nie angebracht, und in komischem Verdruß hielt sie sich die Ohren zu.
Dergleichen kleine Scenen wiederholten sich fast täglich, und so böse wir
nur gar zu oft über das unverständige Mädchen sein mußten, eben so sehr
söhnte uns bald darauf ihr gutes, herzvolles Betragen wieder mit ihr aus.
Es lag ein Schatz von großem Werthe in diesem wunderlichen Geschöpfe,
und wer nur die Geduld nicht verlor, der konnte in ihr noch viel Gutes
erwecken. Tante Ulrike war ganz die Person dazu, das fühlte auch die
leichtsinnige Eugenie gar wohl, und hing in ihrer Weise bald eben so innig
an diesem trefflichen Wesen, als ich es in der meinen that. Daß auch ich
mich bald der Gunst Eugeniens mehr zu erfreuen hatte, als ich je gehofft,
erleichterte mir das Herz unbeschreiblich, liebte ich doch das reizende,
wunderliche Mädchen trotz allem, was sie mir anthat, bald aus ganzer Seele.
Aber wie manches hatten wir im Anfange noch zu überwinden, ehe Eugenie
etwas vernünftiger wurde! Ich besonders war stets die Zielscheibe ihrer
losen Streiche, und doch wußte sie es immer wieder gut zu machen, wenn sie
mich gekränkt oder geärgert hatte.
Eines Tages trat ich an meinen Arbeitstisch am Fenster und ordnete die
rankenden Schlingpflanzen, welche sich an demselben hinzogen. Dabei wollte
ich, wie ich täglich that, das Bild meiner lieben Marie begrüßen und hob
die Blätter des Epheu empor, um es besser zu sehen.
Aber erschrocken fuhr ich zusammen, und mit bebender Hand griff ich nach
dem geliebten Schatze, um mich zu überzeugen, ob ich mich täuschte. Nein es
war kein Irrthum! Eine böse, frevelnde Hand hatte mir verdorben, woran mein
ganzes Herz hing. Ein dicker, schwarzer Schnurbart deckte die feinen Lippen
des netten Bildes und entstellte das zarte Gesicht der rosig frischen
Blondine. Es war zu abscheulich, zu boshaft, und doch konnte man sich des
Lachens über den sonderbaren Anblick nicht enthalten.
Daß Eugenie mir diesen Streich gespielt lag außer Frage, denn oft schon
hatte sie dies kleine Oelbild verhöhnt, das ich allerliebst fand, sie
aber meinte, es sähe aus wie ein Ritterfräulein auf dem Pfeifenkopfe eines
Handwerksburschen.
Ich nahm das arme Bild still von der Wand und legte es in den Kasten,
schelten konnte ich das lose Mädchen nicht, dazu war mir zu weh um das
Herz; aber meine roth geweinten Augen und die leere Stelle über meinem
Nähtisch, welche ich durch kein anderes Bild verdeckte, sagten Eugenien
wohl, wie sehr ich mich grämte. Bald erfuhr ich auch, daß die Tante sehr
ernst über diesen herzlosen Streich mit ihr geredet hatte, und dies war mir
lieber, als mich selbst mit ihr darüber zu streiten.
Wie sehr staunte ich nun eines Morgens, als ich den leeren Platz durch ein
neues Bild ausgefüllt sah, und zwar ein Bild von meiner lieben Marie, ganz
zart und duftig in Wasserfarben gemalt und unendlich viel schöner als
das verdorbene! Die frischen Farben und die anmuthigen Züge waren so treu
wieder gegeben, daß ich voll jubelnden Entzückens das liebe Bild an die
Lippen drückte und außer mir war vor Freude. Wer hatte das gethan! Konnte
Eugenie? -- aber nein, das war ja ein kleines Kunstwerk, und verstand sie
das, wann hätte sie es gearbeitet? Und doch, es sähe ihr so ähnlich! Aber
sie selbst würde es nie eingestehen, mich höchstens noch verspotten.
Da kam das Urbild meiner Freude selbst, meine liebe gute Marie! Jubelnd
flog ich ihr entgegen und fragte, wer das Bild gemalt.
