sagte recht fromm: »Wie gut ist es doch von dem Baron, daß er um des edlen
Zweckes willen seine Schüchternheit überwindet und das Opfer bringt, mit
dir zu spielen, Eugenie!«
Sie blickte rasch auf, bückte sich aber sogleich wieder und machte sich
mit ihren Noten zu schaffen. »Hm, ja, sehr gut!« sagte sie zerstreut. »=A
propos=, Gänseblümchen,« fuhr sie dann in ihrer alten neckischen Weise
fort, »ich hätte dich nicht für so hartherzig gehalten, diesen _guten_ Mann
so grausam zu behandeln.«
Nun kam die Reihe an mich, roth und verlegen zu werden, denn es war mir gar
sehr unangenehm, daß gerade Eugenie um diese Geschichte wußte. Eduard
mußte sie ihr verrathen haben, denn Tante und Marie schwiegen darüber,
dies Versprechen hatte ich von ihnen. Eugenie setzte ihren Muthwillen aber
wunderbarer Weise nicht weiter fort, und ich meinerseits hütete mich nun
wohl, sie durch Neckereien wieder zu reizen.
15.
Allerlei Neues.
»Eine Vorstellung zu wohlthätigem Zwecke«,
so waren die Eintrittskarten beschrieben, welche wir für den Abend, an dem
unsere Vorstellung stattfinden sollte, austheilten. Alle Plätze im Saale
wurden bald vergeben, und eine reiche Einnahme lohnte unsere Mühen. Aber
mit welchem Herzklopfen sah ich den verhängnißvollen Abend herankommen,
ein Ball war ja dagegen ein Kinderspiel und wahre Bagatelle! Doch was half
alles Zagen; der Abend war endlich da, die Glocke ertönte, und langsam hob
sich der Vorhang, der Bühne und Saal von einander trennte. Dumpfes Gemurmel
drang aus dem Zuschauerraume bis hinter die Coulissen, in denen wir
Spielenden lauschten, bald aber ward es still, und man vernahm die helle
Stimme meiner lieben Marie, welche einen kurzen Prolog zu sprechen hatte.
Sie bat darin, den Zweck unserer Darstellungen als Entschuldigung für
unsere schwachen Leistungen gelten zu lassen und der Kritik, welche heute
keine Einlaßkarte erhalten, ja nirgends den Zutritt zu gestatten.
Rauschender Beifall lohnte die heitere Rede, und so sehr ich meine Freundin
anfangs bedauert hatte, daß ihr die schwere Aufgabe zu Theil geworden,
zuerst und so allein aufzutreten, so sehr beneidete ich sie jetzt; denn sie
war nun fertig und konnte ihre phantastische Kleidung, die ihr allerliebst
gestanden, abstreifen und in Ruhe unserem Treiben zuschauen.
Nachdem Marie ihren Prolog beendet, erklangen die ersten Töne des
Beethoven'schen Trio's, und lautlose Stille herrschte unter der
Versammlung. Hohe Pflanzen und Blumen, welche Eugenie voll feiner Rücksicht
auf die Schüchternheit ihres Cellospielers hatte aufstellen lassen,
verdeckten zum Theil die Musiker, und hinter dieser duftenden Blumenwand
führte das kunstfertige Kleeblatt nun das Musikstück zu Ende und erregte
einen abermaligen Beifallssturm. Jetzt sang Eugenie ein schönes Lied, und
des Baron's Augen strahlten, als er bei uns hinter den Coulissen erschien;
all seine Sinne schienen sich in dem einen des Gehörs zu concentriren, mit
dem er Eugeniens Gesang lauschte. Er kam erst wieder zu sich, als das Lied
zu Ende war, und Amanda dem Gesange ein prächtiges Concertstück folgen
ließ. Dann schloß ein Duett, von Eugenien und Dr. Hausmann gesungen, den
musikalischen Theil der Unterhaltung.
