Die Tante zog mich liebevoll an ihr Herz, während ich stumm und demüthig

mein erglühendes Gesicht an ihrer Schulter barg. Ach ich war unsäglich

glücklich über die Worte der geliebten Tante! Wohl oft schon hatte sie

mir durch einige zufriedene Aeußerungen oder Blicke gezeigt, daß sie nicht

unzufrieden mit mir war, und daß ich trotz meiner vielen Thorheiten dennoch

ihre Liebe und ihr Vertrauen besaß, aber so viel Lob war mir noch nie von

ihr zu Theil geworden. Fast hätte ich stolz und eitel davon werden können,

aber die Tante kannte mich genug, um zu wissen, daß ihre Worte bei mir

diese Folgen nicht haben würden; denn ich fühlte gar wohl, wie sie mich

durch ihr Lob nur etwas sicherer und selbstbewußter Eugenien gegenüber

machen wollte, bei welcher meine ängstliche Bescheidenheit durchaus nicht

angebracht war. Offenherzig gestand ich der Tante diesen Gedanken, und ihr

feines Lächeln bestätigte meine Vermuthung.

»Du bist ein kleiner Schalk, Gretchen,« sagte sie heiter. »So ganz

fehlgeschossen hast du freilich nicht; denn ich kann nicht leugnen, daß

ich allerdings herzlich wünsche, du möchtest dich recht fest in den Sattel

setzen, um im Laufe mit Eugenien von ihr nicht herausgeworfen zu werden,

was ihren Uebermuth sehr vermehren würde. Aber ich hoffe, es wird schon

gehen, wenigstens that Eugenie gestern schon einige Aeußerungen über dich,

welche mir zeigten, du habest ihren Capricen tapfer die Stirn geboten.

Damit hast du dir schon ein gutes Theil Terrain bei ihr erobert, und das

ist mir lieb zu hören.«

Ich erzählte der Tante lachend mein gestriges Gespräch mit Eugenien, das

sie sehr ergötzte.

»Ja ja, auf seiner Hut muß man bei dem Blitzmädchen sein,« sagte sie, »denn

vergiebt man sich bei ihr erst einmal etwas, so hat man das Spiel verloren.

Nun halte dich tapfer; für dich wird aus dem Umgange mit ihr auch gar

vielerlei Gutes erwachsen, wenn du es wohl zu nützen verstehst. Aber

jetzt eile dich mit deiner Toilette, sonst überrascht dich Eugenie am Ende

wirklich noch im tiefsten Negligée.«

Ich kleidete mich mit Tantchens Hülfe schnell an und hatte die Freude,

von ihr abermals ein Lob zu erhalten, wie nett und richtig ich jetzt

alles machte, was zur Toilette gehört. »Entsinnst du dich noch des ersten

Morgens, Gretchen?« fragte sie neckend. »Weißt du noch, wie ich da nicht

aufhören konnte zu verbessern und zu reden? Weißt du, wie du mit den

nackten Füßen zum Bett heraus fuhrest, und als Hemdenmätzchen an der Erde

hocktest? Wie du dich ohne Wasser wuschest und endlich eine ganze Sündfluth

um dich her verbreitest?«

»O still, still, Tantchen! Wie sollte ich das vergessen haben?« rief ich,

der Tante den Mund zuhaltend. »Damals dachte ich nicht, daß ich es dir

je würde recht machen können, das kann ich dir jetzt ehrlich gestehen.

Nachgerade aber ist mir nun doch einige Hoffnung gekommen, daß dein dummes

Backfischchen noch ein vernünftiger Mensch werden könnte.«

»Die Zeit wird es ja lehren,« sagte die Tante mir zunickend. »Jetzt geh und

sieh, ob Eugenie nicht bald kommt, sonst müssen wir ohne sie frühstücken,

mein Magen hat wegen meiner kleinen Faulpelze jetzt lange genug gefastet.«

Ich eilte in Eugeniens Zimmer, um die Cousine zum Frühstück abzuholen. Aber

wie erstaunte ich, als ich die junge Dame noch im Bett und eben im Begriff

fand, ihre Chocolade zu schlürfen, welche Lisette ihr präsentirte.

