Nur zu bald freilich sah mein armer Schwager, wie unbesonnen seine Wahl

gewesen. In den sieben Jahren seiner Ehe mit Kathinka ist der kräftige Mann

vor Kummer fast zum Greise geworden, denn unmöglich können zwei Naturen

weniger zusammen stimmen, als er und sein eitles herzloses Weib. Adolph ist

zu schwach und liebt den Frieden im Hause zu sehr, um all' den Launen und

Thorheiten seiner vergnügungssüchtigen Frau so entgegen zu treten, als er

es wohl sollte, und so mag es dir genügen zu wissen, daß diese Ehe eine

unendlich unglückliche ist. Daß die Erziehung der kleinen Eugenie neben

solcher Mutter natürlich auch keine gute war, kannst du dir denken; denn

der Einfluß des Vaters genügte nicht, um alle nachtheiligen Elemente von

seinem Kinde fern zu halten. Eugenie wuchs heran, begabt mit Talenten und

körperlichen Vorzügen, eine fertige junge Dame, glänzend und anmuthig,

wie die Mama es nur wünschen konnte; aber wenn auch nicht leichtsinnig und

herzlos wie diese, wovor sie ihr natürlich gutes Herz bewahrte, so doch

ohne rechte innere Gemüthswelt, wie ich sie bis jetzt zu beurtheilen

Gelegenheit hatte. Ihre große Selbständigkeit und Originalität sind

außerdem noch eine zwar interessante, aber gefährliche Zugabe, und wohl

hätte ihre Erziehung bei solchen Anlagen einer ganz besonderen Sorgfalt

bedurft. Oft schon bot ich meinem Schwager an, Eugenie eine Zeitlang zu mir

zu nehmen; aber der arme Mann konnte sich nicht entschließen, die einzige

Freude seines Lebens von sich zu geben, und so blieben die Sachen bis jetzt

wie sie waren. Der heutige Brief jedoch giebt mir nun die Nachricht, daß

mein Schwager, um sich dem häuslichen Jammer für einige Zeit zu entziehen,

als Gesandter seiner Regierung nach dem Auslande gehen wird, scheinbar

zwar dorthin geschickt, in der That aber nur auf seinen eigenen dringenden

Wunsch. Seine Frau wird ihn also nicht begleiten, und um Eugenie nicht

unter der alleinigen Obhut der leichtfertigen Mutter zu lassen, bittet er

mich dringend, seine Tochter für die Dauer seiner Abwesenheit in meinem

Hause aufzunehmen. Ich habe ihm so eben geantwortet, daß ich hierzu bereit

sei, und so sehe ich denn Eugeniens baldiger Ankunft entgegen.

Da dieser Wechsel in unserer Häuslichkeit nun auch dich betrifft, mein

Gretchen,« fuhr die Tante nach einer kleinen Pause liebevoll fort, »so

mußte ich dir einen Theil jener traurigen Familienverhältnisse enthüllen,

von denen ich mit dir sonst niemals gesprochen hätte. In Rücksicht darauf

wirst auch du Nachsicht haben gegen die Fehler Eugeniens, welche in

solcher Umgebung entstanden. Auch meine Aufgabe, unserer neuen Hausgenossin

gegenüber, ist keine leichte, und so wollen wir denn Beide mit gutem Muthe

und herzlicher Liebe unsere Eugenie erwarten.«

Ich hatte die Erzählung Tante Ulrike's mit inniger Theilnahme angehört,

als sie jedoch von der Ankunft Eugeniens sprach, erzitterte mein Herz

unwillkürlich, und angstvoll blickte ich in das sanfte Auge der Tante,

um mir dort Ermunterung und Zuversicht für den bevorstehenden Wechsel zu

suchen. Eben fing ich an, mich wohl und behaglich hier im Hause zu fühlen,

meine schüchterne Zurückhaltung gegen die Tante war erst jetzt einem

innigen Vertrauen und herzlichem Anschmiegen gewichen, wie würde es

nun werden, wenn eine dritte Person zwischen uns trat, und zwar

solch' bedeutendes, glänzendes, selbständiges Mädchen, als Eugenie der

Beschreibung nach sein mochte! Welch' traurige Rolle würde ich armes

Dorfkind neben solch' einem Wesen spielen, wie verächtlich würde diese

Eugenie gewiß auf mich herab sehen, und wie viel neue Plage würde daraus

für mich nun wieder entstehen, wo ich kaum anfing, mich etwas in die neuen

Verhältnisse zu finden.

