Der Israelit heißt Isidor Blumschein, stammt aus dem Schwäbi

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung

zeitgenössischer

Romane

Der Postsekretär im Himmel

und andere Geschichten

von

Ludwig Thoma

Ullstein & Co Berlin-Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten. --

Copyright 1914 by Ullstein & Co

Der Postsekretär im Himmel

Zwei Tage vor Mariä Lichtmeß wurde der Postsekretär Martin Angermayer

zu München von einem echt bayerischen Schlaganfall derartig getroffen,

daß er schon nach einer halben Stunde den Geist aufgab.

Seine Seele schickte sich jedoch nicht sogleich zur Reise an,

sondern sie gab wohl acht, ob den irdischen Resten auch alle

übliche Ehre widerfahre, und zählte und prüfte die Kränze, welche

von einigen Verwandten, auch vom Stammtisch im Franziskaner, dem

Verkehrsbeamtenverein und seinem Kegelklub gespendet wurden.

Sie bemerkte sodann noch mit Genugtuung, daß der Herr Postrat

Leistl beim Begräbnis zugegen war, daß auch die Haushälterin Zenzi

in Tränen zerfloß, und sie fuhr gen Himmel, indes ein Quartett des

Männergesangvereins eine erhebende Weise sang.

Da saß nun Sekretär Angermayer im Vorraume des Paradieses und fühlte

sich keineswegs so glückselig, wie man es nach den Schilderungen

frommer Bücher eigentlich glauben sollte.

Schon daß er nackend war, benahm dem an Ordnung gewöhnten Beamten die

Sicherheit, und es wollte das Gefühl, ein respektabler Mensch zu sein

und auch als solcher zu gelten, nicht recht in ihm aufkommen.

Zudem fröstelte es den an überheizte Bureauräume Gewöhnten in dem

Luftreiche, und der Verdacht, daß es von irgendwoher ziehe, quälte

ihn nicht minder wie die Unmöglichkeit, jemanden zum Schließen eines

Fensters auffordern zu können.

Denn dieser Vorhof des Paradieses war nach drei Seiten hin eigentlich

offen, nur vom eigentlichen Himmel trennte ihn eine Wolkenwand, und

zwischen den wundervollen Säulen, die ihn rings umgaben, konnte

freilich die balsamische Luft ungehindert einströmen, und gleichermaßen

von oben, da sie kein Dach abhielt.

Angermayer schickte seine Blicke mißmutig in das unendliche Blau, das

sich über ihm wölbte, und in die rosigen Fernen, die sich zwischen den

Säulen auftaten, und diese Unbegrenztheit war ihm fremd, und was ihm

fremd war, das war ihm nun einmal zuwider.

Dann stand, seine Unbehaglichkeit zu steigern, eine Menge von Leuten

um ihn herum, die sichtlich nicht alle aus Bayern oder gar aus München

gekommen waren.

Er konnte im Gegenteil bemerken, daß es Menschen aus aller Herren

Ländern waren, gelbe, braune, schwarze, Leute mit langen Haaren, wie

sie spinnende Schwabinger tragen, Leute mit buschigem Wollhaar, Leute

mit Zöpfen, kurzum zumeist fremdartige Wesen, denen er nie hold gewesen

war, und die meisten verdrehten ihre Augen verzückt und selig und

benahmen sich auffällig.

Jedem einzelnen von ihnen hätte er in den Straßen seiner Heimatstadt

verächtlich nachgeschaut unter bissigen Bemerkungen. Jedem hätte er

aus seinem Schalter heraus Respekt beigebracht, aber hier, so mitten

unter ihnen, war er hilflos und, was das schlimmste war, er gehörte

eigentlich zu ihnen, oder schien wenigstens einer von ihnen zu sein.

Dann: Zeit seines Lebens war er kein Freund von Kindern gewesen, und

ihre Unarten, die von nachsichtigen Eltern womöglich noch gepriesen

werden, fielen ihm stets unangenehm auf, und er war nie geneigt, ihrer

Unerfahrenheit oder ihrer Jugend etwas zugute zu halten.

Hier trippelten sie nun scharenweise vor seinen Augen herum und

jauchzten, und niemand war da, der sie mit Strenge zur Ruhe gewiesen

hätte, ja als er einen Bengel, der ihm zu nahe kam, einen ungezogenen

Fratz nannte, schüttelte ein langhaariger fader Kerl, der neben ihm

stand, mißbilligend den Kopf.

Da drängte sich Angermayer unwirsch durch die Menge und stellte sich

hinter eine Säule, um nur das Getue nicht mehr mit ansehen zu müssen.

Seine Gedanken kehrten sehnsüchtig nach der Erde zurück, wo gerade

heute als an einem Donnerstage der Kegelabend stattfinden mußte, und er

beneidete die Glücklichen um ihr harmloses Vergnügen.

Die Kollegen redeten gewiß von der Ueberbürdung des Amtes, bekrittelten

die Leistungen der Vorgesetzten und erzählten, wie sie diesem und

jenem die Meinung gesagt hätten, und sicherlich war auf diese Art die

allergemütlichste Unterhaltung im Gange.

Vielleicht würden sie heute auch an ihn denken und wohl gar mit

Bedauern seine Abwesenheit bemerken?

Er hatte freilich nicht das meiste zur Fröhlichkeit beigetragen, aber

er war immer pünktlich zur Stelle gewesen und hatte sich jederzeit als

eifriges Mitglied gezeigt, und wenn auf Zeit und Zustände geschimpft

wurde, hatte es nie an seinem Beifall und seiner kräftigen Mitwirkung

gefehlt.

Ach ja -- München!

Angermayer seufzte tief, und der lästerliche Gedanke stieg in ihm auf,

wie gerne er sich aus Elysium weg nach der bayerischen Hauptstadt

versetzen ließe, und wie bereit er wäre, mit einem Kollegen zu tauschen.

Aber er war schon ein Pechvogel.

Auf Erden hatte man ihn oft übergangen, ihm nie die verdiente

Beförderung zuteil werden lassen, und wie er dann schimpfend und

nörgelnd und doch im Innern zufrieden sich mit seiner Sekretärstellung

abfand, mußte er weg mitten unter die nackten, ekelhaften Schlawiner

hinein -- -- --

»Angermayer!«

Er fuhr aus seinen Gedanken auf, als er seinen Namen mit einiger

Ungeduld rufen hörte, und sah einen großen Engel am Himmelsportale

stehen, der ungefähr so aussah, wie ein Genius vom Oberammergauer

Passionsspiel, und der jetzt die Hände vor den Mund hielt und wiederum

den schallenden Ruf ertönen ließ:

»Martin -- Angermayer aus München!«

»J -- ja!« antwortete mißmutig der Sekretär, »was wollen's denn?«

»Vielleicht ist es Ihnen endlich gefällig, einzutreten?« schrie der

Engel.

»I kumm scho,« knurrte Angermayer, und er schob sich langsam durch

die Gaffer hindurch, die erstaunt über sein Zögern die Köpfe nach ihm

umdrehten, und die noch überraschter waren, als sie der Genosse ihrer

künftigen Freuden mit groben Ellenbogen beiseite schob.

»Da bin i. Desweg'n brauchen's do net so plär'n,« sagte der Sekretär

zum Engel, der den merkwürdigen Gast mit leuchtenden, kugelrunden Augen

maß.

