Nun gab mir die Tante Anweisungen, was ich zu thun habe, welche Sachen ich

ihnen durch Lisetten schicken, und welche Anordnungen ich treffen sollte.

Mit schwerem Herzen kehrte ich allein nach Haus zurück und besorgte

treulich, was die Tante mir aufgetragen. Dann eilte ich zu meiner Freundin

Marie, welche schon von dem Unglück gehört und mich in großer Aufregung

erwartete. Marie's Mutter ließ mich nicht wieder fort, als sie die Lage

der Dinge gehört, und so war ich während dieser Leidenstage der Gast meiner

liebsten Freunde. Daß dies für mich unaussprechlich trostreich war, könnt

ihr euch wohl denken, meine lieben Leserinnen, denn gegen wen hätte ich

mein banges, übervolles Herz freier aussprechen können, als gegen meine

theure Marie und deren treffliche Mutter! Ich schlief mit Marie zusammen in

deren Zimmer, das war unbeschreiblich gemüthlich, und unsere Gespräche beim

Schlafengehen zogen sich oft sehr in die Länge. Immer wieder wünschten wir

uns gute Nacht und beschlossen nun endlich zu schlafen, aber immer wieder

fiel uns dann noch etwas gar zu Wichtiges ein, das die Andere erfahren

mußte, und die Frage: »Marie, schläfst du schon? Gretchen, bist du noch

wach?« war der stete Wiederbeginn neuer Erzählungen und Herzensergüsse.

Fast täglich fuhr ich nach Schloß Senftenburg, wohin des Barons Wagen mich

führte, und Marie oder deren Mutter begleiteten mich häufig. Der Zustand

des Kranken war in den ersten Tagen ein sehr beunruhigender gewesen, denn

er fieberte heftig und schien viel Schmerzen zu leiden. Eugeniens Gegenwart

hatte ihn zuerst etwas aufgeregt, aber nach einem leisen, kurzen Gespräch,

das sie mit ihm führte, schien eine wunderbare Ruhe über ihn zu kommen,

und das geliebte Mädchen durfte bei ihm bleiben, wie sie es gewünscht, und

welche treue, sorgfältige Wärterin ward nun die verwöhnte Salondame! Die

Tante konnte mir nicht genug erzählen, welche Veränderung mit Eugenien

vorgegangen war. Aller Leichtsinn, alles oberflächliche, unbesonnene Wesen

war stillem Ernst und gewissenhafter Pflichterfüllung gewichen. Nur auf

kurze Stunden konnte man sie in den ersten bangen Tagen von dem Lager

des Kranken entfernen, damit sie selbst der Ruhe pflege. Sie wachte fast

eifersüchtig darüber, daß alles, was der Kranke genoß, nur durch ihre Hände

ging, und mit der sorgfältigsten Pünktlichkeit beobachtete sie die Stunden,

an denen die verschiedenen Arzneien gegeben und Umschläge gemacht wurden,

oder sonstigen Anordnungen der Aerzte nachzukommen war.

Die Kopfwunde heilte schnell, und der Kranke konnte sich bald der

Gesellschaft seiner Eugenie besser erfreuen, da der Arzt nun Beiden das

Sprechen erlaubte, das in der ersten Zeit fast ganz verboten war. Bald

konnte sie ihm auch vorlesen, ihm mit Musik die Zeit kürzen, und die

Tante, welche die Sorge für das Hauswesen übernommen hatte, leistete Beiden

treulich Gesellschaft. Kam auch ich hinzu, oder gar eins unserer Freunde,

so versammelte sich ein heiterer Kreis um den theuren Kranken, dessen Augen

mit rührender Dankbarkeit von Einem zum Andern schweiften, zuletzt aber

immer mit wahrhafter Verehrung an seiner schönen Braut hafteten. Eugenie

wurde dann zuweilen wieder das lustig neckische Kind mit den schelmischen

Augen, aber im Ganzen war durch diese Leidenszeit ein stiller, weicher

Ernst über sie gekommen, der mir oft die Thränen in das Auge trieb. Sie

klagte nie, selbst nicht in den ersten Tagen der Angst, oft aber sah ich,

wie ihr Blick inbrünstig gen Himmel gerichtet war, von dort hoffte und

erwartete sie alles. Der Beinbruch heilte sehr langsam und schien den

Aerzten große Sorge zu machen, da es ein Splitterbruch war, dessen völlige

Heilung selten gelang.

