Abends den Thee bei ihr tranken und sich mit Gesprächen, Vorlesen oder auch
wohl Kartenspiel unterhielten. Mir wurde an diesen Abenden das Amt, den
Thee zu bereiten und den kleinen Kreis zu bedienen, da die Tante ungern
Dienstleute im Zimmer sah. Das war mir, als ich die ersten Schwierigkeiten
überwunden hatte, die mir aus diesem Geschäft entsprangen, recht sehr
angenehm; denn häusliche Arbeiten machten mir stets viel Vergnügen, und ich
entging dadurch am besten der Verlegenheit, unter diesen älteren Herren und
Damen anständig still zu sitzen oder gar an Gesprächen Antheil zu nehmen,
für die ich noch zu wenig allgemeine Bildung besaß. Zuhören konnte ich
ja dabei ganz nach Behagen und war doch in meinem Wirkungskreise gut
untergebracht. Aber Anfangs gab es freilich wieder mancherlei Dinge, welche
ich erst lernen mußte.
So füllte ich die Tassen stets bis hoch hinauf an den Rand, was die Tante
mir zwar gleich am ersten Morgen verboten, ich mir aber gar nicht merken
konnte. Mir schien es immer, als würden die Leute meinen, ich gäbe es ihnen
nicht gern, wenn ich so wenig in die Tassen goß. Die Folge davon war denn,
daß der Thee über den Rand hinaus gedrängt wurde, sobald man Zucker und
Sahne hinzu that, und daß von jeder Tasse ein Regen herab träufelte, sobald
man sie an den Mund führte. Ferner lief ich mit der Theekanne rings im
Zimmer umher, um gleich an Ort und Stelle die Tassen der Gäste wieder zu
füllen, bis Tantchen mich leise zurück zog und mir die Tassen an das Buffet
brachte, um dort einzugießen.
Dankte dann eins oder das andere der Gäste und wollte nichts mehr genießen,
so hielt ich es für meine Pflicht, sie mit Bitten so lange zu bestürmen,
bis ich meinen Thee oder Kuchen wieder angebracht hatte, was mir oft schwer
genug wurde, bis die Tante mich endlich von diesem Amte erlöste. »Denn,«
sagte sie, »in guter Gesellschaft dankt man, wenn man genug hat, ohne auf
Nöthigung zu warten. Dies Bitten und Bestürmen ist gut kleinstädtisch und
in manchen Kreisen vielleicht wohl gebräuchlich, zum guten Tone aber gehört
es nicht, obwohl es eben auch kein Unrecht ist.«
Die Art und Weise, wie man jemandem etwas darbietet, will auch gelernt
werden, und so erfuhr ich, daß man dem Gaste von der linken Seite etwas
präsentirt, nicht aber von der rechten, denn sonst hat derselbe die rechte
Hand nicht frei zum Zulangen.
Vor Allem hielt die Tante darauf, daß ich alle meine Geschäfte hübsch still
und geräuschlos that, damit die Gäste nicht das Knarren der Räder, welche
die Hausordnung trieben, unangenehm bemerkten.
»Mir wird immer ganz unbehaglich zu Muth, wenn ich jemanden besuche und
sehe, welche Störung meine Gegenwart hervorruft,« sagte die Tante. »Da wird
gerannt und gerufen, Thüren und Schränke auf und zu geworfen, heraus
und herein geschossen, geklappert und gepoltert, und das Alles, um mir
vielleicht ein Stückchen Kuchen auf einem Teller darzubieten, oder den
Theetisch zurecht zu machen. Nur ja niemals viel Lärm um nichts, liebe
Tochter, weder in leiblicher noch in geistiger Hinsicht.«
Da an diesen Montagen nur ältere Herren und Damen bei der Tante erschienen,
so konnte ich ganz meiner Neigung folgen, welche mich antrieb, so
zuvorkommend und aufmerksam, so dienstfertig und gefällig zu sein, als
möglich. Jüngeren Personen, besonders jungen Herren gegenüber, hielt mich
die Tante oft in meiner Dienstbeflissenheit zurück, da dieselbe, wie sie
sagte, häufig zu weit ging. Daß man auch übertrieben gefällig sein könnte,
kam mir freilich sonderbar vor, aber die Tante verstand das besser. Gegen
alte Damen jedoch ließ sie mich ruhig gewähren, und da mein Herz mich ganz
besonders zu einigen derselben hinzog, kannte meine Dienstfertigkeit keine
Grenzen. Ihnen den Sitz behaglich zu machen, Fußbänkchen unter die Füße und
Kissen in den Rücken zu schieben, nach Tuch und Mantel zu springen, ihnen
die Maschen ihres Gestrickes zu zählen, oder herunterstürzenden Maschen zu
Hülfe zu kommen, Nadeln einzufädeln, Garn oder Seide zu wickeln, Obst zu
schälen, nach Riechfläschchen oder frischem Wasser zu springen, -- alles
das waren Dinge, die ich mit Entzücken besorgte, sobald mein spähendes Auge
nur den leisesten Wunsch danach zu entdecken meinte, und freundlicher Dank
wurde mir dann immer zu Theil.
