[Am 6. März 1886. In dem frischen hübschen Garten von Major Petkoffs
Haus an einem schönen Frühlingsmorgen. Hinter dem Zaun tauchen die
Spitzen von zwei Minaretts auf, die Wahrzeichen einer kleinen Stadt
im Tal. Ein paar Meilen davon entfernt erheben sich die Balkanberge
und umschließen die Landschaft. Wenn man vom Garten zu ihnen
hinüberblickt, liegt zur Linken die Seite des Hauses, aus der eine
kleine Tür mit Stufen davor in den Garten führt. Rechts schneidet
der Stallhof mit seinem Torweg in den Garten ein. Den Zaun und das
Haus entlang stehen Beerensträucher, die mit zum Trocknen
ausgespannter Wäsche behängt sind. Ein kleiner Weg führt an dem
Hause vorbei; er führt zwei Stufen empor an die Ecke und verliert
sich dann.--In der Mitte ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen aus
gebogenem Holz. Auf dem Tisch steht das Frühstück, eine türkische
Kaffeekanne, Kaffeetassen und Brötchen usw. Die Schalen wurden schon
gebraucht, und das Brot ist angebrochen.--An der Mauer zur Rechten
steht eine hölzerne Gartenbank.
Louka steht, eine Zigarette rauchend, zwischen Tisch und Haus und
kehrt mit zorniger Verachtung einem männlichen Dienstboten den Rücken,
der ihr eben eine Strafpredigt hält. Es ist ein Mann in den besten
Jahren, phlegmatisch und von niedriger, aber klarer und rascher
Intelligenz. Er hat die Selbstgefälligkeit eines Dieners, der seine
Dienste hoch einschätzt, und den unerschütterlichen Gleichmut eines
kalt berechnenden Menschen ohne Illusionen. Er trägt weiße
bulgarische Tracht, eine Jacke mit bunten Borten, weite Pumphosen,
Schärpe und verzierte Gamaschen. Sein Kopf ist bis an den Scheitel
glattrasiert, was ihm eine hohe japanische Stirne gibt. Sein Name
ist Nicola.]
Nicola: Laß dich rechtzeitig warnen, Louka, ändere dein Benehmen.
Ich kenne unsere Gnädige. Sie ist zu selbstbewußt, um sich jemals
träumen zu lassen, daß eine Dienerin es wagen könnte, ihr gegenüber
respektlos zu sein. Aber laß sie nur einmal bemerken, daß du ihr
Trotz bietest, und du fliegst hinaus.
Louka: Ich trotze ihr doch; ich will ihr trotzen--was liegt mir daran?
Nicola: Wenn du mit der Herrschaft Streit bekommst, kann ich dich
niemals heiraten; es ist genau so, als ob du dich mit mir nicht
vertragen würdest.
Louka: Du nimmst also ihre Partei gegen mich?
Nicola [gelassen]: Ich werde immer von der Gnade unserer Herrschaft
abhängig sein. Wenn ich den Dienst verlasse, um einen Laden in Sofia
aufzumachen, dann wird ihre Kundschaft mein halbes Kapital bedeuten.
Ein böses Wort von ihnen könnte mich zugrunde richten.
Louka: Du hast eben keine Kurage! Ich möchte sehen, ob sie sich
unterstehen würden, über mich ein böses Wort zu sagen!
Nicola [mitleidig]: Ich hätte dich für gescheiter gehalten, Louka,
aber du bist eben jung--noch sehr jung.
Louka: Gewiß. Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr?
Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse,
von denen sie nicht wünschen würden, daß ich sie ausplaudere. Sie
sollen es nur wagen, mit mir anzubinden!
Nicola [mitleidig und überlegen]: Weißt du, was sie täten, wenn sie
dich so sprechen hörten?
Louka: Was könnten sie tun?
Nicola: Dich wegen Lügenhaftigkeit entlassen. Wer würde dir dann
jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung
verschaffen? Wer in diesem Hause würde es wagen, auch nur wieder mit
dir zu sprechen? Und wie lange würde dein Vater auf seinem kleinen
Bauernhof belassen werden?! [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer
Zigarette fort und tritt darauf]: Du großes Kind! Du weißt eben
nicht, was für eine Macht so hohe Herrschaften über unsereins haben,
sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen. [Er
tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an! Seit
zehn Jahren diene ich in diesem Hause--glaubst du, daß ich da keine
Geheimnisse weiß? Ich weiß Dinge von unserer Frau! Nicht um tausend
Leu würde sie wollen, daß ihr Mann sie erführe! Und ich weiß Dinge
von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen würde,
wenn ich sie ausplaudern wollte. Ich weiß Dinge von Fräulein Raina!
Die Auflösung der Verlobung mit Sergius wäre die Folge, wenn--
Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weißt du denn das? Ich habe
dir doch nie etwas gesagt?