»Ich habe Dich mindestens dreimal gerufen,« sprach er dann mit leisem

Tadel.

»Von mir aus sechsmal,« erwiderte Angermayer mit einer im langjährigen

Schalterdienst erprobten Grobheit, und er setzte beinahe feindselig

hinzu:

»Für de Arbeit wer'n Sie wahrscheinlich zahlt wer'n.«

»Dein Ton ist ungehörig,« sagte der Engel. »Hier ist ganz und gar nicht

der Ort für solche Aeußerungen, mein lieber Angermayer.«

»I bin net Eahna Lieber, verstengen Sie mich! Und d' Säu hamm ma aa

no net mitanand' g'hüat. Und drittens bin i der königlich bayerische

Sekretär, des mirken's Eahna!«

»Das bist Du gewesen! Und jetzt bist Du eine Seele, und sonst nichts,

und hast Dich in die Hausordnung zu fügen.«

»Wo is denn Eahna Hausordnung? Wenn Sie a Hausordnung hamm, nacha

schaugn's zerscht, daß de Kinder net so umanandrolz'n und lassen's

de Schlawiner da d' Füaß wasch'n. Dös waar a Hausordnung, verstengen

Sie mich, und dena können's was vazähl'n von Eahnara Hausordnung, aba

net an königlich'n Sekretär, der wo seiner Lebtag g'wißt hat, was si

g'hört ...«

»Ja, Michael!« rief es ungeduldig von drinnen.

»Gleich!« erwiderte der Engel und schob mit einer im Himmel sonst nicht

üblichen Energie den streitsüchtigen Sekretär in das Paradies hinein.

Jeder andere wäre geblendet gewesen von dem schier undenkbaren

Glanze, der hier strahlend ausgebreitet war, und jeder andere hätte

verzückt dem unbeschreiblichen Wohllaute der in der Ferne singenden und

musizierenden Engel gelauscht.

Allein Angermayer hatte sich schon von allem Anfang vorgenommen, hier

nichts so übermäßig schön zu finden, und dann war er von Natur nicht

überschwenglich, und dann war er noch verbittert durch seinen Streit

mit dem Erzengel.

Also blickte er mürrisch darein und schnitt ein Gesicht, das deutlich

fragte:

»Is dös all's?«

Vor ihm saß inmitten von schön gelockten Engeln ein unglaublich gütig

lächelnder Greis, der eine dunkelblaue Toga trug, in welche goldene

Schlüssel eingestickt waren.

Es war der heilige Petrus, der unserm Angermayer nunmehr freundlich

zunickte und sagte: »Da bist Du ja, mein Sohn! Sei willkommen in

unserem Reiche!«

»Was sagst Du?« fügte er bei, da der Sekretär etwas vor sich

hinmurmelte.

»Mi hätt'ns scho no a Zeitlang drunt lass'n kinna. Es hätt ma gar net

pressiert,« wiederholte dieser, und seine griesgrämige Miene wollte

sich nicht aufhellen.

»Aber Martin!« rief der Apostel, »Du bist der erste, der an dieser

Stelle nicht vor Freude jauchzt.«

»Mit'n Jauchz'n hab' i's überhaupts net, und i waar froh, wenn i drunt

mein Grüabig'n hätt'.«

Petrus wandte sich lächelnd an die Engel, die neben ihm saßen.

»Seht da, ein Münchner, der sich erst an den Himmel gewöhnen muß!«

Und ernster sagte er zu Angermayer: »Nun geh' und freue Dich und

bedenke, daß manches in Deinem armseligen Leben Strafe verdient hätte.

Aber es ist Dir Mitleid erwiesen worden.«

Der Sekretär merkte am Tone, daß der Heilige als Vorgesetzter

gesprochen hatte, und er schwieg.

Ein lebhafter Jüngling mit hüpfendem Gange, der genau so aussah wie

einer aus der Schwabinger Stefan-George-Gemeinde, faßte ihn bei der

Hand, indem er in singendem Tone sprach:

»Komm, seltsamer Geist, ich will Dich führen.«

In dem Postsekretär regte sich wohl sogleich die grimmige Abneigung

gegen die Art seines Begleiters, aber er war zu niedergedrückt, um die

rechten Worte zu finden, und er schritt griesgrämig und schweigsam

neben dem Engel einher.

Der wurde nun gesprächig und erklärte dem Neuling die Grundidee des

paradiesischen Lebens.

»Du mußt wissen,« sagte er, »daß hier alles auf unendliche

Fröhlichkeit gestimmt ist. In den obersten Regionen, wohin wir ja nicht

gelangen, befinden sich die erhabenen Geister, welche in fortlaufenden

Gesprächen ihrer unbeschreiblichen Freude Ausdruck verleihen. Die

Heiligen befinden sich in Verzückung, die Engel musizieren, und Du

hörst ja die erhabenen Klänge des Konzertes, wir andern aber, zu denen

Du nun auch gehörst, bilden die Heerschar der Seligen, und wir haben

die Aufgabe, nach unsern bescheidenen Kräften den Eindruck des höchsten

Glückes hervorzubringen.

Zu diesem Zwecke erhält jeder eine Harfe.

Ich führe Dich jetzt zu unserm Obersten, dem Engel Asrael, welcher sie

Dir verabreichen wird.«

»Was tua denn i mit a Harpfen?« unterbrach ihn Angermayer sehr unwirsch.

»Du mußt frohlocken,« sagte sein Begleiter.

»M-hm, ja! Is scho recht! Weil i gar so guat aufg'legt bi, und

überhaupts -- i ko gar net Harf'n spiel'n -- --«

»Du mußt nur in die Saiten greifen -- siehst Du, so ...«

Der lebhafte Jüngling nahm sein Instrument, das an einem rosaroten

Bande über seine Schulter hing, und klimperte ein wenig.

Dabei hüpfte er im Takte abwechselnd einige Male auf dem rechten und

linken Fuße nach vorne und sang mit näselnder Stimme: »Ha -- a -- lä

-- ä -- lu -- u -- jah ... Ha lalala -- ha lälälä -- u -- u -- ha --

ha!...«

Er hielt inne und blickte den Sekretär lächelnd an.

Der machte ein Gesicht, als wenn er saures Bier getrunken hätte.

»Wia hoaßt ma dös?«

»Das ist das Frohlocken der Heerscharen,« antwortete der Jüngling.

