was in ihr steckt!« hatte Tante Ulrike manchmal gesagt, und wie wahr und
sinnig ihre Worte immer waren, das erfuhr ich jetzt wieder. Auch Eugenie,
dieses bunt schillernde Wesen, entwickelte als Braut ganz neue, nie
gekannte Eigenschaften, welche ihr unsere aufrichtige Bewunderung
verschafften. Sie war oft wirklich rührend in dem Streben nach größerer
Vollendung. Bisher hatte sie nie daran gedacht, auf irgend jemand viel
Rücksicht zu nehmen; alles war ihr entgegengekommen, ihr abgenommen oder
zugetragen worden, sie fragte bei ihrem Thun und Lassen nicht danach, paßt
es auch meiner Umgebung, oder störe und verletze ich jemanden. Jetzt aber
war sie fortwährend auf alles bedacht, was den Baron erfreuen und ihm
angenehm sein konnte, und mit reizender Zartheit suchte sie alles aus dem
Wege zu räumen, was ihn bei seiner Schüchternheit belästigen mußte. Dahin
gehörten vor allem die Besuche, welche das junge Brautpaar zu machen hatte,
um sich dem Bekanntenkreise vorzustellen. Diese konnte sie dem armen Baron
freilich nicht ersparen, und da ich denselben nicht beiwohnte, so kann ich
auch nicht wissen, wie steif und befangen er sicher dabei gewesen; aber
bei Erwiederung dieser Besuche sah ich, wie Eugenie mit feiner Gewandtheit
immer da einzutreten wußte, wo er fehlte, wie sie es verstand ihn stets
in das Gespräch zu ziehen, im rechten Augenblicke seinen Arm zu ergreifen,
geschickt alle Hindernisse zu beseitigen, die ihn bei seinen eckigen
Bewegungen störten, wie Sessel, leichte Tischchen, Blumenvasen und alle
dergleichen leicht stürzende Dinge, welche ungraziöse Menschen nur gar
zu oft in Verlegenheit setzen. Dabei war sie so unbefangen, so heiter und
liebenswürdig, daß ich es gar wohl begriff, warum ihres Bräutigams Augen
nur an ihr hafteten, und die ganze übrige Welt eigentlich für ihn nicht
existirte. Eugenie war alles, was er dachte und fühlte, ihr Glück und ihre
Freude der einzige Zweck seines Lebens. O wie dankte ich Gott aus tiefstem
Herzen, daß er meinen sehnlichen Wunsch nun erfüllt, und dem braven Manne
das Glück zugeführt hatte, das er so sehr verdiente, und welches ich ihm zu
geben doch nie fähig gewesen wäre.
Eugenie war trotz der unglaublichen Verschiedenheit, die zwischen ihr
und dem Baron herrschte, doch wie für ihn geschaffen, denn ihre Schwächen
entzückten ihn ebenso sehr wie ihre guten Eigenschaften. Er verzog sie so
viel er nur konnte, und je muthwilliger sie ihn umgaukelte, je glücklicher
strahlten seine Augen. All ihre kleinen lustigen Streiche bewunderte er,
als wären es die fabelhaftesten Heldenthaten, und nie wurde er verstimmt
oder ärgerlich, selbst wenn er, wie nur gar zu häufig, die Zielscheibe
ihrer Neckereien war.
Daß Eugenie bei all ihrer Schelmerei tiefes Gefühl besaß und ihn innig
liebte, wie er sich nie geträumt, das wußte er wohl, und es war wunderbar,
mit welcher Innigkeit der so scheue, verschlossene Mann nun der
Geliebten sein Gemüth eröffnete. Und Eugenie, welche bisher allem, was
Gefühlsäußerungen ähnlich sah, den Krieg erklärt hatte, sie lauschte jetzt
mit feuchtem Auge den Worten der hingebendsten Liebe.
