Die Wirthschaft freilich ließ sie für's Erste noch in ihrer bisherigen

Einrichtung, denn die Pflege des Barons war jetzt ihre einzige Sorge. Aber

im Herbst, wenn sie von der Reise zurückkehren würden, da wollte sie eine

Hausfrau werden, wie's keine Zweite unter der Sonne gäbe, behauptete sie.

Wer das nicht glauben wollte, der möge es bleiben lassen, wenn's nur der

Baron glaubte, und daß dieser alle Leistungen Eugeniens anstaunte als etwas

noch nie Dagewesenes, das wußte der Schelm gut genug.

Wenige Tage nach der Hochzeit kam auch Eugeniens Vater in Senftenburg an,

zum großen Jubel seiner Tochter. Er war ein schöner, schlanker Mann mit

geistreichen Zügen und edlem Anstande, der feine Diplomat und Edelmann

durch und durch, unbeschreiblich liebenswürdig und angenehm. So verschieden

er und sein Schwiegersohn auch in der Erscheinung waren, so fanden sie sich

doch bald, denn der vielseitig durchgebildete Verstand des Barons entsprach

dem seines Schwiegervaters in vielen Beziehungen, und ihre beiderseitige

Liebe zu Eugenien schlang ein inniges Band um ihre Herzen. Das Glück

seiner Tochter, das aus deren Augen leuchtete, war der Sonnenstrahl für den

ernsten, oft sehr gebeugten Vater und erheiterte sein Gemüth mehr und mehr,

so daß er sich unbeschreiblich wohl fühlte im Schooße seiner Lieben. Er

wollte die Ankunft Tante Ulrike's hier erwarten, um dann mit ihr und mir

nach Süddeutschland zurückzukehren. Eugenie sollte alsdann mit ihrem Gatten

zur Badekur nach Teplitz gehen, und auf dem Rückwege wollte Tante und ich

sie daselbst besuchen, um mit ihnen gemeinsam die Heimreise anzutreten.

Nach einigen Wochen kehrte Tante Ulrike endlich zu uns zurück. Ein sanfter

Tod hatte die schwer geprüfte Schwester von allem irdischen Leide befreit,

und so betrübt die Tante auch über den Verlust war, der sie betroffen, so

dankte sie doch Gott, daß er das Leiden der Armen nicht verlängert hatte.

Im Kreise ihrer Lieben wurde die Tante bald wieder ruhiger, und besonders

trug die Anwesenheit ihres geliebten Schwagers viel dazu bei, sie

aufzuheitern. Sie mochten viel und Wichtiges mit einander zu besprechen

haben, denn ich sah sie stundenlang zusammen in der Akazienlaube des Parkes

sitzen, oder in den saubern Kieswegen auf und nieder gehen, und auf der

Tante liebem Gesicht, deren verschiedenen Ausdruck ich jetzt sehr genau

kannte, ruhten dann noch lange Zeit ernste Gedanken. Eugenie sagte mir, ihr

Vater halte es für das Beste, dauernd von seiner Gattin getrennt zu werden;

doch die Tante redete noch immer wieder zum Guten, und nur zu gern ließ

sich der gemüthvolle Mann von diesem äußersten Schritte abhalten, immer

noch hoffend, die leichtsinnige Frau könne sich ändern. Wie innig bedauerte

ich diesen liebenswürdigen Mann, der so viel durch die Launen eines Weibes

zu leiden hatte, und wie sehr erkannte ich an diesem Beispiele, welch'

wichtige Sache eine sorgfältige Erziehung ist, die alle bösen und

verderblichen Anlagen im Keime erstickt.

19.

Die Reise.

Der Sommer war während dieser Zeit längst schon in das Land gezogen, der

Arzt trieb zur Abreise nach Teplitz, damit der allerdings sehr steife Fuß

des Barons durch die Kur vielleicht doch noch beweglicher werde, und so

rüsteten wir Alle uns denn zur Abreise. Ich half Eugenien treulich, die gar

zu wenig vom Einpacken verstand und es doch gern lernen wollte; aber erst

als ich sah, wie Tante Ulrike einpackte, merkte ich wohl, daß ich ebenfalls

nichts davon verstand und ging nun selbst erst in die Schule.

