»Ja ich weiß selbst nicht, soll ich lachen oder weinen, Gretchen,«

entgegnete Marie ungewöhnlich aufgeregt. »Sage mir nur vor allem, was

hast du wieder für Streiche gemacht! Hast du den Baron etwa gestern wieder

gesprochen?«

»Den Baron? Ja freilich. Gestern und auch heute!« sagte ich erröthend, denn

was sollte Marie's Frage bedeuten? »Ich brenne vor Sehnsucht, dir Alles zu

erzählen.«

»Nun dann erklärt es sich leichter,« sagte Marie sinnend. »Aber wie ich

dich kenne, ist es dennoch eine gar zu unangenehme Geschichte.«

»Aber was denn nur in aller Welt, Marie, so rede doch deutlich!« rief ich

voll Ungeduld. »Was giebt es denn, und was sollen deine salbungsvollen

Reden?«

»Komm zur Tante Jagow, sie muß die Sache auch gleich erfahren,« sagte

Marie, mich nach Tante's Arbeitszimmer ziehend.

»Was giebt es denn, Kinder?« fragte die Tante, bei unserm Eintritt ihre

Arbeit unterbrechend.

»Marie ist eine Sphynx geworden, die in Räthseln spricht, Tantchen,« rief

ich lachend. »Vielleicht verstehst du, was sie will, mir armen Kinde ist

die Sprache zu hoch.«

»Ach Tante Ulrike, das ist eine schöne Geschichte!« rief Marie nun wieder

halb lachend, halb weinerlich. »Was machen wir nun?«

»Was denn, was ist denn eine schöne Geschichte?« entgegnete die Tante. »Du

bist ja ganz aufgeregt, ich kenne dich gar nicht wieder. Was hat dich denn

so aus deinem Gleichgewicht gebracht?«

»Doch nicht etwa wieder unser guter Baron?« rief ich lustig lachend.

»Ja ja, lache nur, du Böse, eben der ists!« sagte Marie schmollend.

»Der Baron? Was hat er denn wieder verbrochen?« scherzte auch Tante Ulrike.

»Mein Gott, nichts weiter, als daß er -- nun damit ichs nur sage, -- daß

er Gretchen heirathen will!« stieß Marie heraus und sank auf einen Stuhl

nieder, als hätte diese Eröffnung ihr alle Kräfte genommen.

»Heirathen --!« riefen Tante Ulrike und ich wie aus einem Munde, und mir

kam augenblicklich wieder das kindische Lachen an, das mich heute schon

einmal bei diesem Gedanken erfaßte.

»Sprich doch nicht solchen Unsinn, Marie, und sag' vernünftig, was du

hast!« rief ich endlich; »denn ernsthaft kann diese wunderbare Eröffnung

doch nicht gemeint sein.«

»Ja ja, bitterer Ernst ist es, Grete, du kannst es mir glauben,« sagte

Marie eifrig. »Warum wäre ich denn sonst so außer mir, wenn mich diese

Geschichte nicht so aufregte?«

»Aber Marie, es kann doch unmöglich jemand daran denken, mich dummes Ding

heirathen zu wollen,« fuhr ich lustig fort, »Denke doch nur, ich heirathen,

und nun gar den Baron Senft!«

Nun kam auch meiner kleinen Marie die Sache so komisch vor, daß wir alle

Beide in kindischer Ausgelassenheit lachten und kicherten und uns über

diesen Gedanken gar nicht wieder beruhigen konnten. In meiner Lustigkeit

umschlang ich Tante Ulrike's Hals und blickte ihr fröhlich in ihre lieben,

sanften Augen, in denen ich ebenfalls Anklänge an unsere Fröhlichkeit zu

finden erwartete.

Aber ernst und sinnend war der Blick, der mich aus diesen Augen traf, und

mit leisem Kopfschütteln sah die Tante zu uns lachenden Mädchen hinüber.