Nun aber kam der schreckliche Moment: unsere Aufführung mußte beginnen! Wir
gaben das heitere Lustspiel Kotzebue's: »Der gerade Weg ist der beste.« Ich
hatte die Rolle der jungen Predigerwittwe, welche mit der erledigten Pfarre
zusammen vergeben werden soll, und ein sehr heiteres, nicht mehr ganz
junges Mädchen übernahm die Rolle der Haushälterin, welche zur Prüfung der
Bewerber als diejenige Dame vorgeführt wird, die mit der Pfarre in den Kauf
genommen werden soll. Ein alter Major, von Dr. Hausmann mit Perücke, langer
Pfeife und angemalten Runzeln prächtig dargestellt, ist Patronatsherr und
hat die Stelle zu vergeben, und bei ihm melden sich nun zwei Bewerber. Der
eine hat viel Fürsprache und steckt sich hinter alle möglichen Personen,
die zu seinen Gunsten sprechen sollen; auf die Bedingung, die Alte zu
heirathen, geht er augenblicklich ein, besonders da er hört, sie habe
Geld. Der andere Bewerber ist ohne Fürsprache und wendet sich direct an den
Major, die Bedingung aber, gleich die Pfarrerin mit in den Kauf zu nehmen,
bestimmt ihn, ohne noch dieselbe gesehen zu haben, von der Bewerbung zurück
zu treten, bis er denn endlich erfährt, daß die ihm Bestimmte seine frühere
Liebe ist, um derenwillen er nie heirathen wollte. Daß er Pfarre und Frau
nun bekommt, ist keine Frage, und alles endet vortrefflich.
Leichter als meine ehrbare Rolle der jungen Wittwe war die der alten
Haushälterin, deren Auftreten großen Jubel erregte; denn eine ungeheure
Haube mit faltenreichen Strichen, sowie eine köstlich altmodische, blumige
Contusche gaben ihrer gezierten, selbstgefälligen Erscheinung etwas
unbeschreiblich Komisches. Ueberdies spielte sie ausgezeichnet gut.
Trotz meiner Angst und Sorge ging unser Spiel trefflich von statten, keins
blieb stecken, der Souffleur that löblich das Seine, und alles fügte sich
nach Wunsch in einander. Mir wurde zwar anfangs ganz heiß und drehend, als
ich meine Blicke von der Bühne fort nach dem zahlreichen Publikum wendete,
aber auch das verging, und der Muth wuchs beim Spiel. Daß auch wir reichen
Beifall und Hervorruf ernteten, freute uns sehr, und selbst Eugenie gab
mir das Lob, ich sei »ganz passabel« gewesen, ganz die »ehrpußliche kleine
Gänseblume, die diese Pastorfrau sein müsse.«
Diesem unserem Lustspiel folgte nun noch ein anderes, das dem Ganzen die
Krone aufsetzte, obwohl nur zwei Personen darin auftraten. Es war das
reizende Genrebild von Schneider: »Der Kurmärker und die Picarde,« und
Eugenie als graziöse Französin, sowie Eduard in der Rolle des braven
Soldaten übertrafen alle Erwartungen. Der zierlichen Gestalt Eugeniens
schmiegte sich das kleidsame, französische Kostüm trefflich an, und die
hohe Mütze der Picarde stand dem schönen Mädchen zum Verlieben hübsch.
Der Inhalt des Stückes ist unbedeutend: die niedliche Französin weiß durch
Anmuth, Tanz und Schmeichelei den =gros lourdand prussien= sich günstig
zu stimmen, und dieser wieder gewinnt durch treuherzige Gutmüthigkeit die
Gunst der Feindin, so daß die Beiden als die besten Freunde von einander
gehen. Das bekannte ergötzliche Lied: »O Tanneboom, o Tanneboom, wie grün
sind deine Blätter!« sang Eduard so voller Humor, und ließ dabei doch
den einfachen ergreifenden Ernst so hindurch fühlen, daß er uns alle tief
rührte, und uns selbst die Thränen im Auge standen, als der Gesang des
braven Soldaten, vom Schmerz des Heimweh's erstickt, mit Schluchzen endete.
Eugeniens zierlicher Tanz im Gegensatz zu den plumpen Sprüngen des guten
Deutschen war allerliebst, sie erntete grenzenlosen Beifall und »=mon
brave=« mit ihr.
