Ueberrascht fuhr derselbe auf und starrte mir stumm in das Gesicht. Endlich

besann er sich und machte mir eine Verbeugung, die herzlich steif ausfiel.

Dann stand er wieder wie vorher still auf seinem Platze, und auch ich nahm

meinen Sitz wieder ein, da die Musik von Neuem ertönte.

Ich glaubte, wie gesagt, anfangs, als ich meinen stummen Nachbar

betrachtete, einen nicht mehr jungen Mann vor mir zu haben. Indem ich

denselben jedoch jetzt in der Nähe angesehen, merkte ich wohl, daß er noch

zu den jüngeren Herren gehörte, und daß nur seine wunderliche Haltung an

diesem Irrthum die Schuld trug. Ich blickte deshalb jetzt von meinem Stuhle

aus noch einmal zu dem Fremden hin, um den ersten Eindruck mit dem späteren

zu vergleichen. Da aber wandte sich der Beobachtete schnell nach mir um,

und ehe ich noch meine Blicke von ihm abgewendet, sah er mich mit seinen

dunkeln, eigenthümlich schwermüthigen Augen starr und stumm lange Zeit an.

Etwas gepeinigt durch dieses Anstieren machte ich mir schnell an meinen

Handschuhen etwas zu schaffen, deren Knöpfe aufgesprungen waren. Nun aber,

als ich des Einsamen Gesicht jetzt eben wieder betrachtete, war mir dessen

Aehnlichkeit mit irgend jemand aufgefallen, den ich kannte, ich konnte mich

aber durchaus nicht besinnen, wer es sei, der ihm gleiche. War es Prediger

Moller in Magdeburg, oder Onkel Heinrich in Leipzig? Nein, nein, Dr.

Sarre in Halle sah ihm wohl ähnlich, oder mehr noch Amtmann Amelang, unser

Nachbar in Schreibersdorf. Ich konnte mit mir nicht darüber einig werden,

und doch quälte es mich unablässig, wie es mit solchen Dingen geht, denn

eine große Aehnlichkeit war da, aber mit wem nur am meisten? Ich mußte es

heraus bekommen, mußte mir noch einmal das eigenthümlich anziehende Gesicht

des Einsamen darauf ansehen.

Getrost blickte ich deshalb wieder auf und gerade zu dem Fremden hin, der

mich jetzt gewiß längst ignorirte.

Aber wie erschrak ich, als ich nun bemerkte, daß die Blicke desselben immer

noch auf mir ruhten wie vorher. Das war doch recht lästig, was hatte denn

der wunderliche Mann an mir zu sehen? Er war doch gar zu sonderbar!

Ich fühlte, wie mein Gesicht vor Verlegenheit feuerroth wurde, eine

Erscheinung, die mich freilich oft genug belästigte, aber ich konnte es

nicht ändern. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhle umher und nahm mir

fest vor, den Platz zu wechseln, sobald das Gesangstück beendigt war. Das

schien aber kein Ende nehmen zu wollen, und während ich nun ordentlich

scheu und erschrocken meine Augen vor den Blicken des Sonderlings senkte,

geschah wieder etwas, das denselben in neue Verlegenheit brachte.

Er hielt nämlich, wie alle Herren, seinen Hut unter dem Arme, aber so

ungeschickt, daß ich schon immer gefürchtet hatte, er werde ihn fallen

lassen. Und richtig! Plautz! da lag der unglückliche Hut endlich auch und

zwar gerade vor meinen Füßen. Der Fremde war in höchster Bestürzung,

und vor Verlegenheit wagte er kaum, nach seinem Eigenthum die Hand

auszustrecken. Unwillkürlich bückte ich mich deshalb schnell, griff nach

dem Hute und reichte, natürlich abermals tief erröthend, denselben seinem

Besitzer hin, der ihn mit einer steifen Verbeugung aus meiner Hand empfing.

Hierbei aber verlor er nun wieder seine Handschuh, die er in der Hand

hielt, und ehe er noch seinen steifen Rücken gekrümmt hatte, übergab ich

ihm auch schon das Verlorene wieder.