»Arme Eugenie, einen Krüppel kannst du doch nicht heirathen!« sagte der

Baron eines Tages mit Thränen im Auge. Eugenie überflog leises Zittern.

»Meinst du, dein Fuß müsse doch noch abgenommen werden?« fragte sie

angstvoll.

»Das fürchte ich gerade nicht, da es bis jetzt nicht geschehen ist,«

erwiderte der Baron. »Aber steif bleibt das Gelenk sicher, darüber will ich

mich selbst nicht täuschen.«

»Hoffen wir doch lieber das Beste, Arthur!« entgegnete Eugenie sanft

lächelnd. »Du hast so gute Aerzte, die Heilung gelingt gewiß.«

Der Baron schwieg, doch bemerkte Tante Ulrike, daß er seit diesem Gespräche

oft unruhig war, und seine Augen mit sorgenvoller Angst auf Eugenien

hafteten. Doch sprach er seine Besorgniß nicht wieder gegen sie aus und

schien selbst zuversichtlicher seiner Heilung entgegen zu sehen.

Woche um Woche verging, der Verband des Fußes war erneuert worden, wieder

vergingen einige Wochen, und jetzt sollte der Hauptverband abgenommen

werden. Der Baron konnte seine Aufregung kaum bemeistern, er hatte ein

langes Gespräch mit Tante Ulrike, und auch diese schien erregt; nur Eugenie

erwartete ruhig die wichtige Stunde und war heiter und zuversichtlich. Den

Tag zuvor kam sie mit der Tante nach der Stadt, wie sie in letzter Zeit

öfters gethan; aber kaum waren einige Stunden vergangen, als die Tante

einen Brief vom Baron erhielt mit einer Einlage an Eugenien. Der Verband

war heute schon abgenommen worden.

Eugenie erbrach schnell die Zeilen und wurde bleich, dann setzte sie sich

still an das Fenster und blickte gedankenvoll gen Himmel. Tante Ulrike

stürzten die Thränen aus den Augen, als sie ihren Brief gelesen. Sie ging

schnell zu Eugenien und schloß sie in ihre Arme.

»Gott legt dir Schweres auf, mein Kind!« sagte sie sanft. »Wo dein Glück so

nahe vor dir lag, sendet er dir solch harte Prüfung. Der Baron hat dir doch

mitgetheilt, wie es mit ihm steht?«

»Tante, ich wußte, daß es so kommen würde!« entgegnete Eugenie fest aber

weich. »Ich habe gehört, daß die Aerzte nach dem Abnehmen des ersten

Verbandes unter sich die traurige Gewißheit aussprachen, das Knie werde

steif bleiben; ich habe also nichts anderes erwartet.«

»Du wußtest das, Kind, und warst doch die Ruhigste und Heiterste während

dieser ganzen Zeit?« rief die Tante staunend. »Weißt du denn auch, was das

sagen will, ein steifer Fuß?«

»O ja, Tante, ich weiß, daß viel Beschwerde und ein schleppender Gang und

Krückstock damit zusammenhängt,« sagte Eugenie mit zitternder Stimme, und

indem einige schwere Thränen über ihre Wangen liefen. »Aber ich weiß auch,

daß ein solcher Mann doppelt seines Weibes bedarf.«

»Aber er entbindet dich deines Gelübdes, Eugenie,« sagte die Tante leise.