Da wir Trauerkleider trugen, bedurften wir keines großen Gepäckes, was

Tante überhaupt gern vermied; sie sagte, hohe Reisekoffer und zahllose

Schachteln und Kisten gäben ihr eine wenig vortheilhafte Meinung von der

dazu gehörenden Reisenden, denn entweder sei dieselbe sehr eitel oder sehr

unpraktisch. In der Folge sah ich selbst, wie angenehm es war, wenig Gepäck

mit sich zu führen, und war ordentlich stolz auf die kleinen Dimensionen

unserer Reiseeffecten im Vergleich mit denen anderer Mitreisenden.

Besonders Schachteln, Kästchen, Packete und derartige Gegenstände, die man

lose mit sich führt, vermied die Tante möglichst, und mit einiger Scham

gedachte ich jetzt der unzähligen kleinen Kistchen und Päckchen, welche

ich bei meiner Abreise vom Vaterhause um mich her thürmte; ich hätte sogar

meinen Kanarienvogel in seinem Bauer auf meinen Knieen mit mir entführt,

hätte Tante Ulrike dies nicht lächelnd abgewehrt.

Jetzt hatten wir nichts bei uns im Wagen, als ein Packet wohlgeschnürter

Schirme, ein Bündel Shawls, von Lederriemen umschnallt, und jede von uns

eine lederne Handtasche mit kleinen Bedürfnissen während der Reise, z. B.

Eau de Cologne, etwas Chocolade, ein kleines Nähzeug, ein Reisehandbuch

nebst Karte, Notizbuch, Bürste, Taschentuch und was dergleichen

wünschenswerthe Dinge mehr waren. Alles Unnütze mußte zurück bleiben,

so sehr ich oft bat und jammerte und nicht begreifen konnte, daß man auf

Reisen eben allerlei entbehren muß, sonst soll man zu Hause bleiben bei

seinem Comfort und seinen Siebensachen. Die Tante war früher mit ihrem

Manne viel gereist, da hatte sie ihre Erfahrungen gesammelt; einfach und

praktisch war sie ohnehin, und so konnte ich auch für dies neue Element

keine bessere Lehrmeisterin finden. Wie wundervoll verstand sie einen

Koffer zu packen! Ich hatte es versucht, aber bald war er voll und ein

ganzer Berg Sachen schaute trostlos darein, denn sie fanden keinen Platz

mehr in meinem Kofferchen. Da kam die Tante. Ruhig packte sie alles wieder

heraus, und nun machte sie sich an's Werk. Unten auf den Boden kamen die

schweren Sachen, wie Wäsche, Bücher u. dergl., dann sorgfältig gefaltet

Kleider und Röcke, und obenan in einer besonderen Abtheilung Kragen,

Tücher und dergleichen leichte Dinge. Bänder und Handschuhe und andere lose

Kleinigkeiten flüchteten sich zusammen in ein besonderes Kästchen, das sich

bescheiden in eine Ecke drückte, Lücken aber wurden nun durch Schuhe und

derartige Rückstände ausgefüllt; es war ein Vergnügen, wie schließlich

alles Platz fand; der kleine Koffer schien unter Tante's Händen Gummiwände

bekommen zu haben, so viel nahm er in sich auf.

Eugenie reiste einige Tage früher ab als wir, und Herr v. Jagow blieb in

der Gesellschaft seiner Kinder, um Eugenien alle Reisesorgen abzunehmen.

Später wollte er mit uns wieder zusammentreffen, falls er Eugenien

verlassen konnte; ein kleiner Badeort in den Bayrischen Alpen sollte uns

wieder vereinigen.

Unsere Fahrt war Anfangs nicht sehr unterhaltend, denn sie führte uns

durch langweilige Gegenden der Mark. Um so mehr hatte ich Muße, die

Reisegesellschaft zu beobachten, welche sich in dem Eisenbahncoupé mit uns

befand. Es waren einige Damen, alte und junge; zwei davon saßen schweigsam

in ihrer Ecke, die dritte jedoch begann mit der Tante und mir sehr bald ein

Gespräch und schien sich für alles zu interessiren, was man ihr mittheilte.