»Ich begreife euch alle Beide in dieser Sache nicht,« sagte sie jetzt

milde, aber vorwurfsvoll. »Gestern schon ließt ihr eurer Heiterkeit

in Betreff dieses armen Mannes den Zügel schießen und verriethet

wenig Zartgefühl, und jetzt ist mir diese Auffassung der Dinge nun gar

unbegreiflich. Gretchen, vergißt du denn ganz, was ich dir heute Morgen

gesagt habe? Hatte ich denn wirklich so unrecht, als ich mein Bedenken

darüber aussprach, deine freundliche Zuvorkommenheit könne anders gedeutet

werden? Der Gedanke erscheint dir sehr lächerlich; aber wird er es

demjenigen auch sein, in dem du diesen Wahn erregtest?«

Die Worte der Tante trafen mich wie ein bitterer Vorwurf, und beschämt barg

ich mein Gesicht an ihrem Halse. Sie ließ mich still eine Weile auf ihrer

Schulter ruhen, um mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen, dann hob sie meinen

Kopf sanft empor, strich mir das Haar aus der Stirn und blickte mich ernst

und liebevoll an.

»Siehst du wohl, mein Kind,« sagte sie dann leise, »daß ich nicht unrecht

hatte, wenn ich meinte, der arme Baron habe vielleicht viel tieferes

Gefühl, als seine steife, wunderliche Figur und seine schlechten Manieren

vermuthen lassen? Es ist sehr schwer, einsam und verlassen durch die Welt

zu gehen, und darfst du nun darüber lachen, wenn der einsame Mann glaubt,

jemand gefunden zu haben, der ihn lieb hat mitten unter einer Menge

Menschen, von denen er sieht, wie gleichgültig, ja unfreundlich sie ihm

begegnen? Uns ist es lächerlich, daß der Arme sich hierin geirrt hat, und

daß er also auch ferner sein einsames, freudenloses Dasein fortsetzen muß!«

Während Tante Ulrike's Rede war das Lachen gänzlich von meinen Lippen

geschwunden und hatte ernsten Vorwürfen Platz gemacht, welche jetzt wie

Sturzwellen mich überflutheten und sogar Thränen in meine Augen brachten.

»Ach mein Gott, Tantchen, das hatte ich nicht bedacht, das war sehr, sehr

schlecht von mir!« sagte ich niedergeschlagen, und mit jeder Minute stieg

meine Unbesonnenheit höher vor mir auf und sah drohender und zürnender auf

mich nieder. Die stille, ernste Gestalt und die traurigen Blicke des

armen Barons traten jetzt plötzlich in so anderem Lichte vor mich hin; die

Bitterkeit, sich betrogen und verschmäht zu sehen, und der Schmerz, einem

gehofften Glück entsagen zu müssen, ließen ihn so ganz anders in meinen

Augen erscheinen, daß ich nicht begriff, wie ich so eben nur die andere

Seite der Sache betrachten konnte. Das innigste Mitleiden mit dem armen

Manne ergriff mich, ich hätte ihm so unsäglich gern helfen und beistehen

mögen -- aber wie konnte, wie sollte ich das; denn ihn wirklich heirathen,

daran konnte doch niemand ernstlich denken, und ich am allerwenigsten.

Je mehr ich dachte, je trauriger wurde ich, denn ich wußte keinen Rath.

Endlich drang Thräne auf Thräne aus meinen Augen, und beschämt barg ich

mein Gesicht in meinen Händen.