Abermaliger Bückling und große Verlegenheit, denn nun stand er vor mir

und wußte nicht, sollte er sprechen oder seine stumme Rolle ferner weiter

spielen. Um den wunderlichen Gesellschafter, sowie mich selbst aus der

peinlichen Situation zu erlösen, griff ich nach einer Bildermappe, welche

in der Nähe aufgeschlagen lag, und vertiefte mich scheinbar lebhaft in die

Betrachtung der Kupferstiche.

Hatten nun aber diese Bilder wirklich das Interesse des Einsamen erregt,

oder meinte er, mir seine Aufmerksamkeit beweisen zu müssen, kurz, er

schaute mit vorgestrecktem Halse und weit geöffneten Augen nach den Bildern

hin, die ich durchblätterte, blieb dabei aber in so gemessener Entfernung

stehen, daß ich das Lachen verbergen mußte, das seine Stellung in mir

erregte. Um ihn jedoch los zu werden, reichte ich ihm ein Blatt nach dem

andern hin, damit er es sehen konnte, ohne mich zu belästigen.

Diese neue Aufmerksamkeit schien den Damm seiner Schüchternheit zu

durchbrechen. War ich ja doch augenscheinlich die Einzige, die sich seiner

erbarmte unter all' den Gästen, -- unter Larven die einzig fühlende Brust!

-- dem konnte sein Herz nicht widerstehen, das besiegte selbst _seine_

Blödigkeit!

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte er stotternd und leise, indem er sich an

meine Seite setzte, »ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen!« Dann fragte

er mich, ob ich mich für die Kupferstiche interessire, und als ich dies

bejahte, dabei aber meine völlige Unkenntniß eingestand, fing er an, mit

leiser Stimme, um die Musik nicht zu stören, von den Meistern zu reden,

deren Werke vor uns auf dem Tische lagen: Dürer, Holbein, Carstens, sowie

den berühmtesten Italienern Rafael und Michel Angelo. Mir war anfangs

etwas ängstlich zu Muthe, denn ich erinnerte mich wohl, daß die Tante mir

geboten, nur mit solchen Herren zu sprechen, die mir vorgestellt seien, und

den wunderlichen Fremden kannte ich doch gar nicht. Aber bald vergaß

ich diese meine Furcht über dem lebhaften Interesse, das seine Reden mir

erregten. Er hatte augenscheinlich große Kenntniß in Kunstsachen, denn

von jedem der Meister, sowie von ihren Werken wußte er mir in einer sehr

anziehenden Weise etwas zu sagen.

Jetzt aber schwieg die Musik wieder, und es wurde um uns her lebhaft. Ich

fing wieder an mich zu ängstigen, daß ich mit dem wunderlichen Fremden

so allein in einer Ecke saß, er aber schien dies gar nicht zu bemerken,

sondern fuhr in seiner Unterhaltung gleichmäßig fort. Da endlich sah ich

Marie's blaues Kleid in der Nähe, und mich schnell erhebend, sagte ich

hastig: »Entschuldigen Sie, ich glaube, man sucht mich.«

Da kam Marie aber schon auf mich zu. Sie war sehr erstaunt, mich mit dem

Fremden in so nahem Verkehr zu finden, und indem sie demselben eine leichte

Verbeugung machte, sagte sie: »Ah, Herr Baron, sieht man Sie auch einmal

hier? Das ist schön!« Ich flüsterte Marien hastig zu, sie möchte mir den

Herrn vorstellen, da sie ihn kenne. Marie sah mich verwundert an, denn sie

dachte natürlich, daß mein gesprächiger Cavalier dies schon selbst gethan

hätte, nun aber wandte sie sich gefällig wieder zu uns und sagte: »Liebes

Gretchen, erlaube, daß ich dir einen Freund meines Bruders vorstelle,

den Herrn Baron von Senft. Und dies, Herr Baron, ist meine liebe Freundin

Margarethe Geßler.«

Alle Steifheit und alles Ungeschick, das mein armer Einsamer während der

lebhaften Unterhaltung glücklich überwunden hatte, kehrte jetzt mit

einem Male in vollster Blüthe zurück, sowie Marie zu uns getreten, und

gesellschaftliche Formen wieder von ihm verlangt wurden. Er machte eine

unendlich linkische Verbeugung und stotterte einige unzusammenhängende

Laute, aus denen nur einzelne Worte, wie: entzückt -- Fräulein -- gütig,

vernehmbar hervor tauchten, wie Froschköpfe aus dem Sumpfe.