»Und Sie glaub'n,« sagte Angermayer, und ein bitterer Hohn spielte um

seine Mundwinkel, »Sie glaub'n, daß i bei so was mittua? I? Dös könna's

Eahna ja denk'n, daß i umanandhupf wia r'a spinneter Hanswurscht ...«

»Deine Sprache ist rauh,« erwiderte der Jüngling, »und Dein Anlitz

zeigt weder Ruhe noch Glückseligkeit, aber bald wird Harmonie Dein

Wesen verklären ...«

»De Sprüch mag i,« antwortete der erbitterte Postsekretär, und nach

einer Weile fügte er hinzu: »Sie, passen's auf, was san denn Sie früher

g'wes'n?«

»Was ich ...?«

»Ja, was Sie bei Lebzeit'n g'wen san?«

»Ach so, als ich noch auf Erden wandelte?«

Und als Angermayer nickte, überflog ein seliges Lächeln der Erinnerung

die Züge des lang gelockten Jünglings, und er flüsterte mehr, als er

sprach:

»Ich war Lehrer für rhythmische Gymnastik und harmonische Exterikultur.«

»Was is dös?« brummte sein Begleiter, »dös versteh' i net.«

»Ich lehrte die Jugend, sich rhythmisch bewegen und ...«

»Jetza!« schrie der Sekretär, »i hab ma's do glei denkt! A Schlawiner,

a Tanzmoasta! Und von Eahna soll i was lerna, frohlock'n oda so an

Schmarrn? Jetzt hamm's Zeit, daß Eahna verziahgn, sunst nimm i Eahna d'

Harpfen und schlag Eahna umanand damit ...«

Der Jüngling entfloh mit einem Schreckensruf und ließ Angermayer allein

zurück, mitten in einer Asphodeluswiese, auf die er sich nun hinsetzte,

voll innerlichen Zornes über das Schicksal, das einen königlichen

Sekretär dazu brachte, nackend im Grünen zu weilen.

Er starrte grimmig vor sich hin und überdachte die Möglichkeiten, von

hier zu entrinnen. Da sich ihm keine zeigen wollte, und da er sich

immer mehr darüber klar wurde, daß seine Versetzung in diese Gegend

eine definitive wäre, bestärkte er sich in dem Entschlusse, jede

Zumutung abzulehnen, die mit seinem Charakter, seinen Neigungen und vor

allem mit seiner Beamteneigenschaft nicht in Einklang ...

Er wurde in seinem Gedankengange unterbrochen.

Zwei riesige Engel ergriffen ihn, jeder bei einem Arm, und entführten

ihn so schnell und gewaltsam, daß seine Füße den Boden kaum mehr

berührten.

Aber seltsam!

Angermayer empfand gegen diese Begleiter weit weniger Widerwillen als

gegen jenen sanften Jüngling, und die Gestalten, die Gesichter, die

Manieren dieser ungefügen Geister muteten ihn beinahe vertraut an, so

daß er trotz der rasenden Schnelligkeit, mit der er vorwärts getrieben

wurde, in höflichem Tone zu fragen versuchte:

»Sie entschuldig'n ...«

»Halt's Mäu!« schrie der Engel zur Linken.

»Jegerl! A Landsmann!« rief der Angermayer erfreut und machte einen

Versuch, stehen zu bleiben, aber er wurde mit unwiderstehlicher Gewalt

fortgerissen, und so keuchte er atemlos: »Geh, sag'n S' mir doch, wo S'

her san?«

»Wennst D'as scho wiss'n willst,« brüllte der Engel zur Rechten, »mir

war'n Klosterhausknecht in Andechs ..«

»Jessas Andechs!« jauchzte der Sekretär, und wunderkühle Nachmittage

hinter den Maßkrügen des Bräustüberls fielen ihm ein, und er schnalzte

unwillkürlich mit der Zunge.

»Und an Backsteiner und an Radi!« setzte er die Reihe der seligen

Erinnerungen fort.

Mit wie wenig kann ein Mensch doch glücklich sein, und zu was brauchte

man ein solches Paradies, wenn man es auf Erden hatte!

Sein Herz fühlte sich hingezogen zu diesen groben Geistern.

»Was teat's denn mit mir, Leuteln?« fragte er beinahe zärtlich.

»Mir geb'n da nacha scho d' Leuteln!« sagte der Engel zur Linken.

»Außi schmeiß'n tean ma Di,« rief der Engel zur Rechten.

Und kaum waren ihm die Worte entfahren, so fühlte sich Angermayer

von einem heftigen Wurfe einige Stufen abwärts geschleudert mit dem

Kopfe in gefrorenen Schnee fahren, und tausend Sterne flimmerten vor

seinen Augen. Ein Tor fiel donnernd hinter ihm zu. -- -- Er erwachte

von dem Falle und der kühlen Luft, die um ihn strich. Er rieb sich

die Augen und sah an sich hinunter mit entzücktem Erstaunen, denn

er war bekleidet, und er sah um sich und erkannte den lieben alten

Rathausturm, dessen beleuchtete Uhr die dritte Morgenstunde zeigte.

Da merkte er froh, daß er im Bräuhause eingeschlafen war und alles nur

geträumt hatte, bis auf den Hinauswurf.

Der war erlebte Wirklichkeit.

Die Hinterseer

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

An den Straßenecken der Residenzstadt X. waren große Plakate

angeschlagen, welche verkündeten, daß die »Hinterseer« ihre

Vorstellungen im Hoftheater mit dem oberbayerischen Gebirgsstücke »Der

Schnackeltoni« am Heutigen beginnen würden.

Man war auf die schauspielerischen Leistungen dieser Kinder der

bayerischen Alpen um so mehr gespannt, als die Tagesblätter seit

Wochen rühmende Berichte über die urwüchsige, naive Kunst dieser

einfachen Bauern gebracht hatten. Der berufenste Kritiker der Stadt,

Herr Moritz Bärenthal, hatte noch gestern in seinem Theaterbriefe Nr.

288 geschrieben: »Es sind Bauern. Nur Bauern. Einfache, mit Lederhosen

bekleidete Bauern. Aber, was sie uns bieten, ist echte Kunst. Reine,

unverfälschte Kost. Man verstehe mich. Ich sage nicht: es ist =die=

Kunst. Ich sage nicht, daß sie allen meinen Vorschriften in Brief 68

und 132 (siehe diese) entspricht. Aber es ist =doch= Kunst. Die Stücke

sind gut. Man gehe hinein. M. B.«

Ein anderes Blatt hatte ein Feuilleton über die Hinterseer gebracht.

Die bekannt geistreiche Verfasserin desselben schrieb: »Aus diesen

Volksstücken weht es uns entgegen wie Waldesluft und Bergesodem. Wir

hören das Murmeln der Bäche und das Rauschen der Bäume, und über

alledem schwebt leise verklingend ein melodischer Jodler aus der

Kehle eines drallen Bauernmädchens, während im Hintergrunde der 'Bua'

jauchzend und hüpfend einen Schuhplattler tanzt.«

Kein Wunder also, daß die erste Aufführung der Hinterseer das ganze

gebildete Publikum der Stadt im Hoftheater versammelte.

Auch Serenissimus hatte sich mit Allerhöchstdero Gemahlin eingefunden.

In eingeweihten Kreisen erzählte man sich, daß der hohe Herr vor Beginn

der Vorstellung sich heiter angeregt von dero Gemahlin über das Milieu

hatte belehren lassen.

Die höchste Frau war nämlich vollständig vertraut mit den Sitten

und Gebräuchen des Gebirgsvolkes, da Höchstsie einigemale bereits

durchgereist waren.

Ihre Durchlaucht schilderten den bekannten Stolz des reichen Bauern,

welcher seine Töchter nur wiederum an Bemittelte verheiratet,

was insofern nicht ganz den Intentionen der hübschen Landmädchen

entspricht, als diese gewöhnlich ihre treuherzige Zuneigung einem

Bediensteten des Vaters schenken.

Durchlaucht erwähnten dann noch den rührenden Kampf zwischen Pflicht

und Liebe seitens der Tochter, berührten auch die Entsagung des

armen Knechtes, den Konflikt desselben mit dem starrköpfigen Alten

und bemerkten, daß alle diese Gefühle am Schlusse des Stückes durch

Patschen auf die entblößten Knie rhythmisch zum Ausdrucke gelangen.