Solche Gedanken fuhren mir blitzschnell durch den Sinn und brachten mein

Herz in unbeschreiblichen Aufruhr. Da aber erklangen die Worte der Tante,

welche mich an die trüben Verhältnisse mahnten, in denen Eugenie bis jetzt

gelebt, und daß wir derselben mit gutem Muthe und treuem Herzen entgegen

kommen wollten. Tief beschämt, daß ich eigensüchtiger Weise nur an mich und

meine Unbequemlichkeiten gedacht, drückte ich die Hand der verehrten

Tante, diese aber zog mich liebevoll an ihr Herz, und indem sie mich küßte,

blickte sie mir voll Zärtlichkeit in die Augen.

»Habe keine Furcht, mein Kind,« sagte sie dabei sanft, »dir soll kein

Nachtheil durch unsere neue Hausgenossin entstehen. Ich bin dir schützend

und helfend zur Seite, meine Liebe wird vermitteln, wo es nöthig ist.

Vertraue mir nur und sei guten Muthes.«

Es war, als ob die Tante alle Befürchtungen meines armen Herzens gelesen

hätte, denn ohne daß ich ein Wort gesprochen, traf sie sogleich den Punkt,

wo ich schwach und zaghaft gewesen. Tief erröthend gestand ich ihr nun

meine egoistischen Gedanken und schöpfte mir für alles, was da kommen

möchte, Muth und Vertrauen an ihrem treuen Herzen, das schon so oft mein

Trost und meine Zuflucht gewesen.

Nur wenige Wochen nach diesem Gespräche kam die Erwartete denn auch

wirklich eines Nachmittags an. Die Tante war nach dem Bahnhofe gefahren, um

Eugenie zu empfangen, und ich harrte indessen zu Haus in banger Erwartung

hinter meiner dampfenden Kaffeemaschine, in welcher ich für die Reisende

den warmen Bewillkommnungstrank braute. Da fuhr der Wagen vor, und hinter

der Gardine spähend sah ich neben Tante Ulrike eine hohe, schlanke Gestalt

aussteigen, welche in leichten Schritten nach dem Hausflur eilte, die

Sorge für all' ihre unzähligen Reiseeffecten einem hübschen, jungen Mädchen

überlassend, das sich bis zum Kinn hinauf damit bepackte. Ich eilte den

Ankommenden jetzt schnell entgegen und wurde Eugenien durch die Tante als

ihre liebe Nichte Margarethe vorgestellt.

»So so, das ist das Backfischchen vom Lande, von dem du mir vorhin

erzähltest,« sagte Eugenie leichthin und ließ ihre Blicke flüchtig auf mir

ruhen. Dann reichte sie mir im Vorübergehen ihre zierlichen Fingerspitzen,

die von zarten grauen Handschuhen bedeckt waren, und sich zu Tante

Ulrike wendend fuhr sie schnippisch fort: »Hast du die Absicht, dir ein

Mädcheninstitut anzulegen, daß du dir eine junge Dame nach der andern

kommen läßt, Tante Ulrike?«

»Ich hoffe, mein Gretchen wird dir eine liebe Schwester werden,« entgegnete

die Tante sanft, indem sie die häßlichen Worte Eugeniens nicht beachtete

und mir leise mit der Hand über das Haar strich.