Wir eilten der Verlegenheit ein Ende zu machen, indem wir uns schnell

empfahlen und nach einem andern Zimmer gingen. Aber mit wahrhaftem

Mitleiden bemerkte ich die traurigen Blicke, welche der aufs Neue

Vereinsamte mir nachsandte, und ich konnte mir nicht helfen, mein gutes

Herz trieb mich, ihm noch einen recht freundlichen Gruß zurück zu schicken.

»Was tausend heißt denn das, Grete? Du bist heute ja ganz ausgetauscht!«

lachte Marie, als sie meinen Gruß bemerkte. »Erst so vertraulich mit Dr.

Hausmann, und nun gar ein Herz und eine Seele mit dem menschenscheuen

Baron Senft? Irre ich nicht, so habe ich so eben ein sehr interessantes

=tête-à-tête= gestört, in dem du mit dem Sonderling begriffen warst. Nun

sollst du mir noch einmal weiß machen, du seist blöde! Dem Mädchen, das den

Baron Senft gewinnen kann, gehört wahrlich eine Verdienstmedaille!«

»So schweig doch nur endlich mit dem Unsinn und höre, wie das alles

gekommen ist!« rief ich ärgerlich, denn ich schien heute wirklich dazu

verdammt, den Schein eines unbesonnenen, koketten Mädchens auf mich zu

ziehen. Hastig erzählte ich nun der Freundin, wie sich unsre Bekanntschaft

angeknüpft, und wie ich nichts weniger gewollt, als mich dem Sonderling

aufzudrängen; aber wie das Mitleid, das ich mit seiner Unbehülflichkeit

gehabt, mir endlich seine Aufmerksamkeit erworben und die Eisrinde seiner

Schüchternheit aufgethaut habe.

»Nun ein anderer, als unser scheuer, guter Baron hätte deine

Aufmerksamkeiten wohl noch anders verstehen können,« lachte Marie. »Ich

bitte dich um Alles, spare deine Dienstfertigkeiten für andere Leute auf,

junge Herren werden nun einmal nicht von jungen Damen bedient. An dem armen

Baron aber hast du eine Eroberung gemacht, den haben deine schwarzen Augen

versengt; denn sieh nur, da steht er schon wieder in der Thür und blickt

sehnsuchtsvoll zu uns herüber.«

Wirklich, Marie hatte Recht, dort stand er und sah mich mit seinen großen

Augen so eigenthümlich an, daß ich wieder dunkelroth wurde und mich

ängstlich an Marie's Arm klammerte und flehentlich bat, sie möge mich nicht

mehr verlassen, ich mache sonst noch mehr Thorheiten. Zum Glück nahte sich

die Gesellschaft ihrem Ende, und ich ward aus der peinlichen Situation

erlöst, in welche meine Unerfahrenheit mich wieder aufs Neue versetzt

hatte. Die lose Marie flüsterte mir als Gruß zur guten Nacht noch

schelmisch zu: »Gratulire zu deiner Eroberung, träume süß, liebes

Gretchen!«

8.

Folgen.

Am andern Morgen kam Marie zeitig zu mir, um zu hören, wie meine gestrigen

Aventuren mir bekommen wären. Sie neckte mich in so lustiger Weise, war so

ausgelassen und schalkhaft, daß ihre Heiterkeit mich bald auch ansteckte,

und wir nun alle Beide um die Wette über meine Eroberung lachten.

Wahrscheinlich waren wir schrecklich albern und kindisch, denn die Tante,

welche sonst gern mit uns scherzte, wollte heute gar nicht auf unsere

Fröhlichkeit eingehen. Gestern Abend hatte ich ihr beim Schlafengehen

in unserem traulichen grünen Stübchen noch ehrlich alles gebeichtet, und

obwohl sie mich vor ähnlichen Unbesonnenheiten warnte, so mußte sie dennoch

herzlich über die Geschichte lachen; zuletzt aber wurde sie ernst und

nachdenklich und sprach nicht weiter von der Sache.

