»Ah so, verzeihe, ich meinte der Strauß sei für dich, nicht für deinen

Vater. Aber du mußt das freilich besser wissen, Gänseblümchen!« sagte

Eugenie lachend und schlug mich mit ihrem Fächer neckend auf die Finger.

Dann nickte sie mir freundlich zu und trat mit ihrem herbeieilenden Tänzer

wieder in die Reihe des Cotillon.

Solch' Cotillon ist ein wunderbarer Tanz. Endlos wie seine Dauer ist

die Aufregung, in welche er die Tanzenden versetzt, denn hier kann aller

Galanterie, allen warmen Gefühlen, Zu- wie Abneigungen Sprache und Ausdruck

gegeben werden. Hier sind es ja nicht nur die Herren, welche, wie

überhaupt im Leben, dergleichen Töne anschlagen dürfen, auch den Damen ist

Gelegenheit geboten zu zeigen, wen ihr Herz begünstigt oder wem es

nicht hold ist. Für die Damen gab es, wie ich schon gesagt, zierliche

Blumensträuße, und den Herren wurden von den Tänzerinnen dafür kleine Orden

angesteckt. Ich hatte schon mehrere Bouquets erhalten und war ganz stolz

und glücklich. Doch nun sollte ich eine Wahl treffen, und wem hätte ich

meinen niedlichen Orden lieber gegeben, als dem Freund meines Vaters,

dem lieben Dr. Hausmann? Er hatte sich ja ohnehin ein Verdienst um mich

erworben, indem er mich so häufig zum Tanz aufforderte, also war es nur ein

Zeichen der Dankbarkeit, daß ich ihm den Orden gab. Aber doch klopfte

mir das Herz gewaltig dabei, gerade als ob ich etwas Unrechtes thäte.

Aengstlich blickte ich nach Eugenien hinüber und war herzlich froh, daß sie

nicht bemerkte, wem ich meinen Orden brachte.

Spät erst kehrten wir heim, die arme Tante herzlich müde (denn Ballmutter

sein ist keine Kleinigkeit), Eugenie noch immer unerschöpflich in Scherz

und Uebermuth, ich aber wie berauscht von Entzücken, denn so vergnügt war

ich noch niemals gewesen. Lange Zeit lag ich noch wachend im Bett und rief

mir alles Erlebte noch einmal vor die Seele. Mir schien, das Backfischchen

hatte sich heute außerordentlich gut benommen, denn keine Mahnung der

Tante hatte, wie sonst wohl, gleich einem kalten Bade meine glühende Seele

überfluthet. Ich war recht zufrieden mit allem, was ich gesprochen und

gethan, süß drückte der Schlaf mir endlich die Augen zu, und im Traume

schwebte ich noch immer fröhlich tanzend auf und nieder.

»Hör mal, Gänseblümchen, ich werde dir Tanzstunde geben,« sagte am andern

Morgen Eugenie, als ich zu ihr in das Zimmer trat. Ich fand sie noch im

Bette, obwohl auch ich der Ballfreuden wegen spät genug aufgestanden war.

»Tanze ich so schlecht, Eugenie?« rief ich erschrocken, denn ich meinte

ganz hübsch getanzt zu haben.

»Ungefähr wie Mama's Schooßhund, wenn ich ihn auf die Hinterbeine stelle!«

warf Eugenie leicht hin, indem sie sich gähnend streckte und reckte.

Ich ward dunkelroth und biß beleidigt die Lippen zusammen, Eugenie schloß

die Augen und schien mich nicht weiter zu beachten, so daß ich ärgerlich

wieder meines Weges gehen wollte. Da sang sie plötzlich halblaut:

»Mein Zünglein sticht,

Drum Gretchen spricht:

