Eine andere Unart Eugeniens, welche ich jedoch weniger mit ihr theilte, war

der Gebrauch von starken Ausdrücken und unpassenden Worten. Es war wirklich

komisch, wenn dies feine Dämchen ganz cavaliermäßig wetterte und derbe

Betheuerungen und Ausrufe von dem lieblichen Munde flogen.

»Ich bin nun einmal ein halber Junge, was kann ich dafür!« entgegnete

sie den hierauf bezüglichen Mahnungen der Tante, aber doch erklangen

Kraftausdrücke wie: Donnerwetter, verdammt, höllisch und dergleichen

mehr, viel seltener als früher. In dies Kapitel gehörte auch die häufige

Anwendung des Namens Gottes und Christus, eine Gewohnheit, die leider sehr

in der Welt verbreitet ist, und welche auch Eugenie oft genug gedankenlos

im Munde führte. »Ach Gott Jesus! Mein Himmel!« so sagte sie aller

Augenblicke, bis die Tante sie sanft und ernst darauf aufmerksam machte,

welch' ein Mißbrauch des Heiligsten dies sei. Eugenie gab sich nun Mühe,

auch daran beim Sprechen zu denken, obwohl sie Anfangs halb ernst halb

lachend sagte, sie werde sich ein Pflaster auf den Mund kleben, denn hier

rede sie keinem Menschen recht.

Mein Fehler hingegen war der, nachlässig zu sprechen, die Endbuchstaben

wegzulassen, und was der Unarten mehr waren, welche gar viele junge und

alte Menschen mit mir theilen. Eugenie sagte dann neckend, sie würde die

Tante verklagen, daß sie mir nicht satt zu essen gebe, so daß ich aus

Heißhunger Buchstaben verschlingen müsse. So hatte jede von uns ihre Fehler

abzulegen, und gut war es, wenn wir über dem Splitter im Auge des Andern

den Balken im eigenen nicht vergaßen.

Verwöhnte Menschen sind nachlässig in Bezug auf die Rücksichten, welche sie

Anderen schulden, und so war es auch Eugenien ganz gleichgültig, ob Andere

Grund hatten, von ihr eine Aufmerksamkeit zu erwarten oder nicht.

»Laßt mich in Ruhe, ich kann das Visitenschneiden nicht ausstehen!« war

ihre regelmäßige Antwort auf die Erinnerung der Tante, daß sie dieser oder

jener Dame einen Besuch schulde. »Die Leute sind mir ganz gleichgültig,

ich mag gar nicht, daß sie sich um mich bekümmern.« Entschloß sie sich

aber endlich, diesen Pflichten nachzukommen, so geschah es dann mit der

liebenswürdigsten Miene von der Welt, so daß sie alle Menschen entzückte.

Die Tante war in solchen kleinen gesellschaftlichen Rücksichten ungemein

streng und gewissenhaft, »denn,« sagte sie, »wer sich im Kleinen daran

gewöhnt, Andere zu beachten, der wird auch in größeren Dingen nicht

rücksichtslos gegen seine Nebenmenschen handeln.«

Diese Nichtachtung Anderer ward auch Ursache, daß Eugenie Dinge, die

Andern gehörten, nicht schonte, und schon mehrfach war ihr daraus Aergerniß

entsprungen. Einen schönen Shawl, den eine Dame ihr beim Nachhausegehen

geborgt, hatte der Hund beschmutzt, so daß sie den Fleck nur mit großer

Mühe wieder vertilgen konnte; einen entlehnten Regenschirm ließ sie

irgendwo stehen, wofür sie natürlich einen neuen schicken mußte, und über

ein wunderschönes Album Amanda's floß eines Tages das Oel der stürzenden

Lampe, und verdarb nicht nur einige schöne Zeichnungen, sondern auch den

Divan der Tante. Wohl ersetzte Eugenie sowohl Zeichnungen als Ueberzug

durch andere noch schönere, aber sie hatte viel Mühe und Kosten davon, die

sie durch Sorgfalt für anderer Eigenthum sich hätte ersparen können. Eben

so nachlässig ging sie mit den Büchern um, die man ihr borgte, und die

Tante sagte ihr sehr streng, sie solle sich nicht wundern, wenn man ihr

keine fremden Bücher mehr anvertraue, da sie dieselben nie ohne verstoßene

Ecken und beschmutzte oder eingekniffene Blätter zurück gab. »Es ist dies

ein Zeichen von wenig Bildung, liebes Kind,« schloß die Tante ihre Rede,

der Eugenie sehr nachlässig zuhörte, aber doch nahm sie von da an mehr und

mehr Rücksicht sowohl auf andere Menschen, als auch auf deren Eigenthum.