»Guten Morgen, Gänseblümchen!« rief sie mir fröhlich entgegen und gebot

ihrer Jungfer, das Frühstück neben ihr Bett zu stellen. »Was habt ihr

für gräuliches Zeug von Chocolade hier im Hause!« fuhr sie, den Mund

verziehend, fort. »Das ist ja süßer Mehlbrei für Wickelkinder, pfui! Mama

soll mir augenblicklich von unserer Vanillechocolade schicken, hörst du

Lisette! Schreib es gleich auf den Bestellzettel. Aber du mein Himmel!

Heilige Margarethe, schon fix und fertig in den Kleidern?« rief sie dann,

mich verwundert vom Kopf bis zu den Füßen anblickend. »Was hast du denn

vor, willst du verreisen, daß du dich so früh schon anziehst?«

»Nein, das thue ich stets, Eugenie!« sagte ich gleichmüthig. »Die Tante

sieht es nicht gern, wenn junge Mädchen im Morgenrock umher gehen, weil sie

es für Verwöhnung hält.«

»Nun da wird sie sich bei mir wohl daran gewöhnen müssen,« entgegnete

Eugenie schnippisch und strich die feine Stickerei ihres Nachtjäckchens am

Handgelenk glatt. »Ich bin kein Bürgermädchen, das gleich aus dem Bette auf

die Straße muß, meine Bequemlichkeit lasse ich mir nicht stören.«

»Jeder nach seinem Gefallen, liebe Cousine,« erwiederte ich achselzuckend.

»Ich habe es mir zur Pflicht gemacht, allen Wünschen der Tante

nachzukommen, und so thue ich auch dies, obwohl auch ich an Morgenrock und

Häubchen gewöhnt war. Jetzt finde ich es selbst sehr angenehm, gleich früh

fertig zu sein, man gewinnt sehr viel Zeit dabei.«

»Bah, Zeit! Was habe ich davon!« rief Eugenie spöttisch. »Der Tag ist

ohnehin lang genug.«

»Ich möchte ihn stets noch einmal so lang haben, die Zeit vergeht mir immer

viel zu schnell,« erwiderte ich.

»Du bist eine Närrin, Gänseblümchen,« rief Eugenie ärgerlich. »Aber was

willst du eigentlich bei mir, kommst du etwa nur, um mir wieder eine

Predigt zu halten? Den Anlauf dazu nimmst du schon wieder.«

»Ich habe das Gespräch nicht angefangen, Eugenie!« sagte ich kurz. »Ich

kam nur, dich zum Frühstück zu rufen; da du dasselbe aber für dich allein

einzunehmen für gut findest, so habe ich weiter nichts hier zu suchen.«

Dabei wandte ich mich nach der Thür und wollte gehen. Ein schallendes

Gelächter Eugeniens traf mein Ohr, und unwillkürlich blickte ich nach ihr

zurück.

»Du bist eine kostbare kleine Kratzbürste!« rief sie lustig. »Nun gehst du

schnurstracks zu unserer wohllöblichen Tante und berichtest ihr brühwarm,

was sich allhier so eben zugetragen, und wie ich der heiligen Margarethe

höchsten Zorn erregte. Und dann setzt ihr beiden Tugendexempel euch

einander gegenüber und weint heiße Thränen über das räudige Schaf, das

unter eure fromme Heerde gekommen.«

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Eugenie!« entgegnete ich, indem ich gegen

meinen Willen lachen mußte. Da die Tante mich jedoch erwartete, eilte ich

zur Thür hinaus, hinter mir drein aber flog einer der seidenen Pantoffeln,

welche das lose Mädchen mir nachsandte.

Die Tante schüttelte den Kopf, als ich ihr von diesem Morgenbesuche

erzählte, und wir tranken ziemlich still und ernst unsern Kaffee. Aber

noch waren wir nicht damit fertig, so öffnete sich die Thür, und Eugeniens

rosiges Gesichtchen schaute zu uns herein.

»Da ist sie doch!« rief ich freudig überrascht und eilte ihr entgegen.

Auch die Tante stand auf, der Ankommenden die Hand zu reichen, Eugenie aber

schritt feierlich zu uns heran und sagte salbungsvoll:

»Wo zwei oder drei beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter

ihnen!«

Ich erschrak über diesen Frevel, als hätte ich selbst die Sünde begangen,

die Tante aber blickte rasch auf, dunkle Gluth färbte ihre Stirn, und

finster, wie ich sie noch nie gesehen, schaute sie Eugenien an.