»Ach Tantchen, er thut mir so schrecklich leid, und ich kann ihm doch nicht

helfen,« klagte ich trostlos. »Daß ich auch so unbesonnen sein mußte! Wer

konnte das aber auch denken?«

Die Tante war ganz still und störte meine Gedanken nicht, endlich aber

kam Marie, die im Zimmer auf und nieder gegangen und dann sinnend an das

Fenster getreten war, zu mir heran, nahm meine Hand von den Augen und

sagte:

»Nein, das kann ich so nicht länger mit ansehen. Ich wollte die Geschichte

zwar eigentlich nicht ganz so erzählen, wie sie ist, aber jetzt muß ich

es, das sehe ich wohl. Tante Ulrike, du hattest ganz recht, unser albernes

Lachen zu tadeln, denn kindisch war es, ich sehe es ein; aber so wie du die

Sache ansiehst, ist sie doch nicht. Thut mir Beide die Liebe und laßt sie

euch erzählen. Ihr seid auch gar nicht ein bischen neugierig, woher ich sie

weiß, und wie das alles zusammenhängt.«

»Das ist wahr, erzähle doch, Kind,« sagte die Tante.

Marie setzte sich neben mich, schlang ihren Arm zärtlich um meine Schulter

und sprach:

»Als ich vor einigen Stunden von einem Besuch nach Hause kam, sah ich

unsern guten Baron Senft vor mir die Treppe hinauf gehen und in dem Zimmer

meines Bruders verschwinden. Er hatte mich nicht gesehen, was mir sehr lieb

war, ich aber glaubte zu bemerken, daß er aufgeregt und erhitzt aussah, als

er in so ungewöhnlicher Hast die Treppe hinauf stürmte. Ich dachte nicht

weiter an den seltsamen Gast, sondern besorgte einige häusliche Arbeiten;

aber nach einiger Zeit trat mein Bruder mit unbeschreiblich lustigem

Gesicht zu mir in das Zimmer.

»Rathe einmal Marie, wer so eben bei mir gewesen ist,« sagte er schelmisch.

»Nun dein Freund, der Baron Senft, das ist nicht so schwer zu errathen,«

erwiderte ich.

»Aber was er wollte, das rathe einmal, mein kluges Schwesterlein!« fuhr er

lachend fort.

»Was kümmern mich eure Angelegenheiten, laß mich damit in Ruhe!« rief ich

und beugte mich wieder auf meine Arbeit.

»Nun ich denke doch, sie gehen dich etwas an, Kleine,« sagte Eduard neckend

und zog mir den silbernen Leuchter fort, den ich so eben polirte. »Oder

ist es dir so gleichgültig, wenn es sich um deine hübsche, schwarzäugige

Freundin handelt?«

»Wie? Gretchen betrifft der Besuch des Sonderlings? Nicht möglich! Was will

er, erzähle, lieber, bester Eduard!« rief ich überrascht, und schob mein

Silberzeug schnell auf die Seite.

Eduard lachte und rieb sich vergnügt die Hände.

»Allerdings, deine lustige kleine Grete war der Gegenstand unserer

Unterhaltung,« sagte er geheimnißvoll.

»Aber was will denn der Baron? So rede doch nur, was soll Gretchen?«

drängte ich den Bruder.

»Weiter nichts als ihn heirathen!« sagte Eduard trocken.

Ihr könnt denken, daß mein Erstaunen nicht kleiner war, als vorhin das

eure. Als ich mich endlich etwas über diese Neuigkeit beruhigt hatte, ließ

sich Eduard herbei, mir das ergötzliche Gespräch mitzutheilen, daß er mit

dem Baron gehabt, und ich will versuchen, es euch möglichst getreu wieder

zu berichten.

»Eduard!« rief der Baron, als mein Bruder den seltenen Gast freudig begrüßt

hatte, »ich bitte dich heute um einen Freundschaftsdienst.«

»Stehe mit Vergnügen zu deinen Befehlen,« entgegnete Eduard. »Was giebt es,

du willst dich doch nicht etwa duelliren?«

»Das gerade nicht, aber etwas fast eben so Wichtiges. Ich will heirathen!«

sagte der Baron ernst.

»Heirathen? Vortrefflich! Wer ist denn die Erwählte deines Herzens, und

welche Rolle soll ich bei dem Stücke übernehmen, das hoffentlich keine

Tragödie sein wird?« rief Eduard.