»Du hast einem gesunden, kräftigen Manne dein Wort gegeben; dich als das

Weib eines Krüppels zu sehen würde ihm ewig schmerzlich sein. Ueberlege es

wohl, mein Kind, du bist jung und frisch und voll Ansprüche an das Leben,

wird dir der gelähmte Gatte nicht bald unsäglich hinderlich sein? Wirst du

nicht mit der Zeit die Fesseln gar zu drückend empfinden, welche dir durch

seine Unbehülflichkeit angelegt werden? Du übernimmst doppelte Pflichten,

und hast du sie einmal übernommen, so mußt du sie auch treu und willig

erfüllen!«

»Ich danke dir für deine lieben Worte, Tante Ulrike,« sagte Eugenie mit

ungewohnter Milde. »Es war deine Pflicht, mir das zu sagen, und meines

Bräutigams Zartgefühl gebot ihm ebenfalls, mich bei der jetzigen traurigen

Lage der Dinge meines Gelübdes zu entbinden. Aber da ihr nun gethan habt,

was euer Gewissen euch lehrte, so laßt jetzt auch das meine ein Wörtchen

mitsprechen. Sage ehrlich, Tante Ulrike, hältst du mich wirklich für so --

nun welches Wort soll ich nur gebrauchen, um das genügend auszudrücken,

was ich mir zu Schulden kommen ließe, verweigerte ich jetzt, die Gattin

des edlen Mannes zu werden, der durch sein Mißgeschick ohnehin unglücklich

genug geworden ist? Ich bin ein unsäglich oberflächliches, leichtsinniges

Mädchen gewesen, dem nichts ernst und heilig schien, und das in ihrer

Verzogenheit sicher grenzenlos anspruchsvoll und unliebenswürdig gewesen

ist. Aber, meine liebe Tante, jetzt steht die alte Eugenie nicht mehr vor

dir. Dir und Gretchen danke ich mehr, als ich je im Leben wieder vergelten

kann! Ihr habt Beide viel von mir ertragen; aber wenn ich es euch auch nie

zeigen mochte, tief im Herzen drin habe ich vom ersten Augenblicke an wohl

empfunden, in welch' treue Hände mich der liebe Gott geführt hatte. Und was

nun noch Verwerfliches und Thörichtes in meinem Herzen kämpfte, das haben

die letzten Leidenstage vollends vertilgt. Arthur wird mit Gottes Hülfe ein

braves Weib in seiner Eugenie erhalten. Glaubst du das, Tante?«

Ich konnte Tante Ulrike's Antwort nicht hören, denn den Kopf in mein

Taschentuch gedrückt schluchzte ich bitterlich. Aber jetzt umschlossen mich

Eugeniens Arme, und mit ihrem alten neckischen Tone zog sie mir das Tuch

von den Augen.

»Nun ist doch meine kleine Gouvernante mit ihrem Zöglinge zufrieden, nicht

wahr Gänseblümchen?« fragte sie schmeichelnd und blickte mit inniger Liebe

in mein Gesicht. »Solche abscheulich lange Reden zu halten habe ich

von meinem ehrpußlichen Backfischchen gelernt, habe ich es gut gemacht,

Kleine?«

Daß ich statt aller Antwort an ihrem Halse hing und ihr liebe, süße Worte

sagte, die ich jetzt freilich nicht recht mehr weiß, versteht sich wohl von

selbst. Es war eine innige, unvergeßliche Stunde, welche unsere Herzen für

das Leben an einander fesselte.

Ein ankommender Brief an Tante Ulrike lenkte unsere Gedanken bald auf

etwas anderes. Die Tante und mein Papa hatten eine einzige bedeutend ältere

Schwester, welche heftig erkrankt war und ihre Geschwister noch einmal zu

sehen wünschte. Mein Papa schrieb der Tante, er werde in den nächsten

Tagen der Bitte Folge leisten und hoffe, auch Tante Ulrike könne es

möglich machen, nach F. zu der kranken Schwester zu kommen. Ein Werk der

Barmherzigkeit werde es sein, könne Tante Ulrike bis zu dem Tode der alten

einsamen Schwester bei derselben bleiben; die zunehmende Schwäche der

Kranken scheine leider ihr nahes Ende zu bestätigen.

Die Tante war in großer Erregung; denn obwohl sie mit dieser etwas

wunderlichen Schwester nie viel Verkehr gehabt hatte, so hing sie doch

mit herzlicher Liebe an ihr und wünschte dringend zu ihr zu reisen.

Andererseits aber hielten sie die Pflichten gegen ihre beiden Pflegetöchter

zurück, denn wenn auch ich gern noch länger bei Marie's Eltern bleiben

konnte, was sollte aus Eugenie werden, die doch weder allein in Senftenburg

bleiben, noch gerade jetzt zu ihrer Mutter gehen konnte, ehe der Baron

gesund war.

Eugenie stand gedankenvoll am Fenster und trommelte auf den Scheiben.