Serenissimus hörten sichtlich interessiert zu und waren sich beinahe im

klaren, als das Stück begann.

Es war eine echte, taufrische Dichtung.

Die Tochter des reichen Freihofbauern liebte den Flößer Toni, welcher

der beste Schütze und Kegelschieber rundum war.

Der Alte hatte beschlossen, seine Afra an den buckeligen Sohn des

steinreichen Holzhändlers Schmid zu verheiraten. Alles war besprochen

und verabredet zwischen den Eltern.

Da kommt plötzlich die Entdeckung, daß der arme Schnackeltoni diese

Pläne stören will.

Bei einem Preiskegeln ist der Freihofbauer über die Kunst des strammen

Burschen so entzückt, daß er ihm freistellt, einen Wunsch zu äußern,

gleichviel welchen; er wolle ihn gewähren. Und als Toni das nicht

glaubt, schwört er bei seiner Ehre und dem Grabe seiner Eltern.

Da wünscht der Uebermütige die Hand der Afra Wegleitner zum ehelichen

Bunde!!

Der nächstfolgende Akt schildert packend den Seelenkampf des Alten,

welcher vor der schweren Wahl steht, ob er dem Holzhändler Schmid oder

dem Floßknechte Toni das gegebene Wort brechen soll. Er entscheidet

sich schweren Herzens zu letzterem und greift mit rauher Hand in das

Lebensglück seiner Tochter, welche nach einem schrecklichen Kampfe

zwischen Eltern- und Burschenliebe den Helden des Stückes in die Fremde

schickt.

Toni zieht in den Krieg, rettet bei Sedan einen Oberst und zwei

Generäle, erhält das Eiserne Kreuz, wird verwundet und sieht im

Lazarette seine Afra wieder, welche Krankenpflegerin geworden ist.

Im letzten Akt kommt die Versöhnung. Der alte Wegleitner will

immer noch starrköpfig den Floßknecht verschmähen, da bringt der

Bürgermeister ein Handschreiben des Königs, welcher die Ehe der

lieblichen Alpenrose mit dem tapferen Ritter des Eisernen Kreuzes

befiehlt.

Wortlos starrt der Alte auf den Brief.

Mit zitternder Stimme sagt er:

»Wos? Vom Kini? Von unserm Kini? An Briaf von unserm Kini? No, Toni, da

hast halt Dei Afra! Bal's da Kini selber hamm will, ko der Freihofbauer

net dagegen sei. Leuteln, spielt's oan auf!«

Und nun beginnt auf der Bühne, welche sich rasch mit Burschen und

Mädeln füllt, ein lustiges Tanzen, Stampfen und Patschen.

Serenissimus waren sichtlich ergriffen und befahlen die Darsteller

der Hauptrollen zu sich. Der Intendant von Pritzelwitz geleitete die

Naturkinder in die Loge. Sie schoben sich schwerfällig in den vornehmen

Raum, und ihr Wortführer, der »Fischersimmerl«, begrüßte die hohen

Herrschaften mit der naiven Schlichtheit seines Volkes.

»Grüaß Di Good, Herr Fürst! Grüaß Di Good, Frau Fürstin! Seid's

alleweil g'sund beinand?«

»Aeh, was? Was sagt der Kärl?« fragte Serenissimus.

»Er frägt Euer Liebden nach dero Wohlergehen,« flüsterte die Herzogin.

»So, so? Hm! Aeh, äh ... sagen Sie mal, mein Lieber, woher sind Sie

eigentlich?«

»Vo Hintersee außa, z' allerhöchst im Gamsgebürg.«

»Wie? Was sagt der Kärl?«

»Er bemerkt, daß er aus dem Hochgebirge ist, Euer Liebden.«

»So? Aeh ... sagen Sie mal, patschen bei Ihnen zu Hause die Leute alle

so stark auf die Knie?«

»Du moanst an Schuahplattler, Herr Fürst? Da hast recht. Woaßt, des is

unser Nationaltanz; da leg ma alles nei, was mir hamm, inser Herz und

inser G'müat und die Liab zu insern Herrscherhaus.«

»Schon gut, hm, äh, äh ... schon gut. Ich verstehe den Kärl absolut

nicht, der stottert ja! Sagen Sie mal, Pritzelwitz, der Kärl war doch

ein janz gewöhnlicher Bauer? Was?«

»Ja, Euer Liebden.«

»So, wie die Kärls bei uns, die, die Mist schieben, was?«

»Genau so, Euer Liebden.«

»Und jetzt ist er Künstler, he?«

»Ja, Euer Liebden. Ein ganzer, echter, deutscher Künstler.«

»Märkwürdig, hm, äh ... märkwürdig! Geben Sie den Kärls ein paar

Medaillen für Kunst und Wissenschaft.«

Mit einer gnädigen Handbewegung entließ der Fürst die kunstfreudigen

Landbewohner.

Peter Spanningers

Liebesabenteuer

Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Die oberbayrische Stadt Dürnbuch liegt keineswegs an der Eisenbahn.

Vor etlichen fünfzig Jahren stand es der Regierung im Sinne, eine

Hauptbahn an die Stadt zu legen. Aber der Brauereibesitzer Peter

Spanninger, der Großvater des jetzigen Peter Spanninger, wehrte mit

anderen Bürgern die Neuerung ab. Man sagte der Regierung mit klaren

Worten, daß die Dürnbucher am Alten und Hergebrachten hingen. Sie

wollten mitnichten das Fuhrwesen von der Landstraße bringen und alle

Wirte und Lohnkutscher schädigen. Der Weitblickende möge bedenken,

daß mit ihnen die Schmiede, Sattler und Wagner Einbuße litten, die

Bräuer minderen Absatz fänden und die anderen Geschäftsleute in Gefahr

schwebten. Denn alle Kundschaft könne mit der Bahn schnell und mühelos

die große Stadt erreichen und dort Geld ausgeben, was besser in

Dürnbuch bleibe.

Die Regierung wollte die treue Bevölkerung nicht kränken und legte den

Schienenstrang so weit entfernt von der Stadt, daß die Nachkommen des

Peter Spanninger zwei Stunden mit dem Omnibus fahren müssen, wenn sie

den Pfiff einer Lokomotive hören wollen.

Heute noch rumpelt frühmorgens um sechs Uhr der Postwagen über den

Stadtplatz, und der Postillon Johann Glas lenkt die Pferde, wie es sein

Vater tat.

Zu Winterszeiten sitzt er verfroren auf dem Bocke und schaut neidisch

auf die dunklen Fenster, hinter denen die Bürger in warmen Betten

liegen.

Wenn es aber Frühling wird, und ein feiner Morgen tagt, setzt er das

Posthorn an und bläst sein altes Lied. Dann kommen Leute an die Fenster

und prüfen mit verschlafenen Augen das Wetter.

So hat sich in Dürnbuch das gute alte Wesen erhalten.

Hierin wie überhaupt.

Dürnbuch hat dreitausendvierhundertneunzehn Einwohner. Darunter

sind vier Protestanten und ein Israelit; die übrige Bevölkerung ist

römisch-katholisch.