Gegen die alten Herren war ich natürlich zaghafter, doch beeilte ich mich
ebenfalls, wo es wünschenswerth schien, bequeme Sitze herzurichten,
alles was zur Erde fiel aufzuheben, fein gedruckte Schrift heraus zu
buchstabiren, Brillengläser abzuwischen, oder auch ruhig und gefällig
zuzuhören, wenn irgend eine langweilige Erzählung keine aufmerksamen
Zuhörer finden wollte.
Häufig, wenn diese gemüthlichen Abende nicht durch Kartenspiel ausgefüllt
wurden, griff man zu der Lectüre irgend eines guten Buches, aus welchem ein
oder das andere Glied der Gesellschaft vorlas. Am liebsten hörte ich Tante
Ulrike vorlesen, deren weiches, klangvolles Organ wie Musik tönte und
mir jetzt erst einen Begriff davon gab, welch' schöne Sache es um gutes
Vorlesen sei.
Uebrigens wurde mir die Freude, Tante Ulrike lesen zu hören, öfter zu
Theil; denn damit auch ich in dieser Kunst etwas lernte, nahm sie sich die
Mühe, häufig auch mit mir etwas zu lesen. Ich armer kleiner Stümper wagte
anfangs kaum, neben dieser fertigen Vorleserin die Lippen zu öffnen; aber
in ihrer freundlichen Weise ermunterte sie mich dabei, ohne müde zu werden,
ließ mich oft Zeile für Zeile nachsprechen, Sätze drei bis vier Mal lesen,
bis ich den Ton und Ausdruck gefunden, den sie selbst hinein legte, und so
bildete sich nach und nach auch mein Vortrag.
Mit diesen Vorlesungen verband die Tante übrigens noch einen andern Zweck,
meine Erziehung betreffend. Um mich zu gewöhnen, auch mit müßigen Händen
anständig und still dazusitzen, was mir sehr schwer wurde, wie vielen
andern Leuten auch, duldete die Tante nicht, daß ich mich während des
Lesens mit einer Handarbeit beschäftigte.
»Junge Mädchen wissen immer nicht, was sie mit ihren Gliedern anfangen
sollen, wenn sie nicht mit den Händen arbeiten oder mit den Füßen tanzen
können,« sagte die Tante, und wie sehr sie darin Recht hatte, fühlte ich an
mir selbst nur zu wohl. Auch meine Haltung ließ viel zu wünschen übrig,
und mein Rücken suchte sich immer kräftigen Beistand an der Stuhllehne; ich
glaube, mein Kreuz bedurfte der Stütze, da ich eine so lang aufgeschossene
Hopfenstange war.
»Sieh, ich bin alt, und halte mich viel besser, als du junges Mädel!« sagte
die Tante, und darin hatte sie nur zu wahr gesprochen, denn sie hielt
sich in der That so musterhaft gerade und stattlich, ohne dabei steif oder
altmodisch auszusehen, daß ich es mit ihren silbergrauen Löckchen gar
nicht vereinen konnte, welche doch die Schwäche des herannahenden Alters
verkündeten.