»Tante,« sagte sie plötzlich, »ist nicht der dir so befreundete Prediger

Sommer der Geistliche unseres Kirchspiels?«

»Ja wohl, Kind, was willst du mit ihm?«

»Wo wohnt er, weißt du das?«

»Nun nicht weit von uns, in der Kronenstraße 12.«

»Danke!« Und sogleich verschwand Eugenie.

Wir blickten ihr verwundert nach und warteten begierig ihrer Rückkehr.

Nach einiger Zeit trat sie etwas bleich wieder in das Zimmer, legte Hut und

Shawl schnell ab und eilte in das Kabinet der Tante, wohin sich dieselbe

zurück gezogen. Ich hörte sie lebhaft mit einander sprechen, ohne etwas

Zusammenhängendes verstehen zu können, endlich aber kam Eugenie mit

glänzenden Augen zu mir und fragte erröthend: »Gretchen, willst du morgen

meine Brautjungfer sein, du und Marie?«

Ich fuhr erschrocken auf. »Morgen, Eugenie? Was meinst du denn?«

»Nun ja, morgen ist unsere Hochzeit, es fehlen mir nur die Zeugen dabei,

alles andere ist möglich gemacht worden,« sagte Eugenie lächelnd. »Der

Prediger Sommer ist ein braver Mann, er wird heute noch alles besorgen, was

nöthig ist; meinen Taufschein habe ich zum Glück zufällig hier unter meinen

Papieren, das war die Hauptschwierigkeit. Morgen ist Sonntag, da wird er

uns früh ein für alle Mal verkündigen, und nach der Kirche traut er uns in

Schloß Senftenburg. Bei Arthur bleiben muß ich, das geht nicht anders, und

damit die Tante reisen kann, will ich schnell Arthurs Frau werden, dann

darf Niemand etwas dagegen haben, daß ich allein bei ihm bleibe. Tante hat

soeben ihre Einwilligung gegeben, mir fehlen nur noch meine Brautjungfern

und für Arthur die Zeugen. Ich denke, Eduard und Dr. Hausmann werden uns

gern diesen Dienst erzeigen, ich werde sehr liebenswürdige Briefchen an sie

schreiben.«

»Aber der Baron, ist er denn damit einverstanden?« warf ich voll äußerster

Ueberraschung ein.

»Er will mich ja gar nicht mehr zur Frau haben, ich muß mich ihm schon mit

Gewalt aufdrängen und ihm die Sache über dem Kopfe fort nehmen!« lachte

Eugenie schelmisch und flog hinaus.

Das war doch nun wieder ganz und gar im Style von Eugenien! Gut und brav

und engelsgut, mehr als je zuvor, aber entschlossen, keck, amazonenhaft,

wie sie all ihr Lebtag gewesen! Ich schüttelte bedenklich mein

»ehrpußliches« Haupt, mit Eugenien zu sprechen, und eilte zu Tante Ulrike,

mit dieser die Sache zu berathen. Zu meiner großen Verwunderung fand ich

die Tante mit Eugeniens Entschluß ganz einverstanden und wurde sogleich mit

allen möglichen Aufträgen beehrt, welche ich eilig und schleunig besorgen

sollte. Sie selbst schrieb einige Briefe und kehrte dann nach Schloß

Senftenburg zurück, dort Vorkehrungen für die morgende Feier zu treffen,

begleitet von Pastor Sommer, welcher mit dem Prediger in Senftenburg gleich

selbst alles in Ordnung bringen wollte, damit das junge Paar auch hier

im Wohnorte des Barons in der Kirche aufgeboten wurde. Der Baron sollte

absolut nichts vorher von alle dem wissen, da er sonst sicher aus Rücksicht

für Eugenie seine Einwilligung nicht geben würde.

»Aber kehrt Eugenie heute denn nicht mit dir nach Senftenburg zurück? Und

was soll der Baron davon denken?« fragte ich unruhig Tante Ulrike.

»Nein, sie will ihn erst im Brautkranze wieder sehen, ich soll ihm sagen,

was ich will,« entgegnete die Tante lächelnd. »Mache nur jetzt und eile

dich, sonst bist du am Ende eine Brautjungfer ohne Kranz für die Braut.«

Ich stürzte davon, so schnell ich konnte, aber ehe ich noch irgend etwas

anderes besorgte, eilte ich zu meiner Marie, sie mußte erst alles

erfahren, selbst auf die Gefahr hin, daß ich für Eugenien keinen frischen

Myrthenkranz mehr bekäme.

