Nun näherten wir uns mehr und mehr der fernen Alpenkette, und unser

Eintritt in diese schöne Welt hätte nicht schöner sein können: die Sonne

neigte sich soeben ihrem Untergange zu und tauchte die Berge in dunkelroth

schimmernde Gluth, so daß sie dastanden wie Bilder aus dem Feenreiche. Es

war so über alle Begriffe erhaben und prachtvoll, daß ich still die Hände

faltete, und mir Thräne auf Thräne über die Wangen lief. O Gott, wie groß,

wie herrlich ist deine Welt und wie namenlos glücklich Jeder, der wie ich

einen so schönen Theil davon kennen lernt! Was sind alle Werke der Menschen

gegen deine Schöpfungen, deine Wunder?

Wollte ich ausführlich erzählen, wo wir nun die nächsten Wochen umher

schwärmten, so könnte ich allein davon ein ganzes Buch schreiben, ohne

ein Ende zu finden, und dennoch würde ich euch keinen Begriff davon geben

können, wie schön es überall war, wie unvergeßlich diese so herrlichen,

wonnevollen Tage.

Zuerst machten wir einen kurzen Ausflug nach dem Algäu, dem Lande der üppig

grünen Wiesen und des prachtvollen Rindviehes, dessen wunderbar schöne

Alpenkette mir aber freilich viel lieber war, als all dies. Immenstadt,

Sonthofen und Oberstdorf waren dort die bedeutendsten Orte, von wo aus wir

einzelne Streifzüge nach den Bergen unternahmen. Von Immenstadt geht die

Eisenbahn nach Lindau und dem Bodensee, eine Schweizerreise aber versprach

mir die Tante für ein anderes Mal, jetzt zogen wir nach den Bayrischen

Alpen und deren erstem Stationspunkte Füßen. Mit besonderer Vorliebe denke

ich an dies Fleckchen schöne Gotteswelt zurück; denn dort nahebei liegt die

Perle der ganzen Umgegend, das reizende Hohenschwangau, wo wir uns in dem

Wirthshäuschen zur Alpenrose gar zu wohl fühlten, treulich gepflegt von der

Wirthin, einer munteren Tyrolerin in ihrer malerischen Nationaltracht, die

rothe Rose auf dem spitzen Hut und silberne Ketten am Mieder. Dicht vor

der Thür, von prachtvollen Linden überschaut, ist das einladenste Plätzchen

bereit; vor uns, blitzend im reinsten Blaugrün, der stille Alp-See, auf dem

sich weiße Schwäne wiegten, rings umzogen von saftigem Grün und malerischen

Felswänden, über welche hinaus in weiterer Ferne einige Häupter der

Alpenkette herüber schauen. Zu verdenken war es dem jungen Bayernkönig

wahrlich nicht, daß er hier seiner schönen Königin Marie, welche ohnehin

die rüstigste Bergsteigerin ist, ein köstliches kleines Schloß erbaut hat,

das einen Blick vergönnt weit hinaus über Berge, Seen und Flachland.

Garmisch und Parthenkirchen, am Fuße des prachtvollen Zugspitz gelegen,

waren, wie ich schon erwähnte, ferner die Orte, an denen wir längere Zeit

verweilten, und obwohl wir dann noch weitere Touren machten, z. B. nach dem

schönen Kochel- und Walchensee, so verweile ich doch nur in jenen malerisch

gelegenen Flecken noch einige Augenblicke, da mir dort etwas begegnete, was

ich nie wieder vergessen werde, so lang ich lebe.

20.

Ein Abenteuer.