Freilich ging sie auch mit ihren eigenen Sachen nicht sorgfältig um, und

die Tante hatte viel Noth und Mühe, ihr beizubringen, wie unrecht dies sei.

Der Gedanke, sparsam zu sein, indem sie ihre Sachen schonte, war ihr ganz

fremd, und da sie eben so nachlässig als unerfahren in Verwendung ihres

Geldes war, so erfreute es die Tante herzlich, daß Eugenie ihr volle

Disposition über dieses Departement einräumte. Unter Tante Ulrike's Leitung

lernte sie bald ihre Finanzen besser zu ordnen, aber freilich hatte sie

trotz alledem stets große Lust, mehr auszugeben als sie einnahm.

»Ich muß einmal einen reichen Mann haben,« sagte sie oft, und mir schien

allerdings, daß sie darin so unrecht nicht habe. Aber wenn sie nun einen

armen bekam, wie dann?

»Den nehme ich nicht. Ich mag überhaupt gar keinen!« erwiderte sie auf

diese Frage.

Eugeniens Sorglosigkeit in Betreff ihres Eigenthums erstreckte sich auch

auf etwas, das ich nicht begreifen konnte, das war ihre Correspondenz. Ich

hütete und verwahrte meine Briefe als meinen theuersten Schatz unter Schloß

und Riegel, und es war das Zeichen von größtem Vertrauen, wenn ich jemand

Einblick in meine Correspondenz gestattete. Eugenie hingegen schien gar

keinen Werth auf ihre Briefe zu legen, denn diese trieben sich oft Tage

lang offen auf den Tischen herum, und sie gebrauchte dieselben häufig als

Umschlag für alle möglichen Dinge, oder drehte sie zu Haarwickeln für ihre

schönen, braunen Locken zusammen.

Freilich schien in den Briefen, die sie von ihrer Mutter sowie von einigen

Bekannten erhielt, wenig genug zu stehen, das des Aufhebens werth gewesen

wäre, und von ihrem Vater kam sehr selten Nachricht. Diese wenigen Briefe

allein schloß sie sorgfältig in ihre Mappe, und nach Empfang derselben war

sie stets für eine Weile ernster und weicher gestimmt, als gewöhnlich. In

dieser Beziehung bleibt mir immer eine Scene unvergeßlich, die von ihrem

tiefen Gefühl Zeugniß gab.

Ich hatte mit unbeschreiblicher Sehnsucht auf die Ankunft eines Briefes

von den Meinen gewartet, und mit lautem Jubel sprang ich deshalb dem Boten

entgegen, der mir den theuern Ankömmling brachte. Es war ein Brief von

meiner guten Mutter dabei, und deren treue, liebevolle Worte erschütterten

mein Herz so unendlich, daß mir die Thränen über das Gesicht rollten, und

ich voll inniger Liebe die glühendsten Küsse auf diese Schriftzüge drückte.

Eugenie hatte mir still zugesehen, auch sie hatte an dem Morgen einen Brief

von ihrer Mutter erhalten, aber wie gewöhnlich trieb sich derselbe auf den

Tischen im Wohnzimmer umher, ohne daß Eugenie seiner weiter achtete.

»Laß mich den Brief lesen, Gänseblümchen, thu' mir den Gefallen,« sagte

sie jetzt in ihrer raschen Weise und griff nach meiner Mutter Brief. Ich

überließ ihr denselben gern, und sie schob mir dafür das rosa Zettelchen

hin, das sie von ihrer Mutter erhalten.

»Zu Thränen wird dich der freilich nicht rühren!« sagte sie dabei etwas

spöttisch.