18.

Ein froher Tag.

»Wird Eugenie heute auch nicht nach Senftenburg kommen, Tante Ulrike?«

fragte der Baron traurig, als die Morgenstunden des Sonntags vergangen

waren, und immer noch kein Wagen vorfahren wollte.

»O doch, lieber Baron!« entgegnete die Tante. »Sie wollte nur so gern mit

Gretchen erst in die Kirche gehen, dann kommt sie. Aber wie wäre es,

lieber Baron,« fuhr die Tante heiter fort, »wenn Sie heute einmal wieder

ordentliche große Toilette machten! Sie dürfen Ihren armen Fuß zwar noch

nicht in Bewegung setzen, aber außerdem sind Sie kaum noch ein Patient zu

nennen. Zeigen Sie das Ihrer Braut, überraschen Sie das liebe Kind, die Sie

nun lange genug in diesem vortrefflichem Krankenkostüme bewundert hat. Ja?

soll ich Ihnen den Johann schicken?«

Der Baron warf ängstliche Blicke bald auf die Tante, bald auf seinen noch

immer etwas verbundenen Fuß, dann sagte er: »Wenn Sie glauben, Eugenie

freut sich darüber, so will ich es sogleich thun. Aber, liebe Tante,« fuhr

er zögernd fort, »sagen Sie mir zuvor nochmals ganz offen, glauben Sie

wirklich, daß Eugenie jetzt doch noch meine Frau werden will?«

Der Tante Gesicht wurde ernst. »Lieber Baron,« sagte sie fast streng, »ich

wiederhole es Ihnen noch einmal, Ihr Zweifel an Eugeniens edlem Sinn wird

das gute Kind beleidigen; darum bitte ich dringend, sagen Sie solche Worte

nicht mehr. Glauben Sie denn so wenig an Eugeniens Liebe zu Ihnen? Halten

Sie dieselbe wirklich für fähig, anderen Sinnes zu werden, es sei, aus

welchem Grunde es wolle?«

»Aber beste Tante, bedenken Sie doch, die wunderschöne Eugenie das Weib

eines Krüppels!« seufzte der Baron.

»Ach was, Krüppel!« rief die Tante heftig. »Was ist's denn weiter! Ein

etwas steifer Fuß macht noch lange keinen Krüppel! Sie wissen noch gar

nicht einmal, ob er wirklich so steif ist, als Sie fürchten, und dann

wollen wir erst die Wirkung von Teplitz abwarten; wer weiß, ob da nicht

alles noch ganz gut wird, und Sie über's Jahr nicht mit Eugenien um die

Wette reiten; nur etwas weniger tolle Pferde, wenn ich bitten darf.«

Der Baron küßte Tante Ulrike's weiche Hand voll kindlicher Zärtlichkeit,

diese aber nickte ihm freundlich zu und ermahnte ihn, ja recht sorgfältige

Toilette zu machen, er wisse ja, die schöne Eugenie halte etwas darauf.

Eben war er fertig und blickte noch einmal prüfend in den vorgehaltenen

Spiegel, da fuhr ein Wagen vor. Ein zweiter und dritter folgte, und

verwundert über den zahlreichen Besuch schickte der Baron seinen Diener

fort, ihm Kunde zu bringen, wer gekommen sei.

»Fräulein von Jagow und einige Freunde und Freundinnen aus der Stadt,«

meldete der Diener. »Sie werden gleich um die Ehre bitten, dem Herrn Baron

ihre Aufwartung machen zu dürfen; die Damen ordnen nur noch ihre Toilette,

da der arge Wind sie sehr staubig gemacht hat.«

Es dauerte sehr lange, ehe besagter Staub von den Toiletten entfernt

war, und fast wurde der Baron ungeduldig. Endlich aber öffneten sich die

Flügelthüren, und an der Hand der Tante Ulrike trat Eugenie in das Zimmer,

im lieblichsten Brautschmuck. Ihnen folgten Marie und ich, ebenfalls

festlich geschmückt, dann Maries Eltern, und endlich Eduard und Dr.