Eingeschlossen von den mächtigen Felswänden des Zugspitz liegt dort still

und einsam der friedliche Eibsee zwischen grünen Abhängen und schroffen

Felsblöcken aus der Tiefe hervor schimmernd. Sein Wasser ist reich an

Fischen; aber nur gering sind die Zahl derer, welche hiervon Vortheil

ziehen, denn der See gehörte seit Jahrhunderten den Besitzern jener wenigen

Hütten, welche sich an dem Ufer angesiedelt haben. Es ist eine wilde,

zigeunerhaft aussehende Klasse von Menschen, diese Fischer des Eibsees;

schwarze Augen blitzen uns aus den dunklen schmutzigen Gesichtern entgegen,

und wer mit ihnen verkehrt, der sei vorsichtig, sonst wird er betrogen und

überlistet, sei es auch nur um einige Kreuzer.

Doch die eigenthümliche Schönheit des Sees lockte die Fremden von allen

Seiten herbei, wie unbehaglich auch die Menschen sind, die seine Ufer

bewachen. Auch wir besuchten den reizenden Winkel und freuten uns an

der großartigen Einsamkeit und Schönheit seiner Lage. Ein starkes,

schwarzäugiges Weib mit finsterem Gesicht fuhr uns auf dem Wasser umher,

und nur die reichliche Spende, womit die Tante unsere Spazierfahrt

bezahlte, konnte ihren grimmigen Zügen ein Lächeln abgewinnen. Der

Abend war noch ziemlich fern, als wir den Rückweg nach dem Dorfe Greinau

antraten, wo unser Wagen stand. Der Weg dorthin zog sich durch grüne Wiesen

und Abhänge und machte zahllose malerische Biegungen, welche reichen Stoff

für meine Zeichenmappe gaben; deshalb bat ich die Tante, mit den beiden

anderen Damen unserer Begleitung immer voraus zu gehen, während ich zurück

blieb, um einige flüchtige Skizzen der Gegend zu zeichnen. Die Tante

zögerte, mich allein zurück zu lassen; doch die Sonne stand noch ziemlich

hoch am Himmel, der Weg war viel betreten, und so that sie mir endlich den

Willen, hieß jedoch den kleinen Buben bei mir zu bleiben, der uns den Weg

zeigte. Ich vertiefte mich bald völlig in meine Arbeit; die Bäume hingen

so unbeschreiblich malerisch über kleine Felsvorsprünge, lichte Durchblicke

lockten in die Ferne, dazwischen tauchte hin und wieder ein spitzer

Kirchthurm empor oder das zierliche Dach einer Bauerhütte, ich konnte kein

Ende finden, ein Punkt war immer noch schöner als der andere.

Endlich sah ich, daß der Himmel sich röthete; die hellen Wände des Zugspitz

leuchteten auf, als wären sie von rothem Golde, die Sonne sank, und es war

die höchste Zeit für mich, den Rückweg anzutreten, da die Tante mich gewiß

ungeduldig erwartete. Ich suchte meine Sachen zusammen und bemerkte nun

erst, wie zwei braune Männer, vom Eibsee herkommend, sich mir näherten. Sie

trugen große Stöcke in den Händen, ihr Anzug war zerlumpt und zigeunerhaft,

und an dem lichten Abendhimmel hoben sich ihre riesigen Gestalten drohend

empor. Ich erschrak und blickte mich ängstlich nach ihnen um, denn

mit bangem Herzen dachte ich gleich an allerlei schreckliche Dinge,

Raubanfälle, Mißhandlung und wer weiß, was alles, dessen man die Bewohner

des Eibsees für fähig erklärte. Der Abend war nahe, mit jeder Minute wurde

es dunkler, und diese Männer kamen gerade auf mich zu.

