setzte, indem sie mir Hannchens Erziehung übergab. Schon während meines
Aufenthaltes bei Tante Ulrike war dieser Wunsch oft in mir rege geworden;
denn meine sanfte Schwester, welche viel zierlicher und anmuthiger war, als
ich selbst je im Leben gewesen, wuchs gleich mir in ländlichen Sitten und
Manieren empor, wie wir sie zu Haus eben nicht anders kannten. Was Tante
Ulrike nun an mir Gutes und Liebes gethan, das sollte jetzt meinem hübschen
Schwesterchen zu Gute kommen, das war mein innigster Herzenswunsch, und
die Liebe und Fügsamkeit, mit welcher das sanfte Kind mir entgegentrat,
erneuerte mein Verlangen. Außerdem hoffte ich jetzt, meiner zarten Mama
die Sorgen des Hauswesens durch treue Hülfe zu erleichtern und die kleinen
Geschwister, besonders Lieschen, unter meine besondere Aufsicht zu nehmen.
Papa hatte seit Kurzem einen Hauslehrer engagirt, welcher die Knaben in
Zucht hielt und unterrichtete, und bei ihm nahm auch Hannchen ihre Stunden.
Nun sollte auch ich noch seine Schülerin werden, da er sich erbot, mir in
Sprachen und Musik einige Nachhülfe zu ertheilen. Natürlich nahm ich dies
mit Dank an, und so lag denn ein stilles, schönes, glückliches Leben vor
mir, voll Thätigkeit und Freude im Kreise meiner Lieben, und die Erinnerung
an die vergangenen Tage in Berlin schmückte dieses Stillleben mit
freundlichem Glanze. Ein eifriger Briefwechsel verband mich außerdem mit
den fernen Freunden; denn sowohl die Tante als Marie schrieben mir lange,
ausführliche Briefe, welche mich von allem unterrichteten, was sich in
ihrem Kreise zutrug. Eugenie schrieb seltener, denn Briefschreiben war
nicht ihre Sache, das wußte ich wohl; um so dankbarer nahm ich deshalb
aber ihre heiteren, neckischen Briefchen auf, welche, wie die anderen
Lebenszeichen meiner Lieben, immer großen Jubel erregten. Mit welcher
Ungeduld erwartete ich stets den Boten, der drei Mal wöchentlich unsere
Postmappe mit Zeitungen und Briefen aus der nächsten Stadt brachte!
Stundenweit lief ich ihm oft entgegen, wenn ich auf Nachricht von Tante
Ulrike oder Marie hoffte, und die Erfüllung dieser Erwartungen war der
größte Festtag für mich.
Eines Tages aber kam eine sehr traurige Nachricht, welche mich tief
bewegte. Tante Ulrike hatte mir schon einige Male mitgetheilt, daß
Eugeniens Mutter sehr leidend zu sein scheine. Ihren versprochenen Besuch
auf Schloß Senftenburg hatte sie aufgeben müssen, und Eugenie war deshalb
mit dem Baron zu ihr gereist, um ihr den geliebten Gatten vorzustellen. Sie
hatte die lebenslustige Frau sehr verändert gefunden, zwar immer noch voll
Interesse für alle Eitelkeiten des Lebens, aber doch viel theilnahmloser
und matter als früher, und von einer Weichheit des Gemüthes und einer
Sehnsucht nach theilnehmender Umgebung, daß Eugenie in ihrer Herzensgüte
sich kaum von ihr trennen konnte. In Folge ihrer Mittheilung kehrte Herr
von Jagow augenblicklich zu seiner Gattin zurück, kam aber nur eben
zur rechten Zeit, um der schwer Erkrankten ihre letzten Lebenstage
zu verschönen. Ein schleichendes Fieber, das jetzt mit aller Macht
ausgebrochen, setzte ihrem Leben ein Ziel; aber was die gesunde,
lebensfrische Frau nie erkannt hatte, das empfand jetzt die Sterbende
voll bitterster Reue. Ihr letztes Wort an ihren Gatten war eine Bitte um
Vergebung des Leides, das sie ihm angethan, ihr letzter Blick ein Dank für
seine treue, unverdiente Liebe.
