Nicola: Sehr wohl, gnädiger Herr! [Er geht nach dem Stallhofe zu.]

Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht. Er

quält mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befördert

haben--über meinen Kopf hinweg, bitte!

Katharina: Gewiß. Er sollte auch gewiß befördert werden, wenn er

Raina heiratet. Überdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens

einen eingeborenen General zu bekommen.

Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde

richten könnte. Gib dir keine Mühe, es ist umsonst--er hat nicht die

geringste Aussicht auf Beförderung, bevor wir nicht ganz sicher sind,

daß der Friede dauernd sein wird.

Nicola [an der Tür anmeldend]: Major Sergius Saranoff. [Er geht in

das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl

heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurück.]

[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas

Schlafzimmer, ist ein großer, romantisch schöner Mann, von der

Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines

Häuptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persönliche

Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine

Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden

Stirnknochen und reichen bis in die Schläfen. Seine eifersüchtig

beobachtenden Augen, seine dünne spitze Nase--furchtsam trotz der

breiten Nasenflügel und des streitsüchtigen hohen Rückens--sein

energisches Kinn würden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und

sie beweisen, daß der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe

kritische Fähigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der

westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat.

Das Resultat ist ganz ähnlich demjenigen, welches das Aufkommen der

Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen ließ, nämlich

"Byronismus". Durch das Grübeln über die dauernde Erfolglosigkeit

nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen

nachzuleben--durch seine beharrliche zynische Verachtung der

Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert

seiner eigenen Entwürfe und die Unwürdigkeit der Welt, die sie

mißachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter

Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher

Enttäuschungen seiner nervösen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die

halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysteriöse

Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen

Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das,

wodurch Childe Harold die Großmütter seiner englischen Zeitgenossen

bezauberte. Es ist klar, daß dieser oder keiner Rainas Held sein muß.

Katharina ist für ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und

viel weniger zurückhaltend, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Als er durch

das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich überschwenglich, um ihn zu

begrüßen. Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu

machen.]

Petkoff: Schon hier, Sergius? Freut mich, dich wieder zu sehen.

Katharina: Mein teuerer Sergius! [Sie streckt ihm beide Hände

entgegen.]

Sergius [küßt diese mit skrupulöser Galanterie]: Verehrte

Mutter--wenn ich Sie so nennen darf?

Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius! Schwiegermutter! Nimm

Platz und bediene dich mit Kaffee.

Sergius: Danke schön, keinen Kaffee für mich. [Er entfernt sich vom

Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung über Petkoffs

Genuß am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewußter Würde gegen das

Geländer der Treppe, die zum Hause führt.]

Katharina: Sie sehen prächtig aus, vorzüglich! Der Feldzug ist Ihnen

gut bekommen. Hier ist alles ganz begeistert für Sie. Wir waren

alle außer uns vor Enthusiasmus über Ihre prachtvolle Kavallerieattacke.

Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines

militärischen Rufes, gnädige Frau!

Katharina: Wieso?

Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, während unsere

verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren.

Das warf ihre Pläne über den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit.

Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurückgeschlagen,

aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegführung. Zwei

Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militärischer Vorschrift

getötet. Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch

immer ein einfacher Major.

Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die

Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafür sorgen, daß Ihnen

Gerechtigkeit widerfährt.

Sergius: Es ist zu spät; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um

mein Abschiedsgesuch einzureichen.

Petkoff [läßt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch?

Katharina: Oh, Sie müssen es zurückziehen.

Sergius [mit entschiedener maßvoller Betonung, seine Arme kreuzend]:

Ich ziehe niemals zurück.

Petkoff [geärgert]: Nein, wer konnte denken, daß du dir so etwas

einfallen lassen würdest!

Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!--Doch genug von mir und

meinen Angelegenheiten! Wie geht es Raina und wo ist sie?

Raina [tritt plötzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf

der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina! [Sie sieht reizend aus,

und alle wenden sich nach ihr um. Sie trägt ein Unterkleid aus

blaßgrüner Seide, das mit einem goldgestickten dünnen ekrüfarbenen

Überwurf bedeckt ist. Auf dem Kopfe trägt sie eine hübsche

phrygische goldverbrämte Mütze.--Sergius geht ihr mit einem

Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die

er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, küßt.]

Petkoff [zu Katharina, strahlend vor väterlichem Stolz]: Schön ist

sie, nicht wahr? Sie erscheint immer im richtigen Augenblick.

Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine

abscheuliche Gewohnheit. [Sergius führt Raina nach vorne mit

außerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Königin wäre. Als sie

an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes

zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem

Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.]

Raina [beugt sich nieder und küßt ihren Vater]: Teurer Vater,

willkommen zu Hause!

Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling! [Er küßt sie,

sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola für Sergius gebracht hat,

und setzt sich.]

Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius?

Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat. "Soldat sein", gnädige

Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen,

wenn er die Übermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er

der Schwächere ist. Trachte, deinen Feind zu übervorteilen, und

niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen

Bedingungen--das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten,

was, Major?

Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann

gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein

Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft.

Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als

Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses

Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der

Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.

Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen

Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt.

Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist

Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge

seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]:

Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß

die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es

töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall.

Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu

schaffen gehabt?

Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf

auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen,

wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir

verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne

die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen.

Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?

Petkoff: Nein--alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle

Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin.

Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen,

beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert

verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal

eßbar.

Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten

Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.

Raina: Wie sah er aus?

Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage!

Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois

vom Scheitel bis zur Sohle.

Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die

sein Freund uns von ihm erzählte.--Wie er nach der Schlacht bei

Slivnitza entkommen ist--erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn

versteckt haben.

Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er

diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen

habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon,

unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu

entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer

irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die

junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses

verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig

ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr

Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war

gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit

einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet,

freundlichst entlassen.

Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht,

Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche

Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.]

Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius.

Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen

zu hören.

Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei?

Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina,

mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich

benommen--verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]:

Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig

und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina

wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten

paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden,

aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am

wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina--[Dabei wendet er sich zu den

anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu

lassen, als der Major ihn unterbricht.]

Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug

Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte

imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne

mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß

wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei

Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route

nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus

zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt

sich Katharina und greift ein.]

Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für

einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen.

Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den

Regimentern ins reine zu bringen.

Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich,

Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein

lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein

paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]:

Nun, mein Lieber,

[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische

Klingel an.

Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich

in das Haus.]

[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch

beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme

nach ihm aus.]

Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?

Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung

und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König!

Helden · 第 10 / 21 题