So war denn alles gut und ohne erhebliche Störung abgelaufen; unsere
Aufführungen hatten ungetheilten Beifall gefunden, wir selbst trotz vieler
Mühe auch viel Vergnügen dabei gehabt, und, was die Hauptsache, unser
Zweck, eine Unterstützung für die Abgebrannten zu erlangen, war glänzend
erreicht, denn voll Freude konnten wir den Händen des Barons eine hübsche
kleine Summe zur Vertheilung übergeben.
Die Unruhe und Aufregung, in welcher dieser Abend uns Alle eine Zeitlang
versetzt hatte, wich nun wieder dem ruhig gleichmäßigen Gange des täglichen
Lebens. Der Winter mit seinen langen Abenden versammelte uns meist in
Tantes behaglichem Wohnzimmer, dessen »himmlisch altmodische Meubles« jetzt
auch der leichtfertigen Eugenie lieb wurden, wie überhaupt unser ganzes
behaglich ruhiges Leben. Ein solches kannte sie eigentlich gar nicht, denn
ihrer Mutter erschienen die Tage, an denen sie kein Vergnügen vorhatte,
völlig verloren, eine trauliche Häuslichkeit war ihr zuwider. Zum Glück lag
in unserer Eugenie eine völlig andere Natur, und die tiefe Innerlichkeit
ihres Gemüthes gewann mehr und mehr die Herrschaft über ihre bisherigen
leichtsinnig weltlichen Neigungen. Uebermüthig und wunderlich blieb sie
dabei freilich noch immer, und das verwöhnte Kind schaute noch überall
hindurch, aber man mußte doch seine Freude an ihr haben, sie war trotz
allem ein gar liebes Geschöpf.
Ihre große musikalische Begabung verschaffte uns in den langen
Winterabenden gar manchen Genuß, und in Folge ihrer steten Ermuthigung
versuchte auch ich nach und nach, meine kleinen Talente im Klavierspiel
und Gesang unter ihrer Leitung zu vervollkommnen. Marie leistete uns häufig
Gesellschaft, und auch ihr Bruder Eduard, sowie Dr. Hausmann gehörten
zu der frohen traulichen Gesellschaft, die Tantes Wohnzimmer gar häufig
belebte. Bald gewannen wir noch ein Mitglied zu unserem kleinen Kreise, und
das war unser neuer Freund: der Baron Senft. In großer Gesellschaft
sahen wir ihn nie, und auch unser kleiner Kreis schien ihn anfangs zu
beängstigen, die Musik aber half ihm bald über alle Bangigkeit fort.
Eugenie hatte eine so feine, angenehme Weise, sein linkisches Benehmen zu
ignoriren und ihn dreister und unbefangener zu machen, und Tante Ulrike war
so herzlich und zutraulich gegen ihn, daß die starre Rinde bald schmolz,
und man ihm mehr und mehr Behagen und Wohlsein anmerkte. Dr. Hausmann, der
große Reisen gemacht hatte, verstand sehr hübsch von denselben zu erzählen,
auch Eduard unterhielt gut, und bald zeigte es sich, wie gebildet und
unterrichtet auch der Baron war, dessen Kenntnisse bisher unter Schloß und
Riegel gelegen hatten; denn Niemand vermuthete sie bei dem scheuen, stillen
Landedelmanne, der jetzt oft ganz lebhaft und gesprächig wurde.
Marie theilte mit mir die feste Ueberzeugung, daß der Baron in Eugenien bis
über die Ohren verliebt war, denn man hätte blind sein müssen, um das nicht
zu sehen. Wie aber Eugenie dachte, konnte man freilich nicht so deutlich
wissen; ihr neckisches Wesen machte sie unberechenbar, und sie entschlüpfte
flink und gewandt, wollte man sie etwas fester und schärfer fassen.
Aber doch sprach gar Vieles dafür, daß auch sie den Baron gern hatte.