Aber die Tante hatte augenscheinlich keine sehr große Lust, sich mit ihr

zu unterhalten, sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Die

gesprächige Dame widmete sich mir nun ganz allein, und obwohl ich keinen

großen Gefallen an ihrer Art und Weise fand, so hielt ich mich doch für

verpflichtet, ihr über alles höflich Rede zu stehen, wonach sie fragte.

So erfuhr sie denn gar bald all' meine Verhältnisse, Namen und Stand der

Tante, sowie Zweck und Ziel unserer Reise. Sie war sehr erfreut zu hören,

daß wir das Bayrische Gebirge besuchen wollten, denn auch sie reiste

dorthin und suchte Gesellschaft, welche sie in uns glaubte gefunden

zu haben. Sie versprach, sich ganz nach uns richten zu wollen, gute

Gesellschaft sei ihr die Hauptsache; eine einzelne Dame sei auf Reisen gar

zu schlimm daran. Ich konnte ihr darin nicht Unrecht geben, und da sie

eine gutmüthige, gescheute Dame zu sein schien, so ging ich auf ihre

Anerbietungen freundlich ein. Nun fing sie an, die Tante mit Fragen zu

bestürmen, wohin sie gehen würde, damit sie sich danach richte; diese aber

schien verstimmt und gab ihr ausweichende Antworten.

Bei dem nächsten Anhaltepunkte wechselte die Tante zu meiner Verwunderung

den Wagen.

»Gefiel es dir nicht in jenem Coupé, Tantchen?« fragte ich. »Wir hatten ja

so gute Gesellschaft.«

»Nein, Kind, die Zudringlichkeit jener Dame war unerträglich!« sagte

die Tante. »Sie gehörte sicher nicht zu der besten Art Frauen; ihr Wesen

mißfiel mir vom ersten Augenblicke an.«

»Aber sie schien so gutherzig und reist so allein,« entgegnete ich

mitleidig. »Ich kann mir wohl denken, wie lieb es ihr sein muß,

Gesellschaft zu finden.«

»Das verstehst du nicht, Kind,« lächelte die Tante. »Sie wird nicht lange

allein sein, darüber mache dir keine Sorgen. Nur auf unsere Gesellschaft

wird sie verzichten müssen, wir passen nicht für sie. Uebrigens sei

vorsichtiger, mein Töchterchen, und erzähle nicht Jedem gleich, wer wir

sind, und was wir treiben. Auf Reisen trifft man gar zu häufig mit Personen

zusammen, vor denen man sich zu hüten hat. Lieber zu schweigsam gegen deine

Reisegesellschaft, als zu offenherzig; besonders ein junges Mädchen kann

hierin nicht vorsichtig genug sein.«

Ich beachtete den Rath der Tante und bemerkte nun allerdings, wie

zurückhaltend die meisten Mitreisenden waren, besonders die Damen.

Gemüthlich war das freilich nicht, aber es gab bald so viel zu sehen, daß

ich der Unterhaltung gern entbehrte.

Daß die Tante aber Recht hatte mich zur Vorsicht zu ermahnen, zeigte mir

kurze Zeit darauf unser Zusammentreffen mit jener gesprächigen Dame, wovon

ich hier gleich erzählen will. In dem reizenden Parthenkirchen nämlich, wo

wir uns längere Zeit aufhielten, gingen wir eines Tages im Thale spazieren

in Begleitung einer sehr angenehmen Familie aus Berlin, welche wir dort

getroffen. Nach einiger Zeit hörten wir Lachen und laute Stimmen einer uns

entgegenkommenden Gesellschaft, und bald erkannte ich in einer der Damen

unsere lebhafte Reisegefährtin. Sie war höchst elegant gekleidet und schien

sich durchaus nicht mehr über Einsamkeit beklagen zu können, denn eine

Menge junger, eleganter Herren umgab sie, und die Unterhaltung war sehr

heiter. Plötzlich erblickte sie uns und eilte auf uns zu.