»Nun Eugenie, wie kannst du daran zweifeln?« sagte Marie. »Sie war ja
einige Mal heimlich bei mir, um es zu malen. »Das alte ist ein Monstrum,«
sagte Eugenie, »und ich habe es absichtlich verdorben, um ihr ein anderes
dafür malen zu können, sonst nähme sie es doch nie von der Wand, und ich
hätte mich ewig darüber zu ärgern.«
Das sah ihr ähnlich, aber danken durfte ich nicht dafür, sonst war sie im
Stande, dem lieben Gesichtchen abermals einen schwarzen Bart anzumalen.
Jetzt erst fiel mir ein, daß sie einige Vormittage allein ausgegangen war,
um, wie sie sagte, allerlei zu besorgen. Da war dies Bildchen entstanden.
Welch' Talent lag in dem Mädchen! Musik, Malerei, alles konnte sie
trefflich, nur davon sprechen, sie loben, das durfte niemand, sie rechnete
all' ihr Können der Mühe ihrer Lehrer zu und legte scheinbar gar keinen
Werth auf ihre Talente.
Eugeniens Lieblingsthema für ihre Neckereien, deren sie ewig im Sinn hatte,
war besonders meine einfach ländliche Garderobe, die freilich gegen die
üppig elegante Toilette der verwöhnten Cousine gewaltig abstach. »Nett
und sauber!« das war meiner guten Mutter Princip bei Anschaffung neuer
Kleidungsstücke; aber freilich drang die neueste Mode nur langsam hinaus
auf unser fern gelegenes Landgut, und so mochte ich wohl etwas altfränkisch
ausgesehen haben, als ich zu der Tante kam, denn diese hatte schon allerlei
Aenderungen an meiner Toilette vorgenommen, so daß ich erstaunlich modisch
und zierlich gekleidet zu sein meinte, bis die elegante Eugenie mich durch
ihre Garderobe völlig in den Schatten stellte. Aber dieser Abstand in
der Erscheinung drückte mich nicht, es paßte eben so ganz zu unser Beider
Persönlichkeit, und in Eugeniens köstlichen Kleidern wäre ich gewiß noch
viel steifer und ängstlicher gewesen aus Furcht, sie zu verderben.
Ein etwas buntes, schwerfällig gemachtes Kleid war es besonders, das vor
Eugeniens Augen durchaus keine Gnade fand und fortwährend Grund zu neuen
Neckereien abgab. Aber der Stoff des Kleides war gut und fein, das Kleid
noch neu und sauber, und so trug ich es trotz alledem ruhig weiter.
»Es riecht nach Butter und Käse!« sagte Eugenie, wenn sie mich darin
erblickte. »Um Gottes Willen geh nicht vor die Stadt, die Kühe halten dich
für eine bunte Wiese und wollen auf dir grasen.« Oder auch: »Großmutter, in
welchem Winkel deines Strickbeutels stak einmal der kostbare Stoff deines
Bratenrockes? Heißt dein Schatz Bauer Michel oder Peter, mit dem du in
diesem Staate Hochzeit machen willst?« und was der losen Reden mehr waren.
Aber ich kehrte mich, wie gesagt, wenig daran und trug mein geschmähtes
Kleid weiter.
Eines Tages jedoch konnte ich es durchaus nicht finden, ich durchsuchte
alle Schränke, aber vergebens. Da kam Eugenie an mir vorüber und sagte
leichthin: »Ach Gänseblümchen, wenn du etwa dein Großmutterkleid suchst, so
bemühe dich nicht länger, das hat jetzt die arme Zeitungskäthe an. Das alte
Wesen bat mich um einen warmen Rock für die Kälte, aber du weißt, meine
Kleider sind alle so dünn und wärmen nicht. Aber das Butter- und Käsekleid
von dir ist so warm und weich, ich dachte, das müßte dem armen Weibe gut
thun und gab es ihr. Du bist doch nicht böse darüber?«
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten tanzte sie trällernd davon, ich
aber schaute verblüfft drein und wußte nicht, war das Scherz oder Ernst.