In ihrer liebenswürdigen Offenheit theilte sie uns vieles von dem mit, was
der Baron ihr gestanden; denn sie wußte, daß sie an Tante und mir innig
theilnehmende Herzen besaß, voll Discretion und Verständniß, denen sie
wohl mittheilen durfte, was ihr das Liebste und Heiligste war. Wie sehr der
Baron sie vom ersten Augenblick an geliebt, seit er sie kannte, das zeigten
einige seiner früheren Gedichte, und eben so warm sprach er jetzt die Wonne
und das Glück seines Herzens aus, seit er die Geliebte gewonnen. So z. B.
klagte er in jenen Tagen der Trauer voll Sehnsucht:
O wär' ich doch ein Edelstein
Von wunderbarem Feuer,
Du faßtest wohl in Gold mich ein,
Trügst gern mich an dem Finger dein,
Ich wär' dir lieb und theuer!
Wär ich am weiten Himmelszelt
Der schönste aller Sterne,
Es würde einzig deine Welt
Von meinem lichten Strahl erhellt,
Dir glänzt' ich nah und ferne.
Wär ich ein Ton, so süß und rein,
Ich wollt' dein Herz erquicken;
Und läg' der Schönheit Himmelsschein
Doch still auf Haupt und Seele mein,
Dich innig zu entzücken!
Doch nichts von allem wurde mir,
Dich, Liebste, zu erwerben!
Drum, armes Herz, was bleibet dir,
Als einsam leben für und für,
Und einsam auch zu sterben!
Dann wieder sucht sein banges Herz Trost und Ruhe im Liede, denn still
ergeben singt er:
Wenn ich's länger nicht kann tragen,
Und das Herz mir brechen will,
Schließ' ich meine bangen Klagen
In ein Lied, und es wird still!
Es wird still wie Meereswogen,
Die der wilde Sturm gejagt.
Friede Gottes kommt gezogen,
Tröstet, wo ich fast verzagt.
O daß mir doch nimmer fehle
Solch' ein Lied im Herzen mein,
Ihr Gebete meiner Seele
Tragt den Himmel mir herein!
Dann kommt der Frühling und mit ihm die Erfüllung seiner theuersten
Wünsche, und voll Entzücken singt er nun, der Geliebten alles zu Füßen
legend:
Neues Leben.
Ich hab' es selber ja nicht gewußt,
Wie reich an Klängen die eigne Brust!
Es singet und tönet, es wehet und rauscht,
Daß still und wonnig die Seele lauscht.
Als einsam ich stand im dunklen Thal,
Da brach mir herein der Sonne Strahl,
Nun schau' ich voll Wonne den Wunderglanz,
Und sammle die Blumen zu duftigem Kranz.
Dir werf' ich sie all' in den Schoos hinein,
O möchte ihr Blühen zuweilen dich freu'n!
Du wecktest den Frühling, nun ist er erwacht,
Nun hat er dir all' seine Blüthen gebracht!
Aehnlich lautet das folgende Gedicht, das ich zum Schluß noch mittheilen
möchte, da es von dem Glück seines Herzens die beste Kunde giebt:
Frühling.
Du wundervoller Wonnemond,
Du Mai voll Lust und Leben,
Wie hast du meinem Herzen auch
Den Frühling neu gegeben!
Des kalten Winters bange Nacht
Umhüllte meine Seele,
Und duldend beugt' ich still das Haupt,
Wohl ahnend, was mir fehle.
Weit draußen sah ich glänzend hell
Die schönste Blume sprießen,
Und warme Lüfte, weich und mild,
Sie schienen mich zu grüßen.
Ich streckte weit die Arme aus,
Dies Paradies zu fassen, --
Umsonst, in kalter Winterluft
Blieb ich allein, -- verlassen!
O Blüthenmonat, Frühlingszeit,
Nun bist du doch gekommen,
Nun hast du in dein Zauberschloß
Auch mich mit aufgenommen.
Wie blüht und sproßt es um mich her
Mit frischem, reichem Leben!
O Wonnemond, wie hast du mir
Den Mai in's Herz gegeben!
Doch nun genug der kleinen Lieder, welche uns in ihrer sinnigen Einfachheit
einen tiefen Blick in die Gemüthswelt unseres Freundes gaben, in dessen
Innerem so viel Schönes schlummerte, das nun jetzt an das Licht trat. Daß
auch Eugenie ihrem Herzen in vielen kleinen Gedichten Luft machte, bemerkte
ich wohl, aber auf alles, was sie selbst schuf, legte sie keinen Werth und
liebte es nicht, davon zu sprechen. Wir wußten das längst und ließen sie
deshalb in Ruhe, da sie uns von selbst nichts davon mittheilte.