So hatte denn der Tod dieses Leben geendet, das so wenig im Stande gewesen,
Glück und Segen um sich zu verbreiten! Eugenie betrauerte die Mutter
aufrichtig, denn ihr gutes Herz hing an derselben trotz aller Fehler und
Schwächen, welche sie besessen. Sie wußte ihren tief gebeugten Vater zu
bestimmen, die erste Trauerzeit in ihrem Hause zu verleben, und die Liebe
seiner Kinder war der schönste Ersatz für alle Leiden und Entbehrungen,
welche diesen edlen Mann so schwer getroffen. Ueber seine fernere Zukunft
war er für den Augenblick noch unentschlossen; doch durch einen Brief
Eugeniens erfuhr ich, daß ihres Vaters innigster Wunsch dahin gehe, Tante
Ulrike zu bestimmen, mit ihm zusammen zu ziehen, wodurch sein einsames
Leben wieder Reiz erhalten, und das so lange entbehrte Glück einer stillen
Häuslichkeit ihm sein Alter versüßen würde. Ich zweifelte keinen Augenblick
daran, daß Tante Ulrike, welche von jeher mit besonderer Liebe an dem
einzigen Bruder ihres Gatten gehangen, den Wunsch desselben erfüllen werde;
auch ihr Leben erhielt dadurch neue Bedeutung, ihre Thätigkeit einen so
passenden Wirkungskreis. Freilich mußte sie alsdann Berlin verlassen, wo
sie so lange Jahre gelebt, denn Herr von Jagow kehrte jetzt wieder in seine
Stellung nach Braunschweig zurück; aber diese edle, allgemein verehrte Frau
verstand ohne Zweifel, sich überall eine schöne Heimath zu schaffen; an ihr
mußten sich die Worte Schillers bewähren, welche er in der Huldigung der
Künste seinem Genius auf die Lippen gelegt, als die junge Erbprinzessin
von Weimar aus ihrer russischen Heimath in deutsche Erde verpflanzt wurde,
gleich jenem fremden, blühenden Baum, den die Landleute pflanzten:
Ein schönes Herz hat bald sich heim gefunden,
Es schafft sich selbst, still wirkend, seine Welt.
Und, wie der Baum sich in die Erde schlingt
Mit seiner Wurzeln Kraft, und fest sich kettet,
So rankt das Edle sich, das Treffliche,
Mit seinen Thaten an das Leben an.
Schnell knüpfen sich der Liebe zarte Bande,
Wo man beglückt, ist man im Vaterlande.
Und sie beglückte immer und überall, die beste der Frauen; ihr ganzes Leben
war eine Kette steter Opfer und Liebesbeweise, welche sie ihren Mitmenschen
darbrachte, wie sollte sie da nicht auch jetzt Segen in das Haus bringen,
das sie zur Heimath erwählte! Eugenie war glücklich in diesen Plänen und
Hoffnungen und ich mit ihr, denn wie sehr all' meine Interessen mit denen
meiner Lieben in Berlin verknüpft waren, das sah ich erst ganz, nachdem ich
von ihnen geschieden.
22.
Nachtrag.
Ein ganzes Jahr war vergangen seit dem Tage meiner Heimkehr in das
Vaterhaus, da schaute die Sonne eines Morgens mit ganz besonderem Glanze
in das Fenster meines Stübchens im Giebel. Es war noch sehr früh, der kühle
Herbstmorgen braute weißlich graue Nebel über den Wiesen; auf dem bunten
Laube der Bäume, das die Wege im Garten schon reichlich deckte, blitzte
der feuchte Thau, und einzelne Blätter trug der Wind bis zu meinem Fenster
empor, aus dem ich still sinnend meine Blicke in die Ferne hinaus schweifen
ließ. Auf dem Dorfe lag noch Ruhe und Schlaf, nur über mir im Storchnest
wurde es lebendig; die Alten klapperten ihrer kleinen Gesellschaft den
Morgengruß zu, und bald begannen sie die Jungen im Fliegen zu unterrichten,
denn die Zeit ihrer Abreise war nahe, und wehe dem Storche, der dann den
langen Flug über das weite Weltmeer nicht aushalten kann: unbarmherzig wird
er von seinen Gefährten getödtet, da er ihnen auf der Reise nur hinderlich
ist. Weit über die Häuser des Dorfes schwebten sie hinweg und ihr weißes
Gefieder glänzte im Sonnenschein. Jetzt tönte auch das Morgenlied der
Lerche an mein Ohr; hoch in den blauen Aether schwirrte sie hinauf, und aus
den gelben Stoppelfeldern, aus denen sie aufstieg, flatterte zu gleicher
Zeit ein Volk Rebhühner kreischend empor.