Eugenie wandte sich lachend zu mir und sagte: »Nun, ich bin zwar bis jetzt

auch ohne Schwester fertig geworden, aber ich hab' nichts dagegen, daß wir

gute Freunde werden, Cousinchen!« Dabei kam sie rasch auf mich zu, und

ehe ich es dachte, drückte sie einen herzlichen Kuß auf meine Lippen. Dann

wandte sie sich eben so rasch nach jenem belasteten jungen Mädchen, das

jetzt in das Zimmer trat und rief: »Lisette, lege die Sachen nur indessen

alle auf die Erde und hole mir zuerst ein Glas Wasser, ich komme um vor

Hitze und Durst!«

Aber noch ehe Lisette diese Geschäfte beendet, warf sich ihre Herrin auf

einen Stuhl, und indem sie einen Fuß empor streckte, rief sie: »Zieh mir

diese abominablen Pelzstiefeln von den Beinen, in denen ich aussehe wie ein

Lappländer, und gieb mir meine leichten Hausschuhe dafür.«

Lisette that wie ihr befohlen, indem sie vor Eugenien niederkniete, und

diese ergötzte sich damit, jeden der geschmäheten Pelzstiefeln mit dem

Fuße über Lisettens Kopf hinweg in die entgegengesetzte Ecke zu schleudern,

wobei sie kindisch lachte und jubelte.

Ich stand ganz verblüfft neben diesem sonderbaren Wesen, das so ganz anders

war, als ich dachte. Hochmüthig und doch dabei herzlich, despotisch und

zugleich kindlich, und vor allem so unbegreiflich sicher und ungenirt, als

ob sie schon hundert Jahre lang bei Tante Ulrike heimisch sei, es war für

mich etwas Unerhörtes. Die Tante schien aber das sonderbare Betragen des

neuen Ankömmlings gar nicht zu beachten, denn als sie ihre Sachen abgelegt,

setzte sie sich behaglich in die Sophaecke, und sagte heiter: »Nun

Gretchen, ich hoffe, du hast uns eine gute Tasse Kaffee bereitet, sie soll

uns wohl thun. Eile dich, Eugenie, sonst lasse ich dir gar nichts übrig.«

»Kaffee? Behüte der Himmel, den trinke ich nie!« rief Eugenie, ihren

reizenden braunen Lockenkopf schüttelnd, und zog ein Paar hellblaue, weich

gefütterte Pantöffelchen an ihre wunderniedlichen kleinen Füße. »Kaffee,

ein nichtswürdiges Getränk, puh! Verdirbt den Teint und macht Hitzflecke.«

»Aber was genießt du denn statt des Kaffee's, Kind?« fragte die Tante.

»Des Morgens Chocolade, Nachmittags gar nichts oder Thee!« entgegnete

Eugenie leichthin, indem sie sich in Tantchens behaglichen Lehnstuhl

streckte und mit den hellblauen Füßchen in der Luft auf und nieder wippte.

Ich wurde ganz roth vor Ueberraschung, als Eugenie sich so mir nichts dir

nichts in Tantchens Stuhl setzte, von dem mich stets eine heilige Scheu

zurückgehalten hatte; aber dergleichen Gefühle durfte ich freilich bei

dieser kleinen Prinzessin nicht voraussetzen, ihr schien das Beste eben

gut genug für ihre Bedürfnisse. Die Tante ließ sie auch ruhig gewähren und

wandte sich zu mir, indem sie mich bat, etwas Thee für Eugenie zurecht zu

machen, da dieser ein warmes Getränk gut thun würde. Eugenie sagte nichts

dagegen, und so that ich, wie die Tante mir geheißen.

Das junge Mädchen hatte indessen eine kleine Bürste aus der Tasche gezogen,

und putzte damit die fabelhaft langen Fingernägel ihrer zierlichen weißen

Hände, ganz als sei sie allein im Zimmer, und achtete gar nicht mehr auf

ihre Umgebung. Dann sprang sie vom Stuhle auf, ringelte ihre braunen Locken

vor dem Spiegel und ging bald im Zimmer, bald in Tantchens Boudoir umher,

indem sie alle Bilder, Kunstwerke, Bücher und dergleichen Sachen flüchtig

betrachtete.