Hausmann, frische Blumensträuße im Knopfloch.

Tante Ulrike führte die hoch erglühende Braut ihrem Geliebten zu und sagte,

Eugenie bringe ihm selbst die Antwort auf seine gestrige Frage, indem sie

ihren Verlobten bitte, sie heute schon als Gattin heimführen zu wollen,

falls es ihm selbst nicht etwa leid geworden sei.

Der Baron glaubte zu träumen. Er vergaß seinen kranken Fuß und wollte vom

Lehnstuhle aufspringen, aber Tante Ulrike drückte ihn sanft wieder auf

denselben nieder.

»Eugenie, ist das dein Ernst?« stammelte er nun und streckte die Arme nach

der Geliebten aus. Eugenie verhüllte das Gesicht mit ihren Händen, und an

seiner Seite niedersinkend lehnte sie den Kopf an seine Schulter. Er legte

beide Arme um die geliebte Braut und hielt sie still und selig umschlungen.

Feierliche Stille lag über uns Allen, Marie und ich drückten uns die Hände

und weinten leise, und Tante Ulrike hatte das Tuch vor den Augen.

Da öffneten sich wieder die Flügelthüren des Nebenzimmers, und zwischen

hohen Gewächsen und frischen Blumen war ein kleiner Altar errichtet, an

welchem Prediger Sommer das Brautpaar erwartete. Einige Diener rollten

des Barons Lehnstuhl zu ihm hin, Eugenie kniete an der Seite des Geliebten

nieder, und die Feier begann. Im Hintergrunde des Zimmers, von den

Blumen verdeckt, standen einige Sänger und Sängerinnen aus unserem

Bekanntenkreise, und ihnen hatten sich einige Burschen aus dem Dorfe

angeschlossen, dessen Schullehrer sie im Gesang trefflich geschult hatte.

Sie begrüßten das Brautpaar mit sanften Tönen, dann sprach der Geistliche

ernste und milde Worte und vollzog die Trauung. Bei der Beglückwünschung

der Neuvermählten ließ Tante Ulrike eine Menge Einwohner des Dorfes in das

Zimmer treten, welche dringend baten, dem lieben Herrn ihre Glückwünsche

bringen zu dürfen, und vom Hofe herauf erschallte endloser Jubel, denn dort

war das ganze Dorf versammelt, Alt und Jung, welche Alle auf die wunderbare

Nachricht herbeiströmten.

Ein frohes Festmahl, das Tante Ulrike gestern schnell angeordnet, folgte

der Feier, und auch das ganze Dorf erhielt seinen Antheil; denn auf dem

Rasen des Hofes erhoben sich bald lange Tafeln, auf denen die Knechte und

Mägde des Gutes, sowie sämmtliche Kinder aus dem Dorfe gespeist wurden.

Es war eine unvergeßlich frohe Hochzeit, und der Baron bald weich und voll

stillen Glückes, bald so lustig und übersprudelnd von Humor und Neckerei,

daß man ihn gar nicht wieder erkannte. Am Abend mischten wir jungen Leute

uns unter die Tänzer des Dorfes, und die Burschen trugen den Kopf noch

einmal so hoch, wenn ihre schöne junge Herrin mit ihnen tanzte. Der Baron

freilich konnte die jungen Bauerdirnen nicht auch stolz machen, indem er

sich mit ihnen umherdrehte, aber getanzt hatte er ja überhaupt nie, da

wußte es niemand anders. »Ueberhaupt,« sagte der Baron lächelnd zu seiner

schönen Frau, »jetzt habe ich doch eine Entschuldigung, wenn ich in meiner

Steifheit alle Stühle und Tische umwerfe; denn nun heißt's: »der arme Mann

hat einen lahmen Fuß, er kann nichts für seine Tölpelei.«

Erst spät wurde es still auf Schloß Senftenburg, denn als die Nacht herein

brach, und die Wagen der Gäste zum Schloßthore hinaus rollten, kam noch

ein prächtiger Fackelzug die Dorfstraße herauf. Die Bauern brachten ihrer

lieben Herrschaft noch ein jubelndes Lebehoch zum Abschied, und unter

Jauchzen und Fackelschein fuhren wir fröhlich zum Dorfe hinaus.