»Hört einmal, Kinder,« sagte sie jetzt, als wir beiden Mädchen in toller

Lust neben ihr schwatzten und lachten, »nehmt es mir nicht übel, aber

euer Betragen gefällt mir nicht! Freilich hat der gute Baron euch allerlei

Ursache zu Scherz und Lachen gegeben; aber ein gutes Herz zeigt ihr

wahrlich nicht, wenn ihr nur die komische Seite der Sache betrachtet, die

traurige Rolle nämlich, welche der arme Mensch darin spielte. Wißt ihr denn

so genau, ob sein Interesse für Gretchen nur so flüchtig war, und ob er

in seiner einsamen Lage nicht vielleicht wirklich innig gerührt worden ist

durch die Freundlichkeiten eines so jungen Wesens? Verlassen dastehen ist

hart und verdient Mitleid, nicht aber Spott.«

»Aber liebe, gute Tante, darüber lachen wir ja doch auch wirklich nicht,

sondern über Gretchens naives Betragen, und was damit zusammenhing,« sagte

Marie ernst werdend. »Und was das Alleinstehen des Barons betrifft, so

ist er ja ganz und gar selbst daran schuld, warum isolirt er sich so

absichtlich! Er hat Alles, was sein Herz verlangt, und wodurch er auch

andere glücklich machen könnte, Reichthum, alten geachteten Namen,

unabhängige Lage, gesunden Körper, und dabei lebt er wie ein Einsiedler,

sieht und besucht fast keine Seele, ladet selten jemand auf seine

Besitzungen ein, und wenn er sich ja entschließt, einmal aus seiner Klause

hervorzukommen, so sieht er so scheu und unglücklich aus, daß sich niemand

an ihn heran wagt. Nicht einmal seine alten Freunde können etwas mit ihm

anfangen, wie Eduard mir sagt. Es ist ihm einmal nicht zu helfen, er ist

gar zu wunderlich.«

»Bei alledem ist er aber doch zu bedauern,« sagte die Tante sanft, »denn es

fehlt ihm trotz seiner irdischen Güter das rechte Glück. Er versteht nicht,

das Leben richtig zu erfassen, um sich und Andern nützlich zu werden, und

solche Menschen erregen immer mein Mitleiden.«

»Nun, wir wollen nicht mehr über ihn lachen, Tantchen,« sagte ich, der

Tante die Hand küssend. »Es war recht kindisch von mir, und doppelt

unrecht, da er mich gestern Abend wirklich gut unterhalten und belehrt hat.

Gewiß ist er ein innerlich sehr gebildeter Mann, dem nur die äußeren Formen

abgehen. Und ich alberne Bauerndirne sollte über diesen Mangel am wenigsten

lachen.«

In diesem Augenblicke wurde der Dr. Hausmann angemeldet. Dunkle Gluth

übergoß mein Gesicht bei diesem Namen, denn mein unpassendes Betragen

von gestern Abend trat in seiner ganzen Größe vor meine Seele. Um so mehr

überraschte mich der Tante froher Ausruf: »O, das freut mich ja herzlich!«

denn ich hatte geglaubt, es würde ihr unangenehm sein, den Mann wieder zu

sehen, vor welchem ich mich so kindisch betragen hatte. Aber die Tante war

oft ganz unberechenbar.

In ihrer freundlichen Weise ging sie dem Doctor zum Willkommen entgegen,

und dieser begrüßte sie sowohl, als auch Marie und mich so offen und

liebenswürdig, und doch dabei so ernst und würdig, daß sich meine Scheu

sehr minderte, denn so hätte er sich sicher nicht benommen, wenn er mich

im Herzen verspottet, oder gar von meiner Vertraulichkeit Mißbrauch gemacht

hätte. Sehr beruhigt faßte ich denn auch bald den Muth, mich mit in die

Unterhaltung zu mischen, um wo möglich wieder auszuwetzen, was ich gestern

dumm gemacht hatte, und wirklich, es schien, ich hatte heute meinen guten

Tag, denn ich sprach fast so verständig, wie ein erwachsener Mensch. Aber

die gute Tante wußte auch so geschickt Dinge zur Sprache zu bringen, über

welche ich gut Bescheid wußte, und der Doctor hatte eine so angenehme Art,

auf Alles einzugehen, daß der Besuch sehr angenehm verlief, und mir ganz

froh und frei zu Muthe ward.