Der glückselige Bräutigam hätte seine Eugenie am liebsten noch in demselben
Monat, seinem wirklichen Wonnemond, als Gattin in das alte Schloß seiner
Ahnen eingeführt; aber dagegen erhob sich Tante Ulrike's Stimme, welche
ihr Pflegekind nicht sogleich von sich lassen und erst einigermaßen in die
Geheimnisse eines Hauswesens einweihen wollte. Der Baron meinte zwar, das
sei ganz unnütz, seine Frau solle gar keine Mühe von der Wirthschaft haben,
das ginge alles seinen Gang weiter, wie es bisher gegangen. Dazu machte
aber auch Eugenie ein bedenkliches Gesicht und sagte: »Nun ehrlich
gestanden, ganz so dumm wie ein Gänschen möchte ich der Wirthschafterin
doch nicht gegenüber stehen, ich blamirte mich am Ende wie jener Backfisch
(bitte um Verzeihung, Gänseblümchen!), der weiche Eier kochen sollte und
nach einer Stunde trostlos der Mama klagte, die Eier wollten absolut nicht
weich werden, sie möchten kochen, so lange sie wollten. Nein, nein, Tante
Ulrike hat Recht, wie immer! Erst will ich ein Bischen wirthschaften
lernen, und dann mag der Baron seinen Willen haben, wenn er es durchaus
nicht erwarten kann, das Hauskreuz auf den Rücken zu nehmen.«
Bei diesem Ausspruche blieb es denn auch für's Erste, neugierig aber war
ich, wie viel Eugenie vom Wirthschaften lernen würde, denn bis jetzt hatte
sie nie etwas davon wissen mögen. »Bah, laß mich mit dem Zeug in Ruhe!«
sagte sie immer, wenn ich sie mit mir in die Küche nehmen wollte, in der
ich mir sehr gern zu thun machte.
»Aber diese Dinge gehören ja doch zum Leben der Frauen, willst du dich nie
darum bekümmern?« fragte ich dann wohl vorwurfsvoll.
»Kommt Zeit, kommt Rath, laß mich zufrieden und sei nicht so unerträglich
weise, heilige Margarethe!« entgegnete sie in gewohnter Weise und fuhr in
raschen Läufen über das Clavier, oder warf sich nachlässig in den Lehnstuhl
und drehte ihre Locken über die Finger.
Das also sollte nun anders werden. Eugeniens Ehrgefühl kam jetzt mit
in's Spiel, und alle Energie ihres Charakters trieb sie zur schleunigen
Ausfüllung dieser Lücke in ihren Kenntnissen.
Aber es war eine schwere Aufgabe für Tante Ulrike, welche es übernommen
hatte, ihre wirthschaftlichen Talente zu wecken, denn Eugenie nahm bei
allem Eifer die Sache doch nicht ernst und hatte ewig Schelmereien im
Sinne. Sie bewaffnete sich zu ihrem neuen Unternehmen mit einem Dutzend der
schönsten weißen Küchenschürzen, und Baron Senft schenkte ihr eine ganze
Bibliothek der vortrefflichsten Kochbücher. Aus diesen lernte sie
täglich drei Recepte auswendig, und diese sagte sie dann wie ein kleines
Schulmädchen ihrem künftigen Hausherrn auf, indem sie sich mit sittig
gefalteten Händen vor ihn hinstellte; es war unsäglich lächerlich, und
der Baron schwamm in Entzücken. Aber was von diesen Studien in ihrem
Kopfe hängen blieb, war wenig brauchbar und gab ihr nur Stoff zu neuen
Tollheiten; denn sie bereitete zuweilen heimlich die fabelhaftesten
Gerichte und berief sich dabei stets auf ihre Kochbücher. Sobald sie
nur wollte und aufmerksam war, begriff sie schnell und leicht und zeigte
Geschick zu allem, aber bald fuhr ihr der Schelm wieder durch den Sinn, und
dann war's mit der Achtsamkeit vorüber.