Wäre es nicht Eugenie gewesen, so hätte ich es für einen Spaß gehalten;
aber sie war fähig das zu thun, was sie erzählte, und der leere Schrank
sprach nur zu deutlich von der Wahrheit ihrer Geschichte. Das war denn doch
etwas zu stark, dieses feine, gute Kleid an solch' armes Weib zu geben,
der mit etwas Geringerem viel besser gedient war, und nun gar über das
Eigenthum Anderer so willkürlich zu verfügen! Ich ging fast weinend vor
Verdruß in mein Schlafzimmer, um mich fertig anzukleiden und der Tante dann
mein Leid zu klagen. Aber siehe da, als ich an mein Bett trat, sah ich auf
diesem ein wunderschönes violettfarbenes Kleid liegen von einem so köstlich
feinen Wollenstoff, daß ich voll Bewunderung stehen blieb und es anschaute.
»Nun ich hoffe, es paßt dir, kleine Gänseblume!« rief Eugenie und schaute
zur Thür herein. »Die Schneiderin behauptet dein Maß zu haben.«
»Soll das denn für mich sein?« fragte ich verwundert und hob das reiche
Gewand in die Höhe, das mit Sammet und Spitzen wunderschön ausgeputzt war.
»Mama hatte den Stoff zu einem Winterkleide für mich bestimmt,« sagte
Eugenie achselzuckend, »doch es gefiel mir nicht. Da es aber immerhin
hübscher ist als dein Bratenkleid, so habe ich es dir machen lassen und
verschenkte deinen Hochzeitrock, nur damit ich mich nicht vollends todt
darüber ärgern muß. Zu bedanken brauchst du dich nicht, denn ich konnte
die Farbe für mich nicht leiden. Veilchen sind mir nun einmal schrecklich
langweilig, darum mag ich auch ihre Farbe nicht tragen.«
So wußte das sonderbare Mädchen stets die Sachen zu wenden und zu drehen,
daß man schließlich weder schelten noch danken konnte, aber das wollte
sie eben. Sie hatte ihren Willen, das war die Hauptsache, und alles Andere
mußte schweigen. Noch nie im Leben hatte ich ein so schönes Kleid besessen,
und freudestrahlend eilte ich damit zur Tante. Diese begrüßte mich
lächelnd und sagte, es möge jetzt gut sein, ihre Strafpredigt hätte Eugenie
erhalten, denn unrecht sei ihre Handlung bei alledem; aber den Tausch könne
ich mir wohl gefallen lassen. Das fand ich auch, denn mit Vergnügen sah
ich in Tante's großem Spiegel, daß ich ordentlich hübsch in dem stattlichen
Kleide aussah.
»Thust du den Armen gern Gutes, Eugenie?« fragte ich in Folge der
Kleidergeschichte, denn lange schon hatte es mir am Herzen gelegen, meine
reiche Cousine mit meinen Armen bekannt zu machen, die ich regelmäßig jede
Woche besuchte.
»Thu' doch nicht solche Alt-Jungferfragen, Gänseblümchen!« erwiderte
Eugenie. »Die Armen sind schrecklich unbequemes Volk, ich kann sie nicht
leiden, darum schenke ich ihnen immer schnell etwas, wenn sie an mich heran
kommen, dann bin ich sie los.«
»Aber das ist nicht recht, Eugenie, deshalb mußt du es doch nicht thun!
Denke doch, wie schrecklich schlimm diese armen Geschöpfe daran sind, denen
oft das Nöthigste zum Leben fehlt. Wenn wir ... Aber was machst du denn,
was soll denn das heißen?« fuhr ich endlich fort und sah Eugenien zu,
welche mir eine schwarze Schürze als Mantel umband und eine Art Thron von
Stühlen erbaute.
»Wenn's gefällig wäre, Herr Pastor, die Kanzel ist fertig, predigen Sie
dort weiter,« sagte sie mit einer feierlichen Verbeugung gegen mich und
setzte sich mit andächtiger Miene mir gegenüber. Natürlich war ich nun mit
meinen weisen Reden zu Ende, und das hatte sie nur gewollt. »Du bist so
weise, wie du reizend bist!« war sonst ihre gewöhnliche Redensart, wenn ich
bei ihrem leichten Geschwätz meine solideren Ansichten nicht unterdrücken
konnte, und diese Rede Titania's, mit der sie im Sommernachtstraum den
zum Esel verwandelten Weber Zettel begrüßt, war auch für mich eine eben so
zweideutige Phrase, da ich von meinen eigenen Reizen gar schwache Begriffe
hatte.