Auch darf man nicht glauben, daß jene Andersgläubigen Eingeborene sind.

Der Stadtschreiber Rellstab, der mit seiner Frau und zwei Kindern der

evangelischen Konfession angehört, ist Mittelfranke.

Der Israelit heißt Isidor Blumschein, stammt aus dem Schwäbischen und

wurde durch den Produktenhandel in die Gegend geführt.

Im übrigen erlitt das katholische Bekenntnis keinerlei Schaden durch

die Fremdlinge. Bei den jüngsten Wahlen fielen alle Stimmen auf den

ultramontanen Kandidaten, Kaufmann J. B. Irzenberger.

Der Stadtschreiber wollte die politische Ueberzeugung der Herren Bürger

schonen, und auch Blumschein heulte mit den Wölfen.

Dürnbuch ist der Sitz ansehnlicher Behörden, nämlich eines königlichen

Bezirksamtes, Amtsgerichtes, Rentamtes und Notariates; es hat eine

Gendarmerie-, eine Post- und Telegraphenstation. Zu den Lehranstalten

gehören außer der Volksschule eine Töchterschule der armen

Schulschwestern und eine Realschule.

Ferner befinden sich dort sechs Kirchen, acht Bräuhäuser, eine

Kunstmühle und ein herrschaftliches Schloß, welches aber nicht mehr

bewohnt wird.

In früheren Zeiten gehörte es den Grafen Selz-Dürnbuch, einem alten

Geschlechte.

Der letzte Dürnbuch, Johann Anton, starb unverehelicht als kurfürstlich

bayrischer Kämmerer im Jahre 1764.

Der Besitz ging auf die Familie der Freiherrn von Selz-Gögging über,

deren letzter Sprosse um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das

Zeitliche segnete.

Vor seinem Tode verkaufte er das Gut Dürnbuch an den Fiskus. Dieser

bewirtschaftet noch heute den schönen Forst, läßt aber das Schloß

verfallen, weil die Kosten der Instandhaltung zu hoch kommen.

Die Säle zu ebener Erde hat Isidor Blumschein um geringen Preis

gemietet; er benützt sie als Lagerräume für Landesprodukte.

Handel und Industrie stehen in Dürnbuch in gedeihlicher Blüte.

Die Landbevölkerung bringt ihre Erzeugnisse in die Stadt und deckt

hier wiederum ihre Bedürfnisse.

Die zwei größeren Warenhandlungen von J. B. Irzenberger und Gabriel

Riedlechner haben erklecklichen Umsatz.

Die Brauereien sind gut betrieben; die bedeutendste von Peter

Spanninger »Zum Stern« siedet über achttausend Hektoliter Malz ein.

Die Kunstmühle war bis vor wenigen Jahren im Besitze des Herrn Jakob

Bonholzer, ist aber jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Der Handel mit Getreide und Vieh ist rege; auch mit Holz werden gute

Geschäfte gemacht.

Das ehrsame Handwerk gedeiht.

So ist im allgemeinen die Bevölkerung wohlhabend, auch wohllebig.

Die Arbeit wird mit bedachtsamer Ruhe getan, und alle Feste werden

gewissenhaft begangen.

Jeder Familienvater muß in pünktlicher Reihenfolge die Wirtschaften

besuchen, um die Beziehungen aufrecht zu erhalten.

In der behäbigen Art der Bürger liegt es begründet, daß gerade diese

Seite der geschäftlichen Tüchtigkeit am besten ausgebildet ist.

Ueber Lage und Bau der Stadt läßt sich Rühmendes sagen.

Dürnbuch liegt vierhundertachtzig Meter über dem Meere, in dem von

Hügeln durchzogenen Alpenvorlande.

Die Höhen sind bewaldet; aber das dunkle Fichtenholz wechselt ab mit

Wiesen und Getreidefeldern, was ein freundliches und mannigfaltiges

Bild gewährt.

Man erblickt in der Nähe zahlreiche Dörfer und Weiler; auch in größerer

Ferne, wo sich die Häuser dem Auge verbergen, lugt da und dort ein

spitzer Kirchturm über die Hügel hervor.

Der Ort Dürnbuch ist um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts

entstanden. An die alte Zeit erinnern einige Reste der Stadtmauer und

ein gut erhaltenes Tor. Man gelangt durch dasselbe auf den mäßig großen

Marktplatz, dessen Mitte ein Marienbrunnen ziert.

Hier steht auch die schöne Pfarrkirche, welche im spätgotischen Stile

erbaut ist.

Auf der Südseite des Platzes erheben sich die drei stattlichen

Brauereien zum »Stern«, zum »Rappen« und zum »Goldenen Lamm«.

Sie strecken, wie einige Wirtschaften gegenüber, große schmiedeeiserne

Schilder in die Luft hinaus. Die blinken freundlich in der Sonne und

verheißen Eingeborenen wie Fremden behagliches Unterkommen.

Die Gassen, welche in den Marktplatz einmünden, sind krumm, eng und

uneben.

Die Häuser sind mannigfaltig gebaut. Viele haben nach italienischem

Muster breite Fassaden, welche in geraden Maueraufsätzen die Dächer

überragen.

Diese sind mit Schindeln gedeckt und stoßen hart aneinander. Nicht

selten üben waghalsige Knaben auf der gefährlichen Höhe ihre Spiele,

indem sie über alle Dächer klettern von einem Hause zum andern.

Und die Kater haben hier oben ein weites Feld für ihre Liebesfahrten.

Der Stolz der Stadt ist eine Lindenallee, welche am Schlosse vorbei bis

Holzhausen führt.

Zum mindesten einmal im Jahre beschreibt der quieszierte Lehrer Furtner

ihre Reize im Alzboten, gewöhnlich in den Herbsttagen, weil er an

die wundervolle Färbung der Bäume und an den wehmütigen Anblick der

sterbenden Natur passende Gedanken über den Allerseelentag anzuknüpfen

weiß.

Dem Dürnbucher Bürger ist die Allee mit allen Erinnerungen des Lebens

verwachsen.

Hier hat er als Kind gescherzt, hier schlich er in dämmernden

Abendstunden an der Seite eines weiblichen Wesens, und hier schreitet

er jetzt, wenn die Zeit der Torheiten vorüber ist, am hellen Tage neben

seiner ehrbaren Frau und neben dem Kinderwagen her.

Südlich der Allee fließt die Alz, ein stattlicher Fluß. In seinem

klaren Wasser spiegeln sich die Rückseiten der Häuser, Weidenbüsche

und Erlen und die Kühe, die den kleinen Leuten der Vorstadt gehören.

Und manches Mal auch die Wäsche der Dürnbucher Damen, welche am Ufer

zum Trocknen aufgehängt wird. Im Luftzuge wiegen sich die blühweißen

Geheimnisse hin und her, und der Spaziergänger kann hier vieles

erblicken, was er sonst nicht zu sehen kriegt.

* * * * *

Man darf es als Tatsache hinstellen, daß die Spanninger in vier

Geschlechtern die reichsten und damit die angesehensten Leute von

Dürnbuch waren; daß auch der jetzige Besitzer der Bierbrauerei zum

»Stern« auf dieser Höhe steht. Und daran knüpft man die Hoffnung, daß

sich kein Spanninger in absteigender Linie bewegen wird.