Voll Unruhe rief ich nach dem Knaben, der bis vor Kurzem in meiner Nähe

gespielt hatte; aber er war verschwunden, wer weiß ob er nicht gar mit den

Männern im Einverständniß handelte. Eine namenlose Angst ergriff mich, ich

lief auf dem Wege fort, der nach Greinau führte; aber das Dorf war noch

fern und die Männer kamen immer näher. Schon hörte ich ihre Stimmen, sie

schienen mir etwas zuzurufen und lachten dazwischen. Wieder blickte ich

mich angstvoll nach ihnen um und, o Entsetzen, ich sah deutlich, wie der

Eine den Knüttel hob und mir damit drohte. Nun wer es kein Zweifel mehr

und meine Furcht nur zu begründet, sie hatten es auf mich abgesehen. Laut

schreiend stürzte ich davon, Hügel auf und ab, nichts mehr denkend, als

Rettung durch die Flucht. Ich fiel über Geröll und über Baumstümpfe, verlor

meinen Schirm und mein Zeichenbuch; es war mir alles gleich, nur vorwärts,

vorwärts, ehe mich die Entsetzlichen erreichten, die ich immer hinter mir

wußte. Jetzt hörte ich ihre Stimmen so nahe neben mir, daß mir die Sinne

fast vergingen vor Angst, und ich mich eben niederwerfen wollte, ihr

Mitleid anzuflehen und ihnen alles zu geben, was ich bei mir trug. Aber

wie wenig war das, sie würden mich sicher plündern und mißhandeln; Da, im

letzten schrecklichen Augenblicke, sah ich eine Gestalt durch die Bäume

schimmern. War es einer ihrer Spießgesellen? Heftig rief ich um Hülfe und

stürzte vorwärts. Gott sei Dank, es war ein gut gekleideter Herr, ich war

gerettet! Mit Todesangst flog ich zu dem Fremden, seinen Schutz anzuflehen,

er mochte sein wer er wollte. Aber wer begreift mein Entzücken, als ich

meinen Freund Dr. Hausmann vor mir sah! Mit ausgebreiteten Armen stürzte

ich ihm entgegen, und ohne recht zu wissen, was ich that, sank ich an seine

Brust.

»Retten Sie mich, um Gottes Willen!« rief ich außer mir, dann vergingen mir

die Sinne. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rasen, Dr. Hausmann

kniete neben mir. Ich fühlte mich namenlos matt und konnte mich lange nicht

besinnen, was geschehen sei. Endlich aber erinnerte ich mich plötzlich an

alles, und angstvoll blickte ich um mich.

»Seien Sie außer Sorge, Fräulein Gretchen, es ist nichts mehr zu fürchten,«

sprach Dr. Hausmann beruhigend. »Die Männer haben sich einen bösen Scherz

mit Ihnen gemacht und Sie scheinbar verfolgt, da sie Ihre Furcht bemerkten.

Jetzt sind Sie ganz sicher, denn ich bleibe bei Ihnen.«

Nun erst fiel mir ein, in welcher Weise ich in meiner Angst bei dem Freunde

Schutz gesucht hatte. Dunkle Gluth bedeckte mein Gesicht, ich wagte nicht

aufzublicken. Dr. Hausmann bemerkte meine Pein und suchte mich davon zu

befreien.

»Und Sie wundern sich gar nicht, mich hier zu sehen?« sagte er heiter

und setzte sich neben mich in das Gras. »Wußten Sie denn, daß ich Sie

aufsuchte?«

»Ich? Nein, wie sollte ich davon wissen?« entgegnete ich, nach Fassung

ringend. »Sind Sie denn allein, und wo erfuhren Sie unseren Aufenthalt? Ich

wußte nicht, daß Sie auch diese Reise beabsichtigten.«

»Es ist auch ein ganz plötzlicher Entschluß, den ich aber jetzt doppelt

segne, da ich Ihnen nützlich sein konnte, Fräulein Gretchen!« sagte Dr.

Hausmann und blickte mir so herzlich in die Augen, daß mir wieder alles

Blut in die Wangen schoß.

»Bitte, ich möchte zur Tante, sie wird sich um mich sorgen,« flüsterte ich

ängstlich und versuchte aufzustehen. Die Knie zitterten mir noch heftig,

und so mußte ich mich auf den Arm meines Freundes stützen, so peinlich es

mir auch war. Dieser aber plauderte munter fort und erzählte, daß Eduard

ihn begleite, den ich bei der Tante in Greinau finden werde, wohin sie

Beide geeilt, als sie bei ihrer Ankunft in Parthenkirchen erfahren, wo wir

seien.