Wie Eugenie von meiner Predigt über die Armuth nichts hören wollte, so
war sie auch taub gegen meine Bitte, mich zu einigen armen Familien zu
begleiten, denen ich in jeder Woche etwas zu bringen pflegte, bald Geld,
bald Kleider, bald Essen, was ihnen gerade am nöthigsten that.
»Es riecht so gräßlich bei solchen Leuten, man bekommt es nicht wieder aus
den Kleidern heraus. Mein Lehrer nannte diesen Geruch Buttersäure,« sagte
sie und gab mir Geld, das ich dem »armen Volke« schenken sollte, nur sie
selbst solle man in Ruhe lassen. Natürlich drang ich nicht weiter in sie,
aber als ich eines Tages von einem dieser Besuche zurückkehrte, konnte
ich nicht unterlassen zu erzählen, wie sehr mich die Noth und das Elend
in einer jener Familien ergriffen hätte, in welcher die Mutter krank, der
Vater auf Arbeit, und die kleinen Kinder sich selbst überlassen waren.
Eugenie schien kaum auf meine Erzählung zu achten, wie überrascht war ich
deshalb, als ich einige Tage darauf wieder zu der armen Familie kam, zu
hören, daß eine junge Dame dort gewesen und sie mit Geld und Sachen reich
beschenkt, ja den kleinsten Knaben lange auf dem Schooße gehabt und ihm
endlich eine kleine goldene Kette um den Hals geschlungen hatte, weil er
gar so hübsch sei. Die Kette war von Eugenien, ich kannte sie wohl, und die
ganze Beschreibung paßte auch auf sie. Aber erwähnen durfte ich gegen sie
nicht, daß ich von ihrem Besuche wußte; schon bei meiner leisen Andeutung
zuckten ihre Augenbrauen, das Zeichen ihres Verdrusses, und so schwieg ich,
Freude und Bewunderung nur gegen die Tante aussprechend, welcher bei meiner
Erzählung die Thränen in die Augen traten. »Wunderbares liebes Kind!« sagte
Tante Ulrike, und ihr Herz erwärmte sich mehr und mehr für ihr zweites
Pflegekind, in welchem täglich neue treffliche Eigenschaften erwachten.
Und dieser Besuch bei der armen Familie blieb nicht der einzige, den
Eugenie machte. Nach und nach hatten sich eine ganze Anzahl armer Leute
ihrer Gunst und Fürsorge zu erfreuen; aber durch wen sie diese Armen
kennen gelernt, danach durften wir nicht fragen, wie es ihr denn überhaupt
unerträglich war, sich beobachtet oder controlirt zu sehen. Tante Ulrike
und ich fürchteten freilich nicht ohne Grund, daß Eugenie in ihrer
Unerfahrenheit und Güte sicher so manchen thörichten Streich bei
Beschenkung ihrer Armen begehen würde, und einzelne werthvolle Gegenstände,
welche ich bald bei ihr vermißte, bestätigten unsere Vermuthung. Aber
es war da nicht viel zu thun, wollte man Eugenien nicht den ganzen neu
erwachten Wohlthätigkeitssinn wieder verleiden. Eines Tages aber gab sie
selbst Anlaß zu einem Gespräche über derartige Dinge.