Es war unbegreiflich, aber es war so: der wunderliche, steife, scheue
Menschenfeind gefiel unserer schönen, eleganten, in jeder Weise verwöhnten
Eugenie besser, als irgend ein anderer Mann unserer Bekanntschaft. Sie
vertheidigte ihn stets, hob stets alles hervor, was zu seinen Gunsten
sprach, und vor allem: sie spottete und lachte nie über ihn, so viel Stoff
er ihr auch dazu liefern mochte; und jetzt erst fühlte ich so recht die
Wahrheit jener Worte, die Tante Ulrike einst sagte: Spott ist schlimmer als
Tadel. Ein Mädchen wird leichter einen Mann heirathen, an dem sie allerlei
zu tadeln fand, als einen, über den sie sich lustig gemacht und den sie
verspottet hat.
Auch ich lachte jetzt nicht mehr über unseres guten Barons linkisches
Wesen, denn mehr und mehr lernte ich ihn wegen seines trefflichen
Charakters achten und seinen inneren Werth anerkennen. Aber freilich muß
ich gestehen, daß mir anfangs ihm gegenüber nicht sehr behaglich zu Muthe
war, und ich gewiß in linkischen Manieren mit ihm wetteiferte; denn es ist
ein sehr peinliches Gefühl, dem Manne gegenüber zu stehen, dem man -- einen
Korb gegeben. Zu meiner Freude schien der Baron viel leichter darüber fort
zu kommen, denn er ignorirte mich bald vollständig, wenn sich Eugenie neben
mir befand; sie war die Sonne, nach der er schaute, sie liebte und verehrte
er mit aller Innigkeit seines Herzens, -- mich hatte er ja nur heirathen
wollen, weil er glaubte, ich liebte ihn; das war ein Irrthum, und somit war
er seiner Verpflichtungen gegen mich entbunden.
Aber der arme schüchterne Baron war sehr schlimm daran! Woche um Woche
verging, schon wich der Winter dem warmen Hauche des kommenden Frühlings,
aber immer noch standen die Sachen auf demselben Flecke; denn die Furcht,
auch von Eugenien abgewiesen zu werden, band des armen Barons Zunge. Er
wagte nicht dem schönen, bedeutenden Mädchen zu gestehen, wie sehr er sie
liebe. Hätte er sich abermals geirrt, wäre er auch ihr gleichgültig, wie er
mir war, so stürzte sein Wünschen und Hoffen in bodenlosen Abgrund und nahm
alles mit, was ihm jetzt Freude und neues Leben brachte.
Diese Gedanken standen so deutlich auf seiner Stirn, daß ich mir von Neuem
die bittersten Vorwürfe über meine Thorheiten machte, die noch jetzt solche
Früchte trugen. Ein Gespräch mit Eduard zeigte mir aber erst ganz, wie
begründet solche Gedanken waren.
»Fräulein Gretchen, Sie könnten sich ein rechtes Verdienst erwerben,« sagte
Eduard eines Tages zu mir, als ich bei seiner Schwester Maria war.
»Ein Verdienst, um wen denn?« fragte ich verwundert.
»Nun, um wen sonst, als um Ihren einstigen Verehrer, den Baron Senft,«
entgegnete Eduard.
»Er ist nie mein Verehrer gewesen und hat jetzt ganz andere Gottheiten,
denen er huldigt!« sagte ich lachend.
»Aber Sie haben ihn doch einmal bitter enttäuscht und gekränkt, dafür
sollten Sie ihm wirklich Gutes erzeigen.«
»Herzlich gern, aber wie kann ich das?«
»O die Damen verstehen sich ja so trefflich darauf, Verborgenes zu
enträthseln. Wollen Sie nicht einmal das Herz Ihrer schönen Cousine
sondiren, damit Sie erfahren, wer der Glückliche ist, dem sie ihre Gunst
zuwendet?«
»Das ist eine furchtbar schwere Aufgabe, lieber Freund! Eugenie schimmert
wie ein Kolibri stets in anderen Farben, und durchschaut meine Absichten
zehn Mal, wenn ich den Versuch machen wollte, sie zu durchschauen.«
»Sie thäten aber ein gutes Werk, Gretchen,« sagte Eduard, jetzt ernst
werdend. »Unser armer Baron stirbt fast vor Liebe zu Eugenien; aber die
bittere Erfahrung mit Ihnen hat ihm allen Muth geraubt, je wieder einem
Mädchen seine Hand anzutragen. Ich bot ihm meine Hülfe dazu aus freien
Stücken an, aber angstvoll bat er mich, keine Schritte für ihn zu thun,
denn Eugeniens Weigerung würde ihn auf ewig unglücklich machen. Aber was
soll daraus werden, wenn er sich nie erklärt?«
»Nun ich will das Meine thun, Eugenien zu erforschen, ich verspreche es
Ihnen!« sagte ich seufzend. »Ich glaube zwar bestimmt, daß sie des Barons
Neigung erwiedert, aber in wie weit, das weiß ich freilich nicht, sie ist
ein gar zu wunderliches Mädchen.«
Aber wie schwer war diese Aufgabe, die ich übernommen! Ich suchte oft das
Gespräch auf den Baron zu bringen, doch was half mir das, ich kam keinen
Schritt weiter.