Dich mag ich nicht!«

»'s ist doch ein nettes Lied, nicht wahr, Gänseblümchen?« fuhr sie munter

fort und setzte sich im Bette in die Höhe. »So tiefsinnig, läßt sich so

leicht verändern und auf andere Dinge anwenden. Ja, so ein Lieutenant,

es ist eine Pracht! Was für eine Fülle von Geist und Humor hinter solchem

zweifarbigen Tuche steckt, man sollte es nimmermehr glauben.«

»Aber Alle sind sie ja doch nicht so, Eugenie,« sagte ich etwas versöhnt,

denn sie hatte mich sicher nur wieder necken wollen. »Ich habe doch einige

sehr angenehme junge Officiere kennen gelernt, fade Gecken giebt es auch

unter anderen jungen Leuten genug.«

»Ich glaubte, du wärest mehr für den Lehr- als für den Wehrstand

eingenommen, Kleine,« rief Eugenie blinzelnd. »Dein Ballorden stand dem

hübschen Dr. Hausmann allerliebst.«

Mir schoß das Blut in die Wangen, also hatte Eugenie doch gesehen, wem ich

meinen Orden gegeben! »Er hatte soviel mit mir getanzt, dafür mußte ich

mich doch erkenntlich zeigen,« sagte ich etwas verwirrt.

Eugeniens schallendes Gelächter riß mich aus der verlegenen Situation, denn

sie fand es über alle Maßen naiv und spaßhaft, einen Tänzer für die Gnade

noch zu belohnen, die man ihm erwiesen, indem man mit ihm tanzte. Sie hatte

eben eine so andere Auffassung von allen Dingen, daß ich manchmal ganz

verdutzt vor ihr stand. Mit meiner lieben Marie harmonirte ich doch viel

besser; sie blickte auch noch, wie ich, demüthig und schüchtern in die Welt

hinein; Eugenie war über dergleichen »grüne Albernheiten«, wie sie unsere

jugendlichen Ansichten nannte, hinweg, sie forderte viel, und die Natur

hatte ihr reiche Mittel gegeben, wodurch sie auch viel erlangte. Aber für

mich bescheidenes Backfischchen paßten auch bescheidene Ansprüche an Welt

und Menschen, und darum ließ ich mich durch Eugenie nicht irre machen.

Ich hatte mich zwar sehr über Eugeniens Spötterei, meinen Anstand beim

Tanzen betreffend, geärgert; aber ich schluckte meine Aufregung hinunter,

denn ich wußte, sie meinte es im Grunde sehr gut mit mir, und sagte: »Im

Ernste, Eugenie, jetzt gesteh' mir, tanze ich wirklich so schlecht?«

»Nun die Grazie liegt freilich bei dir noch in den Windeln, Kleine,« lachte

Eugenie jetzt gutherzig. »Aber beruhige dich nur, selbst Tante Anstand war

mit dir und deinem Anstand zufrieden, also raufe dir deine schwarzen Zöpfe

noch nicht vor Verzweiflung aus. Aber in die Schule möchte ich dich noch

ein Bischen nehmen, das kann dir nicht schaden, dich sowohl wie deine

kleine Marie; denn was diese zu viel hinten über tanzt, das neigst du

zu viel nach vorn, so daß eure Oberkörper einen richtigen spitzen Winkel

bildeten, tanztet ihr neben einander. Und dann macht ihr alle Beide noch so

himmlisch schulrechte Pas, gerade als stände =Mr. le professeur de danse=

hinter euch und klopfte euch für jede Nachlässigkeit mit seinem Fidelbogen

auf die Fußzehen.«

Mit Freuden unterwarf ich mich den Uebungen, die Eugenie noch an demselben

Morgen mit meinen Füßen und Händen vornahm, und voll Jubel wurde auch

Marie in Beschlag genommen, als sie kam, von dem gestrigen Balle mit uns

zu schwatzen. Freilich war Eugenie eine sonderbare Lehrmeisterin, da sie

endlosen Unfug bei unseren Uebungen trieb; aber doch lernten wir, was sie

wünschte, nämlich uns etwas sorgloser zu bewegen und uns beim Tanzen hübsch

gerade zu halten. Auch ein gutes Compliment zu machen brachte sie mir

glücklich bei, und Tante Ulrike fügte dem allen noch die Lehre hinzu, den

Gästen möglichst wenig unsere Rücken zukehren zu wollen, besonders solchen,

denen wir als den Vornehmsten oder Bedeutendsten die meiste Beachtung und

Höflichkeit schulden. Dies zu beachten habe ich aber, ehrlich gestanden,

bis auf den heutigen Tag noch immer äußerst schwierig gefunden.