Ruhe und Frieden, welche über der ganzen schönen Gotteswelt lagen,
erfüllten auch meine Seele, und mit dankbar frohem Herzen blickte ich auf
zu dem Vater dort oben und bat um Seinen ferneren Schutz und Segen, dessen
ich in der vor mir liegenden Zeit doppelt bedurfte. Da legten sich zwei
Arme um meinen Hals und zwei hellblaue sanfte Augen blickten mir liebevoll
in das Gesicht.
»Guten Morgen, meine Grete! Gott segne dich!« sagte eine sanfte Stimme, und
weiche Lippen drückten sich auf die meinen.
»Wie, du schon wach, Marie?« rief ich erstaunt, und blickte der Freundin in
das rosig frische Gesicht; denn sie war es, die mich begrüßte, meine liebe
theure Marie.
»Ich hatte auch keine Ruhe mehr in den Federn!« entgegnete sie heiter. »Die
Freude raubt den Schlaf gerade wie der Schmerz. Uebrigens ist es auch gut,
daß ich zeitig aufstehe, wir haben heute noch gar viel zu besorgen. Ich
werde mir Hannchen wecken und mit ihr den Garten plündern. Viel Blumen
giebt es freilich nicht mehr, aber etwas wird der Herbst uns schon
noch liefern. Im Nothfall nehmen wir buntes Laub statt der Blumen, für
Guirlanden ist alles zu gebrauchen.«
Bald sah ich die beiden hübschen Blondinen, Marie und Schwester Hannchen,
in ihren hellen Morgenkleidern durch den Garten schlüpfen, und wie Bienen
von Blume zu Blume schwebend zwischen den Bäumen verschwinden. Ueberall
wurde es nun lebendig. Von allen Seiten ertönte der gleichmäßige Schlag
der Drescher rings im Dorfe, Hunde bellten, kleine Kinder trippelten halb
angekleidet aus den Thüren, Fenster wurden geöffnet, feiner Rauch wirbelte
aus den Schornsteinen empor, Stimmen erklangen nah und fern, und die
Frühglocke läutete. Nun duldete es auch mich nicht länger im Zimmer; eben
wollte ich den jungen Mädchen in den Garten nacheilen, da öffnete sich
unter mir ein Fenster, und eine fröhliche Kinderstimme krähte in die
Morgenluft hinein. Wie ein Pfeil schoß ich die Treppe hinab, dem Stimmchen
nach. An dem offenen Fenster stand eine schöne stattliche Amme in
fremdartiger Tracht, und aus ihrem Arme tanzte ein prachtvoller dicker
Knabe von nur wenig Monaten, und streckte mir krähend seine runden Arme aus
den fein gestickten weißen Hemdchen entgegen. Ich kletterte außen an dem
Fenster hinauf, küßte den Engelsjungen und ließ meine Blicke durch das
Fenster schweifen. Im Hintergrunde desselben lag eine bildschöne junge Frau
im Bette und nickte mir freundlich zu. »Guten Morgen, Eugenie, du kleiner
Faulpelz!« rief ich grüßend. »Dein Sohn artet nicht nach dir, der ist schon
frühzeitig munter!«
»Das weiß der liebe Himmel!« sagte die junge Frau, sich dehnend. »Der
kleine Quälgeist wacht mit der Sonne auf wie ein echter Bauerjunge.«
»Das macht, weil er bei deinem Gänseblümchen, der Bauerdirne, in Kost
und Wohnung ist,« lachte ich neckend. »Schöne Anlagen das zu einem jungen
Baron!«
»Ein abscheulicher Bengel, ein wahrer Backfisch in Jungengestalt!« rief
Eugenie. »Und auf den ist der Herr Papa so stolz, wie ich mein Lebtag noch
keinen Menschen gesehen habe. Mich wundert nur, daß er sich für acht Tage
von ihm trennen konnte. Ob ich fortging, das hatte gar keine Bedeutung,
da hieß es: »Du bist es Gretchen schuldig, hast es ihr längst schon
versprochen; ich werde auch kommen, sobald die nöthigsten Arbeiten besorgt
sind, es soll ja nur eine kurze Trennung sein u. s. w.« Aber der Junge, daß
er den ein paar Tage entbehren sollte, war das ein Unglück! O es ist zum
Davonlaufen mit solchem Bären von einem Manne!«
»Nun du bist ihm ja auch davon gelaufen,« rief ich voll Ergötzen und
schwang mich auf das Fensterbret, um mit dem Kleinen zu tändeln. Eugenie
war indessen aufgestanden und trat nun zu uns, und die stolze Mutterliebe,
mit dem sie ihren Knaben auf den Arm nahm, konnte unmöglich von der
Zärtlichkeit des Papa's übertroffen werden, so sehr die junge Frau auch
über dessen Vaterstolz schalt. Es war ein reizendes Bild, die schöne
Mutter mit dem blühenden Knaben im Arm, Beide in feine weiße Morgenkleider
gehüllt; neben ihnen die stattliche Amme in ihrer fremden Tracht, und
zur Seite die grünen Zweige eines Akazienbaumes, durch welche einzelne
Sonnenstrahlen hindurch fielen.