Ich trat in die Fensternische und studirte das flüchtig geschriebene

Briefchen. Es enthielt nichts als einige Klagen über furchtbare Langeweile,

über das schlechte Spiel der neu engagirten Opernsängerin und Berichte

über die neuesten Moden. »Die Aermel trägt man jetzt wieder offen und die

Kleider unten herum mit schmalen Volants besetzt,« so lautete ungefähr

dieser wichtigste Gegenstand. »Versäume ja nicht, dir deine Kleider so

ändern zu lassen, du wirst dann freilich neue Stickereien gebrauchen, aber

dafür trage ich Sorge, damit du nicht wie aus dem vorigen Jahrhundert umher

gehst. Du schreibst mir kein Wort über die dortigen Moden, und doch weißt

du, wie begierig ich auf diese Mittheilung bin; denn finde ich etwas darin,

das mir interessant erscheint, so trage ich es sicher, du weißt, wie oft

ich schon in diesen Dingen den Ton angegeben und Furore gemacht habe! Die

goldenen Blumen meines rothsammetnen Kopfputzes von vergangener Saison

erregen noch immer den Neid der hiesigen Damenwelt. Ich hoffe, du

vernachlässigst die Conservirung deiner Schönheit in keiner Weise, dies

kann ich dir nicht genug empfehlen. Die Tropfen für den wohlriechenden

Athem vergiß nie zu benutzen, wasche dich des Abends stets mit Mandelmilch,

zu der ich dir ein neues Recept schicken werde, das die Haut noch frischer

machen soll, und genieße ja nie zu heiße oder kalte Sachen, damit der

Schmelz deiner Zähne nicht leide.« -- So ging es noch eine Weile fort, dann

war der Brief zu Ende. Unten am Rande stand noch die Bemerkung: »Papa ist

wohl. Seine Briefe sind furchtbar langweilig. Schreibe mir ja, was moderner

ist, ob Federn oder Blumen auf den Herbsthüten. Die farbigen Schuhe werden

wieder sehr Mode.«

Ich war so überrascht und verletzt von dem Inhalt dieses Briefes, daß

ich, ganz damit beschäftigt, nicht bemerkt hatte, wie Eugenie das Zimmer

verließ. Den Brief meiner Mutter schien sie mit sich genommen zu haben.

Ich wartete eine Weile, endlich aber ging ich nach Eugeniens Zimmer, um zu

sehen, wo sie blieb.

»Sie können nicht hinein, Fräulein Gretchen, das gnädige Fräulein hat die

Thür verriegelt,« sagte Lisette etwas bestürzt, als ich die Thürklinke

ergreifen wollte. Ich ging also zurück und wartete. Nach einiger Zeit trat

Tante Ulrike sehr ernst bewegt zu mir in das Zimmer und gab mir den Brief

meiner Mutter zurück.

»Warst du bei Eugenie, Tante?« fragte ich schnell.

»Ja, Kind, warum?«

»Weil sie sich vorhin eingeschlossen hatte. Was gab es denn?«

»Das arme Kind ist von dem Briefe, den deine Mutter dir geschrieben,

unbeschreiblich aufgeregt!« sagte die Tante, und die Thränen zitterten

wieder in ihren Augen. »Sie ließ mich auf meine Bitte in ihr Zimmer

eintreten, und ich fand sie in Thränen aufgelöst neben dem Briefe deiner

Mutter.

»O Tante, Tante,« rief sie an meinem Halse, »was habe ich für eine Mutter!«

Mehr konnte sie nicht sagen. Es war das erste Mal, daß ihr der nichtige

Werth ihrer Mutter neben der edlen Tiefe der deinen so recht vor die Seele

trat und das arme Kind durch und durch schüttelte. Ich ließ sie ruhig

weinen und stellte ihr endlich vor, wie viel sie doch an ihrem guten Vater

habe.