14.

Begegnung.

Diesem ersten Balle folgten im Laufe des Winters noch mehrere andere, so

daß ich nach und nach meine Schüchternheit überwand, und die Tante mir das

Lob ertheilte, mein Benehmen sei freier und leichter, als sie je erwartet

habe. Neben Eugenien freilich kam ich mir noch immer wie eine Holzpuppe

vor, doch ihre Anmuth war eben unerreichbar.

Ehe ich jedoch von unserem Zusammenleben weiter erzähle, muß ich eines

Ereignisses gedenken, das in seinen Folgen sehr bedeutend wurde, so wenig

es anfangs den Anschein hatte.

In das Haus Tante Ulrike's kam häufig ein armes Weib, das Eier, Gemüse oder

Obst verkaufte, welche Produkte ihr kleines ländliches Besitzthum lieferte,

und die von der Tante gut bezahlt wurden. Das arme Weib war aber krank

geworden, und da die Tante sich selbst gern einmal überzeugen wollte, wie

es bei ihr aussah, so benutzte sie einen der schönen Tage des Spätherbstes

und fuhr mit uns nach dem Dorfe, in welchem die Frau wohnte. Es war alles

wie uns beschrieben worden, Noth und Sorge in Menge, und die gute Tante

machte sich mit den Kindern gleich allerlei zu schaffen, uns aber trieb sie

hinaus, wohl wissend, daß Eugenie nicht lange hier aushalten würde.

So gingen wir Beiden denn auf den Wiesen und Feldern spazieren und freuten

uns der einzelnen Blumen, welche der Frost noch nicht gewelkt hatte, sowie

der wunderschönen duftig blauen Färbung, die Wald und Ferne bedeckte.

Am Saum des Waldes erblickten wir ein schönes, schloßartiges Gebäude, von

stattlichen Wirthschaftsräumen umgeben, und um diesen Herrenhof genauer

zu betrachten, schritten wir über eine Wiese, auf der eine Menge Kühe die

letzten Reste an Gras und Kräutern abweideten. Ich hatte mich von Kind auf

so viel unter den Thieren umher getrieben, daß ich keine Furcht vor ihnen

kannte, Eugenie aber blickte sich ängstlich um, so daß heute einmal die

Neckerei auf meiner Seite war. Plötzlich aber wurde auch ich aufmerksam,

denn ein dumpfes Brummen sagte mir, daß der Stier bei der Heerde sei, und

daß mit dem nicht zu spaßen, wußte ich wohl. Ich spähte nach dem Hirten,

doch dieser war nirgends zu erblicken, und so ging ich schnell vorwärts,

Eugenien nichts von meiner Besorgniß zu verrathen, denn von Weitem sah ich

den gefürchteten Gesellen mit gesenktem Haupte sich uns nähern. Aber jetzt

bemerkte auch Eugenie den Feind und erschrocken rief sie: »Der Stier! Der

Stier!« und stürzte unaufhaltsam davon. Nun erst sah ich, daß ein rothes

Tuch Eugeniens das Thier wahrscheinlich gereizt hatte, aber ich konnte sie

nicht mehr erreichen und eilte ihr athemlos nach. Jetzt aber setzte sich

auch unser Verfolger in Trab, und bald war er Eugenien so nah, daß diese

voll Verzweiflung um Hülfe rief, und ich angstvoll zu ihrem Beistande

hinzustürzte, obwohl ich wußte, daß meine Kräfte doch zu schwach waren, ihr

zu helfen.

Da im letzten schrecklichsten Augenblicke, als das furchtbare Thier schon

den Kopf neigt, um Eugenien mit seinen Hörnern zu fassen, trifft ein

furchtbarer Schlag seine breite Stirn, so daß es betäubt zur Seite fährt.

Taumelnd schlägt es seine Hörner so wüthend in einen dicken Baumstumpf, daß

es wie gefesselt zusammenbricht und sich laut brüllend am Boden wälzt.

