie es um die Frau stünde.

Er machte ein ernstes Gesicht, denn diese Nacht quälten ihn manche

Sorgen.

Wenn ihn die Hebamme beruhigte, ging er mit langen Schritten an das

Gangfenster und lugte scharf in die Nacht hinaus.

Er sah etwas Dunkles auf der abschüssigen Wiese, die gegen die Isar

hinunterführt. Das bewegte sich rasch und verschwand.

Einer von den Jagdgehilfen, die sich vorsichtig an den Fluß pürschten.

Eine Stunde und mehr verstrich.

Es war eine feierliche Stille, wie immer in dieser Einsamkeit.

Man hörte nichts als das Rauschen des Wassers.

Da blitzte auf einmal in der Sägmühle ein Licht auf und verschwand

wieder, kam noch zweimal und erlosch.

Das war ein Zeichen, und alle scharfen Jägeraugen, die an der Isar

wachten, erkannten es.

Einen Büchsenschuß oder zwei flußaufwärts liegt ein einsamer Bauernhof.

Man heißt es beim Ochsensitzer.

Da wurde jetzt auch ein Fenster hell, dreimal in gleichen Abständen.

»Bande, verfluchte!« brummte der Jagdgehilfe Glasl, der keine hundert

Schritte davon entfernt hinter einer Fichte stand.

»I hab's wohl g'wißt, daß de wieder dabei san.«

Und er horchte angestrengt in die Nacht hinaus.

Es war nichts zu hören, und lange war auch nichts zu sehen.

Da kam der Mond über die Berge herüber. Sein flimmerndes Licht fiel

auf den Fluß, und immer länger dehnte sich der glitzernde Streifen aus

und er ging in die Breite, bis zuletzt das ganze Tal angefüllt war von

seinem Glanze.

Und jetzt konnte man einen Schatten sehen, der in der Mitte des Flusses

mit Schnelligkeit dahinglitt.

Das waren sie.

Glasl faßte sein Gewehr fester und zog den Hahn über.

Das Floß kam näher.

Man hörte das Eintauchen des großen Steuerruders, und eine verhaltene

Stimme rief:

»Besser rechts halt'n, Dammerl! Besser rechts! Mir treib'n z' nah

zuawi.«

Glasl ließ das Floß vorbeigleiten und stellte sich so, daß er gegen den

Mond sah.

Die Umrisse der an den Rudern Stehenden hoben sich vom lichten

Hintergrunde ab, und der Jagdgehilfe konnte mit einiger Genauigkeit das

Visier nehmen.

Er zielte kurz und feuerte.

Knapp und scharf antwortete das Echo auf den Schuß, dann brach sich

der Hall und grollte das Tal entlang. Und weckte den schlafenden Wald.

Wildtauben flogen auf und Krähen schimpften.

Vom Wasser her kam ein unterdrückter Schrei, und ein kräftiger Fluch.

»S' werd eppa'r oan g'rissen hamm,« brummte der Glasl und schaute dem

Floße nach.

Das fuhr mit unverminderter Schnelligkeit weiter.

Aber jetzt, ein, zwei, vier Schüsse; und wieder einer, und wieder ein

paar.

Da blitzte es auf, dort brach ein Feuerstrahl aus dem Walde.

Ein paar Kugeln schlugen klatschend ins Wasser, aber andere trafen das

Ziel.

»Wart's, Lumpen!« lachte der Glasl, »heunt habt's a schlecht's Wetter

dawischt.«

Und er schoß den zweiten Lauf ab.

Die Wilderer antworteten auch mit Pulver und Blei.

Aber sie schossen nur aufs Geratewohl, während sie selber ein gutes

Ziel boten.

Dazu mußten sie achthaben auf die starke Strömung und die Felsblöcke,

welche hier zahlreich aus dem Wasser ragen.

Sie hielten stark an das rechte Ufer hin und glitten unter der Brücke

durch.

Wie das Floß nun in einer Linie mit der Sägmühle war, stellten die

Jäger das Feuern ein.

Der Glasl Thomas hatte sein Gewehr wieder geladen und schlich von Baum

zu Baum das Ufer abwärts.