Aber lange blieben wir nicht allein. Bald ging die Hausthür auf, und meine
jüngeren Geschwister, »die Rotte Korah«, wie Eugenie sie nannte, stürmten
heraus. Ich sprang von meinem Fenstersitz herab, und das war gut, sonst
hätten mich die kleinen Feuergeister herunter gerissen, so fuhren sie alle
auf mich los.
»Frischen Kuchen, Gretel! Frischen Kuchen, komm geschwind!« riefen sie
durcheinander.
»Sechs große Napfkuchen, zehn Zuckerkuchen mit Rosinen, drei
Streußelkuchen, acht Pflaumenkuchen, und noch viel mehr, komm doch nur, im
Backhause kannst du alles sehen!«
»Und der Gärtner schneidet die letzten Weintrauben vom Spalier, und wir
sollen die Birnbäume schütteln und die Pflaumenbäume, -- und Kathrine
schlachtet die fettsten Truthähne, -- und Herr Candidat Reier macht mit dem
Kutscher im Garten das Feuerwerk zurecht, und wir sollen die bunten Ballons
an die Bäume hängen!« so rief und jubelte es durch einander, daß man kaum
ein Wort deutlich verstehen konnte. Es half nichts, ich mußte mit ihnen
kommen und alles mit ansehen, wovon sie erzählten. Bald zogen sie mich
unter die Obstbäume im Grasgarten, bald zu den Hühnern und Tauben auf dem
Hofe; hier mußte ich die süßen Trauben kosten, die der Gärtner mir reichte,
dort wieder den köstlichen Duft des frischen Kuchens einathmen, der in
großer Menge aufgehäuft lag. Ueberall war Leben und Geschäftigkeit, und
überall schwirrten die lebhaften Kinder umher, die natürlich Jedermann
im Wege waren und von Einem zum Andern liefen, um zu fragen, ob sie etwas
helfen könnten.
»Kommt, wir wollen mit Marie und Hannchen Kränze winden!« rief ich endlich,
um Mama von der lästigen kleinen Bande zu befreien. Im Jubel zogen wir denn
Alle nach der Weinlaube im Blumengarten, wo wir die beiden jungen Mädchen
mitten unter bunten Guirlanden und Blumen geschäftig fanden. Sobald sie
mich erblickten, kamen sie freudig auf mich zu, und Marie setzte mir einen
wunderschönen Kranz von kleinen rothen Astern auf den Kopf, so sehr ich
mich auch dagegen sträubte. »Rosen giebt's nicht mehr genug, so müssen wir
Hülfstruppen suchen, um dich zu krönen,« sagte sie, indem sie mich küßte.
»Du bist heute die Königin des Festes und mußt eine Krone tragen, damit
alle Welt dich kennt und dir huldigt.«
»Morgen ist ja erst der Hauptfesttag, heute darf ich doch noch keinen Kranz
tragen!« rief ich freudig erröthend.
»Nein, nein, morgen thun es keine solch gewöhnlichen Blumen, da muß das uns
Jungfrauen geheiligte grüne Reis dieses schwarze Haar zieren,« sagte Marie
pathetisch und umarmte mich von Neuem. »O meine Grete,« fuhr sie weich
und zärtlich fort, »wie freue ich mich, daß ich diesen Tag mit dir erleben
kann!«
Mir schossen die Thränen in die Augen, und ich hielt die Freundin meines
Herzens umschlungen.