»Wie himmlisch altmodisch alles bei dir ist, Tantchen!« rief sie dann

lachend. »Den alten Plunder hätte Mama längst zum Trödler geschickt. Wir

hatten alle paar Jahr unsere neue Einrichtung.«

Ich erstarrte ordentlich über Eugeniens Reden. Diese schönen, gediegenen,

kostbaren Meubles und geschmackvollen Einrichtungen nannte sie alten

Plunder! Hier, wo ich in den ersten Tagen meines Aufenthaltes mich kaum zu

bewegen wagte vor Hochachtung gegen die kostbaren Dinge, die mich umgaben,

hier hörte ich dieselben Gegenstände als altmodischen Trödel verachten!

Das war denn doch zu arg, und angstvoll blickte ich zu der Tante hin, um zu

erfahren, was sie dazu sagte.

Sie erröthete leicht und biß sich auf die Lippen. Dann aber sprach sie

gelassen: »An diesen alten Meubles hängt der Zauber schöner Erinnerungen,

Eugenie. Sie waren Zeugen meiner glücklichsten Tage und sind mit mir

alt geworden. Ich möchte kein Stück davon missen oder gegen etwas Neues

vertauschen, denn sie sind alle mit mir und meinem Geschick verwachsen. Wer

stets neue Umgebung liebt, der denkt entweder nicht gern an die vergangenen

Tage, oder hat einen weltlichen, unruhigen Sinn, für den nur das Neue Reiz

und Werth besitzt.«

Eugenie sah mit wunderlicher Miene nach der Sprechenden, halb war ihr

lächerlich, halb ernsthaft zu Sinne. »Was du für hübsche Gedanken hast,

Tantchen,« sagte sie unbefangen. »Sie passen prächtig zu den alten Meubles,

sie sind eben so ehrwürdig und altmodisch wie diese. Aber du hast Recht!

Was du da sagtest, gefällt mir; es war mir noch nie eingefallen.«

»Du hast wahrscheinlich an gar vieles noch nicht gedacht, Kind, was wahr

und gut ist,« sagte die Tante sanft. »Ich hoffe, das wird nun kommen.«

Eugenie setzte sich still und etwas empfindlich wieder in ihren Stuhl, und

ich brachte ihr eine Tasse Thee.

»Ich mag keinen Thee, mir ist heiß genug!« sagte sie verdrießlich und schob

die Tasse unsanft zurück, so daß der Thee auf mein Kleid floß. Ich wandte

mich schnell ab, denn ich ärgerte mich unbeschreiblich über das launische

Mädchen, die Tante aber sagte sehr bestimmt, obwohl ruhig:

»Du wirst jetzt diese Tasse Thee trinken, Eugenie; denn erstens thut er

dir nach der Reise gut, und zweitens ist er so eben von Gretchen für dich

bereitet worden. Du hättest ihr die Mühe sparen können, wenn du vorher

wußtest, daß du keinen trinken wolltest.«

Eugenie fuhr verwundert ein wenig vom Sitz auf und wurde dunkelroth. Sie

saß ein Weilchen noch wie ein trotzig Kind in ihrem Stuhle und beguckte

ihre weißen Fingernägel, dann richtete sie sich plötzlich rasch empor, zog

die Theetasse heran, that Sahne und Zucker hinein, trank den Thee in einem

Zuge aus und schob mir die leere Tasse hin. »Noch eine, Gretchen!« sagte

sie gebieterisch. Ich goß ein, und nun trank sie die zweite Tasse eben so

schnell hinunter, indem sie mir abermals die leere Tasse hinschob und »noch

eine!« rief.

Ich sah die Tante fragend an, denn offenbar war Eugenie trotzig und wollte

die Tante reizen. Diese aber sagte ganz ruhig: »Nein Gretchen, gieße keinen

Thee weiter ein, Eugenie würde sich schaden.«

Meine eigensinnige Cousine sagte nichts, saß aber bitterböse im Lehnstuhl

und trommelte mit den hellblauen Pantöffelchen auf dem Teppich.