»Es ist Fräulein Margarethe Geßler,« entgegnete der Baron, »und da sie die

Freundin deiner Schwester ist, so bitte ich dich, ihr meinen Heirathsantrag

zu überbringen.«

»Wie? Die hübsche kleine Grete hat das Herz des Menschenfeindes bezwungen?«

rief Eduard in höchstem Erstaunen. »Alle Wetter, das ist charmant! Aber wie

kommt das, wie in aller Welt ist das zugegangen? Und das ist alles gleich

fix und fertig wie aus der Pistole geschossen?«

»Weil ich gesehen, daß sie Neigung zu mir hat,« sagte der Baron kurz und

trocken.

»Sieh da, was man nicht alles erlebt. Du bist ja ein wahrer Hexenmeister!«

lachte Eduard. »Also du weißt wirklich ganz sicher, daß sie dich liebt? Hat

sie es dir denn gesagt!«

»Nicht in Worten, aber was mehr ist als das, durch ihre Blicke und ihre

Thaten,« entgegnete der Baron.

»Die kleine Grete hat mit dir kokettirt? Potz Blitz, das hätte ich dem

frischen Waldröschen kaum zugetraut!« rief Eduard unaussprechlich ergötzt;

denn er merkte wohl, daß hier nicht alles ganz richtig war, und daß der

Baron in seiner Wunderlichkeit wohl mehr gesehen und vermuthet hatte, als

an der Sache war.

»Von Koketterie kann hier nicht die Rede sein,« sagte der Baron beleidigt.

»Das junge Mädchen hat mir unbewußt gezeigt, daß ich ihr nicht gleichgültig

bin, und deshalb verlangt es mich, die Rose zu pflücken, die sich mir in

aller Lieblichkeit erschließt.«

»Wetter, du wirst ja ganz poetisch, alter Junge!« rief Eduard, sich auf die

Lippen beißend. »Also aus reiner ritterlicher Aufopferung erhebst du das

kleine Mädchen zu deiner Gemahlin? Bringst du ihr denn selbst die gleichen

Gefühle entgegen, die du bei ihr vermuthest?«

»Eduard,« sagte der Baron jetzt einen Grad wärmer und vertraulicher

werdend, »Eduard, du weißt, daß ich von meiner Familie gedrängt und

bestürmt werde, mich zu verheirathen. Alle möglichen Vorschläge haben sie

mir schon gemacht, mir die reichsten, vornehmsten Mädchen angepriesen;

aber ich mag sie alle nicht, ich kann das hochmüthige Weibervolk nicht

ausstehen. Lachen und spotten sie nicht alle über mein steifes, ernsthaftes

Wesen, haben sie mich nicht alle zum Besten und mögen mich nicht leiden,

und würden sie mich nicht alle nur wegen meines Reichthums und meines alten

Adels heirathen, um mich dann mit ihren Launen vor Verzweiflung zum Hause

hinaus zu jagen? Nein, aus solcher Heirath wird nie etwas! Ich wollte nun

gar nicht heirathen, das hielt ich für das Beste. Aber in diesen letzten

Tagen bin ich anderen Sinnes geworden. Margarethe Geßler ist das erste

weibliche Wesen, das mir Achtung und Vertrauen statt des Spottes entgegen

brachte, ich habe es deutlich in ihren Augen gelesen, und darum bin ich

fest entschlossen sie zu heirathen.«

»Hm, das ist merkwürdig!« sprach Eduard, nachdenklich geworden. »Aber noch

einmal: Was sagt denn dein Herz zu diesem Entschlusse? Ist es nur Mitleid

mit dem holden Kinde, das dich dazu drängt, ihr deine Hand anzubieten?«

»Ich bin sehr einsam, Freund, und mein Herz hatte bis jetzt selten

Gelegenheit mitzusprechen,« sagte der Baron mit zitternder Stimme. »Die

Neigung eines so jungen, liebenswürdigen Wesens kann mich nicht ganz

gleichgültig lassen, und was meiner Neigung jetzt noch fehlt, wird kommen,

wenn sie meine Gattin ist.«

»Aber Freund, bedenke, ein so junges Kind!« mahnte nun Eduard den Kopf

schüttelnd. »Sie ist ja kaum sechzehn Jahre alt.«

»Jugend ist kein Fehler,« entgegnete der Baron gleichmüthig.