Das Gehen that mir gut, bald bedurfte ich des Führers nicht mehr, meine

Kräfte fanden sich schnell wieder. Ich erzählte nun das Nähere meines

Abenteuers und suchte meine Angst zu rechtfertigen. Mit zarter Schonung

ging Dr. Hausmann darauf ein, um mir zu zeigen, wie natürlich er meine

Bewegung gefunden. Gegen die Tante und Eduard, welche meine Angst

übertrieben fanden und mich als ein Hasenherz etwas verhöhnten,

vertheidigte er mich dann so entschieden, daß ich ihm aufrichtig dankte,

besonders da er über die Art unseres Begegnens sehr leicht fort ging.

Sonderbar, sonst beichtete ich meiner guten Tante Ulrike alles, was ich

Thörichtes gethan; aber mein Zusammtreffen mit Dr. Hausmann konnte ich ihr

unmöglich genau so beschreiben, wie es sich zugetragen, die Worte wollten

absolut nicht über meine Lippen. Aber wozu auch? Dr. Hausmann schien gar

nicht mehr daran zu denken, so fein und zurückhaltend benahm er sich

gegen mich, und das ganze Ereigniß erschien mir endlich selbst wie ein

wunderlicher Traum.

In der Gesellschaft unserer neuen Reisegefährten verbrachten wir einige

sehr angenehme Wochen und durchstreiften die schönen Berge nach allen

Richtungen. Auch Eugeniens Vater kam, wie er versprochen, bald zu uns,

und mit ihm reisten wir endlich nach Bayerns schöner Residenz, dem

interessanten München. Wie staunte ich über alle die unzähligen

Kunstschätze, welche großentheils durch den kunstsinnigen König Ludwig hier

geschaffen und aufgesammelt wurden. Zwei Wochen blieben wir in München,

und so hatten wir reichlich Muße, uns alles genau zu betrachten: die

beiden Pynakotheken, die Glyptothek, Schlösser, Kirchen und was es sonst

an Sehenswürdigkeiten gab. Das Allermerkwürdigste blieb mir aber immer die

erzene Riesenjungfrau Bavaria auf der Theresienwiese, in deren Kopfe wir so

behaglich umherwanderten, als sei es ein Thurmstübchen, und deren Augen die

prächtigsten Fensterchen bildeten, durch die wir auf München und die ganze

weite Ebene schauten und weiter hinaus, wo die blauen Alpen uns freundliche

Abschiedsblicke zuwarfen.

Unseren Heimweg nahmen wir durch Böhmen, um in Teplitz Eugenien und den

Baron zu besuchen, von denen Herr von Jagow uns die besten Nachrichten

gebracht hatte. Das Bad war dem Baron anfangs zwar nicht gut bekommen, und

Eugenie hatte wahrscheinlich all ihre Heiterkeit in Bewegung setzen müssen,

um den Leidenden zu zerstreuen, wenigstens konnte der dankbare Gatte uns

später davon nicht genug Gutes und Liebes erzählen. Jetzt nach Beendigung

der Kur jedoch ging es dem Baron vortrefflich, und die Steifigkeit seines

Fußes verringerte sich von Tag zu Tage, so daß wir mit den freudigsten

Hoffnungen für völlige Genesung abreisten, und der Herbst uns endlich Alle

wieder in dem traulichen Wohnstübchen Tante Ulrike's versammelt sah. Wie

schön auch die Reise gewesen, und wie viel Herrliches ich gesehen, hier bei

der besten Tante in meiner zweiten Heimath war es doch am allerschönsten,

das fühlte ich mit innigem Behagen, als die lieben Räume mich wieder so

still und heimlich umgaben.