»Gretchen,« rief sie endlich, den Kopf zurück werfend, »bist du hier auch

im Correctionshause?«

»Aber Eugenie!« sagte ich bebend; weiter war ich keines Wortes mächtig.

Eugenie erwartete auch gar keine Antwort, sondern schnippte mit den Fingern

in der Luft und fing an ein Liedchen zu trällern. Die Tante ging still nach

ihrem Boudoir und machte die Thür hinter sich zu, und wir Beiden waren nun

allein. Mir waren die Thränen in das Auge getreten, denn offenbar hatte die

böse Eugenie Tante Ulriken weh gethan, und vorwurfsvoll sagte ich deshalb:

»Aber liebe Eugenie, wie konntest du die Tante so kränken!«

Eugenie trällerte weiter und gab mir keine Antwort.

»Du glaubst gar nicht, wie gut die Tante ist, liebe Cousine. Du solltest

wirklich artiger gegen sie sein, sie verdient so sehr deine Liebe und

Achtung!« fuhr ich wärmer werdend fort. »Du kennst sie gewiß noch nicht;

aber ich bin schon so lange hier, daß ich ihren großen Werth und ihre hohen

Verdienste unendlich lieben und schätzen gelernt habe. Sie meint es so gut

mit jedermann!«

Jetzt wurde ich von einem gewaltsamen Gähnen unterbrochen, welches Eugenie

hervorstieß, indem sie sich beide Ohren zuhielt.

»Du himmlische Güte, seid ihr hier langweilige Philister!« rief sie sich im

Stuhle zurück werfend. »=O sancta simplicitas=, wie wird's mir armen Heidin

unter diesen Heiligen ergehen!«

Sie machte ein so komisches Gesicht, und sah so schelmisch dabei aus, daß

ich mir trotz meiner ernsten Stimmung das Lachen verbeißen mußte.

»Sage mal, du kleiner Vernunftkasten, wie alt bist du denn eigentlich, daß

du dir heraus nimmst, mir gute Lehren zu geben?« fuhr Eugenie dann fort,

indem sie mich mit Semmelkrümchen warf. »Bist du denn schon aus dem dummen

Vierteljahr heraus? Du scheinst mir eigentlich noch ein Backfischchen zu

sein. Zählst du schon vierzehn Jahre und sieben Wochen?«

»O ja, die liegen glücklich hinter mir, wenn auch noch nicht lange,« sagte

ich lächelnd und warf ihr die Semmelkrumen wieder in das Gesicht.

»Wie kannst du dich aber »Gretchen« nennen lassen!« sprach Eugenie weiter.

»Das klingt wie lauter Idylle, und die kann ich nicht leiden. Ich werde

dich Marguerite nennen, oder auch Gänseblümchen, was ja dasselbe bedeutet.«

»Und was sehr bezeichnend für das simple Backfischchen ist, nicht wahr?«

fuhr ich neckend fort, denn ich fühlte recht gut, daß sie mir einen Hieb

versetzen wollte.

»Nun dumm bist du nicht, wenn auch simpel!« warf Eugenie leicht hin.

»Nicht so dumm als ich aussehe,« sagte ich lachend.

»Hm! wer sagt dir, daß du so aussiehst?« rief Eugenie rasch. »Ich nicht,

denn ich finde dich im Ganzen passabel hübsch.«

»Du meinst =la beauté du diable= von sechszehn Jahren, wo jedes Mädchen

niedlich ist, weil sie frische Farben und jugendliche Formen hat?« warf ich

spottend ein.

»Ach mit dir streite wer Lust hat, du bist eine Hexe!« rief Eugenie, mir

ein ganzes Milchbrod auf den Rücken werfend, da ich ihr gerade denselben

zuwandte.