»Nun, Gretchen, ich denke, der Doctor Hausmann ist besser, als ich dir

gestern vorgeredet,« sagte die Tante, als der Besuch uns verlassen hatte.

»Gewiß, Tantchen, das sagte ich gleich. Aber warum denkst du jetzt anders

über ihn, als gestern?«

»Weil er sich sonst gewiß nicht beeilt haben würde, zu uns zu kommen.

Gleichgültigkeit oder böses Gewissen hätten ihn sicher zurück gehalten.

Sein heutiger Besuch aber zeigt mir, daß er deine kindliche Vertraulichkeit

ganz fein und richtig beurtheilet hat, und das gefällt mir sehr wohl von

ihm. Er ist ein gebildeter, feinfühlender junger Mann, den ich stets gern

bei mir sehen werde.«

Tante's Urtheil, das mir stets maßgebend war, erfreute mich doppelt, denn

nun konnte ich mich doch über mein Benehmen vom vorigen Abend beruhigen.

Der Doctor verlachte mich nicht, und das war mir die Hauptsache, die andern

Leute hatten sicher mehr zu thun, als an mich armes Backfischchen noch

lange zu denken und über meine Dummheiten zu spotten.

Marie ihrerseits triumphirte, daß sie sich in meines Freundes Gesichtszügen

nicht geirrt hatte, von denen sie gestern schon eine so gute Meinung

gehabt. In heitere, harmonische Stimmung versetzt, schieden wir endlich

fröhlich von einander, als Marie sich zum Heimwege rüstete.

An jenem Tage beauftragte mich die Tante mit einigen Einkäufen, und ich

machte mich fertig, dieselben nach dem Mittagessen zu besorgen, während

Tante Ulrike zu einer alten Freundin ging. Aber ich wurde durch Besuch

einiger junger Mädchen zurück gehalten, und so war es schon ziemlich spät

geworden, ehe ich meine Aufträge besorgen konnte. Endlich aber hatte ich

meine Geschäfte beendet und rüstete mich zum Heimweg. Die Lampen brannten

schon auf den Straßen und in den Kaufläden, und voll Bewunderung ging ich

an den hellerleuchteten Schaufenstern vorüber, in denen beim Glanze so

vieler Lichter Alles doppelt reich und kostbar erschien. Mich einfaches

Landkind entzückte ja ohnehin all' das Neue, das ich hier in der großen

Stadt sah, und neugierig spähend blieb ich gern vor den Fenstern der

Kaufläden stehen, um Alles recht genau zu betrachten.