»Unbesonnenes Mädchen!« sprach sie streng, »laß mich nie wieder dergleichen

frevelhafte Worte hören! Leichtsinn und Unarten will ich dir verzeihen,

aber wer Spott mit dem Heiligsten treiben kann, von dem will ich nichts

mehr wissen, für den habe ich nur noch die tiefste Verachtung. Ich hoffe,

du siehst ein, wie unverantwortlich du gehandelt und bereust es von

Herzen!«

Eugenie stand erschrocken vor der zürnenden Tante und hatte ihre kecke

Haltung ganz verloren. Sie faßte sich zwar endlich wieder und wandte sich

etwas verlegen zur Seite, aber der tiefe Ernst der Tante ließ jegliche

Erwiderung auf ihrer Lippe ersterben, und schweigend setzten wir unser

Frühstück weiter fort. Eugenie fühlte sich augenscheinlich dabei höchst

unbehaglich, denn bald stand sie auf und machte sich im Zimmer zu schaffen.

Endlich öffnete sie den Flügel und ließ die Finger über die Tasten gleiten,

ohne rechten Zusammenhang zwar, aber so kunstvoll und meisterhaft, daß ich

erstaunt aufhorchte.

»Spiele uns doch etwas, liebes Kind,« sagte Tante Ulrike sanft, und

herzlich erfreut, daß sie aus dem Dilemma durch Tante's gütige Anrede

erlöst worden, ließ Eugenie nun ihre Finger im raschen Spiele über die

Tasten rollen. Es war ein wirklicher Genuß, ihr zuzuhören, denn Anschlag,

Geläufigkeit und Vortrag, alles war so vortrefflich, wie ich es selten

gehört hatte. Dem Spiel folgte bald auch Gesang, und die reine hohe

Sopranstimme sowie der ungemein ansprechende Vortrag Eugeniens entzückten

mich von Neuem, und auch der Tante ernstes Gesicht hellte sich mehr und

mehr auf. Musik ist der beste Vermittler, Tröster und Helfer in so

manch trüber Lage des Lebens, und auch hier halfen uns die Töne über den

unangenehmen Zustand hinweg, in den Eugeniens Thorheit uns versetzt hatte;

denn als sie vom Klavier aufstand, reichte ihr die Tante freundlich die

Hand und lobte ihre treffliche musikalische Ausbildung.

»Du mußt meine Lehrer loben, nicht mich, Tantchen!« rief Eugenie, sich

nachlässig auf das Sopha werfend. »Sie haben mich genug damit gequält, mehr

als all' die Lappalie werth ist.«

»Nun du solltest es ihnen danken, denn du bist durch diese Mühe in den

Besitz schöner Talente gelangt,« entgegnete die Tante. Eugenie beantwortete

diese Ermahnung aber in ihrer bekannten liebenswürdigen Weise, indem sie

den Mund zum Gähnen öffnete, und leise seufzend ging die Tante an ihr

vorüber.

Einige Zeit nachher kehrte ich mit dem Ausgabebuche der Köchin aus der

Küche in das Wohnzimmer zurück und trug vorsichtig eine Menge kleiner

Münzen, welche ich eingewechselt, auf dem Umschlage des Buches. Eugenie

ging trällernd an mir vorüber, und ehe ich wußte, wie mir geschah, schlug

sie mir Geld und Buch aus den Händen, daß die Münzen rings im Zimmer

umher flogen. Wie ein tolles Kind lachte sie dann über ihren muthwilligen

Streich, während ich bestürzt niederkniete, die vielen kleinen Geldstücke

mühsam aufzulesen.

Aber da trat die Tante, welche alles aus ihrem Cabinet mit angesehen, zu

uns heran, gebot mir aufzustehen, Eugenien aber, selbst aufzusuchen, was

sie hingeworfen. Eugenie blickte betroffen auf, dann warf sie den Kopf in

den Nacken, öffnete die Thür und rief ihre Kammerjungfer herbei.

»Lies die Münzen auf, Lisette!« befahl sie dem eintretenden Mädchen, und

schon kniete dieses am Boden, da sagte Tante Ulrike:

»Lisette, geh nur, es ist schon gut.«

Dann aber, als das Mädchen das Zimmer verlassen, gebot sie Eugenien ruhig

aber sehr ernst, selbst ihren stolzen Rücken zu beugen und wieder zu

verbessern, was sie Thörichtes gethan.