Eine hohe männliche Gestalt eilte nun von dem machtlosen Thiere fort zu

Eugenie, welche kraftlos zur Erde sank, sobald sie sich von ihrem wüthenden

Verfolger befreit sah. Auch ich war endlich an ihrer Seite und umschlang

sie mit meinen beiden Armen, da Angst und Schrecken ihr alle Kraft

geraubt hatten. Dankend blickte ich nun auf zu dem Retter, der im letzten

Augenblicke uns so kräftig befreit hatte; aber schnell war derselbe, sobald

er Eugenien durch mich versorgt sah, zu dem Stiere zurückgekehrt, dem er

mit Hülfe des jetzt herbeikommenden Hirten die Hörner aus dem Blocke frei

machte, und ihm den Kopf mit einem der Vorderfüße zusammenband, so daß er

keinen Schaden mehr thun konnte.

Jetzt kam unser Befreier wieder auf uns zu, aber wie groß war meine

Ueberraschung, als ich in ihm Baron Senft erkannte! Ich wurde blutroth und

wußte vor Verlegenheit kaum einige Dankesworte hervorzubringen, und auch er

war sichtlich überrascht und betroffen. Eugenie jedoch, welche sich schnell

wieder erholt hatte, befreite uns aus der peinlichen Situation; denn

mit warmen, feurigen Dankesworten reichte sie dem Baron die Hand und bat

dringend, er möge uns zu Tante Ulrike begleiten, damit auch diese den edlen

Mann kennen lerne, der ihr das Leben gerettet.

Der Baron wußte nicht recht, was er thun oder sagen sollte. Er blickte mich

schnell an, und all' meine Verlegenheit niederkämpfend vereinte auch ich

jetzt meine Bitten mit denen Eugeniens, und so begleitete uns der Baron

denn zu dem Bauernhause, vor dem die Tante schon wartend stand, und

nun eben so sehr durch unsere Erzählung überrascht wurde, als durch das

Zusammentreffen mit unserem alten Bekannten. Aber hier in der freien Natur,

nur umgeben von wenig heiteren Menschen, war der Baron ein ganz anderer.

Seine steifen, verlegenen Manieren, welche im glänzenden Salon und unter so

viel fremden, eleganten Menschen als so lächerlich auffielen, bemerkten wir

jetzt kaum; die Jägerkleidung, welche er trug, stand ihm sehr vortheilhaft,

und die Kühnheit und Stärke, mit der er Eugeniens Verfolger zu Boden

geworfen, hatten ihn in all' seiner männlichen Kraft und Bedeutung

hervortreten lassen. Er bat sich nun die Ehre aus, uns in sein Schloß

führen zu dürfen, und mit Vergnügen folgten wir dieser Einladung. Ein

schönes, altes Gebäude, umgeben von prächtigem Park und großartigen

Wirthschaftshäusern, lag vor uns; das Innere des Schlosses war einfach,

aber schön und gediegen eingerichtet, und Adel und Wohlstand ruhte auf dem

ganzen Besitzthum.

Mir war sehr sonderbar zu Muthe, als ich diese Räume durchschritt.

Dies alles hätte ich mein nennen, von all' diesem reichen, stattlichen

Besitzthum hätte ich Herrin werden können! Dieser Gedanke drängte sich mir

immer und immer wieder auf, ich sah ihn auch auf der Stirn Tante Ulrikes

geschrieben, und hätte ihn auch wohl in des Barons Augen lesen können,

hätte ich den Muth gehabt, ihn anzusehen, oder er mich. Aber sonderbar,

statt daß mich dieser Gedanke niedergeschlagen, oder mir Bedauern und Reue

über meine Thorheit erweckt hätte, fühlte ich im Gegentheil jetzt erst

doppelt, wie ganz unmöglich es mir gewesen wäre, die Wünsche des Barons zu

erfüllen, und wäre sein Schloß noch zehnmal schöner und kostbarer gewesen.