»Ich begreife nicht, Gänseblümchen, wo du das Geld hernimmst, um deine
Armen zu versorgen,« sagte sie nachdenklich, als sie von einem ihrer
Besuche heimkehrte. »Ich bin nun bald selbst so arm wie eine Kirchenmaus;
aber hätte ich noch zehnmal mehr, es reichte doch nicht für all' das, was
diesen Leuten fehlt.«
»Ich glaube, du beurtheilst die Bedürfnisse dieser Armen falsch, liebes
Kind,« sagte die Tante, welche freundlich zu uns trat. »Von allem, was dir
und uns zum täglichen Leben unbedingt nöthig scheint, bedürfen diese Leute
nur einen geringen Theil. Wir sind verwöhnter, als wir es selbst glauben,
und wären wir in solch' armen Familien aufgewachsen, wir brauchten nur
den hundertsten Theil von all' dem, was wir jetzt für nöthig halten. Darum
können wir auch mit kleinen Gaben in armen Häusern viel Gutes thun, denn
die Bedürfnisse dort sind leicht zu befriedigen.«
»Aber Tante, das finde ich gar nicht!« rief Eugenie lebhaft. »Ich gebe und
gebe, daß ich selbst nichts mehr habe, das ist aber alles wie ein Tropfen
auf einen heißen Stein, immer brauchen die Leute noch etwas. Vor einigen
Tagen komme ich z. B. zur Familie des Maurergesellen Franke. Ich fand sie
gerade beim Mittagsbrod, sie saßen rings um den hölzernen Tisch herum,
und aßen alle aus ein und derselben Schüssel. Das war mir schon ein
schrecklicher Gedanke, nun aber sah ich die Löffel, mit denen sie aßen,
und ich schrak ordentlich zusammen, denn es waren ganz alte, schwarze,
halb zerbrochene Blechlöffel! Ich fragte, warum sie denn kein Tafeltuch
auflegten, und jeder seinen Teller für sich habe, aber da sahen sie sich
verlegen an, denn denkt nur, die armen Menschen hatten nicht ein einzig
Tischtuch, keine Serviette, nur zwei Teller, und die waren aus braunem
Thon, und nur diese abscheulich schwarzen Blechlöffel zum Essen. Ich ging
denn sogleich mit Lisetten nach der Stadt, und kaufte eine Menge Teller und
Schüsseln, drei Tischtücher mit Servietten, und ein halbes Dutzend silberne
Eßlöffel, was ich alles den armen Leuten so eben hinschickte. Aber so
geht es mir fast überall, die armen Menschen entbehren ja oft das
Allernöthigste, doch wie wenig kann ich ihnen darin beistehen! Beim armen
Schlosserhans fand ich die Frau neulich im Bette liegen, aber statt der
Nachtjacke hatte sie ein altes Tuch umgeschlungen, Nachtzeug besaß die
Aermste nicht. Statt der Matratze hatte sie nur einen Strohsack als Lager,
und ihre drei Kinder lagen alle in ein und demselben Bette. Ich besorgte
nun gleich allerlei Matratzen und Bettzeug und der Frau einen netten Anzug
für die Nacht; aber solche Ausgaben haben mich ganz ausgebeutelt, ich weiß
nicht mehr, was ich machen soll.«
»Mein gutes Kind, erlaube mir, daß ich mich deiner Verlegenheit annehme,«
sagte die Tante sanft und streichelte Eugeniens Wange. »Was du mir da
erzählt, spricht für dein liebes Herz, aber ich kann dir nicht verhehlen,
daß du auf einem falschen Wege bist, den Leuten Gutes zu thun. Was ich
vorher schon sagte, finde ich bei dir bestätigt: du hältst Dinge für
nöthig, welche dem Geringeren durchaus nicht als Bedürfniß erscheinen. Ich
bin fest überzeugt, die Schlosserfrau trägt das feine Nachtzeug in eine
Leinenhandlung, und läßt sich Geld oder derbes Leinen dafür geben, das ihr
nöthiger ist, und das Tischzeug und Tafelservice bei Frankes liegt entweder
unbenutzt im Kasten, oder geht denselben Weg, den die silbernen Löffel ohne
Frage gehen, nämlich den, zu Geld eingewechselt zu werden.«
»Aber Tante, warum denn? Denke doch, wie nöthig die Leute diese Sachen
brauchten und wie froh sie nun sein werden, endlich von einem Tischtuche
und von weißen Tellern zu essen, sowie vor allen statt der abscheulichen
schwarzen Löffel nun Silber in den Mund stecken zu können!« sagte Eugenie
verwundert.