»Geh nicht so schlecht mit der edlen Gottesgabe um, Eugenie!« sagte ich

vorwurfsvoll, die Semmel wieder auf den Tisch legend. »Die Tante leidet es

niemals, daß man mit Brod spielt.«

»Um Gottes Willen, da will ich es lassen!« rief Eugenie im komischen

Schrecken, »ich muß sonst am Ende auch alles Brod genießen, woraus ich

Kugeln und Figuren gedreht habe, wie vorhin deinen gräßlichen Thee, von dem

mir noch der Kopf brennt wie Feuer.«

»Weil du unvernünftig dabei warst, wenn ich es dir ehrlich sagen soll,«

rief ich, das Theegeschirr zusammen setzend.

»Ich muß doch sehen, ob Tante wieder Lust hat, mich zu verschlingen wie

vorhin,« sagte Eugenie jetzt muthwillig und ging nach Tante's Zimmerthür,

und noch ehe ich sie voll Schrecken zurückhalten konnte, warf sie mir ein

Schnippchen zu und war hinter der Thür verschwunden.

»O mein Gott, ist das ein Mädchen!« rief ich, indem ich ihr angstvoll

nachblickte, denn nie hatte ich es gewagt, die Tante zu stören, wenn diese

sich zurück gezogen hatte, und sie wagte es, nachdem sie dieselbe durch

ihre Unarten so erzürnt hatte! Ich lauschte aufmerksam, ob ich heftigen

Wortwechsel hören würde; aber es dauerte nicht lange, so erklang Eugeniens

kindlich helles Lachen, die Thür öffnete sich, und von ihrer Nichte

zärtlich umschlungen, trat die Tante mit dieser in das Zimmer.

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß du die Versöhnung verursacht

hast, heilige Margaretha,« sagte Eugenie, den Kopf aufwerfend, aber ein

freundlicher Blick Tante Ulrike's sagte mir, dies sei allerdings der Fall.

Nun ich freute mich, die gute Tante wieder heiter zu sehen, die Ursache

davon mochte ich oder jemand anders sein.

»Jetzt komm nach deinem Zimmer, mein Kind!« sagte die Tante, Eugenie in ihr

freundliches Stübchen führend, welches an unser Schlafzimmer grenzte.

Ich hatte schon gefürchtet, Tante würde mich mit in Eugeniens Zimmer

einquartiren, was mir sehr leid gethan hätte, da mir unser trauliches

Stübchen herzlich lieb geworden war, nachdem ich so manchen schweren

Augenblick darin überstanden hatte. Aber mein Gardinenbettchen stand nach

wie vor an seinem alten Flecke, und von einer Aenderung war keine Rede.

Eugeniens Zimmer hatte eine ungemein zierliche, obwohl einfache

Einrichtung, und augenscheinlich machte es auf das verwöhnte Kind einen

angenehmen Eindruck, denn sie sprang singend und übermüthig von einem

Gegenstand zum andern.

»Aber hier die stolze Landschaft muß fort!« rief sie plötzlich, vor dem

kleinem Kamin stehen bleibend, über welchem ein schöner Claude Lorrain

aufgehängt war. »Hier kommt mein herzig liebes Väterchen hin, obwohl der

böse Mensch eigentlich gar nicht verdient, daß ich ihn noch ansehe, seit

er mich so treulos verlassen und mich den barbarisch grausamen Händen einer

gewissen Frau Ulrike überantwortet hat. Geschwind, Lisette, ausgepackt, daß

ich meinen Papa endlich wieder unter den Augen habe; er kennt mich doch am

Besten von allen Menschen, und weiß, ob ich so schlecht bin, als gewisse

Leute von mir denken.«

Dabei riß sie ungeduldig an den Schnüren und Pappen, welche ein großes Bild

umhüllten, das Lisette so eben aus einer der vielen Kisten heraus genommen.

Aber trotz ihres Eifers gelang es ihr nicht, das Bild aus seiner Umhüllung

zu lösen, so daß ich endlich zugriff und ihr die Sache abnahm.