»Guten Morgen, meine Damen!« ertönte jetzt eine klangvolle Männerstimme
neben uns, und aufsehend erblickten wir unseren lieben Freund und Nachbar,
den jungen Pfarrer Baumhard, an unserer Seite. Herzlich erfreut reichte ich
ihm die Hand zum Gruß, und plaudernd gingen wir drei eine Weile im Garten
umher. Doch bald wurde ich abgerufen und ließ Marie bei unserem Gast allein
zurück, meine Wiederkehr erwartend. Ich wurde länger aufgehalten, als ich
gedacht und meinte den Pfarrer nicht mehr zu treffen; aber als ich einen
der dunkeln Lindengänge hinauf schritt, fand ich die Beiden neben einander
auf einer Bank sitzend, Mariens liebes Gesicht von dunkler Gluth überzogen,
und den Pfarrer mit freudig strahlenden Augen. Ein einziges Wort unseres
Freundes sagte mir alles. Lange schon hatte ich die keimende Liebe dieser
Beiden bemerkt; heute am Vorabende meines eigenen Hochzeittages hatte Marie
sich dem braven Manne verlobt.
»Aber bitte, Fräulein Gretchen, schweigen Sie noch bis morgen,« bat der
Prediger. »Ich hätte selbst meine Erklärung gegen meine geliebte Marie
verzögern sollen, bis der morgende Tag vorüber war; aber ich konnte es
nicht länger ertragen, über mein Geschick in Ungewißheit zu sein, morgen
besonders, wo ich den Liebesbund von Marie's treuester Freundin einsegnen
soll. Aber da ich nun Gewißheit habe, daß auch ich glücklich werden soll,
ist alles klar und gut in mir, und ich habe Ruhe und Sammlung im Gemüth.
Morgen, nachdem ich Sie eingesegnet, theure Freundin, mag die Welt auch von
unserem Bunde erfahren!«
Der stille, innigste Wunsch meines Herzens war erfüllt, Marie sollte die
Gattin des Mannes werden, den wir Alle so unbeschreiblich verehrten, seit
er vor zwei Jahren unser Pfarrer geworden. Marie liebte ihn vom ersten Tage
an, das wußte ich, und jede Stunde ihres Aufenthaltes bei uns gab ihrer
Liebe neue Nahrung, denn Pastor Baumhard war unser täglicher Gast, unser
vertrautester Hausfreund. Aber Woche um Woche verging, Marie war schon fast
zwei Monate bei uns, und immer noch erfolgte keine Verlobung, obwohl der
Pfarrer Marien entschieden auszeichnete. Doch Marie war das blödeste,
schüchternste Mädchen ihm gegenüber, ich begriff sie nicht, und so war es
auch ihrem Verehrer gegangen, bis dieser endlich gewaltsam die Pforte ihres
Herzens erbrach, die ihm Einsicht gab in das Paradies seiner Zukunft. Nun
war alles gut, nun konnte auch ich den kommenden Festtag ruhig erwarten.
Ja, meine lieben Freundinnen, es war wirklich mein Hochzeittag, zu dem
diese Vorbereitungen alle getroffen wurden. Schon fast ein Jahr lang war
das einstige Backfischchen eine glückliche Braut, und stand nun am Ziele
aller Wünsche und Hoffnungen. Und wer war der Bräutigam? Solltet ihr das
nicht längst errathen haben? Ihr dachtet vielleicht sogar früher als ich
selbst daran, während ihr die vorhergehenden Blätter gelesen. Ach mein
junges Herz barg freilich wohl lange schon Gefühle in sich, welche diesem
Ziele zustrebten, aber ich war über dieselben so völlig im Unklaren, daß
ich durchaus gar nicht wußte, was mir nur fehle, seit ich wieder in das
Elternhaus zurückgekehrt war. Diese unaussprechliche Sehnsucht nach allem,
was mit Berlin in Zusammenhang stand, dieses krankhafte Verlangen nach
Nachricht von dorther, dieses ewige Unbehagen bei allem, was ich dachte und
arbeitete, quälte mich unbeschreiblich. War ich nicht grenzenlos undankbar
für all' das Gute und Schöne, das mich jetzt im Vaterhause wieder umgab,
und das mich so wenig befriedigen konnte? Ich machte mir unaufhörlich die
bittersten Vorwürfe darüber, vergrub mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit
in alle möglichen Arbeiten, um meine Gedanken zu zwingen, trieb mit
Hannchen Französisch und Englisch, musicirte mit Herrn Reier, half Mama in
Küche und Wirthschaft, spielte mit den kleinen Geschwistern selbst wie ein
Kind, -- es war alles umsonst! Immer wieder ertappte ich mich beim trüben,
unklaren Dahinbrüten, und alle Lust und Freudigkeit schien mir entfliehen
zu wollen.