Die erblichen Eigenschaften wie die Stellung der Familie schließen

Befürchtungen aus. Einem Spanninger ist der Weg geebnet und die Bahn zu

allen Ehrenstellen offen.

Ein Spanninger kann mit der Ueberzeugung ins Leben treten, daß er

Distriktsrat wird, und daß dermaleinst an seinem offenen Grabe die

sämtlichen Vereine Dürnbuchs mit umflorten Fahnen stehen werden.

Diese Laufbahn ist ihm vorgezeichnet; die Achtung der Bürger hängt an

seinem Besitze.

Die Spanninger strebten nie darüber hinaus und sanken nie darunter

hinab.

Sie waren in vier Geschlechtern gutmütige Menschen; und jeder hatte

mit fünfundzwanzig Jahren seinen Bauch, mit sechzig Jahren seinen

Schlaganfall.

Was dazwischen lag, war Durst, Fröhlichkeit und Verständnis dafür, daß

auch die armen Teufel leben wollen.

Die Bildung der Spanninger hielt zwar Schritt mit den Anforderungen der

Zeit, aber sie blieb innerhalb der Grenzen des Notwendigen. Den älteren

Geschlechtern hatten die Grundelemente: Lesen, Schreiben und Rechnen,

genügt; die gewerbliche Kunst wurde daheim gelernt.

Der jetzige Inhaber der Brauerei mußte schon mehrere Jahre die

neugegründete städtische Realschule oder, wie man sie damals hieß,

Gewerbeschule besuchen.

Die Neuerung wandelte den Familiencharakter nicht um; sie blieb ohne

einschneidende Wirkungen. Und das war gut. Denn mancher, der eine

höhere Stufe der Erkenntnis erklimmen will, gewinnt nichts als eine

Verachtung der tieferen, die ihm guten Halt gegeben hätte.

Der Sternbräu geriet nicht in die Gefahren der Zwiespältigkeit von

Beruf und Bildung. Er streifte die angeflogenen Kenntnisse ab und

behielt als Rest nur eine Vorliebe für Fremdwörter.

Durch ihren häufigen Gebrauch erhob er sich mit einiger Befriedigung

über die große Menge. Noch ein anderes kam ihm zustatten. Sein Vater

hatte ihn nach Straubing geschickt; er verbrachte hier ein volles

Jahr als Volontär in der Kollerschen Brauerei und galt später den

Dürnbuchern als ein Mann, der sich in der Welt umgetan hatte. Der

Sternbräu zog daraus die Lehre, daß der bloße Anschein ungewöhnlicher

Regsamkeit das Ansehen mehrt.

Und diese Erfahrung leitete ihn wieder bei der Erziehung seines

Sohnes. Er war nicht bekümmert, als der heranwachsende Peter in der

Realschule sehr geringe Tüchtigkeit bewies. Es ist nicht einmal sicher,

daß er die Semesterzeugnisse aufmerksam las; die Noten, welche hinter

Algebra, Geschichte, Geographie, französischer Sprache standen, waren

ihm herzlich gleichgültig. Das Wichtige, nicht für jetzt, sondern für

alle Zeit war, daß so bedeutend klingende Wissenschaften mit seinem

Sohne überhaupt in Zusammenhang gebracht wurden. Dabei konnte er wohl

die schulmeisterliche Ansicht über Fleiß und Talent eines Spanninger

übersehen.

Als Peter das achtzehnte Lebensjahr erreichte, schickte er ihn nach

Weihenstephan.

Darin lag ein Zugeständnis an die Forderungen des Zeitgeistes.

Der Besuch der Brauerschule gewährt den allgemeinen Vorteil jeder

akademischen Bildung; dazu den besonderen der scheinbaren Umwertung

einer gewerblichen Tätigkeit in eine Wissenschaft.

So verbrachte also der junge Sternbräu zwei Jahre unter den

Jünglingen, die in Freising ungeschlachte Fröhlichkeit zeigen. Sie

bildeten einen Verein »Gambrinia« und fanden ihre Freude in der

Nachahmung studentischer Manieren. Die Berufsehre bedingte, daß

sie noch trinkfester waren als die Jünger der Hochschulen. Peter

tat rechtschaffen mit und glaubte an das Verdienstliche und an das

Bedeutende dieses Treibens. Er war von der besonderen Ehre der drei

Farben rot, gold und blau überzeugt, schwur ihnen Treue und vermaß sich

im Gesange, für rot, gold und blau in Kampf und Tod zu gehen.

Es war eigentlich nicht die Art der Spanninger, so große Dinge zu

versprechen; noch weniger, sie zu erfüllen. Aber da sich Peter nicht

viel dabei dachte, störte der fremde Zug den Grundton seines Wesens

nicht allzusehr. Die Flammen seiner Begeisterung schlugen nicht hoch.

Und wenn er sie mit dunkeln und hellen Bieren löschte, geriet er wieder

in Dürnbucher Fahrwasser. Nach zwei Jahren kehrte er in das Elternhaus

zurück und paßte sich ohne Mühe dem bürgerlichen Leben an. Die

äußerlichen Spuren der Weihenstephaner Zeit verwischten sich freilich

nicht. Peter war dick geworden, und die Augen traten noch mehr aus dem

stark geröteten Gesichte hervor. Das in der Mitte gescheitelte Haar

kämmte er in die Stirne.

Die Schultern zog er hoch, um sie noch breiter erscheinen zu lassen.

Er schloß gerne den untersten Knopf seiner Jacke, damit sich die Brust

bauschig wölbe. Beim Gehen ballte er die Hände zu Fäusten und hielt sie

mit dem Daumen an den Hosentaschen fest.

Die Dürnbucher bemerkten das studentische Gebaren sehr wohl und

waren geneigt, darin die Kennzeichen eines reizvollen Lebenswandels

zu erblicken. Denn weil sie keine Erfahrung in akademischen Dingen

besaßen, statteten sie ihre Meinung darüber mit den abenteuerlichen

Vorstellungen ihrer geheimen Sehnsucht aus. Sie wollten es nicht anders

gelten lassen, als daß der Sohn ihres reichsten Mitbürgers zwei Jahre

mit seltsamen Liebeshändeln hinter sich gebracht habe. Wer in solchem

Rufe steht, ist gut daran, wenn ihn das bürgerliche Gewissen im Besitze

der nötigen Mittel schätzt. Und darum zog Peter ohne sein Zutun Nutzen

aus dem, was eigentlich ein Vorwurf war. Nun lebte damals in der

Kreuzgasse ein Mann, der vielen unheimlich war, weil die Art seines

Erwerbes nicht klar zutage lag.

Er hieß Korbinian Fröschl und trieb weder Handel noch Handwerk.

Er hatte aber nicht etwa die Mittel, welche ihm das Leben eines

Privatmannes möglich machten, sondern er stand in offenkundiger

Dürftigkeit. Seinen Unterhalt verdiente er durch leichte

Geschicklichkeiten, die auf geheimes Wissen begründet waren und schon

darum den Verdacht der seßhaften Bürger erregten.

So war er ein Quellenfinder. Wenn er mit einem Gabelzweige in der

Hand über die Hügel schritt, konnte er mit untrüglicher Sicherheit

bestimmen, wo man nach Wasser graben könne. Ueberdies besaß er gute

Mittel gegen landesbräuchliche Krankheiten, so daß er den Bauern als

schätzbarer Heilkünstler galt.