»Sei so gut, Eugenie, und putze diese Rübe,« sagte z. B. Tante Ulrike, und
eifrig ging Eugenie an's Werk. Bald war sie fertig und überreichte ihre
Arbeit. Aber die Rübe hatte sich unter ihren Händen in eine kleine Puppe
verwandelt; unter dem grünen Blätterbüschel war ein Gesicht ausgeschnitten,
das der Büschel wie eine Mütze deckte, ein Krautblatt bildete das Röckchen,
und zwei auf Hölzchen gespießte lange Kartoffeln saßen als Aermchen zu
beiden Seiten.
»Was soll das, Eugenie?« lachte Tante Ulrike.
»Nun, ich sollte die Rübe ja putzen, da hast du sie, ist sie noch nicht
schön genug?« sagte Eugenie ernsthaft. »Es ist ihr Sonntagsputz, versichere
ich dir.«
Dann wieder sollte Obst geschmort werden.
»Aber wasche es erst, liebes Kind!« sagte die Tante.
Eilig sprang Eugenie fort und kam mit Seife und wollenem Lappen zurück.
»Was willst du machen, Eugenie?« fragte die Tante mit großen Augen.
»Die Beeren abwaschen, liebe Tante,« rief diese schelmisch und lachte dann
wie ein Kobold.
Ein ander Mal stand Eugenie sinnend am Feuer und blickte auf das lustige
Spiel der Flamme unter dem Kessel.
»Gieb doch Acht auf das Wasser und sage mir, wenn es kocht, Eugenie!« rief
Tante Ulrike, indem sie die Küche verließ.
Gleich darauf kam unser hoffnungsvoller Zögling der Kochkunst zu mir in das
anstoßende Zimmer, wo ich mit Plätten feiner Wäsche beschäftigt war, und
indem sie mir eine Schöpfkelle voll dampfenden Wassers unter die Nase
hielt, sagte sie ganz ernsthaft:
»Du, Gänseblümchen, sag' mal, _kocht_ das Wasser?«
Und so kamen täglich Schelmereien vor, man war ihrer nie sicher. Manchmal
bat sie, Tante sollte sie allein kochen lassen, und dann ließ sie ihrer
Laune die Zügel schießen, brachte schließlich aber doch immer etwas
Ordentliches auf den Tisch.
»Heute giebt's nur Wassersuppe, ihr müßt genügsam sein,« sagte sie z. B.,
und in der Suppenschüssel befand sich dann nichts als helles, klares
Wasser, das wir verblüfft ansahen. Dann lachte sie, sprang hinaus und
brachte irgend eine gute Suppe zum Ersatz, denn sie hatte nur unsre langen
Gesichter sehen wollen.
Auch kam fast kein Gericht durch ihre Hände auf den Tisch, mit dem sie sich
nicht irgend einen Scherz gemacht hätte. Bald trug die gebratene Gans einen
Blumenstrauß auf dem Busen, bald schmückte jedes Kotelett oder Hühnchen
eine Guirlande von Petersilie oder eine gekniffte Papierkrause; die Fische
trugen stets irgend etwas im Maule, bald ein Klagelied über frühen Tod,
bald ein Geldstück oder dergleichen, das sie im Wasser verschluckt, wie die
Erläuterung sagte, ja eines Tages hatte sie eine gebratene Gans sogar mit
einem Kranze von rothen Radieschen umschlungen, und die so Geschmückte bat
in zierlichen Versen, sie doch mit auf den nächsten Ball zu nehmen, sie
sehne sich nach Gesellschaft und dort tanzten gewöhnlich gar viele ihrer
jungen Schwestern.
Auch der Baron bekam zu seinem höchsten Entzücken in dieser Weise sein
Theilchen Neckerei. Natürlich fand er Eugenien reizend in der netten weißen
Küchenschürze, und wenn ihre niedlichen kleinen Finger von Mehl umhüllt
sich in ihrer ganzen Zierlichkeit muthwillig auf seinem schwarzen Rockärmel
abdrückten, so freute er sich wie ein Kind und drückte die Händchen an
seine Lippen, es mochte Mehl oder Teig oder sonst etwas daran kleben. Mit
Wonne aß er alles, was Eugeniens Kunst bereitet, es mochte schmecken, wie
es wollte, ihm ging nichts darüber, und eine Kartoffel oder einen Apfel,
den sie ihm geschält, hätte er am liebsten als wundervolle Reliquie
aufgehoben, statt ihn in den Mund zu stecken.