Aber mit mächtigen Schritten nahte jetzt die Zeit, in welcher ich diesen

Räumen Lebewohl sagen sollte. »Für ein Jahr nehme ich dein Gretchen mit

mir,« hatte Tante Ulrike zu Papa gesagt, als sie an jenem unvergeßlichen

Tage mit mir von Schreibersdorf abreiste, und das zaghafte Kind sich

zum ersten Male vom Elternhause trennte. O damals glaubte ich es nimmer

aushalten zu können, eine solche Trennung nimmer zu ertragen. Ein Jahr!

Welche Ewigkeit für mich, die bis dahin nicht einen Tag von Eltern und

Geschwistern getrennt war! Zwölf lange, lange Monate! Und jetzt war mehr

als ein Jahr seit jenem Tage vergangen, nicht nur zwölf Monate, sondern

noch fünf außerdem, und ich lebte noch, die Trennung hatte mich nicht krank

gemacht, mich nicht verzehrt und abgehärmt, wie ich einst glaubte. Nein,

im Gegentheil, ich blühte frisch und kräftig in gesunder Jugendfülle, war

stärker und vollständiger in der Erscheinung geworden, wenn mein Spiegel

mir die Wahrheit sagte, und in der großen Stadt, in dem neuen Kreise, wohin

die Tante mich geführt, und vor dem mein ängstlich Herz erzittert hatte,

da fühlte ich mich jetzt mit tausend Fäden festgewachsen. So unsäglich ich

mich auf die liebe theure Heimath, auf Eltern und Geschwister freute, so

überkam mich doch eine grenzenlose Traurigkeit, dachte ich an die Trennung

von all' den Lieben in Berlin. Die Tante mit ihrer unaussprechlichen Güte

und Milde, ihrer feinen Bildung und ihrem steten Wohlwollen für mich,

der ich so namenlos viel dankte, Eugenie, an die mich die herzlichste

Schwesterliebe kettete, Marie, die treueste Freundin für das Leben, der

Baron, Dr. Hausmann, Eduard, ach und so viele, viele, die mir lieb und

theuer geworden, sie Alle ließ ich hier zurück, ich konnte den Gedanken

kaum fassen. Und doch, es war nicht anders! Der Tag der Abreise kam

wirklich heran und überschüttet von tausend Liebesbeweisen schied ich von

allen meinen Lieben. Eugenie und der Baron gaben das Versprechen, mich

im Elternhause bald zu besuchen, auch die Tante tröstete mich mit dieser

Aussicht, und besonders entzückte mich der Gedanke, meine liebe Marie, wie

ich dringend gebeten, bald nach meiner Heimkehr für längere Zeit im Hause

meiner Eltern zu sehen.

So schied ich denn leichteren Herzens von der lieben Stätte, wo mir so viel

Gutes geworden. Ein reich beschriebenes schönes Blatt hatte der gütige Gott

mir in das Buch meines Lebens gefügt, ich konnte Ihm nie innig genug dafür

danken!

21.

Wieder im Vaterhause.

Mit welchen Gefühlen flog ich meinem geliebten Vater nach so langer

Trennung an die Brust, als er kam, mich von Berlin abzuholen und mit

welchen Gefühlen wandte ich mich nun der Heimath wieder zu, nachdem der

Abschied von meiner so unsäglich verehrten Tante hinter mir lag!

Wie jubelte mein Herz, als ich der Gegend immer näher kam, in der das Gut

meiner Eltern lag, wo mich alles so vertraulich und bekannt anblickte! O

das war doch die schönste Gegend auf der ganzen Welt, schöner als alles,

was ich auf der Reise soeben noch voll Wonne und Entzücken bewundert hatte.