So waren die ersten beiden Monate verstrichen, seit ich wieder in die
Heimath zurückkehrte. Da kam eines Tages ein Brief an mich -- ein Brief von
einem Freunde aus Berlin -- und wenige Tage darauf der Schreiber selbst.
O nun wurde mit einem Male alles anders! Wie Schuppen fiel es von meinen
Augen; jetzt wußte ich, was mir gefehlt, was meine leidenschaftliche
Sehnsucht bedeutete. Wie helles Morgenroth leuchtete es empor an dem trüben
Himmel, der mich umgeben, die Sonne des Glückes und ungeahnter Freude
ging meinem jungen Leben auf! Ich war Braut, Braut des Mannes, der mir
der Herrlichste schien von allen Männern, die ich je gesehen, der mir
nun sagte, daß er mich liebe, seit jenem Augenblicke liebe, wo ich ihm
so unbefangen kindlich entgegen getreten, und der seitdem keinen anderen
Wunsch mehr gehabt, als mich zu erwerben. O welch' namenloses Glück kann
doch ein kleines Menschenherz umfassen! Welch' namenloses Glück barg jetzt
mein liebes trautes Vaterhaus!
Und nun war der Tag erschienen, der mich ganz glücklich machen, mich ganz
mit dem vereinen sollte, außer welchem es für mich keine Freude mehr auf
der Welt gab. Alle meine Freunde hatten mir versprochen, zu dem Feste zu
kommen. Marie war schon wochenlang bei uns, ihre Eltern und Eduard wurden
erwartet, Eugenie hatte sich mit ihrem Prachtsöhnchen aufgemacht, mir ihren
Antheil zu beweisen, ihren Gatten, ihren Vater und vor allem Tante Ulrike
erwarteten wir heute, und wer fehlte nun noch?
Die Wagen rollten durch das Dorf, die Hunde bellten, die Dorfjugend
jubelte, und die Kutscher verkündeten mit der Peitsche knallend ihre
Ankunft. War das ein Leben unter den Linden vor unserem Hause! Papa und
Mama flogen Tante Ulrike an das Herz, Marie wanderte aus einem Arm in den
andern, Eugenie versank vollständig bald in dem weiten Reisemantel ihres
Vaters, bald in des Barons Armen, der Frau, Kind und Amme zu gleicher Zeit
umschlang und sich umherspringend geberdete wie ein toller Junge, trotz
seines noch immer etwas steifen Fußes. Und ich? Ja ich habe das alles
eigentlich nur vom Hörensagen, denn ich sah nichts über mir als zwei blaue
Augen, darin der ganze Himmel wohnte, und wurde von zwei Armen so fest
umschlungen, daß ich von der ganzen übrigen Welt nichts sehen und hören
konnte. -- Wie? Waren denn wieder Zigeuner in der Nähe, daß ich mich so
stürmisch an diese Brust flüchtete?
»Onkel Hausmann, Lieschen will auch guten Tag sagen,« rief es jetzt neben
uns, und mein kleines Schwesterchen drückte ihren braunen Lockenkopf an die
Knie dessen, der mich gar nicht wieder los zu lassen Miene machte.
»Guten Morgen, meine liebe kleine Schwägerin!« rief der Angeredete nun
fröhlich, indem er mich frei gab und Lieschen zu sich emporhob. Jetzt
drängten sich auch die Knaben herbei, den Schwager zu begrüßen, auf den die
kleinen Burschen sehr stolz waren; Vater und Mutter hießen den geliebten
Schwiegersohn willkommen, aber ich fand kaum Blicke und Worte genug zur
Begrüßung der vielen lieben Gäste, welche mir alle so warme Glückwünsche
entgegen brachten.