»Aber sie ist bürgerlicher Abkunft und deine Familie von altem Adel!

Bedenke, was werden die Deinen dazu sagen? Du, der Erb- und Standesherr auf

und zu Senftenburg!« fuhr Eduard dringend fort.

»Geht keinen was an, ich bin selbständig und brauche sie alle zusammen

nicht!« rief der Baron kurz. »Sage mir nur, ob du in meinem Namen den

Antrag machen willst. Es selbst zu thun, habe ich weder Gelegenheit noch

Gewandtheit genug.«

»Herzlich gern. Aber vergilt es mir nicht, wenn die Antwort anders

ausfällt, als du erwartest,« sagte Eduard, dem Baron die Hand reichend.

»Darüber mache dir keine Sorgen; mein Dank für die endliche Erreichung

meiner Wünsche mag der Lohn für deinen Freundschaftsdienst sein,«

entgegnete der Baron warm und herzlich.

Darauf verabschiedete er sich bald, und Eduard suchte mich auf, um mir

die Neuigkeit augenblicklich zu verkünden und meine Hülfe in Anspruch zu

nehmen, da er dir selbst den Antrag nicht überbringen mochte. Nun wißt ihr

die ganze schöne Geschichte, und ich denke, unser liebes Tantchen sieht die

Angelegenheit nicht mehr mit so tragischer Miene an, als vorher. Denn da

das Herz unserer Grete sich hoffentlich nicht in so desolatem Zustande

befindet, als der gute Baron glaubt, dies aber, wie er ziemlich deutlich

ausgesprochen, die Haupttriebfeder zu seinem Antrage war, so fällt die

ganze Sache in sich selbst zusammen, und wir dürfen uns weiter keinen

Kummer darüber machen, daß dem Baron das Herz davon brechen wird.«

»So leicht möchte ich denn doch nicht darüber hingehen, liebe Marie,« sagte

die Tante noch immer ernst, als Marie ihre Erzählung geschlossen. »Seine

eigene Neigung mag allerdings nicht die erste Triebfeder zu dem Antrage

gewesen sein, darüber ist wohl kein Zweifel, aber wie weit sein Herz

dennoch trotz all dem dabei betheiligt war, werden wir freilich nicht

erfahren. Ich muß gestehen, es gefällt mir sehr von ihm, daß er sich ohne

alle andern Rücksichten ein einfaches Mädchen erwählt, nur weil sie ihn

lieb hat, wie er meint, und er thut mir noch immer aufrichtig leid, daß er

sich nun wieder in die vorige Einsamkeit gewiesen sieht.«

»Aber seiner Eitelkeit kann die kleine Lection wahrlich nicht schaden,

Tantchen!« sagte Marie eifrig. »Er muß sich doch für sehr anziehend halten,

daß er meint, ein so nettes Mädel, wie unsere frische kleine Rose, sei

knall und fall bis über die Ohren in ihn verliebt, nur weil sie ihm einige

Freundlichkeiten erzeigte.«

»Ich habe dir unser gestriges Zusammentreffen noch nicht erzählen können,

das den Baron in dieser Meinung sehr bestärken konnte, Marie,« sagte ich

verschämt; Marie aber meinte, es werde auch weiter nichts gewesen sein,

und daß der Herr Baron bei dieser Gelegenheit einmal erfahre, es giebt noch

junge Mädchen in der Welt, die Reichthum und vornehme Stellung nicht so

hoch anschlagen, um damit ihre fehlende Neigung zu verdecken, sei ihm auch

ganz zuträglich.