Weil er aber viele Kenntnisse nur mit Heimlichkeit verwerten durfte,

hatte er ein schweigsames Wesen angenommen, welches das Vertrauen

verscheuchte. Ueberdies war er nach seinem Aeußeren eine düstere

Erscheinung, und manche seltsame Nachrede hing sich an seinen Namen.

Dieser Korbinian Fröschl besaß eine zwanzigjährige Tochter mit Namen

Anna; sie war eine schön gewachsene Person, von angenehmen Zügen,

jedoch ohne rechte weibliche Tugend. Ihre Kindheit war nicht behütet

worden. Die Mutter war früh dem Tode verfallen, und der Vater, den

seine Geschäfte oft vom Hause fernhielten, kümmerte sich wenig um die

Erziehung.

So gewöhnte sich Anna nicht an Pflichterfüllung und entbehrte der

tröstlichen Grundsätze, daß Arbeit das Leben versüßt und Armut nicht

schändet.

Vielmehr hing sie ihr Herz an vergängliche Dinge und hegte den Wunsch,

ihre Schönheit, die ihr wohlbekannt war, mit nichtigem Putze zu heben.

Dieses Frauenzimmer lernte der junge Spanninger durch einen

gewöhnlichen Zufall kennen.

Es war zu Ende April, und die Dürnbucher Welt hatte ein frühlinghaftes

Aussehen. Die Stare pfiffen in allen Gärten, und die Schlehdornhecken

waren mit weißen Blüten bedeckt, und Gabriel Riedlechner und J. B.

Irzenberger hatten ihre Neuheiten in Frühlingsstoffen ausgelegt.

Da ging Anna Fröschl über den Stadtplatz und blieb vor den

Ladenfenstern stehen. Sie betrachtete Pers und Zephir, blau gemusterte

Baumwollstoffe, Musselin und Mull.

Sie fertigte sich in Gedanken von jedem Zeuge eine Bluse an und suchte

sich bunte Gürtel aus, die dazu passen konnten, und drehte sich vor den

Spiegelscheiben, als hätte sie nun die ganze Pracht zu probieren.

Peter, der vor seinem Hause stand, sah die gefällige Person von weitem

und ging wie von ungefähr über den Platz. Er spazierte einige Male mit

hochgezogenen Schultern an dem Laden vorüber und bemerkte unterweilen

die Vorzüge des Frauenzimmers.

Auch dieses übersah seine Aufmerksamkeit nicht, und als es sich zum

Gehen schickte, warf es ihm einen brennenden Blick zu.

Peter überlegte, ob er darin eine Aufmunterung erblicken dürfe, aber

da trat Kaufmann Irzenberger aus dem Laden und begann ein Gespräch mit

ihm.

Peter fragte gleichgültig und nebenher, wer die Person gewesen sei, die

so lange die Auslage betrachtet habe.

Irzenberger gab genaue Auskunft, und so erfuhr der junge Spanninger,

daß die Tochter des anrüchigen Fröschl seine Beachtung gefunden hatte.

Das kühlte ihn ab.

Die natürliche Scheu, welche gutsituierte Leute von zweifelhaften

Elementen ferne hält, war in ihm stark entwickelt. Nicht weniger das

dunkle Gefühl, daß arme Leute immer bestrebt sind, die Wohlhäbigkeit

auszunützen.

So war er abgeneigt, sich in ein unrühmliches Abenteuer einzulassen,

und schon wenige Tage später bestärkte ihm eine zufällige Begegnung

diesen Vorsatz.

Er ging um die Mittagszeit das Alzufer entlang und sah nahe der Brücke

einen Menschen, der mit nackten Beinen im Flusse stand und ein Netz aus

dem Wasser hob. Zwei kleine Fische zappelten darin. Der Mann faßte sie

mit der Hand und warf sie in eine rostige Gießkanne. Es war Korbinian

Fröschl.

Peter erkannte ihn und sah auch, daß er ein schmutziges Hemd auf dem

Leibe trug und eine Hose, die an vielen Stellen nicht geflickt war. Da

fühlte Peter mit Macht, wie gut er getan hatte, solche Leute selbst auf

verbotenen Wegen zu meiden.

Allein Anna hatte die Blicke des jungen Spanninger nicht vergessen. Im

Gegenteil dachte sie häufig daran und brachte sie in Zusammenhang mit

ihren heimlichen Wünschen nach hellen Blusen und gelben Ledergürteln.

Sie ging jetzt häufig auf den Stadtplatz, und immer so, daß sie an der

Brauerei zum Stern vorüberkam.

Doch traf es sich nie mehr, daß sie dem Peter in die Hände laufen

konnte.

Ein oder das andere Mal stand er im Kreise der Honoratioren,

welche sich allabendlich auf dem Bürgersteige vor Sonnenuntergang

zusammenfanden. Aber er war durch die dicken Bäuche und breiten Rücken

so versteckt, daß sie ihm keine Blicke zuwerfen konnte.

Da nahm sie einen raschen Entschluß und schrieb einen Brief an den

Jüngling, der sein Glück nicht verstand.

Sie wählte ein überaus zierliches Papier, das mit Spitzen umrändert

und auf der ersten Seite mit einem schnäbelnden Taubenpaare geschmückt

war.

Darunter setzte sie den Vers:

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß

Wie heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß;

und weil sie die Anrede nicht zu kalt und nicht zu warm wählen mochte,

half sie sich, indem sie ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen über

den Text schrieb.

Dann sagte sie, es sei vielleicht ein gewisser Jemand, dem man

kürzlich begegnete, erstaunt über diese Kühnheit, und vielleicht

denke er sich gar etwas Schlechtes. Sie habe lange gezweifelt, ob

es sich schicke, einem fremden und doch nicht fremden jungen Herrn

zu schreiben, und sie wisse, es schicke sich eigentlich nicht. Denn

besonders in Dürnbuch seien die Leute gleich bereit, ein Mädchen

schlecht zu machen, aber sie hoffe, daß ein gewisser Jemand nicht

so sei. Und wenn sie das nicht dächte, und wenn sie glauben müßte,

er könne etwas Schlechtes meinen, dann würde sie überhaupt nicht

schreiben. Aber sie müsse doch schreiben, weil sie ihm sagen wolle,

daß sie gerne den gewissen Jemand wiedersehen möchte, und wenn er

deswegen nichts Schlechtes denke, dann solle er am Mittwochabend in

die Kreuzgasse kommen, weil ihr Vater nicht daheim sei. Jedoch, wenn

er etwas Schlechtes denke, dann solle er um Gottes willen nur ja nicht

kommen. Und er solle nicht vor der Dunkelheit kommen, weil neidische

Augen wachten.

Darunter schrieb sie:

»Ungenannt und doch bekannt.

A. F.«

Und sie setzte wiederum ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen hinter

die Buchstaben.

Der Brief stürzte Peter in Ratlosigkeit. Er sah das frische Mädchen

vor sich mit allen runden Heimlichkeiten, die sein Blick begehrlich

gestreift hatte, aber als Spanninger konnte er nicht blind in den

Strudel der Leidenschaft tauchen. Denn, wie gesagt, er war von Kind

auf mit großem Mißtrauen gegen das andere und ärmliche Menschentum

angefüllt worden. Und dachte er auch zu manchen Stunden, daß er wohl

verstohlen in den Liebesgarten schleichen könne, so überlegte er

baldigst wieder, daß solche Leute wie Fröschl Geheimnisse gerne zu Geld

machen.