»Nein Kind, darin besteht eben dein Irrthum,« entgegnete die Tante
lächelnd. »Du meinst, die Leute hätten diese Sachen bitter entbehrt, weil
du sie entbehren würdest, wärest du an ihrer Stelle. Aber sie kennen es ja
gar nicht anders, haben nie in ihrem Leben anders gegessen, und werden
gar nicht wissen, was sie mit all' den Tellern und gar mit Servietten und
Tischtuch anfangen sollen. Das Silber aber bedürfen sie nöthiger, als es
in Löffelgestalt in den Mund zu stecken. Dazu dienen ihre alten Blechlöffel
vortrefflich, und du darfst ihnen nicht zürnen, wenn sie jenes Silber in
Geld verwandelt haben, damit sie dafür etwas anschaffen, was sie mit den
schwarzen Blechlöffeln verzehren können.«
Eugenie war ganz gedankenvoll geworden, denn die Rede der Tante erschloß
ihr eine ganz neue Ansicht dieser Dinge. Halb verlegen, aber doch endlich
in ihrer gewöhnlichen neckischen Laune fing sie an über sich selbst zu
spotten und sich lustig zu machen, und in liebenswürdig kindlicher Weise
bat sie Tante Ulrike, ihr bei der Sorge für die Armen mit gutem Rathe
beizustehen, damit sie den Frauen nicht zuletzt noch Blondenhauben und
Tüllschleier und den Männern goldene Schnupftabaksdosen anschaffte als
nothwendige Lebensbedürfnisse. Mit tausend Freuden versprach die gute Tante
ihren Rath und Beistand, und so konnten wir in der Sorge für unsere Armen
jetzt alle gemeinsam wirken. Eugenie entschloß sich mit der Zeit sogar,
Röckchen und Schürzen für die Kinder selbst mit nähen zu helfen, und mit
stillem Jubel erblickten wir eines Tages gar einen groben grauwollenen
Strumpf in ihren feinen Händen, den sie für einen armen Tagelöhner eifrig
zu stricken unternommen, nachdem Lisette ihr ihn eingerichtet.
12.
Allerlei.
Wie in meiner Erzählung, so verdrängte auch im täglichen Leben Eugeniens
Eintreten in unseren Familienkreis fast alles andere, und wie ich diesem
eigenthümlichen Mädchen zwei volle Kapitel gewidmet, so erfüllte sie unsere
Gedanken und Gefühle in der ersten Zeit fast ausschließlich. Nach und nach
jedoch kamen die durch sie erregten Wellen des täglichen Lebens wieder
in ruhige Bewegung; Eugeniens absonderliches Betragen bereitete allmälig
weniger störende und ärgerliche Auftritte, und sie schloß sich den
Beschäftigungen etwas mehr an, welche Tante Ulrike's und meine Zeit
ausfüllten. An meinen Lehrstunden mochte sie freilich keinen Antheil
nehmen, davon sei sie bereits übersatt, wie sie sagte, und es war mir nicht
unlieb, dieselben mit meiner lieben Marie ungestört weiter fort nehmen zu
können.
Auch das Vorlesen, das die Tante noch regelmäßig mit mir fortsetzte,
langweilte sie Anfangs zu Tode, und mir war es recht peinlich, in ihrer
Gegenwart vorzulesen, da sie sich nicht genirte, mich wegen meiner
schlechten Aussprache oder der falschen Betonung gründlich auszulachen.
Aber die Tante verbot ihr bald dies Betragen, und eine Zeitlang mied sie
unsere Lesestunden. Eines Tages jedoch erschien sie wieder und fragte, ob
sie heute einmal mit lesen dürfe, und natürlich erlaubte die Tante es gern.
Wir hatten gerade Götz v. Berlichingen angefangen, dies wunderbar edle
kraftvolle Werk Goethe's, und mit wahrem Entzücken hörte ich nun, wie schön
und ausdrucksvoll die herrliche Sprache des Dichters von Eugeniens Lippen
floß. Sie las anders als die Tante, es war mehr jugendliches Feuer und ein
wundervoller Klang in ihrer Stimme, während die Tante ernster und würdiger
und ich möchte sagen, edler sprach, und mit aufrichtiger Bewunderung und
Freude folgte ich ihren Worten.