»Ah, Frau von Jagow, wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und Sie,

Fräulein Gretchen, wie geht es Ihnen? Welch reizendes Zusammentreffen!«

Die Tante erwiederte den Gruß mit auffallender Kälte; ich freute mich auch

durchaus nicht, die Dame wieder zu sehen, die mir heute noch viel weniger

gefallen wollte; doch gab ich ihr freundliche Antworten auf ihre Fragen,

das ging doch nicht anders. Sie schien große Lust zu haben, in unserer

Gesellschaft zu bleiben, aber bald besann sie sich eines Bessern und folgte

dem Rufe ihrer Begleiter, welche sehr befreundet mit ihr zu sein schienen.

»Wie in aller Welt kommen Sie zu dieser Bekanntschaft!« rief lachend Herr

von Barnheim, sobald die Dame uns verlassen.

»Sie ist mit uns gereist, weiter kenne ich sie nicht,« entgegnete die

Tante. »Wissen Sie vielleicht etwas Näheres über dieselbe?«

»O, so viel als alle Gäste von Parthenkirchen, mehr auch nicht!« lachte

Herr von Barnheim. »Aber mich dünkt, es ist eben genug, Ihnen zu rathen,

sich die gute Dame etwas fern zu halten, denn für Fräulein Gretchen scheint

sie mir nicht gerade der passendste Umgang. Wie ich höre ist sie Mitglied

verschiedener wandernder Schauspielertruppen gewesen und hat überall die

verschiedensten Aventuren gehabt.«

Ich wurde blutroth und freute mich, daß unser Spaziergang bald ein Ende

hatte, damit wir der Dame nicht etwa noch einmal begegneten. Am andern Tag

erfuhren wir, daß dieselbe weiter gereist sei, und das erleichterte mein

Herz außerordentlich, denn nun waren wir hoffentlich von ihrer Gesellschaft

befreit.

Nach dieser Abschweifung jedoch kehre ich wieder zum Anfang unserer Reise

zurück, denn noch waren wir unterwegs, und zum ersten Male fuhr ich durch

ein fremdes Land. Ueber die Grenze von Preußen war ich bis jetzt nie

gekommen, nun flogen wir durch Sachsen und dann abermals nach einem anderen

Lande: das schöne Bayern lag vor uns.

In Sachsen fing die Gegend zuerst an, einigen Reiz zu bieten, besonders das

schöne Elsterthal gefiel mir ausnehmend, und mit Staunen betrachtete ich

die gewaltigen Eisenbahnbrücken, welche sich über das Thal spannen. Hof in

Bayern war unser erstes Nachtquartier; andern Tages fuhren wir an Kulmbach

vorüber, dessen Schloß höchst malerisch vom Felsen herab schaut, und

während allen Reisenden das treffliche Bier mundete, das erste echt

bayrische, ließ die Tante uns Kaffee zur Erquickung bringen. Sie selbst

trank wenig und ging im Freien auf und nieder, ich aber setzte mich in dem

netten Zimmer der Restauration an einen Tisch und machte es mir bequem,

legte Hut und Handschuhe ab, ordnete mein Haar und blies dem heißen Kaffee

von Zeit zu Zeit Kühlung zu. Eben wollte ich anfangen ihn behaglich zu

schlürfen, da läuteten die Glocken zum Einsteigen, die Tante rief, und

traurig mußte ich meinen schönen Kaffee im Stiche lassen. Aber das war eine

gute Lehre, von nun an beeilte ich mich besser. Die schöne Gegend tröstete

mich bald über den kleinen Verdruß, denn wir näherten uns Bamberg, fuhren

an dem schönen Kloster Banz vorüber, und in der Ferne lagen die grünen

Berge der fränkischen Schweiz.

In Bamberg blieben wir einige Tage. Was ist das für eine nette Stadt; wie

prächtig liegt sie da, umkränzt von sanften Bergen und geschmückt mit dem

stattlichen Dom und der Ruine Altenburg auf der Höhe! Bei prächtigem Wetter

stiegen wir zu diesem alten Schlosse hinauf. Wie freute ich mich an der

schönen Gegend, Berge sah ich zum ersten Male; ich wünschte mir Flügel, um

mich dort hinauf zu schwingen; wie weit mußte man da oben sehen können!