»Findest du nicht, Eugenie,« sagte ich z. B. einmal, »daß der Baron
eigentlich ein recht interessantes Gesicht hat, besonders wenn die Musik
ihn belebt?«
»Ich finde ihn sehr häßlich, er mag musiciren oder nicht!« entgegnete
Eugenie trocken.
»Ja, seine Manieren sind nicht schön, das muß ich auch gestehen,« warf ich
ein.
»Was thut das!« sagte sie rasch. »Meinetwegen mag er so steif sein, als
er Lust hat, ich will ja nicht mit ihm tanzen! In der Unterhaltung ist er
nicht steif, das ist besser als umgekehrt.«
So machte sie es immer: tadelte ich, so lobte sie ihn, sagte ich aber etwas
Günstiges, so war ihr das auch nie recht.
»Der Baron muß doch sehr reich sein!« begann ich dann wieder einmal mein
Manöver. »Aber wie schade, daß er so allein in dem schönen alten Schlosse
wohnt.«
»Nun warum hast du es denn abgeschlagen, ihm dort Gesellschaft zu leisten,
wenn dir seine Einsamkeit so leid thut?« lachte Eugenie. Ich wurde
dunkelroth, überwand aber meine Verlegenheit und sagte muthig: »Es giebt
genug andere Mädchen, die recht gern seine Frau würden; glaubst du nicht
auch?«
»Das kann wohl sein!« entgegnete Eugenie ihre Locken über den Finger
drehend. »Nur gerade du solltest ein Gericht nicht anderen preisen, von
dem du selbst nicht essen mochtest. O du unmenschlich kluges Gänseblümchen,
denkst du, ich werde in deine Falle gehen?«
Mir ein Schnippchen schlagend tanzte sie singend davon, und ich war
ärgerlich über meine Dummheit, die so plump mehr verdarb als gut machte.
Endlich eines Tages, als der Baron lange bei uns gewesen, faßte ich mir ein
Herz und sagte ernst: »Eugenie, ich glaube, der Baron liebt dich über
alle Maßen; aber er ist zu schüchtern, es dir zu sagen; du solltest es ihm
deutlicher zeigen, wenn du seine Neigung begünstigst, damit der arme Mann
weiß, woran er ist.«
Eugenie sah mich einen Augenblick ganz verwundert an, dann lachte sie laut
auf und sagte: »Hat er dich etwa damit beauftragt, du mitfühlende Seele?
Ich glaube beinahe. Aber Schätzchen, ich will es dir nur gestehen, die
Wahl seiner Gesandtin war nicht viel glücklicher, als die des schlauen
Klosterbruders im Nathan; es fehlt nur, daß du dessen Rede: »so sagt der
Patriarch« in: »so sagt der Herr Baron!« verwandelst. Uebrigens, mein
Gänseblümchen,« fuhr sie schmeichelnd fort, als sie sah, daß ich mich
verletzt fortwandte, ȟbrigens werde ich deine weisen Lehren beherzigen!