»Das ist alles nur Gewohnheit, Kind,« pflegte sie zu sagen, wenn ich diese
meine Verwunderung gegen sie aussprach. »Wer krumm sitzt, wächst krumm. Das
Bäumchen, das als schwacher Stamm gerade gezogen wird, giebt einen stolzen,
stattlichen Baum im Alter. Jung gewohnt, alt gethan! Wer z. B., wie meine
liebe Grete so eben thut, schon mit 16 Jahren seine Füße so weit von sich
fort streckt und mit den Händen ungeheuerliche Fechtübungen macht, während
der Mund redet, der wird auch mit 60 Jahren nicht, wie es der Anstand
erfordert, geschlossene Glieder und ruhige Bewegungen erlangt haben.«
Dabei schob die Tante eine Fußbank unter meine baumelnden, zappelnden Füße,
leider aber gab es für meine zehn Finger keinen derartigen Ruhepunkt, und
dieselben einfach und ruhig im Schooße liegen zu lassen, wie es schicklich,
war eine schwere Aufgabe.
»Die du aber lernen mußt,« sagte die Tante, »denn ein junges Mädchen, das
während des Gespräches die Finger still hält, und nicht irgend etwas
darin dreht oder sonstige Verlegenheitsmaneuvres macht, ist eine seltene
Erscheinung. Wenn ihr nur wüßtet, ihr jungen Mädchen, wie unbehaglich ihr
durch diese Unruhe des Körpers für Andere werdet, ihr dächtet mehr daran,
es zu vermeiden.«
»Ja, Tantchen, da muß man aber immerfort nur an sich denken, und an alles
das, was anständig ist,« klagte ich kleinlaut.
»Das lernt sich schon, und dann kann man später gar nicht anders,«
entgegnete die Tante. »Auch du wirst es früher lernen, als du jetzt denkst,
mein kleiner Backfisch; denn ich sehe, du giebst dir Mühe, und ich bin ganz
gut mit dir zufrieden, wenn ich auch immerfort tadle. Nur Geduld, es wird
schon werden, mein Töchterchen!«
Das war das erste Lob, welches die Tante mir in Betreff dieses Punktes
ertheilte. Wie glücklich machte es mich, und wie hob es meine muthlos
sinkenden Flügel! Damit ich mir aber nichts auf meine riesigen Fortschritte
einbilden möchte, stand schon wieder ein kleiner Dämpfer in der Nähe.
So eben nämlich lasen wir in Goethe's Tasso die schönen Worte:
»Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
»So frage nur bei edlen Frauen an,
»Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
»Daß Alles wohl sich zieme, was geschieht.«
»O, Tantchen, das klingt gerade, als hätte Goethe dich mit diesen edlen
Frauen gemeint!« rief ich mit jugendlicher Wärme.
Die Tante blickte lächelnd vom Buche auf, und indem sie mich ansah, spielte
plötzlich ein lustiger Gedanke auf ihren Lippen.
»Du bist eine kleine Schmeichelkatze,« sagte sie. »Mir fällt da aber gerade
ein anderer Vers ein, der auf dich vortrefflich paßt.«
»Auf mich, Tantchen? Ein Vers? Was denn für einer?« fragte ich verwundert.
»O er ist nur kurz, aber desto treffender,« lachte die Tante, und nun
sprach sie in singendem Tone:
»Kätzchen ist gestorben heut,
»Giebt's ein schönes Grabgeläut,
»Unsre liebe Kleine
»Baumelt mit dem Beine,
»Stühlchen setzt sich auch in Trab,
»Wackelt munter auf und ab!«
Also das war's! In Gedanken verloren hatte ich mich in meinen Stuhl zurück
gelegt, und mit demselben auf und nieder wippend, schlug ich mit meinen
Füßen munter den Takt dazu, indem ich sie hin und her schlenkerte.
Mit fröhlichem Gelächter fiel ich der Tante um den Hals und küßte sie wegen
ihrer köstlichen Einfälle so stürmisch ab, daß sie mich nur mit Gewalt von
sich abwehren konnte und mich ein tolles, wildes Ding nannte, dem sie zur
Strafe nun heute kein klassisches Wort weiter vorlesen werde. »Hier ist
andere Speise für das kleine Bauermädel,« sagte sie dabei und griff nach
einem Buche, das sie mir für mein einsames Stündchen nach Tische, während
sie selbst ihre Mittagsruhe hielt, zum Durchlesen anempfahl.