Unser liebes altes Wohnhaus war gewiß sehr verwundert über die vielen
Fremden, die es in seinen Mauern aufnehmen mußte; aber es blickte so stolz
und stattlich durch die alten Lindenbäume hernieder, als wisse es die
Ehre zu würdigen, die ihm wurde, und die Störche auf dem Giebel klapperten
lustig ein lautes Willkommen. Von allen Seiten fuhren jetzt noch liebe
Freunde, Verwandte und Nachbarn herbei, welche das Fest mit uns begehen
wollten, und in den schattigen Gängen des Parkes, wie in Haus und Hof
schwirrte es lustig durcheinander. Ein herrlich warmer Herbsttag gestattete
uns den Aufenthalt im Freien, und so ließ Papa auf dem Platze unter den
Linden die Mittags- und Abendtafeln für alle die aufschlagen, welche
drinnen im Hause keinen Raum mehr fanden. Es war ein fröhliches Treiben,
und Lust und Freude belebte alle Gemüther; ich aber war die Glücklichste
von allen, und wenn auch meine Lippen nicht aussprechen konnten, was mein
Herz so unnennbar beseeligte, in meinen Augen stand es sicher deutlich
geschrieben, denn diese Augen sahen nur eins, und das war der Geliebte
meiner Seele, Theodor Hausmann.
Den Abend dieses freundlichen Festes beschloß ein prächtiges Feuerwerk,
das Herr Reier im Garten abbrannte. Den Schluß desselben bildete ein höchst
ergötzliches Transparent, das sich auf meinen Aufenthalt in Berlin bezog,
und dessen Urheber die gottlose Eugenie gewesen. Rings um das Mittelbild
gruppirten sich kleinere Scenen. Da war denn z. B. Backfischchens erste
Reise dargestellt, aus nichts bestehend als aus einem Haufen Schachteln,
Packeten und Kisten, über denen hoch oben ein Mädchenkopf schwebte. Ferner
Backfischchen in großer Bedrängniß, die Scene bei Geh. Rath Delius, wo ich
hoch aufgeschürzt mit triefendem Schirm und zerrissenen Handschuhen Amanda
gegenüber auf der Stuhlecke schwebe, und dicke Schweißtropfen von Stirn
und Regenschirm auf den Fußboden rollen. Dann die Straßenscene, in der ich
Marie um den Hals fliege, indeß ein daneben stehender Stutzer seine Arme
verlangend nach uns ausstreckt. Dann vor allem Backfischchens erstes
Rencontre mit dem Freunde: unser trauliches Gespräch in jener Gesellschaft,
belauscht von umstehenden Gästen, in der Ferne Tante Ulrike, die sich
verzweiflungsvoll das Haar rauft. Natürlich auch Backfischchen im
Ballfieber, wie sie eben im Begriff ist, Tante Ulrike in die Kleidertasche
zu kriechen, später dann die Ueberreichung des Cotillonordens an »den
Freund«, alles war dargestellt. So ging es fort. Unzählige kleine peinliche
Momente, die ich während meines Aufenthaltes in Berlin zu bestehen hatte,
gab die lose Eugenie in posirlicher Darstellung zur Schau, und Eduard,
als würdiger Bänkelsänger, erklärte in köstlichen Reimen dem Publikum
die Bilder zu dieser wunderbaren Geschichte. Die Hauptsache aber war
das Mittelbild, betitelt: »Beelzebubs Meisterstück, eine schreckliche
Mordgeschichte, zur Warnung für alle Backfischchen.« Ein Trupp wilder
Teufelchen, als Zigeuner gekleidet, stürzt, Keulen, Knüttel und andere
Waffen schwingend, aus dem Gebüsch hervor, gerade auf ein junges Mädchen
los. Dieses aber fliegt mit ausgebreiteten Armen einer Gestalt entgegen,
welche soeben auf einer Wolke zu ihr hernieder schwebt, und die zwar mit
Flügeln und einem Strahlenkranze versehen ist, wie man die Engel darstellt,
deren Pferdefuß aber und kleine Bockshörnchen nichts weniger als einen
Engel vermuthen lassen. Er trägt die Züge Th. Hausmanns, und streckt der
Flehenden die Arme entgegen, um sie in sein Reich zu entführen, das hinter
ihm als höllisches Feuer lodert. Der Schluß dieses Wunderwerks lautete
dazu:
Drum, lieben Mädchen, habt wohl Acht,
Nun wißt ihr, wie's Herr Satan macht!
Mit siebzehn Jahren komme ja
Dem Eibsee Keine je zu nah,
Sonst geht's wie jenem Backfisch ihr,
Verloren ist sie für und für.