»Ja, mein Papa, mein einzig lieber Papa, wenn ich den nicht gehabt hätte,

was wäre aus mir geworden!« schluchzte sie. »Aber ich kann so wenig bei

ihm sein, er ist stets so mit Geschäften überhäuft und so viel über Mama's

Launen verstimmt, und jetzt, ach jetzt ist er nun vollends so weit, so

weit, und ich habe keinen Menschen auf der ganzen Welt, der mich so lieb

hat wie Gretchens Mutter ihr Kind.« Ich hielt das arme Mädchen still an

meiner Brust, und das beruhigte sie nach und nach. »Ja, Tante, du hast

mich lieb, und Gretchen hat mich auch lieb!« sagte sie endlich weich

und zärtlich, und ihr froher Muth gewann wieder die Oberhand. »Meine

Trostesworte fanden Eingang in ihre Seele, und bald wird sie wieder bei uns

sein frisch und fröhlich wie immer. Aber du siehst, mein Gretchen, was das

arme Kind entbehrt hat, ohne daß sie es bis jetzt wußte; laß sie uns nun

doppelt lieb haben.«

»Ja, Tante, das wollen wir!« sagte ich tief ergriffen, dann aber gab ich

der Tante den Brief von Eugeniens Mutter, damit sie selbst lese, welch'

schneidenden Contrast die Worte unserer Mütter bildeten. Tante Ulrike

konnte während des Lesens ihren Unwillen kaum verbergen, und heftig, wie

ich sie selten gesehen, warf sie den Brief auf den Tisch. »Armer, armer

Bruder!« das war alles, was sie sagte, dann ging sie in ihr Cabinet, ich

aber hatte Zeit genug, die Briefe meiner Lieben aus der Heimath wieder und

immer wieder zu lesen und dem gütigen Gott zu danken, der mir so viel Glück

durch die Liebe der Meinen geschenkt hatte.

13.

Der Ball.

»Nun Kinder, heute bringe ich euch eine Einladung, die euch Freude machen

wird,« sagte Tante Ulrike eines Morgens, indem sie ein Briefchen hervorzog,

das uns für den nächsten Montag zu einem Ball aufforderte, welcher zur

Feier von des Königs Geburtstag in einem öffentlichen Locale gegeben wurde.

»Gott sei Dank, also tanzt man doch auch hier! Ich dachte, ich würde es

ganz verlernen,« rief Eugenie vergnügt und schlug eine zierliche Pirouette.

»Meine Ballkleider sind gewiß halb vermodert, so lange haben sie kein

Lampenlicht gesehen. Gänseblümchen, was machen wir für Toilette? Ich lasse

dir die Wahl und spreche wie Abraham zu Loth: »Willst du zur Rechten, so

will ich zur Linken!« Willst du weiß oder blau oder rosa, oder was sonst?

Egal wie Zwillinge oder Inseparables kleiden wir uns nicht, das ist mir zu

zärtlich.«

Ich saß ganz still und fühlte nur, welch' heiße Gluth mehr und mehr durch

meine Adern flog. Eugeniens Fragen hörte ich kaum. Ein Ball! Ich sollte auf

einen Ball gehen! In größeren Gesellschaften war ich wohl schon einige Mal

mit Tante Ulrike gewesen, aber auf einem Balle? Das war doch ganz etwas

anderes! Einen Ballsaal hatte ich noch nie in meinem Leben betreten, und

mein Herz zitterte und bebte vor Angst, Freude und Erwartung. Die Tante

bemerkte endlich meine Aufregung und strich mir lachend über das Haar.

»Ich glaube gar, du hast jetzt schon das Ballfieber, Kleine!« sagte sie.

»Nun warte, wenn nur erst dein Ballstaat fertig ist, so werden dir die

Flügel schon wachsen. Ans Leben geht es nicht, beruhige dich nur!«

Eugenie war unerschöpflich in Neckereien über meinen Kleinmuth, denn da sie

schon als Kind sich in den glänzendsten Gesellschaften bewegte, war ihr

der Ballsaal ein so bekannter Ort, daß er ihr niemals Scheu oder Bangigkeit

erregt hatte. Ich fand sie jetzt häufig in Berathungen mit Lisette, welche

so vergraben unter Flor, Blumen und Bändern war, daß nur ihr Kopf über all'

den Herrlichkeiten schwamm wie ein Schiff auf den Wellen. Eugenie litt aber

nie, daß ich ihr bei diesen Conferenzen Gesellschaft leistete, denn

kaum betrat ich ihr Zimmer, als sie mich mit den kostbarsten Blumen und

Schmucksachen bombardirte, oder mich in dichte Wolken von Crêpe und Flor

hüllte und mich zur Thür wieder hinaus schob.