Unserem Wirthe machte es viel Freude, uns alles recht genau zu zeigen, und

unsere aufrichtige Bewunderung der vielen köstlichen kleinen Alterthümer,

woran das alte Schloß so reich war, regte ihn so an, daß er ganz lebendig

und heiter wurde. Eugenie war in vollem Enthusiasmus über all' die

herrlichen altmodischen Dinge, und ihr feiner Schönheitssinn fand reichlich

Stoff zu aufrichtiger Bewunderung. Sie huschte und kletterte überall herum,

untersuchte alle geheimen Thüren, Treppen und Winkelchen, wovon das alte

Schloß einen ganzen Schatz barg, und war reizend und fröhlich wie ein

ausgelassenes Kind. Der Schrecken, welcher sie zuerst bleich und erschöpft

gemacht hatte, war jetzt ziemlich überwunden, und das zarte Roth ihres

Gesichts machte sie nun schöner als je. Der Baron verfolgte sie unablässig,

und sie war mit ihren Blicken so herzlich und unbefangen zu dem steifen

Herrn, daß dieser alle Zurückhaltung abstreifte und mit ihr umher lief und

kletterte, wohin sie wollte, so daß die Tante nicht so schnell nachkommen

konnte, und ich mit ihr langsamer folgte. Eugenie gelangte endlich auch

in ein kleines Zimmer oben im Thurm, und voll Staunen erblickte sie hier

allerlei musikalische Instrumente und hohe Stöße von Noten. Besonders

schön war ein Cello, doch auch ein kostbarer Flügel erregte ihre volle

Bewunderung.

»Sie sind musikalisch, Herr Baron?« rief Eugenie lebhaft und deutete auf

ein Notenheft, das aufgeschlagen neben dem Cello lag.

»Ein wenig, gnädiges Fräulein. Aber lassen wir das!« entgegnete unser Wirth

verlegen und wollte Eugenien wieder herausführen, denn ihr Eindringen war

ihm sichtbar unangenehm. Eugenie aber hüpfte vergnügt nach dem Flügel, und

indem ihre Finger über die Tasten flogen, nickte sie dem Baron lächelnd zu.

»Hier werden Sie mich nicht wieder los!« rief sie fröhlich. »Kommen

Sie nur, liebster Baron, begleiten Sie mich. Sie spielen Cello, das ist

herrlich, wie lange Zeit habe ich dies liebe theure Instrument nicht mehr

gehört! Wir werden unter Ihren Noten sicher etwas finden, das wir zusammen

spielen können.«

Dem Baron half kein Sträuben. Hier in seinem Thurmstübchen, wohin er seine

Kunst als in ein verborgenes Heiligthum geflüchtet hatte, von dem niemand

etwas wußte, hier war der lustige, neckische Kobold Eugenie eingedrungen,

und mit ihr fanden wir unseren guten Baron in der eifrigsten musikalischen

Unterhaltung, als wir den Klängen folgend wieder mit ihnen zusammen

trafen. Er spielte sein Cello meisterhaft, und es war ein großer Genuß,

dem trefflichen Spiel der Beiden zuzuhören. Wir hielten uns in einiger

Entfernung, um nicht zu stören, aber der Baron war bald so mit voller Seele

bei seinem Spiel, daß die ganze Welt hätte zuhören können, es würde ihn

nicht mehr genirt haben.

Nur ungern verließen wir das kleine Gemach, aber die Sonne neigte sich

zum Untergange und mahnte an die Heimfahrt. Der Abschied von unserem

guten Baron war so herzlich, als wären wir schon längst die besten Freunde

gewesen, und wir erhielten von ihm sogar das Versprechen seines Besuches,

sobald er nach der Stadt kommen würde. Oft mochte er aber wohl die Stadt

nicht besuchen, denn in seiner schönen Besitzung fühlte er sich unendlich

viel wohler, als unter den gewandten Stadtleuten, auch hatte ich ihn seit

jenen verhängnißvollen Tagen nicht wieder in Gesellschaft getroffen, was

mir natürlich nur lieb sein konnte.

Sehr verwundert war ich, mit wie viel Achtung, ja selbst Bewunderung

Eugenie von dem Baron sprach. Sie schien ganz ausgetauscht, denn ihr

kecker Muthwille, der sonst nichts schonte, hätte immerhin reichen Stoff zu

Spöttereien finden können, so vortheilhaft sich der Baron ihr auch gezeigt

hatte. Mir kamen deshalb so allerlei wunderliche Gedanken in den Sinn,

die ich aber weislich für mich selbst behielt, und über meine einstigen

Beziehungen zu unserem Retter schwieg ich nun gar erst sorgfältig. Nur

gegen Marie sprach ich mir Herz und Seele frei, sie war ja meine Vertraute

in allen Dingen.