Schade nur, daß wir nicht im Lande der Amazonen leben, da hätte der
schüchterne Herr Baron es bequemer. Wenn wir nur wenigstens Cotillon
zusammen tanzten,« sagte sie neckend, »da könnte ich ihm doch noch einen
Orden bringen, und ihm zeigen, daß er mir der liebste von allen Herren
der Schöpfung wäre! Nicht wahr, Gänseblümchen? Ach wem brachtest du doch
neulich auf dem ersten Balle den Cotillonorden, war es nicht Eduard? Ach
nein, wer war es doch?« --
»Geh, laß mich in Ruhe, du abscheuliches Mädchen!« rief ich ärgerlich und
doch lachend. »Mit dir binde der Kuckuk an, ich habe es satt!«
»Nun das ist prächtig, da habe ich doch endlich Ruhe vor dir und deinen
Verschwornen,« lachte Eugenie. »Doch,« fuhr sie munter fort, »damit dein
armes Herzchen vor Jammer und Mitleid nicht breche, will ich es dir nur
gestehen, daß ich den Baron wirklich sehr gern habe. Nun aber geschwind,
mach' daß die Andern es erfahren und durch sie der arme Baron, sonst hat er
am Ende vorher noch den Heldenmuth, mich selbst danach zu fragen, und euer
Triumph, die Sache vermittelt zu haben, fällt über den Haufen. Das wäre
doch jammerschade! Nun, hörst du nicht, Schätzchen? Lauf und mach', daß
er es erfährt! Glaubst du es denn noch nicht, wenn ich es dir in trockenen
Worten sage: ich liebe ihn? Oder warum machst du wieder deine verwunderten
Wickelkindaugen?«
Ja, verwundert stand ich allerdings da; denn was ich auf Umwegen nicht
herauslocken konnte, das sagte das wunderliche Mädchen mir in wenig
trockenen Worten, als ich es am wenigsten erwartet hatte. Jubelnd fiel ich
ihr um den Hals, aber das konnte sie ein für allemal nicht leiden und lief
scheltend davon, ich aber stürzte mit meiner Neuigkeit zu Marie, und mit
dieser zu Eduard. Sobald er irgend konnte, wollte Eduard selbst zu dem
Baron hinaus eilen, ihm die frohe Kunde zu bringen, um dann den Brautwerber
für den Freund zu machen. Auch Tante Ulrike wurde nun in das Geheimniß
gezogen; sie hatte alles längst geahnt, und freute sich der nun hoffentlich
bald stattfindenden Vereinigung, welche sie sehr wünschte.
»Aber liebe Tante,« sagte ich kopfschüttelnd, als ich erfuhr, daß dieser
Wunsch lange schon ihr Herz bewege, »glaubst du denn wirklich, daß Eugenie
den Sonderling so liebt, um für das Leben glücklich zu werden? Sie sind
doch zu verschieden!«
»Das schadet nichts, mein Kind,« entgegnete die Tante lächelnd. »Wie ich
Eugenie nach und nach kennen gelernt habe, weiß ich, daß ihr tiefes Gemüth
den hohen Werth dieses Mannes all seinen Wunderlichkeiten vorziehen, diese
aber in ihrer leichten, graziösen Weise übersehen, ja anderen gegenüber
verdecken wird. Bei seiner Verehrung für alle Eigenschaften Eugeniens, sie
mögen heißen wie sie wollen, wird sie freilich ihr Lebenlang das verwöhnte
Kind bleiben, das sie ist; aber da ihr in der äußeren behaglichen, ja
glänzenden Lage, in die sie des Barons Reichthum versetzt, die Mittel nicht
fehlen werden, alle Launen zu befriedigen, so mag sie immer bleiben, wie
sie ist, wenn sie dabei nur ferner so gut und liebenswürdig sein wird, als
sie jetzt geworden.«
Eugeniens Geständniß hatte ich in den Morgenstunden von ihr erhalten, den
Tag über sprachen wir Beide kein Wort weiter darüber, Eugenie blieb viel in
ihrem Zimmer, und mir war das sehr angenehm. Aber in der Dämmerstunde sah
ich sie zu Tante Ulrike gehen, und endlich kam sie zu mir in die Wohnstube
und sagte: »Gänseblümchen, da du doch hier auf der Hochschule bist und
alles lernen sollst, so kannst du nun auch Studien machen, wie man sich als
Braut in der Welt zu benehmen hat.«
Ich wußte nicht, was ihre Rede bedeuten sollte, und da ich wieder eine
Neckerei dahinter vermuthete, sagte ich abwehrend: »Laß doch nur solche
Späße, Eugenie, sie passen so wenig für mich!«
»Das ist mir ganz einerlei, ob es dir paßt, Kleine, wenn's mir nur paßt!«
lachte sie. »Und Spaß mache ich ja gar nicht, es ist mein bitterer Ernst!«
»Meinetwegen, mir aber liegen solche Gedanken fern!« sagte ich ärgerlich.