Stündlich wechselte er mit seinem Entschlusse seine Stimmung.

Jedesmal, wenn er sich vornahm, zu entsagen, wurde sein Gemüt leicht

und froh, und jedesmal, wenn er der Lockung folgen wollte, fühlte

er sich bedrückt. Die helle Stube, der sauber gedeckte Tisch, alle

Behäbigkeiten des Elternhauses mahnten ihn, die bürgerliche Ehrsamkeit

zu wahren, aber wieder winkten ihm die lebhaften Gedanken an

beachtenswerte Reize.

Denn trotz aller Meinungen, die in Dürnbuch feststanden, war es sein

erstes Abenteuer.

Und weil sich seine Tugend nicht auf gefestigte Grundsätze, sondern

auf äußerliche Bedenken stützte, mußte sie immer wieder ins Wanken

geraten.

Am Tage des Stelldicheins spazierte Peter gleich nach dem Mittagessen

durch die Kreuzgasse. Er wollte unauffällig die Oertlichkeit erkunden,

und darum hatte er sich zur Jagd gerüstet.

Vielleicht dachte er nebenbei, daß er so das Wohlgefallen an seinem

Aeußeren heben könne, denn er war mit Joppe und Gewehr gewalttätig

anzusehen.

Ueberdem hatte er seine Waden mit ledernen Gamaschen umkleidet, obschon

die Sonne leuchtend am Himmel stand und alle Wege in Trockenheit lagen.

So stieg er mit langen Schritten durch die Gasse.

Die Häuser waren unbehaglich anzuschauen; es fehlte ihnen die rechte

Breite. Sie standen eng aneinander gepreßt und ragten steil in die

Höhe, damit sie oben Luft schöpfen konnten. Kleine Fenster saßen

unregelmäßig neben- und übereinander, die Scheiben waren trübe, und

viele gähnten schmucklos in die Gasse herunter. Nur wenige waren mit

dunkelfarbigen Vorhängen geschmückt.

Was Peter sah, wirkte erkältend auf seine Gefühle, und er wünschte

jetzt, unbemerkt zu entkommen. Aber die stille Gasse war an hallende

Tritte und knarrendes Leder so wenig gewohnt, daß sie erwachen mußte.

Der Flickschneider Söllbeck, der mit untergeschlagenen Beinen in

seiner Werkstätte saß, erhob sich rasch, um dem jungen Manne mit den

prallsitzenden Beinkleidern nachzusehen.

Gegenüber trat die Frau Buchbinder Gnadl unter die Türe und schüttete

schmutzige Brühe auf das Pflaster. So hatte sie ein Recht, im Freien

zu weilen und zu ergründen, was den Sohn des Sternbräu in die Gegend

führen könnte.

Nebenan trug die Schusterin Brummer ihr Knäblein auf dem Arme heraus,

und dieses begann alsogleich zu schreien.

Da öffneten sich herüben und drüben die Fenster, und alle neugierigen

Augen folgten dem blanken Jägersmanne.

Peter trachtete vorwärts, aber in der Mitte der Gasse stutzte er, denn

er sah Anna Fröschl, die freundlich auf ihn herablächelte. Weil ihr

Jäckchen nicht völlig geschlossen war, sah man den Ansatz der runden

Brust.

Peter faßte sich ein Herz und grüßte und merkte, daß das Mädchen

zweimal nickte.

Das gab ihm und den andern zu denken. Dem Flickschneider Söllbeck blieb

es für den Nachmittag ein Gegenstand innerlicher Betrachtung, und die

Gnadlin erschien von da ab bis zum Abend jede halbe Stunde vor ihrem

Hause, um Spülwasser auszuschütten und Rundschau zu halten.

Peter verließ die Stadt und schritt über Felder und Wiesen. Er hatte

Gefahr und Glück des Abenteuers dicht beieinander gesehen und war in

neue Zweifel verstrickt. Aber als nun die Bäume lange Schatten warfen,

hatte die Tugend einen großen Sieg errungen, und die Schar der Guten

war um einen vermehrt.

Der junge Spanninger war entschlossen, auf Liebe und schlimme Nachrede

zu verzichten. Und er machte sich auf den Heimweg.

In Dürnbuch läutete man den Englischen Gruß. Die hellen und tiefen

Töne der Glocken klangen mit gemessener Feierlichkeit in den Abend, und

wäre Peter eine stimmungsvolle Natur gewesen, so hätte er empfinden

mögen, daß seine reinliche Seele sich in diesem Augenblick aufwärts

erhob, bis zu den rosaroten Wolken des Frühlingshimmels. Jedoch auch

sein gröberes Gemüt kam in Schwingung, freundliche Heimatsgefühle

faßten ihn an. Er sah im Geiste ungestörte Behaglichkeit, reichlich

gedeckte Tische und Ordnung. Und so sicher wußte er sich, daß er den

Rückweg wiederum durch die Kreuzgasse wählte. Sie lag schon im Dunkeln,

als er sie betrat. Am Eingange brannte ein trübes Licht; der Schein der

Laterne reichte kaum bis zum zweiten Hause.

Peter wollte seinen Gang beschleunigen, als eine vermummte Gestalt ihm

entgegentrat.

»Herr Spanninger!«

Er blieb stehen und erkannte Anna, die sich in ein Tuch gehüllt hatte.

Sie sagte mit leiser Stimme, daß sie an sein Kommen nicht mehr geglaubt

habe, und bei diesen Worten zog sie ihn sanft in den Schatten der Mauer.

Peter folgte mit halbem Widerstreben und antwortete, daß er gleich

wieder gehen müsse, weil man ihn daheim erwarte. Er horchte dabei

ängstlich in die Gasse hinaus. Es war tiefe Stille und nichts zu

vernehmen als die Atemzüge des Mädchens.

Das flüsterte, der Herr Spanninger könne doch ein wenig verweilen.

Ein anderes Mal gerne, sagte Peter, aber nur heute ginge es nicht, weil

er Besuch habe von einem Freisinger Freunde.

Der würde sicherlich warten, meinte Anna, und der Herr Spanninger könne

sagen, daß er sich auf der Jagd verspätet habe. Und der Herr Spanninger

dürfe nicht glauben, daß sie ihn lange aufhalten wolle, denn sie wisse

wohl, daß es für sie nicht schicklich sei, bei einem Herrn zu stehen,

obgleich sie gewiß niemand erblicken könne.

Peter wurde allmählich sicher und fragte, warum ihm das Fräulein

geschrieben habe.

Nur so und überhaupt, erwiderte Anna, und dann habe sie sich gedacht,

daß der Herr Spanninger sie vielleicht noch kenne, denn sie sei ihm in

früheren Jahren öfter begegnet.

Daran könne er sich nicht erinnern, sagte Peter.

Sie glaube es wohl, antwortete Anna, denn ein so vornehmer Mann gäbe

kaum acht auf ihresgleichen.

Das Gespräch stockte, indem Peter nichts zu erwidern wußte.

Der Postsekretär im Himmel, und andere Geschichten · 第 1 / 8 段