Wenige Tage nach diesem unseren Abenteuer erschreckte uns die Nachricht,

daß in dem Dorfe, in welchem Baron Senfts Besitzungen lagen, eine

Feuersbrunst ausgebrochen und außer vielen Bauerhäusern auch Pfarr- und

Schulhaus, sowie ein Theil der Kirche abgebrannt sei. Wir bedauerten das

Unglück um so lebhafter, da wir so eben selbst noch in jenem Orte gewesen

waren, und der Sammlung zum Besten der Abgebrannten steuerten wir reichlich

bei. Glücklicherweise war unsere arme kranke Bäuerin von dem Unglück

verschont geblieben, aber Schrecken und Angst hatten ihr Leiden arg

verschlimmert. Durch sie erfuhren wir nun, mit welcher Aufopferung Baron

Senft sich der armen Abgebrannten angenommen, wie thätig er selbst

beim Löschen des Feuers gewesen, und wie er die Zuflucht sei für alle

Bedrängten.

Eugenie nahm ungewöhnlich lebhaftes Interesse an diesem Vorfall, und sie

sann ernstlich darüber nach, wie den armen Leuten kräftig zu helfen sei.

Eine kleine Lotterie, welche Marie zu diesem Zwecke veranstaltete, behagte

ihrem Geschmack wenig, obwohl sie wunderhübsche Geschenke dazu lieferte.

»Wir wollen ein Dilettanten-Concert arrangiren!« rief sie endlich

entschlossen. »Das muß mehr abwerfen, als eure Nadelkissen-Lotterie mit

den Silbergroschen-Loosen. Oder was meint ihr zu einer kleinen dramatischen

Vorstellung? Meiner Ansicht nach würde das den Leuten Spaß machen,

natürlich müssen die Billets mit Auswahl vergeben werden.«

Unsere Bedenken, daß solche Gedanken nicht ausführbar seien und gar zu

viel Mühe machen würden, verwarf sie alle, und da Tante Ulrike nichts

Unpassendes darin fand, indem wir ja für einen guten Zweck mit unseren

Leistungen hervortreten wollten, so stand Eugeniens Entschluß fest:

die Aufführung einiger kleinen Lustspiele zu arrangiren, denen einige

musikalischen Leistungen vorangehen sollten.

Die sonst so bequeme, unthätige Eugenie war jetzt Feuer und Flamme.

Theatralische Vorstellungen gehörten zu den Dingen, welche ihre Mutter sehr

liebte und häufig veranstaltet hatte, und so wußte Eugenie mit dergleichen

gut Bescheid, denn sie war sogar selbst einige Male mit aufgetreten. Von

Büchern umgeben, wie ehedem vor dem Balle von Flor und Bändern, fand ich

sie jetzt täglich in ihrem Zimmer, denn die Wahl der darzustellenden Stücke

war sehr schwierig. Bald jedoch war ihr Entschluß gefaßt, und der Erfolg

zeigte, daß sie sehr geschickt gewählt hatte.

Nicht ohne allerlei Qual und Mühe brachten wir unter unseren Bekannten das

passende Personal für die Aufführung zusammen, und es bedurfte oft aller

Liebenswürdigkeit, deren Eugenie fähig war, um die Herzen zu unsern Gunsten

zu stimmen.