Er gab wohl acht, daß er nicht in das Mondlicht hinaustrat, damit ihn

kein spähendes Auge erblicken konnte.

Nach einiger Zeit machte er halt und ahmte den Ruf der Eule nach.

Ein ähnlicher Laut antwortete ihm, und bald stand er in guter Deckung

neben dem Jagdgehilfen Florian Heiß.

»Kreuz Teufi!« sagte Glasl und lachte still in sich hinein. »Flori, dös

mal is was ganga.«

»Net z'weni,« erwiderte Heiß. »Bei Dein' erst'n Schuß hat's oan

g'numma.«

»I hätt's aa g'moant.«

»Ganz g'wiß. I hab's g'sehg'n. Den Lackl am Ruader hint' hast 'nauf

belzt.«

»Auf den hon i aa g'schossen,« sagte Glasl; »aber es wer'n no mehra

troffen sei'.«

»Was laßt si sag'n? De Lump'n hamm viel Waldprat am Floß g'habt, und da

wer'n sie si fleißi dahinter eini duckt hamm.«

»Mein zwoatn Schuß hab' i eahna da Längs nach eini pfiffa. Vielleicht

hat der aa no a bissei was to.«

»Recht waar's scho,« gab Heiß zurück.

»Was tean mir jetzt?«

»Steh' bleib'n a Zeitlang, nacha pürsch'n mir uns hinter'm Ochsensitzer

umi, und gengan über'n Steg. An der Bruck'n ob'n derf'n mir uns net

sehg'n lassen.«

Sie blieben schweigend stehen.

Nach einer Weile stieß Glasl seinen Kameraden an.

»Da schaug abi!«

In der Sägmühle flammte ein Licht auf, und erschien bald an dem einen,

bald an dem anderen Fenster.

»In der Sag' sans wach wor'n,« flüsterte Heiß.

»De hamm heut' no net g'schlafa, de Tropf'n,« erwiderte Glasl.

»Jetzt gengan mir.«

Sie pürschten leise weg in den Hochwald.

* * * * *

Im Forsthause war große Aufregung.

Die Schüsse hatten das Haus geweckt; die Dienstboten waren aufgestanden

und hinausgeeilt. Im Krankenzimmer stellte sich die Hebamme erschrocken

ans Fenster und horchte furchtsam auf den Lärm.

Die Frau Oberförster richtete sich unruhig im Bette auf.

»Was is? Was gibt's?«

»Nix, nix.«

»Hat's net g'schossen?«

»Na, Frau Oberförster, da hamm's Ihnen täuscht.«

Die Kranke ließ sich beschwichtigen; die müden Augen fielen ihr zu.

Da tönte wieder vom Flusse herauf ein scharfer Knall, und Schuß auf

Schuß.

»Um Gottes willen!«

Die Kranke fuhr auf.

»Wo is mein Mann?«

»Regen's Ihnen net auf, Frau Oberförster! Er is daheim. Er is halt im

Bett.«

»Er is drunten!«

»Wo?«

»An der Isar. Ganz g'wiß er is drunten!«

»Geh, geh! Was is denn?« sagte eine tiefe Stimme und der Oberförster

trat in das Zimmer.

»Bist da, Max? Gott sei Lob und Dank!«

Die Kranke streckte ihm ihre kleine, abgemagerte Hand entgegen und ihre

Augen leuchteten.

»Weil nur Du da bist!«

»Aber was hast denn, Mamale?«

»Ich hab' so Angst g'habt. So Angst. Gelt, Du gehst net weg?«

»I bleib scho bei Dir.«

»Wer schießt denn da?«

»Ah, desweg'n brauchst Dich net kümmern. Der Ochsensitzer hat si

beschwert, daß die Hirsch'n alle Nacht in seiner Wiesen sind. Jetzt

hab' i's heut vertreib'n lassen.«

»Max!«

»Was?«

»Warum bist Du heut' noch ganz anzog'n?«

»Der Kontrolleur von der Hinter-Riß war da. Mir sin a bissel länger

sitzen blieb'n.«

»Jetzt gehst aber ins Bett? Gelt?«

»Ja, ich hab Schlaf. Aber hast Du kein' Angst mehr?«

»Nein.«

»Weg'n dem dummen Schießen?«

»Nein.«

»Ich hab' g'meint, sie vertreib'n de Hirsch a so. Ich hab' net denkt,

daß g'schossen wer'n soll.«

»Das macht nix. Ich bin schon wieder ruhig.«

»Dann Gut' Nacht, Mamale!«

»Gut' Nacht, Max!«

Der Oberförster zog die Türe leise hinter sich zu und blieb horchend

stehen.