Meine eigene Balltoilette gab mir auch allerlei zu thun; wenn mich auch

Tante Ulrike höchst freigebig mit schönen luftigen Stoffen beschenkt hatte,

so mußte ich doch bei Anfertigung meines Staates fleißig selbst mit Hand

anlegen, denn die Tante sagte, was man selbst macht, hat doppelten Werth.

Das Kleid lag endlich zu meinem höchsten Entzücken fertig da, aber noch

wußte ich nicht, welche Blumen ich in das Haar nehmen würde. Die Tante

hatte mir selbst die Wahl überlassen, aber -- Wahl macht Qual, ich konnte

mich schwer bestimmen, und Marie, die ich um Rath und Hülfe bat, war nicht

wohl und konnte mich beim Einkauf nicht begleiten.

Da brachte mir eines Morgens die Dienerin eine Schachtel mit der Meldung,

hier sei der von mir bestellte Kranz. Ich wollte die Sendung nicht

annehmen, da ich nichts bestellt hatte, doch mein Name stand auf dem

Umschlag und voll Verwunderung öffnete ich den Kasten. Aber was fand ich

darin? Einen dicken Kranz von frischen blühenden Gänseblümchen, wie ihn

die Kinder auf der Wiese zusammen binden, und daran hing ein Zettel, auf

welchem mit verstellter Hand die Worte aus Fanchon geschrieben standen,

»Ich gebe mit Entzücken

Dir selbst dich selbst zurück.«

Das war nun sicher wieder einmal ein loser Streich Eugeniens! Wo sie diese

frischen Wiesenblümchen im Spätherbst aufgetrieben hatte, begriff ich

nicht; doch das war mir gleich, der Scherz sah ihr ähnlich, verdroß mich

aber doch gewaltig. Ich warf den Kranz ärgerlich wieder in den Kasten, da

verschob sich aber das Papier, das unter den Blumen gelegen, und einige

grüne Blättchen kamen darunter zum Vorschein. Ich nahm das steife Papier

fort und vor mir lag nun der reizendste, duftigste Blumenkranz, der je den

Laden einer Putzmacherin geschmückt hatte. Zarte Apfelblüthe, deren Blätter

röthlich angehaucht waren, und zwischen deren Blüthen sich rothe Knospen

und frische grüne Zweige hervor drängten, schlangen sich zum reizendsten

Kranze.

Das also war des Pudels Kern! Eugenie wieder wie immer der Kobold, der

sticht, um dann desto freundlicher zu schmeicheln! Denn daß Eugenie mir

diesen Kranz ausgesucht, war jetzt vollends zweifellos. Voll Jubel wollte

ich mit meinen Blumen zur Tante eilen, da trat Eugenie in das Zimmer,

und dankend flog ich ihr an den Hals. Sie aber hielt sich schnell das

Taschentuch vor das Gesicht und rief: »Puh! ich wittere sentimentalen

Wiesenduft, gerade wie lauter Gänseblümchen!« und schnell eilte sie wieder

zur Thür hinaus.

Auf diese Weise war ich also zum schönsten Blumenkranz gekommen, ohne daß

ich mich weiter mit Zweifeln zu plagen hatte. Die Blumen und mein weißes

Tüllkleid lachten mich an so reizend und duftig, als sollte Schneewittchen

in dem Staate tanzen, Schärpe und weiße Atlasschuhe fehlten auch nicht, und

was der zarten, zierlichen Dinge mehr waren.

Tante Ulrike hatte selbst die Leitung und Beaufsichtigung meines Anzugs

versprochen, und so sah ich dem verhängnißvollen Montage etwas ruhiger

entgegen, denn die schöne Toilette hatte mir wirklich etwas Muth

eingehaucht.

»Alles sauber und rein, liebes Gretchen,« sagte die Tante, als sie kam, die

kleine Balldame anzukleiden, und so mußte denn alles was ich anlegte, vom

kleinsten Stück Wäsche an, frisch gewaschen und rein sein, und vor allem

verbannte meine liebe Kammerfrau jedes farbige, dunkle Unterkleid als eines

Ballsaales unwürdig. Als ich endlich vor den Spiegel trat, und mich in dem

feinen weißen Kleide und dem duftigen Kranze erblickte, erschrak ich fast

vor mir selbst, reicher und schöner konnte doch keine der Damen auf dem

ganzen Balle gekleidet sein.