Endlich aber waren alle Rollen besetzt, ein passender Saal errungen, in

dem eine nette Bühne erbaut wurde, und nun schritten wir rüstig zu dem

Einstudieren unserer Rollen und der Herstellung der passenden Costüme. Wie

in einem Taubenhause ging es jetzt den Tag über bei uns aus und ein, denn

jeder wollte etwas anderes wissen. Eugenie hatte für alles Rath, und

ich bewunderte dabei fortwährend, wie geschickt sie alle keimenden

Streitigkeiten zu umgehen verstand. Bald fehlte hier ein Mieder, bald

dort passender Besatz, bald stritt man, wie die Beleuchtung am Besten

anzubringen sei, bald welche Decoration man wählen sollte. Dann wieder

kamen Zweifel über die Betonung einzelner Worte, oder über die Art des

Auftretens, kurz, Jeder hatte ein anderes Anliegen, und alle dem wußte

Eugenie gewöhnlich schnell zu entsprechen, und die Tante half ihr, wo sie

konnte. Mein Beistand war mehr untergeordneter Art, indem ich meine Finger

in Bewegung setzte und fleißig die Garderobe in Stand brachte. Dabei lernte

ich, daß mir der Kopf rauchte, denn trotz furchtbaren Sträubens war auch

ich von Eugenien dazu verdammt worden, eine der Rollen zu übernehmen.

»Aber ich bin ja so hölzern, ich blamire euch alle!« jammerte ich

vergebens.

»Ich werde dich schon zurecht stoßen, Gänseblümchen!« lachte Eugenie. »Du

bist hier bei Tante Ulrike auf der Hochschule, und zur rechten Bildung

gehört auch, daß man gelegentlich einmal Komödie mitspielen kann, also bin

ich nur auf deine Ausbildung bedacht.«

So wenig ich nun auch mit diesem, als zur Erziehung nothwendigen Element

einverstanden war, so mußte ich doch endlich nachgeben, wollte ich nicht

eigensinnig erscheinen.

Eugeniens Plan, der Aufführung ein kleines Concert vorausgehen zu lassen,

machte ihr fast noch mehr Noth, als die Besetzung der Rollen. Sie selbst

wollte allerlei spielen und singen, aber einige andere tüchtige Kräfte

mußten ihr zur Seite stehen, sonst ging es nicht. Amanda Delius hatte sich

endlich bereit erklärt, etwas auf dem Flügel vorzutragen, da sie trefflich

spielte, und Dr. Hausmann übte mit Eugenien einige Duette ein, aber noch

fehlte eine Art Ouvertüre, welche das Ganze würdig einleitete.

»Ich hab's! Das muß gehen!« rief mir Eugenie eines Morgens entgegen und

zeigte mir ein niedliches Briefchen, dessen Aufschrift lautete: »Sr.

Hochwohlgeboren dem Herrn Baron von Senft, Erb- und Standesherrn auf und zu

Senftenburg.«

»Nun mache nur nicht Augen, als wolltest du mich geradesweges

verschlingen!« rief Eugenie und zog die Klingel. »Schnell den Brief in den

Briefkasten,« sagte sie dann, Lisetten das Billet übergebend.

»Aber Eugenie, was thust du denn?« rief ich halb versteinert vor

Verwunderung.

»Bah, ich bitte nur unseren guten Baron, für seine Abgebrannten einige

Striche auf dem Cello als Beitrag zu liefern,« entgegnete Eugenie, sich

etwas befangen abwendend.

»Auf dem Cello? Soll er bei unserm Concert mitwirken? Hast du ihn darum

gebeten, Eugenie?«

»Nun ja, warum denn nicht? Er spielt ja so gut, warum sollte er nicht ein

Trio mit mir und Maries Bruder ausführen? Ich übernehme den Flügel, Eduard

die Geige und der Baron das Cello, das leitet die Geschichte prächtig ein.«

Ich schüttelte den Kopf und dachte, sie würde sicher eine ablehnende

Antwort vom Baron erhalten. Aber o Wunder! schon am andern Tage erschien,

etwas steif und verlegen zwar, aber doch lebendig und angeregt wie ich

ihn nie gesehen, unser braver Baron. Welches Opfer es ihm mochte gekostet

haben, seine Menschenscheu und Aengstlichkeit zu überwinden, das konnten

wir nur ahnen, aber er _hatte_ alles überwunden, und kam nun voll

ängstlicher Beflissenheit, Eugeniens weitere Befehle zu vernehmen. Diese

strahlte vor Freude und Dankbarkeit, und war ordentlich zärtlich zu ihrem

neuen Freunde, der sich nun mit ihr bald so in die Auswahl eines passenden

Musikstückes vertiefte, daß Tante und ich uns erstaunlich überflüssig

vorkamen, gerade wie damals beim Besuch des Schlosses Senftenburg.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 10 / 17 段