Eugenie wußte nicht, ob sie ihren Ohren trauen sollte; aber der stille

Ernst der Tante imponirte ihr doch gewaltig, und ohne eine Erwiderung

begann sie das mühsame Werk. Unter Stöhnen und Schelten kroch sie am Boden

umher, kaum aber hatte sie eine Hand voll Münzen aufgesammelt, so warf sie

mir dieselben voll Ingrimm wieder an den Kopf, und so würde sie nimmermehr

zu Ende gekommen sein, hätte ich mich ihrer nicht endlich dennoch erbarmt

und ihr beigestanden.

»Ach meine Füße, meine Glieder!« rief sie nun, als wir fertig waren. »Ich

bin wie gerädert, es ist mein Tod!« Ich ließ sie ruhig klagen und ging

meinen häuslichen Geschäften nach. Als ich wieder zurück kehrte, fand ich

sie nicht mehr, und da ich glaubte, sie werde wohl Toilette machen, ging

ich nach ihrem Zimmer, ihr zu helfen. Aber wie erschrak ich, sie hier im

Bett zu finden. Als sie mich sah, überhäufte sie mich mit Scheltworten und

Klagen, sagte, sie werde hier behandelt wie ein Sträfling, und es werde

sicher ihr Tod sein, sie fühle sich jetzt schon völlig krank und elend.

Bestürzt eilte ich zu Tante Ulrike, dieser den Zustand Eugeniens

mitzutheilen, die Tante aber lächelte über meine Sorgen und sagte ruhig:

»Laß nur Kind, Eugenie wird schon wieder gesund werden, aber geh nicht zu

ihr, wir müssen sie sich selbst überlassen.« Dann ergriff sie ein Buch und

begann unsere tägliche Lektüre, und Lessings geistvolle Worte, die sie mir

vorlas, führten meine Gedanken bald in andere schönere Regionen.

Meine Freundin Marie unterbrach nach einiger Zeit unsere Beschäftigung, um

sich nach dem neuen Ankömmling zu erkundigen. Da Eugenie aber noch immer

nicht sichtbar war, so hatten wir Zeit genug, lange allein mit einander zu

schwatzen.

Schon nahte die Mittagstunde, und Marie wollte wieder gehen, da erschien

plötzlich Eugenie in der Thür, höchst zierlich angekleidet und stolz und

vornehm in Miene und Haltung. Ich stellte ihr meine Freundin vor und fragte

nach ihrem Befinden, sie aber lehnte sich matt in den Sessel, nickte Marien

kalt einen Gruß zu und schien uns dann nicht weiter zu beachten. Marie

entfernte sich bald und war außer sich über Eugeniens Art und Weise,

ich suchte sie indeß zu entschuldigen; aber meine Versicherung, daß sie

unendlich liebenswürdig sein könne, fand bei meiner feinfühlenden kleinen

Freundin durchaus keinen Glauben.

Ich setzte mich still an meine Arbeit, während meine Cousine wieder

nachlässig auf dem Sopha ruhte. Ihr helles Lachen überraschte mich aber

bald darauf, so daß ich verwundert aufblickte.

»Ist sie immer so blau und so blond?« rief Eugenie lustig.

»Wen meinst du denn?«

»Nun deinen Castor, mein Pollux!«

»Ja, blond ist sie immer, wie ich immer schwarz bin. Und blau trägt sie

viel, ich liebe das gerade an ihr. Wie gefällt sie dir denn, Eugenie!«

»Wie einem solch' Butterschäfchen gefallen kann! Es fehlt nur Todtenkopf

und Bibel, und die büßende Magdalena ist fertig.«

Ich war empört. Meine Marie, meine vergötterte, herrliche Freundin so zu

schmähen, es war abscheulich! Ich wollte eben einige rechte bitterböse

Worte erwidern, da fühlte ich mich plötzlich von hinten umschlungen, und

Eugeniens schönes Gesicht blickte voll Schelmerei in meine feuchten Augen.

»Richtig, das Wetter wird gleich losbrechen!« rief sie, und küßte mich.

»Schleudere deine Blitze nur herab auf mein reuig Haupt, o Kronion, ich

verdiene es nicht besser!«

Nun mußte ich wieder lachen, wo ich böse sein wollte, es war nicht

auszuhalten mit diesem Mädchen!