Geschichtliche Erinnerungen sprachen auf dem alten Schlosse zu uns, denn

im Jahre 1208 soll in dem Thurmzimmer, in welchem wir uns ausruhten, der

Kaiser Philipp von Schwaben durch Otto von Wittelsbach umgebracht worden

sein. Mir grauste, obwohl mir der nie verlöschende Blutfleck am Boden

nicht echt erscheinen wollte; dergleichen Flecke gehören aber nun einmal zu

solchen grausenhaften Geschichten.

In Hof, wo wir unser erstes Nachtquartier hielten, war ich am Morgen der

Abreise nur mit Mühe und Noth mit meinem Anzug fertig geworden; denn zuerst

ließ ich sehr sorglos die Zeit vergehen, und schließlich mußte ich in

höchster Eile mein Haar nur halb geflochten unter den Hut stecken, da der

Omnibus vor der Thür stand, uns abzuholen.

In Erinnerung an diese Angst und Hast stand ich denn am Morgen unserer

Abreise von Bamberg sehr früh auf und war mit Anziehen, Einpacken und

Frühstücken so zeitig fertig, daß ich die Tante um Erlaubniß bat, noch ein

wenig in den Straßen umher gehen zu dürfen. »Versäume nur die Zeit nicht!«

mahnte Tante Ulrike, gewährte mir aber gern meinen Wunsch. So strich ich

denn frohen Sinnes in den Straßen auf und nieder und vertrieb mir die Zeit

sehr angenehm, denn es war gerade Markttag, und zu allen Thoren kamen die

Landleute in fremdartiger Tracht mit ihren Waaren herein, und buntes Leben

herrschte bald überall.

Auch in den schönen Dom trat ich noch einmal zum Abschied, betrachtete mir

die alten Bilder und Grabsteine, besonders das berühmte Denkmal von Kaiser

Heinrich II. und seiner Gemahlin Kunigunde, und so bemerkte ich nicht, daß

es schon spät geworden, bis die Uhr am Glockenthurm über mir plötzlich die

Stunde schlug. Erschrocken eilte ich fort, denn die Zeit unserer Abreise

war nahe, und noch hatte ich den Rückweg vor mir. Hastig schritt ich durch

die Straßen; ich meinte, den Weg zu wissen, aber welch' ein Schrecken, ich

mußte mich verirrt haben, denn plötzlich war ich wieder auf dem Platze

am Dom, von wo ich ausgegangen. Ich fragte mich nun von Straße zu Straße,

einer zeigte hier-, der ander dorthin; in Schweiß gebadet lief ich immer

vorwärts, der nächste Weg konnte es unmöglich sein, den man mir angab. Gern

hätte ich einen Wagen genommen, aber nirgends traf ich einen leeren; dem

Weinen nahe bat ich endlich einen Knaben, mich zu begleiten, und athemlos

gelangte ich an unserem Hôtel wieder an.

Die Tante war in großer Sorge um mich; den Frühzug hatten wir versäumt und

mußten nun mit dem Mittagszuge fahren. Ich war sehr niedergeschlagen über

meine Unbesonnenheit, die Tante jedoch tröstete mich; heute habe unsere

Versäumniß ja nichts zu bedeuten; für ein anderes Mal möchte ich es mir zur

Lehre nehmen, denn in fremder Stadt könne mir in Zukunft dergleichen öfter

passiren.

Aber die Irrfahrten am Morgen waren nur das Vorspiel von anderweitigem

Ungemach, das mir an dem Tage zustieß; man hat so seine Unglückstage, ich

mußte heute wohl mit dem linken Fuße zuerst aus dem Bette gestiegen sein.

Als wir nämlich Mittags endlich glücklich auf der Eisenbahn angekommen

waren und unsere Plätze gewählt hatten, stieg die Tante noch einmal aus

dem Wagen, da sie soeben eine alte Bekannte in einem andern Coupé gesehen

hatte, welche sie begrüßen wollte. Sie übergab mir die Reisebillets und

eilte fort. Im selben Augenblicke wurde köstliches Obst vorbei getragen,

und ich sowie alle Mitreisenden kauften davon. Man drängte sich um die

offene Thür, an der ich saß, ich reichte dienstfertig Obst nach allen

Seiten, nahm dafür Geld in Empfang, kurz war sehr eifrig in diese

Angelegenheit vertieft und ordnete dann geschäftig unsere Sachen, die noch

umher lagen.