»Heute habe ich dir eine Sandtorte gebacken, Arthur, weil du sie so gern
ißt!« rief Eugenie eines Tages ihrem Geliebten entgegen.
Dieser war natürlich ganz zerknirscht vor Freude und Dank, und Eugenie
sprang fort, das Wunderwerk zu holen. Bald kam sie denn auch mit einer
großen Torte zurück, die sauber mit Zucker bestreut und von Blumen umgeben
war.
»Du mußt sie selbst anschneiden, da!« sagte sie und überreichte dem Baron
ein großes Messer nebst Teller. Dieser schob die Blumen etwas zur Seite und
schnitt ein tüchtig Stück aus der Torte heraus, das er dann auf den
Teller legte. Es war eine wunderliche Torte, das Stück brach und krümelte
merkwürdig, und die Farbe war höchst verdächtig. Aber Eugenie hatte sie
gebacken, also mußte sie gut sein. In dieser Ueberzeugung führte der Baron
den Bissen zum Munde, und Eugenie konnte eben nur »Halt, halt!« rufen,
sonst wäre der Scherz zu weit gegangen; denn nun erst sah der Baron, daß
es zwar eine Sandtorte war, die der Schalk ihm vorgesetzt, aber keine
gebackene, sondern eine aus wirklichem Sande. Die gebackene und wohl
gerathene trat nun schnell an die Stelle der falschen, und der Baron war
voller Bewunderung seiner neckisch holden Braut, die immer neu,
immer schelmisch und munter, aber immer voll der innigsten Liebe und
Aufmerksamkeit für ihn war.
Wie viel Eugenie von der Wirthschaft lernte, dahinter bin ich eigentlich
nie gekommen, denn zuweilen war ihr das Einfachste neu und fremd,
wenigstens stellte sie sich so, und dann wieder überraschte sie durch
allerlei Kenntnisse, die eine praktische Hausfrau kennzeichnen. Tante
Ulrike lächelte, als ich ihr diese meine Verwunderung aussprach, und sagte:
»Laß sie nur, Gretchen; mir ist nicht bange, Eugenie wird schon ihren
Posten ausfüllen, denn sie kann es, wenn's Ernst wird. Das alles hier ist
ihr nur Scherz, bei uns wird sie nicht anders. Ein Mädchen, das so viel
richtigen Verstand und praktische Anlagen hat als Eugenie, wird eine
thätige Hausfrau, sobald sie in ihrem Eigenthum schaltet und waltet. Sie
wird zuerst manches Lehrgeld bezahlen, aber das thut nichts, sie wird sich
schon hindurcharbeiten, das Zeug dazu hat sie. Gott gebe nur, daß das
Leben sie nicht gar zu rauh erfaßt, damit ihr Frohsinn dauernd sei. Kleine
Prüfungen werden auch bei ihr nicht ausbleiben, aber ich kenne unseren
Liebling jetzt hinreichend und weiß, daß ein guter Kern hinter dieser
schillernden Schale steckt, und der wird sich erhalten und bewähren an der
Seite ihres braven Gatten. Gott führt uns Menschen weise und wunderbar, das
zeigt mir Eugeniens Geschick wieder recht deutlich. In den Verhältnissen
des elterlichen Hauses wären die edlen Keime erstickt, welche in dem guten
Kinde ruhen; Gott legte mir dasselbe an das Herz, gab ihr in dir, mein
Gretchen, eine liebe Schwester, und alles Gute, das in ihr schlummerte,
trat deutlich hervor. Er führte ihr den Mann, der für ihren wunderlichen
Sinn am besten paßte, in einer Weise zu, daß sie gleich seinen hohen Werth
erkannte, und jetzt kann ich ruhig Eugeniens Zukunft entgegen sehen, denn
alles wird gut werden.«
Die Briefe, welche Eugenie jetzt von ihrem Vater erhielt, sprachen die
innigste Freude aus über das Glück seines Kindes. Zur Hochzeit versprach er
zu kommen, obwohl ihn die Geschäfte dann wieder nach Bayern zurück riefen.