Nun schien sie mit einem Male Gefallen am Vorlesen zu finden, denn von
jetzt an war sie stete Theilnehmerin dieser genußreichen Stunden. Sie las
abwechselnd mit der Tante und mir, und ihre Neckereien bei meinem Lesen
hatten sich auf harmlose kleine Scherze beschränkt, welche ich herzlich
gern ertrug und selbst mit belachte. So war sie eben. Man mußte ihr Zeit
zur Ueberlegung lassen, nachdem man ihr den rechten Weg gezeigt hatte, und
dann konnte man sicher sein, ihre gute Natur leitete sie zum Richtigen und
Guten. Diese Ueberzeugung war es, welche die Tante tröstete und aufrecht
erhielt in aller Sorge, die Eugeniens Betragen ihr bereitete, und ihr Herz
war voll Dank gegen Gott, der ihr dies liebe Wesen an die Brust legte, ehe
der gute Same von dem üppigen Unkraut erstickt wurde, das schon so hoch
ringsum aufgeschossen war.
Eugenie selbst fühlte dies auch von Tag zu Tag mehr, und mit unendlicher
Naivetät sprach sie diese Gedanken zuweilen selbst aus, freilich in ihrer
wunderlichen Weise, die Dinge zu besprechen.
»Tante, welches von uns beiden Wickelkindern macht dir eigentlich die
meiste Noth?« sagte sie wohl. »Gänseblümchen, der ungeleckte junge Bär,
oder Eugenie, der Ausbund von Tugend und Ehrbarkeit? Gestehe es nur, das
zweite Kind ist doch der größere Rüpel von Beiden! Doch was kann ich armer
kleiner Käfer dafür, daß ich so lange in der Pfütze wühlen mußte, ehe ich
sah, wo eigentlich guter Grund und Boden zu finden sei? Aber langweilig
werde ich jetzt auf diese Weise und ehrpußlich und altbacken, gerade wie
unsere alte Katze zu Hause, die auf ihre alten Tage keine Mäuse mehr fangen
wollte, wahrscheinlich weil eine Tante Ulrike ihr ins Ohr geflüstert, es
sei eine Sünde. Puh! wenn Mama mich jetzt sähe, wie ich mit meinem
großen grauen Strickstrumpfe liebäugle, oder die kleinen schmutznasigen
Bettelkinder abküsse, sie hätte ihre helle Freude daran und kaufte mich
sicher gleich in den alten Weiberspittel ein, für den sie mich reif
erklären würde.«
Und dann lachte sie in ihrer lustigen Weise und drehte mich mit sich im
Kreise herum, daß man ihr gut sein mußte, man mochte wollen oder nicht.
Aber trotz ihrer eleganten äußeren Bildung kamen doch auch bei Eugenien
allerlei Dinge zum Vorschein, welche Tante Ulrike tadelte, und die ich mir
hinter das Ohr schrieb zur eigenen Beherzigung. So machte es z. B. Eugenien
großen Spaß, zum Fenster hinaus zu sehen und auf der belebten Straße über
die Vorübergehenden ihre lustigen Bemerkungen zu machen. Mich ergötzte dies
ebenfalls nicht wenig, und so lagen wir Beide mit unsern Schultern weit zum
offenen Fenster hinaus, um ja alles dort unten recht ordentlich zu sehen.
Aber bald kam die Tante dazu und tadelte unser unpassendes Betragen, denn
es gefalle ihr nie, wenn junge Mädchen nichts Besseres zu thun wüßten, als
zum Fenster hinaus zu sehen; und nun gar den ganzen Oberleib in die Luft
hinaus zu hängen sei ein Zeichen von wenig Anstand.
Ich zog mich wie ein begossener Pudel zurück, Eugenie aber lachte wie immer
und sagte, die Tante fürchte nur, man werde ihr Schloß stürmen, um die
darin gefangenen Schönheiten zu befreien, deshalb wolle sie uns den Augen
der Welt entziehen. Aber sie that dennoch, wie die Tante geboten, und das
offene Fenster sah uns von nun an stets nur für wenig Augenblicke.