Besonders waren es die an den Schaufenstern ausgestellten Bilder, für

welche ich eine große Vorliebe besaß, und stundenlang hätte ich davor

stehen mögen, um diese Kunstwerke anzusehen. An einer solchen Handlung sah

ich nun jetzt im Vorübergehen einzelne jener Blätter, welche ich Tags zuvor

mit Baron Senft betrachtet hatte, und über deren großen Werth ich durch ihn

belehrt worden war. Voll Interesse trat ich deshalb an das hellerleuchtete

Fenster und studirte diese Kunstwerke noch einmal, sowie auch die reiche

Sammlung anderer Abbildungen, welche daneben lagen. Im Anschauen dieser

Sachen vertieft, bemerkte ich nicht, wie ein junger Mann mich schon seit

geraumer Zeit beobachtete, bis mir derselbe in sehr auffallender Weise nahe

trat und mir höchst zudringlich unter den Hut blickte. -- Ich erschrak und

wandte mich schnell zur Seite, hoffend, der Lästige werde sich entfernen,

wußte aber nicht, daß mein Verweilen am Schaufenster, und zwar bei

beginnender Nacht, etwas durchaus Auffallendes war, und jener Herr sich

meist nur in Folge hiervon die Zudringlichkeit erlaubte. Endlich redete er

mich gar mit einigen faden Redensarten an, und nun gerieth ich in heftige

Angst und Aufregung. Schnell lief ich die Straße hinab, um dem jungen Manne

zu entfliehen, aber ich merkte wohl, daß derselbe mir dicht auf den Fersen

war, und hörte fortwährend, wie er mich mit den unerträglichsten Worten

verfolgte. Mein Weg war noch sehr weit, und in meiner Hast und Unkenntniß

der Straßen verfehlte ich gar die Richtung und wußte bald gar nicht

mehr, wohin ich mich wenden sollte. Daß ein Miethswagen mir aus dieser

Verlegenheit geholfen hätte, fiel mir in der Angst gar nicht ein, ich hörte

nur immer den lästigen Begleiter neben mir und stürmte vorwärts, denn ich

fürchtete jeden Augenblick, er werde mich anfassen, da er sich immer enger

an mich heran drängte.

Der Angstschweiß stand mir auf der Stirn und die Thränen im Auge. Eben war

ich im Begriff, in einen Kaufladen zu treten, um dort Schutz und Hülfe zu

suchen, da sah ich ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen -- Baron Senft,

meinen neuen Freund vom vorigen Abend. Freudig lief ich demselben entgegen,

und wie ein Kind seine Hand ergreifend, rief ich flehend: »O, Herr Baron,

bitte, beschützen Sie mich doch, und begleiten Sie mich nach Haus, ich habe

den Weg verloren!«

Der Baron sah mich verwundert an, denn ich zitterte vor Angst und

Aufregung, ergriff aber sogleich meinen Arm und sagte, einen schnellen

Blick auf meinen Begleiter werfend, der sich langsam zurückzog: »Mit

Vergnügen, gnädiges Fräulein. Sein Sie ohne Furcht, ich werde Sie zu

schützen wissen.«

Jetzt erst bedachte ich, wie wunderlich abermals mein Benehmen war dem

Baron gegenüber; aber er konnte nichts Uebles von mir denken, sah er doch,

in welch' verzweifelter Lage ich mich befand, als ich um seinen Schutz bat,

und natürlich erzählte ich ihm nun ausführlich, wie alles gekommen. Mein

braver Begleiter sprach seine aufrichtige Freude aus, mir nützlich sein zu

können, und war so herzlich und offen zu mir, wiederholte mir immer wieder,

wie sehr das Vertrauen ihn beglücke, das ich ihm schenke, daß mir ganz froh

und ruhig zu Muthe wurde, und ich dem guten Manne innig dankbar wie ein

Kind in das Auge blickte, als ich endlich am Hause angelangt war. Er sah

mich zwar dabei so sonderbar ernst mit seinen dunklen, schwermüthigen Augen

an, daß ich nicht recht wußte, was ich dabei denken sollte; aber ich hatte

ihn ja als einen Sonderling kennen gelernt, und so machte ich mir weiter

keine Gedanken darüber. Küßte er mir ja doch sogar zum Abschied die Hand,

er, der steife, ungelenke Menschenfeind, und bat um die Erlaubniß, anderen

Tages sich nach meinem Befinden erkundigen zu dürfen. Das war doch mehr,

als ich je von ihm erwartet hätte, und fröhlich eilte ich zu Tante Ulriken,

dieser meine neuen Abenteuer zu erzählen und ihr den Besuch des Barons zu

verkünden.

Die Tante war aber sehr ungehalten über meine Unvorsichtigkeit und verbot

mir streng, je wieder lange Zeit an den Schaufenstern stehen zu bleiben,

was am Tage schon wenig schicklich, Abends jedoch völlig ungehörig sei, und

mir stets einen Wagen zu miethen, sobald die Dunkelheit mich überraschte.

Ueber das Zusammentreffen mit dem Baron war sie ebenfalls nicht sehr

erfreuet, kurz ich fühlte wohl, daß ich recht gründlich unvernünftig

gewesen war und setzte mich sehr kleinlaut hinter meine Näharbeit.