»Was machst du denn eigentlich da?« fragte Eugenie und nahm mir meine

Arbeit aus der Hand.

»Etwas sehr Häusliches und Prosaisches, wie du siehst, ich stopfe

Strümpfe.«

»Du stopfst sie? Um's Himmels willen, warum thust du denn das, das macht

doch kein anständiges Menschenkind selbst!«

»Ich wüßte nicht, was bei solcher Arbeit Entehrendes wäre? Die Tante sagt,

je weniger Hülfe wir von Anderen brauchten, je besser wären wir daran, denn

um so unabhängiger machte man sich von anderen Menschen.«

»Hm, das ist nicht dumm. Machst du dir noch mehr selbst, auch etwa die

Kleider und das Weißzeug?«

»Die Wäsche und Kragen natürlich. Und die Tante hat mir versprochen, ich

solle auch das Schneidern erlernen, damit ich später auch meiner Mutter und

den Schwestern die Kleider machen kann, denn auf dem Lande ist das doppelt

angenehm.«

»Aber wo in aller Welt nimmst du denn die Zeit her zu all' den Arbeiten?

Das brächte ich ja nun und nimmermehr zu Stande, und wenn der Tag Millionen

Stunden hätte!«

»Ja siehst du nun wohl, wozu es gut ist, zeitig aufzustehen und sich gleich

anzuziehen? Auf dem Sopha kann ich freilich auch nicht immer liegen, wenn

etwas fertig werden soll.«

»Hexe, die du bist!« schmollte Eugenie, und spielte Ball mit meinen

aufgerollten Strümpfen.

»Wie geht es dir denn eigentlich, Eugenie,« fragte ich nun theilnehmend,

»bist du denn wieder ganz wohl!«

»Das kann dir ganz einerlei sein, da du nicht früher danach gefragt hast,«

sagte sie trotzig. »Ich glaube, ich könnte sterben und verderben, ehe sich

jemand von euch um mich bekümmerte.«

Ich mußte still vor mich hin lächeln und sah wohl ein, das beste Mittel sie

zu kuriren sei, wie Tante meinte, ihre Krankheit gar nicht zu beachten, wer

weiß, wie lange sie noch stöhnend im Bette geblieben wäre, hätten wir uns

ängstlich und sorgenvoll um sie bemüht.

Am Nachmittag machte die Tante einige Besuche mit uns, um ihren Freunden

ihr zweites Pflegekind vorzustellen. Ach welch' ein Unterschied war

in Eugeniens Erscheinen bei ihrem ersten Besuche im Vergleiche mit dem

meinigen damals! Unwillkürlich sah ich mich armes, hölzernes Mädel, dem

Angst und Ungeschick die Röthe der Scham und Verlegenheit auf die Wangen

jagte, neben der feinen, eleganten, anmuthigen Eugenie. Wie unendlich

liebenswürdig konnte dies Mädchen sein, wenn sie wollte! Und den Fremden

gegenüber wollte sie fast immer, deshalb gewann sie bald Aller Herzen, und

niemand ahnte, wie schwere Stunden dieses verzogene, launische Kind den

Ihren zu Hause bereiten konnte. Auch Marie söhnte sich etwas mit Eugenien

aus, da sie am Nachmittage ganz ausgetauscht schien, und freundlich und

gesprächig war, wie gewöhnlich.

Sehr ergötzlich fiel der Besuch bei Geh. Rath Delius aus. Amanda schwebte

wieder in ihrer bekannten affectirten Weise durch das Zimmer und machte es

sich im Lehnstuhle bequem, indem sie bald das Flacon, bald den Fächer oder

das Taschentuch handhabte; mich ignorirte sie natürlich gänzlich, aber auch

Eugenien behandelte sie so von oben herab, daß mir ganz bange wurde.

Zu meiner Verwunderung schien dies Betragen Eugenien gar nicht zu

verletzen. Sie beobachtete Amanda ziemlich still eine Weile, und ich sah es

um ihre Lippen zucken wie lauter Lust und Muthwillen. Leise lehnte auch sie

sich in ihren Lehnstuhl zurück, noch viel bequemer als Amanda, zog rasch

einen Fußschemel herbei, nach dem jene so eben greifen wollte, setzte

ebenfalls Riechfläschchen und Taschentuch in Bewegung und sprach noch viel

matter und blasirter als ihre Gegnerin. Und das alles war so wenig gemacht,

schien so ganz eigene Natur zu sein, daß ich staunend die sonst so frische

Eugenie betrachtete.