Er schlich auf den Fußspitzen die Stiege hinunter und gab acht, daß

keine Stufe knarrte.

An der Haustür kam ihm ein Bursche entgegen.

»Herr Oberförstner!«

»Red' staad, Kerl!«

»Sie möcht'n in d'Sag abi kemma. Es is an Unglück g'schehg'n.«

»Wem?«

»A so halt.«

»Dös erzählst mir im 'nuntergehn. Komm no glei mit!«

»I möcht gern ...«

»Nix. Du gehst mit mir! Mit meine Dienstbot'n hast Du net z'reden!«

Sie schritten in die Nacht hinaus und gingen zur Säge hinunter.

Der Bursche voran.

»Also was is?« fragte der Oberförster.

»I hab' mir denkt, Sie wissen's scho.«

»Was soll ich wissen?«

»No ja. A so halt.«

»Wenn's D' net red'n magst, laß bleib'n. Hat Di der Müller g'schickt?«

»Ja.«

Sie waren vor der Säge angekommen.

Die Haustüre stand offen und aus einem Zimmer drang matter Lichtschein

in den Gang hinaus.

Man hörte flüstern, dann setzten zwei weibliche Stimmen mit Beten ein.

Der Oberförster trat näher.

In der Mitte der Stube war auf zwei Stühlen die Leiche eines jungen

Mannes aufgebahrt, der Kopf lag auf einem mit Heu gefüllten Sack

gebettet.

Die erkalteten Hände hatte man zusammengelegt und darein ein kleines

Kreuz gesteckt.

Es war ein unheimlicher Anblick in dem halbdunkeln Raume.

Der Oberförster sah auf das wachsgelbe Gesicht des Toten; es mochte

hübsch und männlich gewesen sein; jetzt trug es die entstellenden

Spuren eines gewaltsamen Endes und war schmerzlich verzogen.

»Wer is das, Mutter?« fragte der Oberförster.

»Der Halsenblasi, dem Halsen von Lenggries sein Aeltester.«

»Wie kommt der zu Euch?«

»Seine Kamerad'n hamm an abg'liefert.«

»Wann?«

»Voring. Mit'n Floß san's kemma.«

»San's no da?«

»Na, na! Sie san glei weiter g'fahr'n.«

»Warum hast Du mich holen lassen?«

»Es is no oaner bei mir. Der brauchat a Hülf.«

Die Mutter deutete mit dem Daumen auf die Nebenstube.

Der Oberförster ging hinein.

Da lag ein Mann auf dem Boden, in eine grobe Kotze gehüllt; unter den

Kopf hatte man ihm ein Kissen geschoben.

Er wandte sein blasses, von einem starken Bart umrahmtes Gesicht den

Eintretenden zu.

»Wo fehlt's?« fragte der Oberförster.

»Er is schwar g'schossen ober'm recht'n Knia,« sagte der Müller.

Und der Verwundete nickte zur Bestätigung.

»Is er verbund'n?«

»Sell wohl. Und an Einschuß hamm ma mit Pulver eig'rieb'n, daß 's

Bluat'n aufg'hört hat.«

»Ja, der muß zum Doktor; so schnell wie möglich. I schick glei nach

Lenggries.«

Der Verwundete schüttelte abwehrend den Kopf.

Dann sagte er mit schwacher Stimme:

»Vergelt's Gott, aber mir waar's liaba, wann's mi selber auf Lenggries

bringet'n. Na waar i dahoam.«

»Ja, halt'st de Fahrt aus? Tuat's Dir net z' weh?«

»Na; i halt's scho aus. I möcht hoam.«

»Er is jung verheiret,« sagte der Müller.