Es war Uli der Knecht, und dessen zweiter Band, Uli der Pächter, von
Jeremias Gotthelf. Ach ja, das gefiel mir allerdings unbeschreiblich; aber
an diesem wundervollen Werke mußte ja wohl jeder Gefallen finden, der Sinn
und Herz besaß für einfache, tief gefühlvolle, brave Menschen. Welch einen
Schatz an Gemüth barg dieses liebe Buch in sich, welche derben, biederen
Naturen waren darin gezeichnet, und welche feine Beobachtung des rein
Menschlichen!
Ich vertiefte mich bald völlig in diese schöne Welt, in welche der Dichter
mich einführte, in das Leben unter schlichten Bauern draußen auf dem Dorfe,
eine Welt, die mir selbst ja so lieb und vertraut war, und erwachte erst
wieder für meine gegenwärtige Umgebung, als die Tante zum Kaffee rief.
O weh, o weh, den hatte ich ganz über meinem Buche vergessen! »Erst die
Pflicht, dann das Vergnügen!« lautete der Wahlspruch der Tante, wer den
aber nicht beherzigte, war die nachlässige Jungfer Grete, sonst hätte sie
erst den Kaffee gekocht und dann gelesen.
7.
In Gesellschaft.
Der lebhafte Verkehr, den Tante Ulrike mit allen ihren Bekannten
unterhielt, und die häufigen Gesellschaften, in welche sie nun auch mich
mit einführte, verursachten mir anfangs große Angst und gaben Anlaß zu gar
mancher Rüge von meiner lieben Tante Anstand.
Unvergeßlich ist mir vor Allem ein Abend geblieben, der so reich an
Ereignissen für mich war, daß ich davon erzählen muß, da er in seinen
Folgen tief in mein Leben eingriff, ohne daß ich es damals ahnen konnte.
Wir waren in einer glänzenden Abendgesellschaft bei Präsident Römers.
Ich stand, wie gewöhnlich, neben meiner Freundin Marie, die mir hier wie
überall ein Retter in der Noth war, denn ich kannte in der zahlreichen
Gesellschaft fast keine Seele weiter. Ziemlich gelangweilt blickte ich im
Saale umher und musterte die elegante Menge. Plötzlich aber blickte ich
freudig auf. »Ach Marie, sieh doch, da ist der Dr. Hausmann aus F., der
hat Papa kürzlich besucht,« rief ich hoch erfreut und zeigte mit dem Finger
nach einem großen blonden Herrn, der mitten unter andern Gästen stand. »Den
muß ich begrüßen! Wie wird er sich wundern, mich hier zu sehen!«
Schnell wollte ich von Marie's Seite fort und zu Dr. Hausmann hinüber, als
ich meiner Freundin Hand fest auf meinem Arme fühlte.
»Halt, Gretchen!« rief sie leise, mich zurück ziehend. »Erstens zeige
um Himmels Willen nicht mit den Fingern nach jemand, das ist schrecklich
unanständig, und dann muß ich dir sagen, es geht doch wirklich nicht an,
daß du den Dr. Hausmann jetzt anredest, wo er mitten unter den andern
Herren steht, du müßtest dich ja mit Gewalt zwischen diesen hindurch
drängen, um zu ihm zu gelangen.«
»Ach das ist wahr, daran hatte ich gar nicht gedacht!« sagte ich betreten.
»Ueberhaupt,« fuhr Marie fort, »kennst du denn den Herrn so genau, daß du
ihn zuerst begrüßen willst? Er ist wohl ein guter Freund eures Hauses?«
»Nein, ich habe ihn nur ein einziges Mal bei uns gesehen, er kam in
Geschäften zu Papa und blieb den Nachmittag bei uns,« erwiderte ich etwas
befangen. »Aber da ich die Leute hier so wenig kenne, so freue ich mich
darauf, mit ihm von Schreibersdorf zu sprechen; das bringt ihn mir viel
näher, als all' die andern Herren, die weder meinen Papa noch irgend jemand
von zu Haus kennen.«
»Weißt du was, Gretchen, wenn du ihn nicht näher kennst, so warte, bis er
dich begrüßt,« sagte Marie. »Dann schickt es sich wirklich nicht anders.