Bald lagen die bekannten Orte vor mir, die unser Dorf umgaben; jetzt

verließen wir das Wäldchen, das mir bei der Abreise den lieben Anblick

meiner Heimath zuerst entzogen. Da schaute der spitze Kirchthurm noch wie

ehedem zum Himmel empor, sein grünes Kupferdach blitzte in der Sonne, und

auf der goldenen Kugel dort oben drehte sich nach wie vor die glänzende

Wetterfahne.

Nun kamen wir in den sandigen Hohlweg, der nach dem Dorfe führte, in

welchen sich die Wagenräder so tief einwühlten, daß es immer so langsam

vorwärts ging. Zu beiden Seiten des Abhanges wuchsen wie sonst gelbe

Immortellen und fette Wolfsmilch; die Schmetterlinge und Bienen

umflatterten die kleinen gelben Blüthen, und über uns am blauen Himmel zog

eine Schaar blendend weißer Tauben hinweg. Ihr lieben freundlichen Thiere,

kommt ihr mir als Boten vom Elternhause entgegen?

Am Ausgange des Hohlweges warteten wie ehedem eine Schaar Bauerkinder

auf den herankommenden Wagen; die größeren Jungen knallten mit langen

Peitschen, die Mädchen blickten mit ihren hellblauen Augen verlegen nach

uns hin, kicherten dann und nahmen die Schürzenzipfel in den Mund, und

die kleinen Kinder versteckten ihre blonden Flachsköpfe schüchtern in den

Röcken der Mädchen. Auf dem Anger trieb noch immer der alte Hirte seine

Schafe; der braune Regenmantel hing trotz des warmen Wetters um seine

Schultern, und der blaue Strumpf, an dem er strickte, baumelte wie sonst

vor ihm hin und her. Sein Hund spitzte die Ohren und sprang herbei, die

Pferde anzubellen, wie es einmal alle Hunde zu thun pflegen, bis Friedrich,

unser alter Kutscher, ihn mit der Peitsche fortjagte, und der Schäfer

rückte grüßend an dem breitkrämpigen Hute.

Nun endlich kamen wir zu den ersten Häusern unseres Dorfes; es war Bauer

Fechners Grundstück, ich kannte es wohl, kannte auch die weißbaumwollene

Quaste, die da zum Fenster heraus nickte; sie saß auf einer eben solchen

Mütze, und das alte gute Gesicht darunter glänzte vor lauter Vergnügen, als

ich ihm meinen fröhlichen Gruß zurief.

Jetzt reihte sich Haus an Haus, überrall war ich bekannt, überall blickten

gute Freunde zu den kleinen Fenstern heraus, saßen alte Bekannte auf der

Bank vor der Hausthür. Hier die alte Armgard, bei der wir so oft Honig

gegessen, dort Bauer Niklas, der zur Obstzeit im Garten half, da der

gutherzige kleine Schuster, der uns Kindern die Schuhe flickte; dann wieder

junge Mädchen, mit denen ich eingesegnet worden, Kinder, die mit meinen

Geschwistern gespielt, o es war gar kein Aufhören mit Grüßen, Anrufen und

Händeschütteln; ich wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen, doch das

litt Papa nicht. Und nun kamen wir an unser Gehöft, unser liebes prächtiges

Wohnhaus mit den grünen Fensterladen und dem hohen Giebel, auf dem das

Storchnest saß, in dem wirklich die Störche wieder Junge hatten, gerade wie

sonst, als ich zu Hause war. Die alten Linden beschatteten wieder den

Platz vor dem Hause, und da, richtig da kamen die kleinen Brüder in ihrer

Eselequipage, Lieschen mitten drin sitzend wie eine Dame.