Aber siehe, da öffnete sich die Thür, und herein schwebte eine Fee -- so

wenigstens dachte ich im ersten Augenblicke, bis ich unsere schöne Eugenie

erkannte. Von zartem rosa Flor umwebt, der mit frischen weißen Camellien

über einem rosa Seidenkleide festgehalten wurde, einen Kranz weißer

Camellien, zwischen denen einzelne Diamanten blitzten, in den braunen

Locken, so schwebte die schlanke, zierliche Gestalt zu uns herein, und ich

war ganz bezaubert von ihrer Schönheit.

»Ah, da ist ja unser Gänseblümchen, gerade als wäre es frisch von der

Wiese gepflückt, weiße Blätter mit röthlichen Spitzen,« rief sie auf mich

zueilend. »Wie sie niedlich ist, wahrhaftig, du wirst allen Schmetterlingen

die Köpfe verdrehen!«

Lachend gab sie mir mit ihrem kostbaren Fächer einen Schlag auf die

Schulter, dann warf sie ein Packet neuer Handschuhe auf den Tisch und fing

an, darin zu wühlen und Paar um Paar anzuprobiren. Aber lange dauerte es,

ehe sie zufrieden schien, und in ihrer Ungeduld zog sie so heftig an dem

feinen weißen Leder herum, daß sie mehr als ein Paar zerrissen zur Seite

warf.

Ich sah ihr staunend zu, denn das Paar Handschuhe, das die Tante mir für

den Ball gekauft, lag sorgfältig gehütet neben dem feinen Taschentuche und

wartete nur darauf, noch viel sorgfältiger über meine Finger gestreift zu

werden; sie zu zerreißen war mir ein schrecklicher Gedanke, -- ich hatte

keinen zweiten Pfeil zu verschießen! Als ich Eugenien meine Gedanken sagte,

lachte sie mich aus und schob mir das Packet zur Auswahl hin, denn daß man

auch mit solchen Kleinigkeiten ökonomisch sein könne, war ihr eben so neu

als unbegreiflich.

Endlich trug denn ein schaukelnder Wagen Tante Ulrike und ihre beiden

Pflegekinder nach dem Ziele der Erwartungen. Ich klammerte mich fest an die

Hand der Tante, als die Thüren des Ballsaales aufflogen, und wie ein

Meer wogten die luftigen hellen Stoffe der Balldamen um mich her. Alles

Ballfieber, das ich bis dahin kräftig zurück gedrängt, kam jetzt wieder

über mich, und als gar einige strahlende, duftige junge Damen aus unserer

Bekanntschaft auf uns zuschritten, wäre ich der Tante am liebsten in die

Tasche gekrochen.

Doch o Wonne! jetzt erschloß sich der Himmel, denn in die Farbe des

Aethers gehüllt, einen Kranz weißer Rosen in den blonden Locken, flog meine

Freundin Marie auf mich zu, und an ihrer Hand athmete ich froh auf, nun war

ich geborgen! Die ersten Töne der Tanzmusik brachten zwar wieder einiges

Zittern in meine Glieder, aber bald hatte ich auch das überwunden, und die

Wonne des Tanzes verdrängte alle anderen Gefühle.

Fröhlich musterte ich meine Tanzkarte, auf welcher ich alle Tänze als

vergeben bezeichnen konnte, und so hatte ich doch nicht die traurige

Aussicht, als Mauerblümchen an der Wand sitzen zu müssen, während alles

um mich her tanzte. Ich begriff bald selbst nicht, welches Entzücken

mich beseelte, während mich die Wellen des Tanzes dahin trugen; es war

unbeschreiblich angenehm, sich nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen, ich

tanzte mit wahrer Wonne.

»O du liebe sechzehnjährige Unschuld,« lachte Eugenie mir zu, als ich

während einer Pause mit glühenden Wangen zu ihr eilte und ihr mein

Entzücken aussprach. »Wahrlich, ich könnte dich beneiden! Das tanzt

noch mit voller Seele, während unsereins froh ist, in einer Pause sich

verschnaufen zu können.«

Eugenie war die schönste der Damen, das stand außer Frage, sowohl was ihr

Aeußeres, als was ihren Anzug betraf. Der Ballsaal war so recht der Ort,

ihre Schönheit und Anmuth im vollen Glanze zu zeigen, und ich fand es nur

zu begreiflich, daß sie stets von einer Menge junger Herren umlagert war,

welche sich darum stritten, ihr die größten Huldigungen zu erweisen. Mir

wäre an ihrer Stelle angst und bange geworden, Eugenien schien aber alles

das sehr gleichgültig zu sein, denn mit Erstaunen bemerkte ich mehrmals,

wie sie all' ihren Verehrern den Rücken kehrte und mit irgend einer der

älteren Damen davon ging.