Denn wenn er dir auch dadurch interessant wird, daß er die Deinen kennt, so
bist du es ihm doch vielleicht viel weniger, sonst hätte er dich wohl schon
angesprochen.«
Wie immer, mußte ich auch hier meiner weisen Marie Recht geben; doch
verdroß es mich gewaltig, daß ich für den jungen Herrn, der mich so lebhaft
interessirte, gar nicht zu existiren schien. Aber lange sollte mein Zorn
nicht anhalten; denn bald bemerkte ich, wie sich der Herrnknäuel entwirrte,
und mein blonder Herr =Doctor juris= rasch auf mich zugeschritten kam.
»Fräulein Geßler, finde ich Sie hier? Welche Ueberraschung!« rief er
freudig. »Ich sehe Sie erst in diesem Augenblicke, sonst hätte ich mich
beeilt, Sie früher zu begrüßen. Wie geht es Ihnen denn?«
Dacht' ichs doch! Er freute sich auch, mich hier unter all' den fremden
Leuten zu sehen, und hatte es mir nur nicht früher sagen können, da er mich
jetzt erst bemerkte. Das war mir gar zu angenehm, und fröhlich schwatzte
ich nun mit meinem »lieben Freunde«, wie Marie ihn neckend nannte, von
allen meinen Lieben zu Hause, und Dr. Hausmann schien sich so für Alles
zu interessiren, was ich ihm vorplauderte, daß ich meine Umgebung völlig
vergaß und ihm mit unbeschreiblichem Vergnügen und offenem Herzen gleich
von allen möglichen Dingen erzählte. Nachdem wir lange Zeit mit einander
geschwatzt hatten, sah ich Tante Ulrikens feine Gestalt in meiner Nähe, und
mir schien, sie blickte sehr prüfend und überrascht zu ihrem Backfischchen
hinüber. Da fiel mir ein, daß es ihr auch Freude machen würde, den Dr.
Hausmann kennen zu lernen, und so stand ich rasch auf und sagte, ich wollte
meine Tante herbei rufen. Der Doctor folgte mir aber auf dem Fuße und bat,
ihn doch lieber zu der Tante hinzuführen, damit er sich ihr vorstelle.
Dabei lächelte er so eigen, daß ich fühlte, ich hatte da gewiß wieder etwas
Dummes gemacht, und mit Purpur übergossen eilte ich ihm voran, hin zu Tante
Ulrike, der ich meinen Bekannten mit einigen Worten präsentirte.
Die Tante begrüßte den Doctor zwar in ihrer freundlichen Weise, wie sie
eben gegen alle Menschen so engelsgut war, aber meinen Gefühlen genügte
dieser Empfang bei weitem nicht und erschien mir gar zu kühl und
zurückhaltend. Hatte ich ja doch schon von so Vielem mit ihm gesprochen,
was meinem Herzen nahe stand, von meinen Eltern und Geschwistern, meinem
lieben Vaterhause mit all' seinen gemüthlichen Einwohnern und Räumen, und
von unserm traulichen, freundlichen Dorfe, das mitten in Wald und Wiese
lag, wie eine Perle in der Muschel. Das Alles hatte ihn mir so nahe
gebracht, mir die Zunge gelöst und das Herz auf die Lippen geführt, und nun
behandelte ihn die Tante zwar freundlich, aber doch gerade ebenso fremd
als jeden andern jungen Herrn, der ihr vorgestellt wurde. Das war recht
unangenehm!
Aber wie groß war mein Erstaunen, als der Doctor sich entfernt hatte, und
die Tante sich nun mit nicht gar zu freundlichem Gesicht zu mir wandte.
»Du warst ja recht vertraut mit dem jungen Herrn,« sagte sie, mich mit sich
in eine Fensternische ziehend, wo wir wenig beobachtet werden konnten. »Ist
denn der Dr. Hausmann ein so naher Freund eures Hauses? Davon wußte ich gar
nichts.«
»Nein, Tantchen, sehr befreundet ist er meinen Eltern nicht,« erwiderte
ich, etwas ängstlich geworden. »Ich freute mich aber sehr, ihn hier zu
sehen, wo mir so viele Personen unbekannt sind.«
»Und in deiner Freude hast du ganz vergessen, was sich für ein junges
Mädchen schickt, mein Töchterchen,« sagte die Tante sanft.
»Ich, Tantchen?« rief ich wahrhaft erschrocken, denn davon hatte ich keine
Ahnung.