»Du bist zu heftig, Eugenie, so geht es nicht!« sagte ich, vorsichtig

die Schnüre entwirrend, aus denen sie einen wahrhaft gordischen Knoten

geschürzt hatte.

»Da nimm es, ich mache alles dumm!« rief sie stürmisch, aber nun stand

sie ungeduldig neben mir und ließ mir kaum Zeit und Raum, die Arbeit zu

beenden. Endlich fiel das letzte Papier, und mit einem lautem Jubelschrei

umfaßte Eugenie das Bild des Vaters mit beiden Armen, drückte es heftig an

ihre Brust und bedeckte es dann mit tausend Küssen, wobei ihr die hellen

Thränen über die Wangen rollten.

»Väterchen! Mein einzig liebes Väterchen!« rief sie mit zärtlicher Stimme.

»Nun hab ich dich ja doch, wenn du auch weit fort von deiner armen lustigen

Jenny bist und gar nichts mehr von ihr wissen magst, du böser, böser,

lieber Papa!«

Es war wirklich ein unbeschreiblich rührender Anblick, das wunderliebliche

Mädchen mit so kindischer Zärtlichkeit das Bild des würdigen Mannes

liebkosen zu sehen, und aller Groll, den sie mir bis jetzt durch ihr

wunderliches Betragen erregt hatte, schwand beim Anblick dieser Scene. Sie

hatte das beste, liebevollste Herz, das zeigte sich nur zu deutlich, aber

unter wie viel Schlacken ruhten diese Goldkörner! Schweigend stand ich

neben Tante Ulrike, welche ebenfalls tief bewegt nach Eugenien hinblickte,

und auch ihr Auge schimmerte in Thränen, sei es vom Anblick des geliebten

Schwagers, sei es über die Bewegung ihrer wunderlichen Nichte. Sie trat

näher zu Eugenien heran, und indem sie sich tiefer auf das Bild neigte,

zog sie das liebe Kind innig an ihr Herz und hielt sie lange schweigend

umfangen. Eugenie weinte still am Halse der treuen Tante, und ihr guter

Genius schloß einen Bund mit dem besten Herzen, das über ihr wachte.

Aber sich lange der Wehmuth zu überlassen, das war denn doch nicht die

Sache unserer Eugenie. Plötzlich raffte sie sich empor, schüttelte die

wirren Locken aus der Stirn, trocknete sich die Augen, und rief wieder

muthwillig: »Das ist eine schöne Geschichte! Hat der böse Papa mich doch

wahrhaftig wieder zum Weinen gebracht, und ich hatte es doch verschworen,

seit sein Reisewagen um die Ecke bog. Geschwind an den Nagel mit dem

Sünder, der mich zu solch weichgebackenem Seelchen umgewandelt hat.«

Dabei sprang sie auf einen der schwellenden Polsterstühle, und hing mit

kräftiger Hand das prachtvolle Oelbild an den Nagel. Dann nickte sie

demselben schelmisch zu, küßte es noch einmal herzlich und sprang wieder

herab, leicht und lustig wie ein Vogel von dem Zweige.

Der Abend verging ganz gemüthlich mit Auspacken, Einrichten, Erzählen und

Plaudern, und Eugenie war bis zum Schlafengehen so liebenswürdig und artig,

sprach so viel Gescheidtes und Geistvolles zwischen allerlei Wunderlichem

und Barockem, daß man ihr eine geheime Bewunderung nicht versagen konnte.

Beim Schlafengehen küßte sie mich herzlich und sagte, ich sei doch eine

kleine Hexe, dann hüpfte sie trällernd ihrer voranleuchtenden Jungfer nach,

und noch eine ganze Weile hörten wir ihr lustiges Plaudern und Lachen.

Als wir allein waren, strich mir Tante Ulrike freundlich über das Haar, wie

sie immer that, wenn sie mit mir zufrieden war; dann zog sie sich noch für

ein Stündchen in ihr Zimmer zurück, während ich mein Lager suchte; aber

lange noch scheuchten die Gedanken über unsere neue Hausgenossin den Schlaf

von meinen Augen, bis endlich der freundliche Traumgott auch meine Sinne

mit holden Bildern umgaukelte.