»Ja, sie ist einzig, dieses Mädchen,« sagte Marie. »Mein Bruder macht ihr

wie alle Herren den Hof; aber entweder giebt sie ihren Verehrern spitze

Antworten und entschlüpft ihnen wie ein Aal der Hand, oder sie spottet

und lacht und kehrt ihnen den Rücken. Louise von Mering hat mir eben

eine köstliche Geschichte von ihr erzählt, die auch dich ergötzen wird,

Gretchen, höre nur! Der Lieutenant Schmettau, den alle Welt wegen seiner

Albernheiten verlacht, steht neben Eugenien und sagt derselben so fade

Schmeicheleien, daß Eugenie ungeduldig auf ihren Fächer beißt und ihre

Blicke zerstreut im Saale umher schweifen läßt. Endlich blickt sie

aufmerksam nach jener Nische, in welcher wir Beiden stehen, du und ich,

und seelenvergnügt zusammen lachen und schwatzen. Eugenie lächelt auch

unwillkürlich, und ihr süßer Galan hält es für seine Pflicht, ebenfalls zu

lächeln und nach uns zu schauen. Eugenie wendet ihm ärgerlich den Rücken,

und indem sie sich zu Louise Mering neigt, sagt sie auf uns deutend

ziemlich leise: »Sehen sie doch, Louise, die Veilchen kichern und kosen!«

-- »Und schau'n zu den Sternen empor!« schnarrt es plötzlich neben Eugenie,

und mit einer tiefen Verbeugung steht abermals Lieutenant Schmettau

lächelnd vor ihr, welcher, seinen rothen Schnurrbart kräuselnd, in dieser

Weise das angeführte Lied Heine's ergänzt. -- Das überstieg denn doch

endlich die Langmuth unserer schönen Eugenie. Unwillig blickt sie sich nach

dem unberufenen Schwätzer um, wirft den Kopf in den Nacken und sagt scharf:

»Es hüpfen herbei und lauschen

Die Lieut'nants wie die Gazell'n!«

Dann macht sie eine stolze Verbeugung und hängt sich an den Arm Louises,

ein anderes Zimmer aufsuchend.«

Ich war entzückt über die Geschichte, fürchtete aber nicht mit Unrecht, daß

die stolze Eugenie sich auf diese Weise allerlei Verdruß zuziehen würde.

Was sie an spitzen Gegenreden oder sonstigem Ungemach erfahren mochte, das

erzählte sie freilich nie, nur einmal während des Cotillon kam sie zu

mir, warf ein wunderschönes Bouquet, das sie während des Tanzes erhalten,

verächtlich in den Winkel und gab mir lachend einen kleinen Zettel, der

zwischen jenen Blumen gelegen und auf dem die Worte standen:

Dein Zünglein sticht,

Drum Jeder spricht:

Dich mag ich nicht!

Erschrocken blickte ich Eugenien an, denn wie sehr mußte sie dies

Spottgedicht ärgern, aber schelmisch lachend sagte sie: »Nicht wahr, den

bin ich glücklich los, Gänseblümchen? Aber schaffe du dir angenehmere

Verehrer an; es ist nicht gerade schmeichelhaft, sich auf diese Weise

besingen zu lassen!«

Dabei schweiften ihre Blicke schalkhaft zu Dr. Hausmann hinüber, welcher

sehr viel mit mir tanzte und soeben wieder herbei kam, mir einen der

schönen Sträuße zu überreichen, welche im Cotillon unter die Damen

vertheilt wurden.

»Er ist ja ein Freund meines guten Papa's,« sagte ich, verlegen Eugeniens

Blicken folgend, aber doch fühlte ich, wie ich dunkelroth wurde.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 9 / 17 段