Am andern Morgen erschien denn auch wirklich der angekündigte Besuch:

Baron Senft ließ sich melden, und Tante Ulrike empfing ihn in ihrer feinen,

liebenswürdigen Weise. Ich fand aber, daß sie zurückhaltender war, als

gewöhnlich, und da der gute Baron sich auch wieder im äußersten Stadium

der Verlegenheit und Steifigkeit befand, so verlief der Besuch sehr wenig

erquicklich. Der arme Mann that mir wieder gar zu leid, denn ich konnte ihm

seine Pein lebhaft nachempfinden, und so that ich mein Möglichstes, durch

herzliches Entgegenkommen und kindliche Unbefangenheit ihm die Situation zu

erleichtern.

Endlich empfahl er sich, und ich war ordentlich froh darüber, denn Tante

Ulrike war unbegreiflich kühl und zurückhaltend. Ich konnte es mit dem

liebevollen Urtheile, das sie des Tages zuvor über den Baron geäußert, gar

nicht vereinigen, und sprach dies nun unverhohlen gegen sie aus.

»Es geschah, um der gar zu großen Freundlichkeit meines Gretchens ein

Gegengewicht zu geben,« sagte die Tante ernst. »Ich muß dich bitten, mein

Kind, bei all' deiner unbefangenen Herzlichkeit, mit welcher du dem Baron

über seine Schüchternheit fortzuhelfen strebst, doch viel zurückhaltender

zu sein. Du weißt nicht, ob solches Betragen auch so beurtheilt wird, als

du in deiner Harmlosigkeit denkst, und eine andere Auslegung würde dir doch

sehr schmerzlich sein.«

»Eine andere, Tantchen? Wofür könnte er denn sonst meine Freundlichkeit

halten?« fragte ich betreten.

»Für Gefallsucht, Koketterie, mein Kind,« sagte die Tante, immer ernster

werdend.

»O das ist doch aber nicht möglich, davon bin ich ja weit entfernt!« rief

ich heftig. »Was habe ich denn gethan, daß er so etwas von mir denken

sollte? Nein das wäre doch zu schlecht von ihm!«

»Ich hoffe, wir brauchen dies allerdings von dem Baron Senft nicht zu

fürchten,« sagte die Tante sanft. »Aber zurückhalten mußt du dich von

jetzt an, mein Kind; denn wenn er auch nicht von dir denken wird, du seist

gefallsüchtig, so könnte er bei dir doch ein lebhafteres Interesse für ihn

vermuthen, das er, wie ich denke, dir immerhin nicht einflößt.«

»Aber liebe Tante, wie kannst du so etwas nur sagen!« rief ich dunkelroth

werdend. »Du meinst, er könnte denken, ich sei -- ach Tantchen!«

Die Idee war mir so unsäglich komisch, daß ich trotz der Ernsthaftigkeit

der Tante in ein herzliches Gelächter ausbrach. Ich in den Baron verliebt!

Ich armer, junger, halberwachsener Backfisch! Und er, dieser ernste,

vornehme, steife Baron, der mir trotz seiner Jugend wie ein älterer Herr,

eine Art Respectsperson gegenüber stand, und dem ich wie ein harmloses Kind

mich anvertrauet hatte. Man konnte nichts Wunderlicheres denken, die Tante

hatte zu sonderbare Einfälle.

Als unser Gespräch diese heitere Wendung genommen hatte, denn auch Tante

Ulrike mußte bei dem Gedanken lächeln, war mir das Herz wieder leichter

geworden, und singend und heiter wie gewöhnlich ging ich an meine täglichen

Beschäftigungen. Am Nachmittag wurde ich durch Marie's Besuch erfreut, und

voll Entzücken lief ich der herzigen Freundin entgegen.

»Liebste Marie, wie herrlich, daß du kommst!« rief ich sie umarmend. »Aber

was hast du denn, du siehst ja ganz curios aus,« fuhr ich sogleich fort und

sah ihr forschend in die Augen, welche mich halb schelmisch, halb ernsthaft

anblickten.

Backfischchen's Leiden und Freuden: Eine Erzählung für junge Mädchen · 第 4 / 17 段