10.

Eugenie.

Als ich am andern Morgen erwachte, traf mein erster Blick Tante Ulriken,

welche vor meinem Bette stand und die Langschläferin wohl schon eine

geraume Weile angeschaut hatte, denn sie nickte mir freundlich zu und

sagte: »Wie schön du geschlafen hast, kleine Grete, ich mochte dich

wahrlich nicht stören, obwohl es schon spät ist. Du schienst sehr angenehm

zu träumen, denn du lachtest so eben wie ein Kind im Schlafe.«

»Mir träumte von unserer neuen Hausgenossin, Tantchen,« sagte ich, mich

im Bett empor setzend. »Sie machte eben einen recht lustigen Streich: denn

unserm guten alten Pudel hatte sie ihren feinen Spitzenkragen umgebunden,

und die hellblauen Pantöffelchen an die Füße gezogen. Eben wollte sie

ihm noch einen Schleier überwerfen, dann sei das Fräulein fertig, wie sie

sagte, da erwachte ich. Wie kann man nur so dummes Zeug träumen!«

»Nun unsere übermüthige Eugenie wäre solcher Streiche wohl fähig,« lachte

die Tante.

»Jetzt will ich aber aufstehen, denn sonst überrascht sie mich gar noch im

Bett, sie ist vielleicht an frühes Aufstehen gewöhnt,« sagte ich eifrig und

griff nach meinen Kleidern, um mich geschwind fertig zu machen.

»O,« sagte die Tante, indem sie sich auf mein Bett setzte, »da brauchst du

dich nicht sehr zu beeilen, Eugenie liegt wie du noch in den Federn, ich

war eben in ihrem Zimmer. Sie schlief zwar nicht mehr, sondern lag mit

offenen Augen im Bett und schien gelesen zu haben, zum Aufstehen aber hatte

sie noch keine Lust. Sie ist eben ein verwöhntes Kind, das thut was ihm

beliebt. Für's erste muß ich sie schon ruhig bei ihren Launen lassen, so

schwer es mir wird, ich rechne auf ihren richtigen Verstand und ihr gutes

Herz, welche sie mit der Zeit wohl auf bessern Weg bringen werden. Dein

Beispiel, mein Gretchen, soll mich in der Erziehung Eugeniens unterstützen;

denn im Umgange mit dir, mein gutes Kind, wird sie bald einsehen, wer

von euch Beiden auf dem richtigsten Wege ist, ein brauchbarer Mensch zu

werden.«

»Mein Beispiel, Tantchen?« rief ich verwundert. »Wie kann ich armes,

ungeschicktes Bauermädchen ein Beispiel für die elegante, feingebildete

Eugenie sein? Das sagst du wohl nicht im Ernste!«

»Doch, mein liebes Kind,« entgegnete die Tante liebevoll, »du bist ein

natürlich einfaches Mädchen, das zwar noch wenig feine gesellschaftliche

Bildung besitzt und gar mancherlei Dinge noch lernen muß, ehe ihre

Erziehung vollendet ist; aber dein bescheidener Sinn und dein einfach

sittiges Wesen können der hochfahrenden Eugenie trotz all' ihrer feinen

Bildung und ihrer äußeren Eleganz gar wohl zeigen, was ihr fehlt, und wer

von euch Beiden einen größeren inneren Werth besitzt. Eugenien fehlt bei

all' ihrer äußeren Vollendung doch die recht eigentliche Bildung, ich meine

die Bildung des Herzens, und diese, hoffe ich, wird sie hier bei uns mit

der Zeit erhalten. Das arme Kind hatte bis jetzt leider wenig Gelegenheit,

sich hierin zu vervollkommnen, möchte es noch nicht zu spät sein, und

möchten wir diesem reichbegabten Wesen geben können, was ihm noch so sehr

fehlt.«

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 6 / 17 段