Eugenie sollte später mit ihrem Gatten eine Reise nach den schönen Gegenden
Süddeutschlands machen, in denen der Vater sich aufhielt. Das waren schöne
Pläne, und auch für mich leuchtete von fern eine herrliche Aussicht, denn
Tante Ulrike hatte ihrem Bruder versprochen, ihn zu begleiten, wenn er nach
Bayern zurück kehrte, und ich Glückspilz sollte mit ihnen reisen.
»Du bist bei mir auf der Hochschule, wie Eugenie es nennt,« sagte die
Tante, »da ist es denn auch nöthig, daß du lernst, dich auf Reisen zu
benehmen. Alles will gelernt sein, also auch das Reisen, und da sich die
Gelegenheit dazu gerade bietet, so wollen wir sie benutzen.«
Nun aber waren wir noch nicht so weit. Da die Hochzeit auf neues Drängen
des Barons schon im Juli stattfinden sollte, hatten wir alle Hände voll
zu thun, dem jungen Paare Haus und Wirthschaft einzurichten. Eugenie hatte
zwar den besten Willen, an ihrer Ausstattung tüchtig zu helfen, aber daß
es beim Wollen blieb, wußten wir vorher. Zum Glück kann man in einer großen
Stadt alles, was man bedarf, gleich fertig geliefert erhalten, und von
dieser Bequemlichkeit machten wir guten Gebrauch. Es war ein Vergnügen,
all die schönen Dinge auszusuchen, welche Eugeniens reiche Ausstattung
bildeten, und hatten wir unsere Angelegenheiten geordnet, so kam der Baron
mit bittender Miene, doch auch ihm in seinen neuen Einrichtungen mit
Rath und Urtheil beizustehen; denn sein altes Schloß mußte sich allerlei
Neuerungen gefallen lassen, damit der schönsten jungen Frau nichts zu
wünschen bliebe, wie er sagte.
»Das wäre eigentlich Arbeit für Mama!« meinte Eugenie lächelnd. »Sie
schwärmt für neue Einrichtungen und hat sehr guten Geschmack.«
Tante Ulrike sah Eugenie forschend an und fragte, ob es ihr Ernst sei, und
sie ihre Mutter auffordern wolle, uns zu besuchen. Eugenie erröthete und
sagte niedergeschlagen: »Nein, Tante, besser sie kommt nicht! Du weißt es
ja selbst, es ist besser für uns Alle.«
Tante Ulrike seufzte und küßte Eugenien, der die Thränen im Auge standen.
Sie that mir innig leid, denn ich wußte wohl, der Brief, den sie von ihrer
Mutter als Antwort auf die Anzeige ihrer Verlobung erhalten, war gar zu
wenig mütterlich und hatte Eugenien heiße Thränen gekostet. Sie hatte zwar
auch ihre Freude über die Verlobung ausgesprochen, aber es war doch nur
Freude über die »gute, glänzende Partie,« wie sie es nannte; das innere
Glück ihres Kindes, den hohen sittlichen Werth ihres Schwiegersohnes
erwähnte sie mit keiner Silbe. Es leuchtete sogar etwas wie Neid und
Mißgunst über die glänzende äußere Lage der künftigen Frau Baronin aus
ihren Worten hervor, ja am Schluß des Briefes standen einige bittere
Zeilen über ihre eigene unglückliche Ehe und über ihren armen, von ihr so
vernachlässigten Gatten, von dessen Unglück sie einzig die Schuld trug,
ohne es sich eingestehen zu wollen.
»Da Deine Hochzeit Anfang des Sommers ist, so bedaure ich, dazu nicht
kommen zu können,« schrieb sie am Schlusse des Briefes. »Du weißt, ich
leide seit einiger Zeit an der Leber, und die Aerzte rathen mir, Carlsbad
dafür zu gebrauchen, eine Unterbrechung der Kur würde mir sicher schaden.
Aber im Herbst, wo es hier so langweilig ist, ehe die Wintersaison beginnt,
hoffe ich Dich auf Deinem Schlosse besuchen zu können.«
Daß dieser Brief Eugenien bitter weh that, begriff ich nur zu wohl, uns
Allen aber konnte es nur lieb sein, in unserem glücklichen Beisammenleben
durch solch herzlos weltliche Dame nicht gestört zu werden. Daß Eugeniens
Vater zur Hochzeit kam, freute uns Alle von Herzen, denn an diesem hing
Eugenie mehr und mehr, und mit der größten Ungeduld erwartete sie seine
Ankunft.