Amanda wußte augenscheinlich auch nicht, was sie dazu sagen sollte,

unwillkürlich erhob sie sich etwas aus ihrer bequemen Lage, suchte ein

ordentliches Gespräch anzuknüpfen und zierte sich weniger. Eugenie

aber ließ sich nicht stören, gab zwar Antworten, aber ganz in Amanda's

bisheriger Art und Weise, und wandte sich viel mehr zu mir armen Dinge, als

zu der eleganten Tochter des Hauses. Als jedoch die Geheimräthin selbst mit

Eugenien ein Gespräch begann, betrug sie sich wieder so liebenswürdig und

fein, wie es stets ihre Art war. Wirklich setzte es Eugenie in dieser

Weise mit der Zeit durch, daß Amanda ihr abgeschmacktes Wesen ihr gegenüber

aufgab und natürlicher sprach und sich bewegte, und wie sie, so stimmte

auch Eugenie ihren natürlicheren Ton wieder an, so daß diese beiden

eigenthümlichen Mädchen recht gut mit einander fertig wurden.

11.

Noch einmal Eugenie.

Ich ging am andern Morgen zeitig wieder nach Eugeniens Zimmer, um zu

hören, ob sie wieder ganz wohl sei, und heute empfing sie mich zwar eben so

muthwillig wie gewöhnlich, aber doch herzlich und freundlich.

»Willst du meinem Lever beiwohnen, Gänseblümchen?« sagte sie, die Glocke

ihres Nachttisches bewegend. »Du sollst auch die Ehre haben, mir höchst

eigenhändig das reine Hemdchen über meinen jungfräulichen Nacken zu

streifen, und niemand soll dir dein Amt streitig machen. Du kennst doch

die schöne Geschichte von Ludwig XIV., der eine halbe Stunde ohne

jegliche Hülle im Naturkostüme verharren mußte, nur weil jedesmal in dem

Augenblicke, als der Vornehmste seiner Umgebung ihm besagtes Kleidungsstück

überwerfen wollte, ein noch Vornehmerer in das Zimmer trat, dem dann dies

höchste aller Aemter im großen Staate Frankreich übergeben werden mußte?«

Ich kannte die Geschichte wohl, ließ Eugenien jedoch ruhig erzählen und

betrachtete mir indeß die schöne Stickerei ihrer Wäsche.

»Wie schön das alles ist!« sagte ich voll Bewunderung.

»Gefällt es dir?« entgegnete Eugenie gleichgültig. »Suche dir aus, was du

willst, das Zeug ist mir alles egal.«

»Aber das kostet ja alles so viel Geld, Eugenie, egal kann es dir doch

unmöglich sein!« wagte ich einzuwerfen.

»Bah, Geld!« rief sie achselzuckend. »Was kümmert mich das! Mama sagt, das

sei Nebensache, Papa habe genug davon.«

»Aber du könntest es doch besser anwenden, als es so wegzuschleudern, liebe

Cousine. Wie viel Freude könntest du Andern machen mit einem kleinen Theil

dessen, was du so verschwendest.«

»Besser anwenden? Was meinst du damit, Kleine?«

»Nun wie gesagt, du könntest Andere damit glücklich machen, die weniger

haben.«

»Wen meinst du denn? Lisetten gebe ich alles, was sie haben will, und wer

mich sonst anbettelt, der bekommt auch immer etwas.«

»Laß gut sein, du verstehst nicht, wie ich das meine, liebe Eugenie,«

schloß ich endlich. »Komm lieber und stehe auf, ich habe keine Zeit mehr zu

warten.«

Eugenie rief Lisetten an das Bett und streckte derselben einen Fuß nach

dem andern entgegen, woran die Zofe erst die feinen Strümpfe und dann die

blauseidenen Pantoffeln streifte. Dann löste sie alle Knöpfe und Bänder an

dem Nachtkleide der jungen Dame, und diese ließ alles geschehen ohne selbst

auch nur einen Finger zu rühren. Ich schaute dem Dinge voll Verwunderung

zu, sagte aber kein Wort; doch als sie fertig war, und Lisette ihr alle

Knöpfe, Bänder und Haken wieder geschlossen und ihr den feinen weichen

Morgenrock übergeworfen hatte, der durchweg mit weißer Seide gefüttert war,

bat ich sie scherzend, sie möge nun auch einmal meinem Lever beiwohnen, um

sich zu revanchiren. Das ergötzte sie sehr und sie versprach es. Natürlich

glaubte ich nicht, daß sie es thun würde und war deshalb höchst erstaunt,

sie wirklich am andern Morgen schon neben meinem Bette zu sehen, als ich

erwachte.