Da kam die Tante und mit ihr der Beamte, welcher die Billets einforderte.

Ich griff nach den unsrigen, welche die Tante mir gegeben, -- sie waren

fort! Bestürzt suchte ich am Boden, auf den Kissen, kehrte alle Taschen um,

schüttelte Kleid und Tuch aus, alle Mitreisenden halfen suchen, -- es war

umsonst, die Billets waren nirgends zu finden. Nur der weiße Gepäckschein

fand sich vor, die anderen Zettel mußten mir beim Handeln um das Obst

verloren gegangen sein; ich konnte mich nicht besinnen, sie wieder gesehen

zu haben, seit die Tante sie mir auf den Schooß gelegt.

Der Beamte zuckte die Achseln und bedauerte das Mißgeschick, aber ohne

Billet konnte er uns beim besten Willen nicht reisen lassen; wir mußten

aussteigen und neue Billets lösen. Es war die höchste Zeit, der Zug sollte

sogleich abfahren, und in Hast und Eile stürzte ich zum Wagen hinaus. Da

flog etwas neben mir zu Boden, es war eines der Billets. Gott sei Dank, so

war doch eins wenigstens da, das zweite freilich erschien nicht, wer

weiß, wohin sich das geflüchtet; ich eilte zur Kasse und war endlich froh,

überhaupt noch mit fort zu kommen.

Bitterlich weinend drückte ich mich in die Wagenecke; die gute Tante sagte

mir kein Wort des Vorwurfs, aber Scham und Aerger über meinen Leichtsinn

verbitterten mir den Genuß der ganzen Reise. »Du mußt künftig die Billets

sogleich in den Geldbeutel stecken, das ist der beste Platz,« sagte die

Tante später. »So wie dir heute ist es schon manch Anderem auch ergangen.

Dir wird es nun so leicht nicht wieder geschehen!« »Ja, nachdem du arme

Tante meine Thorheiten mit schwerem Gelde bezahlen mußtest!« seufzte ich,

ihr die Hand küssend. »Nun beruhige dich, Kind,« entgegnete sie liebevoll.

»Wenn man alle Thorheiten so leicht wieder gut machen könnte, so wäre es

ein Glück. Genieße jetzt die schöne Gegend und laß das Grübeln und Aergern,

ich vergebe dir alles von Herzen!«

Und wahrlich, bald gab es so viel Schönes und Interessantes zu sehen, daß

es mit freiem, frohem Herzen genossen sein wollte, und so war ich der

Tante innig dankbar für ihre Güte und Nachsicht. Wie entzückte mich das

prächtige, alterthümliche Nürnberg, wohin wir nun kamen; wie konnte ich

mich nicht satt sehen an dieser merkwürdigen Stadt, voll von Schönheiten

aus dem Mittelalter. Jedes Haus hat dort seine besondere Physiognomie,

jedes Thürmchen, jeder Giebel, jede Dachrinne sogar den eigenthümlichsten

Schmuck; Malereien, Schnitzwerk, Thierköpfe und alle dergleichen Schnörkel

sieht man, wohin das Auge sich wendet, und das alles giebt den Straßen

ein lustiges, buntes und doch wieder so ehrwürdiges Ansehen. Natürlich

betrachteten wir alle Sehenswürdigkeiten der Stadt auf das Beste; da all

diese Dinge aber viel genauer und besser in Bädekers rothem Reisehandbuch

zu finden sind, so erspare ich euch und mir die Beschreibung.

Vor allem entzückte mich die Sebalduskirche mit dem herrlichen

Sebaldusgrabe. Was muß dieser Meister Peter Vischer für ein Mann gewesen

sein, so bürgerlich schlicht und doch so groß in seinen Werken. Die

prachtvolle Lorenzerkirche hob meine Seele mächtig zu Dem empor, zu Dessen

Dienste sie gebaut worden, und die wunderschöne Fensterrose über dem

gothischen Eingangsportale begeisterte mich sogar zu einem kleinen

poetischen Versuche, den ich ehrlich mittheilen will, da ich hier doch nun

einmal all meine Schwächen und Thorheiten zum Besten gebe. Ich hoffe, meine

lieben jungen Freundinnen werden ein gnädig Gericht ergehen lassen; welche

von ihnen hätte nicht auch einmal ein Verschen versucht. Das meine also

heißt:

Die Rose.