»Es wird den armen Mann aber nur noch steifer und scheuer machen, als er

ohnehin schon ist,« fuhr ich traurig fort. »Nein, nein, Marie, du

urtheilst zu hart, und trotz allem, was du ihm vorwirfst, thut er mir doch

schrecklich leid!«

»Nun so geh und heirathe ihn, Schatz! Vielleicht thust du ein gutes Werk

und machst einen brauchbaren Menschen aus ihm!« rief Marie mit komischer

Heftigkeit.

»Nein, das bin ich trotz all' meines Mitleids doch nicht im Stande,« lachte

ich mit Thränen im Auge. »Er verlangt mich ja auch nur, weil er meint ich

liebe ihn, also würde ich ihn ja betrügen, nähme ich seinen Antrag an. Also

davon kann gar keine Rede sein. Aber ich wünschte von ganzem Herzen, er

fände bald, was er suchte, und was ich ihm nicht bieten kann.«

»Nun wir wollen es hoffen, Kind!« sagte Tante Ulrike freundlich und küßte

mich auf die Stirn. »Die Sache wird hoffentlich hiermit abgemacht sein und

weiter keine Folgen haben. Du aber, mein Töchterchen, zieh dir die ernste

Lehre daraus, daß ein junges Mädchen Herren gegenüber nicht vorsichtig und

besonnen genug sein kann. So manches Mädchen ist in den Ruf der Koketterie

gekommen, nur weil ihre Unbesonnenheit und Lebendigkeit sie verleitete,

Dinge zu sagen und zu thun, welche gegen die hergebrachten Regeln der

Gesellschaft verstießen. Daß der Baron dich trotz deiner Weigerung

jetzt dennoch nicht für gefallsüchtig halten möge, hoffe und wünsche ich

aufrichtig; von einem weniger ernsten, soliden Manne, als er ist, dürftest

du kaum eine andere Auffassung deines Betragens erwarten.«

Still neigte ich mich auf die liebe Hand der Tante, welche in der meinen

lag, und einen Kuß auf dieselbe drückend, verließ ich ziemlich kleinlaut

mit Marie das Zimmer. Aller kindische Uebermuth war von uns Beiden

gewichen, und in ernster Stimmung sprachen wir noch lange über die

schonendste Art und Weise, in welcher ich dem Baron die abschlägige Antwort

zukommen lassen wollte. Eduard übernahm natürlich diesen schwierigen

Auftrag; aber trotz des feinen Taktes, mit dem er dem Freunde den Stand der

Dinge berichtete, hatte meine Weigerung freilich zur Folge, daß der

arme Einsame wieder für lange Zeit hinter den Mauern seiner Einsiedelei

verschwand.

Ich aber konnte nicht ohne gerechte Selbstvorwürfe an dies Ereigniß zurück

denken, das mich heftig bewegt hatte, und immer wieder sah ich im Geiste

jene dunklen, schwermüthigen Augen, welche mich so ernst und forschend

anblickten. O was hätte ich darum gegeben, diesem trefflichen Manne

ein Glück verschaffen zu können, das diese traurigen Augen in freudig

strahlende verwandelte! Ich selbst hätte diesen Wechsel nie hervorbringen

können, das wußte ich nur zu gut, und auch der Baron würde dies bald genug

selbst erkannt haben.

9.

Noch eine Neuigkeit.