»Nein solch' ein Faulpelz!« rief sie triumphirend, als ich sie voll Staunen

anblickte. »Da nimm dir ein Beispiel an Eugenie, dem braven Mädchen, die

hat schon seit drei Stunden Strümpfe gestopft!« Wirklich sah ich einen

ganzen Berg Wäsche neben ihr aufgehäuft, und einen Strumpf über ihren Arm

gezogen, focht sie mit langer Nadel und Faden heftig in demselben auf und

nieder. Bald sah ich wohl, daß sie nur Scherz trieb und keine Idee von der

Arbeit hatte, die sie vorgab, ich ignorirte es aber und blickte

staunend auf sie hin. Ihr fröhliches Lachen fand dann natürlich sogleich

Erwiederung, und ich fand nicht Worte genug, ihren Heroismus zu bewundern,

bis sie endlich den ganzen Haufen Wäsche auf die Seite warf und sich im

Lehnstuhle behaglich streckte.

»Aber nun rasch aus den Federn!« rief ich und griff nach meiner Wäsche und

den übrigen Sachen.

»Machst du das denn selbst, Gänseblümchen?« sagte Eugenie erstaunt und sah

auf meine Finger, welche schnell Bänder und Haken lösten und schlossen.

»Natürlich, das macht mir niemand anderes schnell und gut genug!«

entgegnete ich. »Es wäre mir unerträglich, solch' Kammermädchen an mir

herum zupfen und zerren zu lassen, und zu warten, bis es ihr gefällig wäre,

mich zu bedienen. Selbst ist der Mann! Du glaubst nicht, wie angenehm es

ist, alles selbst zu machen.«

»Ja diese Lisette ist ein gräulicher Tölpel!« sagte Eugenie nachdenklich.

»Du glaubst gar nicht, wie sie mich quält und peinigt durch ihr Ungeschick!

Und gerade wenn ich sie brauche, kann sie niemals kommen. Du bist zehnmal

besser daran als ich, ich beneide dich wirklich!«

»Aber so versuche doch, dich einmal allein zu bedienen, liebes Herz, dann

bist du allen Aerger los,« rief ich lachend und fuhr mit dem Kamme durch

mein dichtes Haar.

»Ich kann es ja nicht! Mama sagt immer, es sei unschicklich, sich selbst zu

bedienen.«

»Nun weißt du was? Ich werde dir helfen, bis du es kannst, willst du das,

Eugenie?«

»Hm, ja, nein, wie du willst! Ich weiß selbst nicht!« stotterte Eugenie und

drehte mein Haar um ihre Finger. »Du würdest doch davon laufen, denn ich

quälte dich natürlich so lange, bis du es thätest,« setzte sie dann in

ihrer lustigen Weise hinzu.

»Nun, darauf wollen wir es ankommen lassen! Soll ich morgen früh kommen?«

»Nein, ich mag nicht, es ist doch unbequem, und du bist mir ohnehin weise

genug!« rief sie und warf sich wieder nachlässig auf den Lehnstuhl, ich

aber ließ sie in Ruhe, denn hier stürmen oder drängen zu wollen, wäre sehr

unklug gewesen. Aber siehe da, am folgenden Morgen saß Eugenie schon am

Frühstückstisch, als die Tante und ich in das Zimmer traten, und auf unsere

verwunderten Ausrufungen sagte sie leichthin:

»Ich ennuyire mich todt bei meiner einsamen Chocolade, ich will mit euch

zusammen frühstücken. Und Gänseblümchen soll nur ihre Dienste Anderen

anbieten, ich brauche sie nicht. Ich habe mir heute alles selbst gemacht,

da seht her, ob's nicht ordentlich ist!«

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 7 / 17 段