17.
Der Mensch denkt -- Gott lenkt.
Aber es kam anders, als wir Alle gedacht und gerechnet.
Der Baron war ein trefflicher Reiter, und es machte ihm Vergnügen,
besonders unbändige Pferde seinem Willen dienstbar zu machen. Die muthige
Eugenie freute sich ebenfalls an solchen Siegen ihres Geliebten, dessen
Aussehen dabei ungemein stolz und männlich wurde, und ihr Lob feuerte den
Eifer des kühnen Reiters oft bis zur Tollkühnheit an. Mir zitterte das
Herz, und ich begriff Eugenien nicht, deren Augen bei der Gefahr ihres
Geliebten doppelt leuchteten, während mir das Herz erbebte.
Eines Tages jedoch kam eine erschreckende Nachricht. Der Baron war von
einem jener wilden Pferde gestürzt und eine Strecke weit von demselben
geschleift worden. Eine Kopfwunde und ein gefährlicher Beinbruch war die
Folge des Unfalls.
Mir traten bei dieser Trauerkunde die heißen Thränen in die Augen, Eugenie
aber sprach kein Wort, hatte keine Thräne; doch die Todtenblässe ihres
Gesichtes zeigte den tiefen Aufruhr ihrer Seele.
»Schnell einen Wagen!« befahl Tante Ulrike, und bald flogen wir nach Schloß
Senftenburg; Eugenie war noch immer stumm und bleich und thränenlos. Auch
wir sprachen nichts, doch meine Thränen flossen unaufhaltsam, und auch die
Tante trocknete ab und zu die Augen.
Als wir im Schlosse ankamen, hatten die Aerzte soeben die Verbände angelegt
und brachten uns tröstliche Nachricht. Der Fußbruch war allerdings schlimm
und bedenklich, die Kopfwunde jedoch nicht beunruhigend; Schonung
und sorgliche Pflege würden sie bald heilen. Augenblicklich habe die
Anstrengung des Verbandes alle Kräfte des Kranken erschöpft, er liege
in einem fast bewußtlosen Zustande; doch sobald dieser sich in Schlaf
verwandeln werde, sei nichts mehr zu fürchten. Zu ihm durfte augenblicklich
niemand, auch Eugenie nicht, die mit weit geöffneten Augen den Bericht
anhörte. Aber obwohl sie ihn nicht sehen konnte, so wollte Eugenie doch
im Schlosse bleiben; sobald der Baron eingeschlafen, durfte sie zu ihm,
so lange wollte sie warten, und wir natürlich mit ihr. Endlich nach
langem Harren winkte der Arzt ihr zu und führte sie an das Lager des
Schlummernden.
Bis dahin hatte sich das tapfere Mädchen aufrecht erhalten und dem Schmerz
kein Uebergewicht gestattet; aber als jetzt der kräftig starke Mann so
bleich und hülflos vor ihr lag, fast wie ein Todter, da zitterte ihre
schlanke Gestalt leise, und auf die Tante gestützt eilte sie schnell wieder
zum Zimmer hinaus. Hier brach sie schluchzend zusammen, und der Krampf
ihres Herzens, der ihre Thränen bis jetzt zurück gehalten, löste sich
endlich.
Sie weinte lange, und das war eine große Wohlthat für ihr armes Herz. Als
sie endlich ruhiger geworden, sagte sie ernst und weich: »Tante, nun weiß
ich erst, was er mir ist. Ich gehe nicht wieder von ihm fort, wer weiß, wie
lange ich ihn noch habe. Mir gehört er, ich habe die heiligsten Rechte an
ihm, ich muß ihn pflegen.«
Die Tante nickte still mit dem Kopfe, sie mußte das wohl erwartet haben,
denn ihr Entschluß war schon gefaßt.
»Ich bleibe bei dir, mein Kind, anders geht es nicht!« sagte sie sanft.
»Gretchen versieht mein Haus während meiner Abwesenheit und leistet uns
dazwischen Gesellschaft, die übrige Zeit mag sie ihrer Marie widmen.«