»Ich leih ihm mein Wag'n. Recht gern; Ihr müaßt's 'n halt mit der

Tragbahr zum Weg 'nauf bringen.«

»Jawohl, Herr Oberförster. Und vergelt's Gott dafür.«

»Wer is denn der arme Teufel?«

»Der Hag'n-Anderl von Lenggries.«

»Er werd' hoffentli wieder g'sund wern,« sagte der lange Forstmann und

nickte dem Verwundeten zu.

Der schaute ihm verwundert und dankbar nach.

So menschlich geht es nicht immer ab unter Todfeinden.

* * * * *

Ein paar Stunden später fuhr der Hag'n-Anderl in weiche Betten gehüllt

und gegen die Kälte geschützt auf Lenggries zu.

Die Pferde gingen im Schritt und der Knecht gab Obacht, daß der Wagen

nicht über grobe Steine ging.

Hinterdrein kam ein anderes Fuhrwerk; ein Leiterwagen und darauf in

Säcke eingenäht der Halsen-Blasi.

Und der hat kein Schütteln und Rütteln mehr gespürt.

Er ist mit vielen Ehren in Lenggries begraben worden; von weit her sind

die Leute zum Leichenbegängnis gekommen.

Es ist ihm nachgerühmt worden, daß er so oft auf freier Pürsche war und

seine Büchse in allen Revieren rings herum krachen ließ; und daß er nun

starb wie ein rechter Wildschütz.

Die Burschen schworen, sie wollten es den Jägern heimzahlen; und der

Bruder des Gefallenen, der Halsen-Toni, sagte, mehr wie =ein= Grüner

müsse dafür hingelegt werden.

Er ist aber selber ein paar Jahre später von einer Kugel getroffen

worden.

Das erzähle ich ein anderes Mal.

Schneehendlpfeifen

»Jetzt zünd'n mir uns z'erscht a Pfeif' o, Ludwig; nacha will i Dir

verzählen, wie mir amal in 's Schneehendlpfeifen ganga san.« Der

Jagdgehilfe Glasl schob mir seinen Tabakbeutel herüber und ich nahm

eine Handvoll von dem k. k. Rollenkanaster.

»Der Knaster is guat,« sagte er, »Dei Vata hat koan andern net

g'raucht, und der hat g'wiß was verstanden.«

Der Glasl war nämlich vor bald vierzig Jahren unter meinem Vater als

Jagdgehilfe in der Vorderriß angestellt worden.

Zuerst hat er seine Anerkennung erworben durch Schneidigkeit und

Treue; nach und nach ist er dem wortkargen Oberförster ein Freund

geworden und ist es geblieben, bis eines Tages der Herr Max Thoma in

dem sieben Schuh langen Sarge auf den Friedhof getragen wurde.

Oder damit ich es recht sage, er ist ihm über den Tod hinaus anhänglich

geblieben und weiß noch heute kein besseres Lob für eine Sache, als

daß er ihr nachrühmt, sie hätte vermutlich dem alten Oberförster Thoma

gefallen.

»Brennt's?« fragte der Glasl.

»Es brennt scho,« sagte ich.

»Nacha paß auf! Dös is g'wesen selbigsmal, wie Dei Muatta de kloa

Luisel auf d' Welt bracht hat; anno 69 glaab i.

Also da hamm d'Lumpen an Bartel derschossen g'habt, vielleicht a halb's

Jahr davor. Dös war a braver Mensch und a Jager von der erster Klass'.

Den hamm a paar Jachenauer derschossen, wia 'r a auf 'n Vorderkopf

aufi ganga is. Aus de Latschen raus und net weiter wia fünf Schritt.

Der Bartel hat an G'wehrlauf g'sehg'n und schreit no: »Net schiaßen!«

Derweil hat's scho kracht und der Bartel hat de ganz Schrotladung

droben g'habt. Es hat 'n im Schnall 'neig'haut, und an Xaver, der dabei

g'wen is, han d' Latschennadeln in 's G'sicht g'spritzt, daß er im

erschten Augenblick nix g'sehg'n hat. Wia 'r a si g'reicht hat, san

d'Lumpen scho auf und davo g'wen, und kennt hat er koan.

Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten · 第 4 / 8 段