Diesem frohen Feste folgte nun eine stille Zeit, denn Tante Ulrike reiste

andern Tags zu ihrer kranken Schwester, und bald gab sie uns Nachricht, in

welch' traurigem Zustande sie dieselbe gefunden, und daß sie die Leidende

nicht mehr verlassen werde, da ihr Ende nahe zu sein scheine. Mein Papa

hatte der Tante den Vorschlag gemacht, mich gleich jetzt wieder mit nach

der Heimath zu nehmen, von wo ich ja schon länger abwesend war, als bei

meiner Abreise bestimmt worden. Die Tante jedoch wünschte meine Begleitung

auf der schon früher besprochenen Reise, und da meine Eltern mir dies

Vergnügen von Herzen gönnten, so blieb ich noch in Berlin, oder vielmehr

bei Eugenien, welche sich wie ein Kind freute, ihr Gänseblümchen als Gast

ihres Hauses bei sich behalten zu können.

Es war eine schöne Zeit, reich an frohen und gemüthvollen Stunden, welche

ich jetzt in dem lieben Senftenburg verlebte! Eugenie überhäufte mich mit

Liebe und Güte, und wenn der Schalk auch noch überall in tausend Neckereien

wieder zum Vorschein kam, so schien sie mir doch jetzt ein ganz anderes

Wesen geworden zu sein, das ich mehr als je liebte.

Der Aufenthalt auf Schloß Senftenburg war mir doppelt angenehm, sobald

ich bemerkte, wie nützlich meine Anwesenheit Eugenien wurde. Diese verließ

ihren Gatten nur sehr ungern, um anderen Pflichten nachzukommen, und so

übernahm ich die häuslichen Geschäfte nun mit großem Eifer und schaltete

und waltete Tag für Tag ziemlich selbständig in den Räumen des alten

Schlosses. Eugeniens schöne Ausstattung hier überall einzuräumen war ein

wirkliches Vergnügen, und glücklich wie ein Kind hüpfte und tanzte die

junge Frau zwischen den Sachen umher, welche ich ordnete, und damit auch

der Baron von all der Herrlichkeit etwas zu sehen bekam, rollte sie dessen

Lehnstuhl fröhlich aus einem Zimmer in das andere, von einem Schranke zum

andern. Bald mußte er die Blumen auf den Damastgedecken bewundern, bald

die glatten weißen Bettüberzüge, welche zierlich mit rothseidenen Bändern

umwunden waren. Dann wieder ließ sie die Sonne in den weißen, rothen und

grünen Gläsern ihres Geschirrschrankes blitzen, oder baute Teller und

Schüsseln aus ihrem kostbaren Tafelservice vor ihm auf; die weichen Polster

ihrer schönen Sopha's und Lehnstühle mußte er selbst prüfen, die gestickten

Gardinen und Tischdecken bewundern, ja sogar ihr Kleiderschrank wurde

seines reichen Inhalts beraubt, um letztere den Augen des bewundernden

Gatten vorgeführt zu werden. Ich erkannte Eugenien gar nicht wieder, denn

wie gleichgültig war ihr bis jetzt alles gewesen, was dergleichen Dinge

betraf! »Jetzt gehört es zur jungen Hausfrau, da wird es schon Werth für

sie bekommen,« hatte Tante Ulrike oft gesagt, und sie hatte Recht, wie

immer.

Der Baron durfte seinen Fuß noch immer nicht gebrauchen, aber jetzt wartete

er gern und geduldig besserer Zeiten, da Eugenie ja nun sein eigen war und

ihn nicht wieder zu verlassen brauchte, wie er im Anfang immer fürchtete.

An Besuchen fehlte es auf dem Schlosse auch nicht, die ehemalige

Einsiedelei hatte jetzt in jeder Hinsicht ein anderes Aussehen gewonnen.

Und welche liebenswürdige Wirthin war die junge Hausfrau! Man konnte nichts

Hübscheres sehen, als Eugenien in ihrer neuen Würde. Mit einer Sicherheit,

als wäre sie nie im Leben etwas anderes als Frau Baronin von Senft gewesen,

machte sie die Honneurs des Hauses, und obwohl ihr während der Krankheit

ihres Gatten allein alle Pflichten gegen ihre Gäste oblagen, entsprach sie

denselben doch in jeder Weise.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 13 / 17 段