Zu Nürnberg, dem alten,

Im lieben Bayerland,

Da blüht eine köstliche Rose,

Gar weit und breit bekannt.

Sie blühet seit grauen Zeiten

Schon manch Jahrhundert dort,

Und immer noch duftet und strahlet

Die Krone der Blumen fort.

Noch hat aus dem blühenden Schooße

Die Zeit kein Blättchen geraubt,

Von Wetter und Sturm unberühret

Erhebt sie zum Himmel das Haupt.

Sie blüht an geheiligter Stätte

In wunderlieblichem Glanz,

Und schlanke Säulen und Bogen

Umziehn sie in herrlichem Kranz.

Aus ihrem schimmernden Kelche

Umwehet uns heiliger Duft,

Wie holde, liebliche Klänge

Durchzittert es leise die Luft.

Und auf ihren glänzenden Schwingen

Trägt sie die Sonne empor;

Sie strahlet im Dienste des Höchsten,

Wie Engel im himmlischen Chor.

Und willst du die Rose kennen?

Zu Sanct Lorenzen dort

Da blüht sie im hohen Portale

Als Fenster-Rose fort!

Soll ich nun auch noch das andere zum Besten geben, wozu das allerliebste

Gänsemännchen mich angeregt? Schön ist's nicht, aber es sei darum! Also:

Auf dem Markt zu Nürrenberg

Steht ein Bauersmann,

Lieben Leute, kommt herbei,

Seht den Mann euch an.

Gänse hat er unterm Arm,

Bringt sie wohl zu Kauf?

Nimmt sie ihm denn Niemand ab?

Macht den Beutel auf!

Aber wie? sie scheinen euch

Nicht recht fett zu sein,

Auch der Preis ist viel zu hoch.

Und die Gans zu klein!

Ei das fährt dem Bäuerlein

Garstig in den Sinn,

Auf den Nürrenberger Markt

Tritt er trotzig hin.

Und dem, der zu nah ihm kommt

Diesem kleinen Wicht,

Speien seine Gänse gleich

Wasser ins Gesicht.

Und so steht er heute noch,

Allen wohl bekannt

Auf dem Nürrenberger Markt,

Gänsemann genannt.

Unerwähnt kann ich außerdem aber Eines nicht lassen, das ist der

Johanneskirchhof bei Nürnberg, die eigenthümlichste Grabstätte, die man

sehen kann. Edle Männer sind hier einst zur Ruhe gegangen, wie Hans Sachs,

Albrecht Dürer, Peter Vischer und andere große Bürger des alten Nürnberg.

Aber keine Kreuze, Urnen oder glänzende Denkmäler, keine blumenbedeckten

Gräber, keine Bäume und Rasenhügel erheben sich an dieser Ruhestätte;

sondern Seite an Seite, dicht an einander gereiht, bedecken hier mehr als

3000 große flache Sandsteine die ganze Länge und Breite ihrer Gräber.

Sie sind verziert mit den eisernen Wappen und Namenszügen der alten

Geschlechter, welche seit Jahrhunderten unter diesen Steinen schlafen

gegangen. In die ausgemauerte Gruft unter denselben wird Sarg auf Sarg

gestellt, alle Glieder der Familie bei einander, alle bedeckt von demselben

Grabsteine, der schon vor Jahrhunderten ihre Vorfahren deckte. Wahrlich,

eine Ahnentafel, ernst und gewaltig, von der Hand des Todes selbst auf den

Stein eingegraben!

Das schöne Nürnberg verließ ich sehr ungern, aber es lag ja noch Schöneres

vor uns, die Herrlichkeit, die keines Menschen Hand geschaffen, die

wunderbare Alpenwelt! Den Besuch von München, das auf unserem Wege lag,

verschoben wir bis zur Rückreise, denn Herr v. Jagow, welcher jetzt dort

lebte, wollte alsdann unser Führer sein.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 14 / 17 段