Das Leben im Hause der Tante gestaltete sich immer angenehmer und

harmonischer, je länger ich dort verweilte, und schon lange dachte ich

nicht mehr mit jener verzehrenden Sehnsucht, welche mich im Anfange so

unsäglich peinigte, an mein liebes Vaterhaus zurück. Ich erkannte jetzt

mehr und mehr, welchen Werth es für meine ganze geistige Entwickelung

hatte, einen Theil meiner Jugend bei Tante Ulrike zu verleben, und die

unbeschreibliche Liebe, mit der dieselbe mich erzog, brachte mich leichter

über die tausenderlei Mängel und Fehler hinweg, mit denen ich armes

Backfischchen täglich immer wieder zu kämpfen hatte.

Bei dem engen Verkehr, welcher zwischen Tante Ulrike und mir stattfand,

konnte es mir nicht entgehen, wenn die heitere Stirn derselben sich trübte,

und so beunruhigte es mich ernstlich, als ich die Tante eines Morgens

aufgeregt und in Thränen in ihrem Lehnsessel fand, sie, die sonst immer

klar und ruhig alle Verhältnisse überblickte und sich eine ungewöhnliche

Herrschaft über ihre Gefühle errungen hatte. Ein Brief lag vor ihr auf

dem Tische, und als ich erschrocken herbei eilte zu fragen, was ihr fehle,

winkte sie mir sanft zu, mich zu entfernen, was ich natürlich in großer

Sorge that. Lange hatte ich zu warten, ehe die Tante zu mir in das Zimmer

kam; ich hörte sie viele Male in ihrem Kabinet auf und nieder gehen, ein

Zeichen, daß sie nach Fassung rang; dann endlich knitterte Papier, und ich

hörte, wie die Klappe ihres Schreibsecretärs knarrte, also schrieb sie.

Endlich kam sie zu mir, zwar ernst und niedergeschlagen, aber doch ruhig

wie immer. Sie setzte sich neben mich, strich mir liebevoll über das

Gesicht und sagte:

»Gretchen, ich muß dir einen Theil dessen erzählen, was mich, wie du

gesehen, so unbeschreiblich bedrückt. Du bist ein verständiges Mädchen und

hast mich lieb, also kann ich dir immerhin etwas anvertrauen, wovon mein

Herz belastet wird. Natürlich sprich außer gegen deine gute Marie und deren

Mutter, welcher ich es selbst mittheilen werde, gegen niemand davon.«

Ich küßte ihre liebe Hand, was ich so oft und so gern that, wenn ich ihr

meine Liebe und Verehrung bezeigen wollte, und mit sanfter Stimme sprach

die Tante weiter: »Du weißt, mein liebes Kind, daß ich seit vier Jahren

schon Wittwe bin, nachdem ich an der Seite meines trefflichen, geliebten

Mannes die schönsten Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte. Wir

schlossen uns um so inniger an einander, nachdem uns Gott das einzige Kind

wieder genommen, das unser Glück vollkommen machte. Eine schwere, traurige

Zeit war es, als ich den süßen Knaben verloren, aber meines Gatten zarte

Liebe half mir das Schwerste tragen, und so hat mein Herz sich endlich

ruhig in Gottes Willen ergeben. Aber noch ein anderes Leid drückte uns bald

darnieder, und hier war ich es wieder, die meinem Gatten tröstend zur Seite

stand. Sein einziger Bruder nämlich, mit dem mein Mann durch die innigsten

Bande der Liebe verknüpft war, hatte einige Jahre nach dem Tode seiner

ersten Frau ein junges Mädchen geheirathet, das ihn durch Schönheit und

Anmuth zu fesseln verstanden. Zwar hatte man ihn von allen Seiten vor dem

Leichtsinn und der launischen Gemüthsart des schönen Mädchens gewarnt, aber

Adolph verachtete all' diese Stimmen und ließ sich, verblendet wie er war,

von seiner Bewunderung und Leidenschaft hinreißen. Leider war auch die

Sorge für seine kleine elfjährige Tochter nicht im Stande, ihn von dem

unbesonnenen Schritte zurück zu halten, obwohl das reich begabte Kind gar

sehr einer zweiten treuen Mutter bedurft hätte.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 5 / 17 段