»Ja du, mein Herz! In deiner Lebendigkeit hast du nicht beachtet, wie viele
verwunderte Blicke zu dir hinflogen, während du dich mit dem jungen Mann so
laut unterhieltest, daß die ganze Umgebung an eurem Gespräche Antheil haben
konnte. Dann lachtest du dazwischen auch so laut, wobei du den Mund recht
unschön aufsperrtest und dich auf dem Stuhle weit hintenüber legtest, daß
mir angst und bange wurde. Das Schlimmste aber war, daß du mit dem jungen
Herrn sogar leise tuscheltest, als wäret ihr die intimsten Freunde. Was
in aller Welt fällt dir ein, Kind? Du bist doch sonst so schüchtern und
ängstlich, heute aber kenne ich dich gar nicht wieder.«
»Ach, Tantchen, ich erzählte ihm einige meiner dummen Streiche, und das
sollte doch niemand weiter hören; aber ich sah wohl, daß einige Gäste
unserm Gespräche lauschten,« sagte ich ganz außer mir vor Schrecken.
»Also dergleichen hast du schon mit ihm gesprochen? Das ist ja viel
Vertrauen, das du diesem Herrn schenkst. Kennst du ihn denn so genau, daß
du weißt, er verspottet nicht etwa im Herzen deine Vertraulichkeit?«
»Nein, Tantchen, das würde ich nie von ihm glauben!« rief ich erglühend.
»Er hat sich ja so für Alles interessirt, was ich ihm von meiner Familie
und meiner Heimath erzählte, und das würde er gewiß nicht gethan haben,
wenn er so schlecht wäre.«
»Nun natürlich erschien dir das so, Kind, denn er konnte doch nicht so
unartig sein, fortzulaufen, wenn eine junge Dame ihm so vertrauliche
Herzensergüsse macht,« sagte die Tante lächelnd.
»Aber Tantchen!« jammerte ich dem Weinen nahe.
»Ich kann dir nicht helfen, du mußt diese kleine Strafpredigt hinnehmen,
damit du vorsichtiger wirst,« fuhr die unerbittliche Tante fort. »Wer weiß,
ob dein Freund nicht jetzt gerade dabei ist, einem andern jungen Herrn zu
erzählen, welch' thörichtes Backfischchen dieses junge Fräulein Geßler ist,
und ob diese Beiden sich dann nicht auf deine Kosten recht herzlich lustig
machen.«
»Tantchen, um Alles in der Welt sprich nicht so!« flehte ich trostlos,
indem dicke Thränen der Angst und Verzweiflung über mein Gesicht rollten.
»Nun wir wollen das Beste hoffen, Kind, tröste dich nur,« sagte die Tante,
mir das Haar aus meinem glühenden Gesicht streichend. »Aber warnen mußte
ich dich, damit du vorsichtiger und besonnener wirst, und deinen Gefühlen
nicht noch freieren Lauf läßt. Jetzt nimm dich zusammen, mache durch
gehaltenes, nettes Betragen wieder gut, was du in den Augen so Mancher
versehen, und vor Allem, zeige ein ruhiges, freundliches Gesicht; denn
es ist nie rathsam, die Gesichtszüge Verräther der Gefühle und
Herzensbewegungen werden zu lassen, in Gesellschaft aber am wenigsten.
Sieh, da kommt deine gute Marie, sie wird dich besser trösten können, als
ich es im Stande bin.«
Während Marie zu uns trat, ging die Tante einer alten Dame entgegen, und
überließ es uns, nach Belieben unsere Herzen gegenseitig zu öffnen. Die
stille Fensternische verbarg denn auch noch für eine Weile all' meinen
Jammer, den ich in das Herz meiner guten Marie ausschüttete, und von
ihr erhielt ich allerdings auch reichlich Trost und Beruhigung für alle
Thorheiten, die ich begangen.