»Halt still, Kutscher, ich muß hinaus, ich kann es nicht länger im Wagen

aushalten!«

Fast erdrückt haben mich die Jungen, als sie sahen, ich war es, die ihnen

entgegen kam. Und nun ging's im Jubel nach dem Hause! Meine Mama wollte ich

gar nicht wieder los lassen; ich lachte und weinte durch einander, und dann

fiel ich immer wieder Allen der Reihe nach um den Hals. Und dann kamen die

Dienstleute im Hause heran, deren Augen glänzten in alter Anhänglichkeit,

und nun ging es von einer Stube zur andern, von einem Winkel in den andern;

alles mußte ich wiedersehen, mußte allem zeigen, daß ich noch lebte und

nun wieder zu Haus sei! In Hof und Garten, in Ställen und Remisen, überall

schleppten mich die Jungen umher; ich mußte alles ansehen, überall hatten

sie mir etwas Neues zu zeigen, bald hier junge Tauben und Hühner, bald dort

das kleine Kalb der schwarzen Bleß, oder die neue Schaukel im Schuppen

und das hübsche Taubenhaus im Hühnerhofe. Und wie waren die Kinder alle

gewachsen! Hannchen zählte drei Jahre weniger als ich und war der kleinen

Mama fast schon über den Kopf gewachsen! Eduard, der ein Jahr jünger war

als ich, verlebte gerade seine Ferien zu Hause. Er sah etwas blaß aus,

der gute Junge, es war gewiß vom Wachsen, denn er überragte mich ein gutes

Theil, und ich war auch nicht gerade ein Liliput. Und Anton, der stramme

Bursche, und die Kleinen, Max und Ulrich und Lieschen, wie frisch und

prächtig sahen sie Alle aus; ich mußte sie immer wieder küssen trotz ihrer

nicht sehr saubern Gesichtchen, die mit allerlei Dorfstraßenresten verziert

waren.

»Was du für ein stattlich Mädchen geworden bist, Gretchen!« sagte die

Mutter, mich mit frohen Blicken musternd. »Die Stadtluft scheint dir gut zu

bekommen.«

»Sie sieht wie eine Dame aus, höllisch fein!« bemerkte der Gymnasiast und

zupfte an den sehr zweifelhaften Bartsprossen auf seiner Oberlippe.

»Hast du mir was mitebracht, Gretsen?« sagte die kleine Liese, und zog an

den Schnüren meiner Reisetasche.

»Ja auspacken, Gretchen, auspacken!« riefen auch die anderen Kinder, und

nun ging's an ein Wühlen und Kramen in meinen Sachen, daß ich die kleinen

Quälgeister ernstlich abwehren mußte. Am besten geschah dies, indem ich

ihnen die Geschenke an Näschereien gab, die ich ihnen »mitebracht«, wie

Lieschen sagte. Dann machte ich mich selbst über das Auspacken meiner

Sachen, und mit innigem Behagen räumte und kramte ich in dem niedlichen

Stübchen, das Mama mir jetzt als Eigenthum anwies. Ein eben solch

zierliches Himmelbett, wie ich bei Tante Ulrike besessen, schmückte

auch hier mein Zimmer; die gute liebe Mama hatte mich damit gar freudig

überrascht, und über meiner Kommode hing, von einem grünen Kranze

umschlungen, Tante Ulrike's Bild! O das war doch gar zu schön und zart! Mit

Thränen des Dankes und der Liebe küßte ich die beste der Mütter, und unter

dem Bilde der Tante fanden augenblicklich meine beiden lieben Freundinnen

Marie und Eugenie ihren Platz. Nun hatte ich sie alle beisammen, und jeden

Abend und jeden Morgen nickte ich ihnen zu und schickte den Lieben in der

Ferne die innigsten Grüße.

Neben meiner Stube schlief Hannchen, deren besondere Erziehung und Aufsicht

meine gute Mutter mir nun anvertraute. »Ich denke, du wirst eine gelehrige

Schülerin in dem Kinde haben,« sagte Mama dabei. »Es ist das beste Mittel

für dich, deine eigene Erziehung nicht wieder zu vernachlässigen, wenn du

der Schwester als gutes Vorbild dienen willst. Nun kannst du zeigen, ob du

bei der Tante etwas lerntest.«

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 15 / 17 段