»Nein, ich behaupte aber, sie liegen sehr nahe!« erwiederte Eugenie lustig.
»Du meinst von mir so manches lernen zu können. Nun, jetzt kommt zu meinen
übrigen Tugenden noch eine hinzu, und das ist die, mit Anstand Braut zu
sein!«
»Eugenie, wie? du _bist_ Braut?« fuhr ich überrascht empor. »So hat der
Baron doch von selbst den Muth gehabt, sich dir zu erklären?«
»Der Baron! Nein, wer sagt das?« entgegnete Eugenie lachend.
»Nun eins mußte sich doch zuerst erklären, du hast doch nicht etwa....«
stotterte ich blutroth.
»Ich? Ich habe nichts weiter gethan, als die Rathschläge meiner trefflichen
Cousine befolgt,« sagte Eugenie knixend. »Sie hat mir gezeigt, wie man
Orden vertheilt, um die Sprache seines Herzens zu verkünden. Auch ich habe
heut Vormittag einen Orden verschenkt und dafür, wie es sich für einen
galanten Kavalier schickt, ein Sträußchen erhalten, denn das ist ja
wohl Cotillonsregel, nicht so, Gänseblümchen? Da, sieh einmal, da du
die Blumensprache verstehst! Du weißt, ich bin sehr freigebig mit meinen
Mittheilungen.« Dabei enthüllte sie ein prachtvolles Bouquet, das sie unter
dem Taschentuche verborgen und hielt es mir neckend unter die Nase. Ein
kleines Briefchen schaute aus den bunten Blumen heraus, und hastig griff
ich danach. Es enthielt nur die kurzen Worte: »Dank, ewigen Dank für diesen
Lichtstrahl in dunkler Nacht! Jetzt bist Du mein, mein auf ewig! A. S.«
Ich war wie im Traume. Also alles lag schon fix und fertig da, unsere
Vermittelung war ganz unnöthig geworden; Eugenie hatte uns in kühnster
Weise ein Schnippchen geschlagen und ihre Angelegenheiten selbst keck in
die Hand genommen. Nur ein solcher Muth, ein so sicheres Selbstgefühl, als
es Eugenie besaß, konnte dergleichen fertig bringen; sie war in der That
ein Stückchen Amazone! Aber konnte man sie deshalb tadeln? War ein solcher
Schritt nicht durch des Barons unüberwindliche Schüchternheit entschuldigt,
ja sogar gerechtfertigt? Das Lebensglück zweier Menschen beruhte auf einem
einzigen Worte, und da er dieses Wort nicht auszusprechen wagte, warum
sollte _sie_ es nicht thun, und dadurch die Pforten ihres Glückes öffnen?
Solche Gedanken gewannen auch in mir nach und nach die Oberhand, wie sie
Eugenien schon lange mochten beschäftigt haben. Doch im ersten Augenblicke
war ich allerdings etwas bestürzt über diese neue Art der Verlobung, denn
meine schüchterne Natur hätte diesen Schritt nie gethan, und wenn mein
ganzes Lebensglück davon abgehangen hätte. Aber man konnte freilich auch
nicht verschiedener sein, als Eugenie und ich, und das gestanden wir uns
Beide sehr offenherzig.
Eine halbe Stunde nach Eugeniens Eröffnungen stürmte es die Treppe herauf,
und in meinem Leben habe ich nicht solche Verwandlung eines Menschen
gesehen, als die unseres lieben Barons. Strahlend vor Glück und Liebe,
rasch und lebendig wie ein feuriger Jüngling, schwamm er in einem Meere
von Glückseligkeit, und Eugenie war so hold, so sittig, und doch wieder so
schelmisch, neckisch und zärtlich, daß man allerdings seine Studien an ihr
machen konnte; sie erschien mir als das Ideal einer schönen, glücklichen
Braut! --
16.
Die Braut.