»Aufgefallen ist dein Betragen freilich, das kann ich nicht leugnen,« sagte
Marie nach meinen Bekenntnissen, »und ich hätte dich gar zu gern aufmerksam
gemacht, daß du lange genug mit dem Dr. Hausmann gesprochen habest. Du
schienst mich aber über deinem Gespräche ganz zu vergessen, so nah ich dich
auch umschwärmte, und unaufgefordert konnte ich mich in eure Unterhaltung
nicht mischen, da ich deinen Freund nicht kannte.«
»Ach nenne ihn nur nicht so!« bat ich kleinlaut. »Wer weiß, ob er dieses
Namens nicht vielleicht völlig unwürdig ist und meiner spottet.«
»Nein, das glaube ich nicht,« sagte Marie ernst. »In seinem Gesicht spricht
sich viel Ernst und Milde aus, und wenn er vielleicht auch ein klein wenig
im Herzen über das junge Backfischchen lächelt, das sich noch nicht recht
zu benehmen weiß, so wird er dich doch sicher nie verspotten, sondern dein
Zutrauen zu ehren wissen.«
»Glaubst du das wirklich, Marie?« rief ich voll Entzücken, »Ach die Tante
hatte mir gar zu bange gemacht!«
»Ich müßte mich in seinem Gesicht völlig irren, wenn es anders wäre,« sagte
Marie sinnend.
»Aber alle die Menschen hier, wie schrecklich habe ich mich vor denen
blamirt! Ich wage gar nicht aus meiner Ecke heraus zu kriechen,« seufzte
ich weiter.
»Auch damit ist es nicht so schlimm, als du denkst,« tröstete Marie. »Das
Schlimmste, was ich in deiner Umgebung vorhin hörte, war, daß man lachte
und dich für sehr jung erklärte, und sehr kindlich und unbefangen, und das
ist am Ende Alles zusammen kein großer Fehler. Uebrigens wird man jetzt
nach so langer Zeit die Geschichte vergessen haben; komm nur getrost wieder
an das Lampenlicht, denn länger dürfen wir hier jetzt nicht mehr stehen.
Sieh, da kommt Fräulein Meynfeld, sie ist stets sehr freundlich zu mir, und
ich habe sie noch nicht begrüßt. Adieu, auf Wiedersehn! Sei guten Muthes,
mein Rosenknöspchen, und mache kein solch armes Sündergesicht mehr!«
Dabei nickte mir Marie's blondes Köpfchen fröhlich zu, und bald sah ich
meinen blauen Himmel an der Seite Fräulein Meynfelds, eines ältlichen,
angenehmen Fräuleins, dahin schweben.
Zaghaft mischte ich mich wieder unter die übrigen Gäste, und setzte mich
still etwas seitwärts in einem Zimmer neben dem Salon nieder, in welchem
man eben anfing zu musiciren. Die Diener reichten Eis herum, was ich sehr
liebte, und so vertrieb ich mir die Zeit eine Weile recht gut ganz allein,
indem ich bald der Musik lauschte, bald mein Eis langsam auf der Zunge
schmelzen ließ, so daß es mein heißes Blut angenehm kühlte. Dabei
beobachtete ich meine Umgebung, ob ich nicht auch vielleicht etwas
bemerkte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstandes sein möchte, damit
ich doch nicht allein solch armer Sünder war. Aber nein, ringsum war alles
gehalten, ernst, anständig; man unterhielt sich wohl, aber wegen der Musik
nur leise, machte sich zierliche, wohlanständige Verbeugungen, und saß
und stand überall so gerade, so sittig und passend, daß ich mich seufzend
abwandte.
Da fiel mein Blick auf einen Herrn, der dicht neben mir stand. Er schien
mir nicht mehr ganz jung zu sein und sah auffallend ängstlich und befangen
aus; auch war er augenscheinlich ganz unbekannt in dem Kreise und verstand
so wenig, seine Schüchternheit zu verbergen, daß ich herzliche Sympathie
mit diesem Einsamen fühlte.
Die Musik schwieg endlich, die Gesellschaft schwirrte wieder lebhafter
durch einander, nur mein Fremdling verharrte in seiner Verlassenheit. Auch
ich blieb ruhig auf meinem Stuhle sitzen, denn ich war verstimmt und konnte
meiner Laune nicht Herr werden.
Endlich aber erhob ich mich, um meinen Teller fortzusetzen und sah dabei,
das auch mein Einsamer seinen Teller noch in der Hand hielt und sich
augenscheinlich dadurch in großer Verlegenheit befand, da er nicht wußte,
was damit anfangen.
»Ach,« dachte ich, »du armer Schelm bist doch noch ungelenker, als ich
kleiner Backfisch,« und da ich dicht an ihm vorbei gehen mußte, so griff
ich, ein freundliches Wort sprechend, auch nach dem Teller des Einsamen und
erlöste den Armen von seiner Verlegenheit.