Nicola [reißt die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines
Geheimnis! Ich dachte gleich, es könnte so was sein. Nun, befolge
meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und laß die Gnädige fühlen, daß,
ganz gleich, was du weißt oder nicht weißt, sie sich darauf verlassen
kann, daß du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben
wirst. Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du
am meisten von ihnen herauskriegen.
Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola!
Nicola [vergnügt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im
Dienste. [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das
hölzerne Tor wird vom Hofe her gehört.]
Männliche Stimme [von außen]: Hallo! Heda! Nicola!
Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurück!
Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorüber! Mach, daß
du fortkommst, und bring frischen Kaffee! [Er läuft hinaus auf den
Stallhof.]
Louka [während sie Kaffeekanne und Tassen zusammenräumt und auf dem
Servierbrett in das Haus hineinträgt]: Du wirst aus mir niemals eine
Bedientenseele machen! [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her,
Nicola folgt ihm. Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer,
unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Von
Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit
in der Lokalgesellscbaft bekümmert, ist er jetzt doch äußerst
zufrieden mit dem militärischen Rang, der ihm während des Krieges als
einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingeräumt wurde. Das Fieber
eines tollkühnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen
Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er
ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.]
Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier draußen das
Frühstück?
Nicola: Jawohl, gnädiger Herr. Die gnädige Frau und Fräulein Raina
sind soeben ins Haus gegangen.
Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brötchen]: Geh hinein und sage, daß
ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee.
Nicola: Ist schon bestellt, gnädiger Herr. [Er wendet sich gegen die
Haustür, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und
einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gnädige
Frau verständigt?
Louka: Ja, die Gnädige kommt gleich. [Nicola geht in das Haus hinein.
Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.]
Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben?
Louka: Nein, gnädiger Herr.
Petkoff: Das ist recht. Hast du mir Kognak gebracht?
Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gnädiger Herr.
Petkoff: So ist's recht. [Er gießt ein paar Tropfen Kognak in seinen
Kaffee. Katharina, die zu der frühen Stunde nur eine sehr flüchtige
Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause. Sie trägt eine
bulgarische Schürze über einem ehemals prächtigen, aber jetzt halb
abgetragenen roten Schlafrock. Ein farbiges Kopftuch ist um ihr
dickes schwarzes Haar gewunden. Sie hat türkische Pantoffeln an den
bloßen Füßen. Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hübsch und
stattlich aus. Louka geht in das Haus zurück.]
Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine Überraschung für uns!
[Sie beugt sich über die Lehne seines Stuhls, um ihn zu küssen]:
Hast du schon frischen Kaffee bekommen?
Petkoff: Ja, Louka hat schon für mich gesorgt.--Der Krieg ist aus,
der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und
der Abrüstungsbefehl für unsere Armee ist gestern ausgegeben worden.
Katharina [springt auf, mit sprühenden Augen]: Der Krieg zu Ende!
Paul, haben euch die Österreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu
schließen?
Petkoff [unterwürfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt,
was konnte ich tun? [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]:
Aber natürlich haben wir dafür gesorgt, daß der Vertrag ein
ehrenhafter sei, er sichert den Frieden.
Katharina [beleidigt]: Frieden!
Petkoff [sie besänftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen
Beziehungen, merke wohl. Sie wollten das hineinsetzen, aber ich
bestand darauf, daß es gestrichen würde--was hätte ich noch mehr tun
können?
Katharina: Du hättest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander
zum Kaiser des Balkans machen können; das hätte ich getan!
Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste. Aber ich hätte zuvor das
ganze österreichische Kaiserreich unterwerfen müssen, und das hätte
mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt.
Katharina [freundlich]: Ah! [Sie streckt ihren Arm liebevoll über
den Tisch, um seine Hand zu drücken.]
Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste?
Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut.
Petkoff [mit Überzeugung]: Das kommt davon, daß du dir täglich den
Hals wäschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt.
Katharina: Das ist Unsinn, Paul.
Petkoff [über seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen,
daß man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige
Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatürlich. In Philippopel
war ein Engländer, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach
dem Aufstehen über und über mit kaltem Wasser zu begießen. Ekelhaft!
Der Unfug kommt überhaupt von den Engländern. Ihr Klima macht sie
so schmutzig, daß sie sich in einem fort waschen müssen. Schau doch
meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist
dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesündeste Mann
Bulgariens. Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche
ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genüge zu tun--aber jeden
Tag, das heißt doch, die Sache in lächerlicher Weise übertreiben.
Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul.
Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut
benommen.
Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafür gesorgt, daß
sie erfuhren, daß wir eine Bibliothek haben!
Katharina: Ah--aber daß wir auch eine elektrische Klingel darin haben,
das wissen sie nicht! Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen
lassen.
Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel?
Katharina: Du berührst einen Knopf, es klingelt in der Küche, und
dann kommt Nicola herein.
Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien!
Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten;
ich habe das gelernt, während du fort warst.
Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe.
Zivilisierte Leute hängen ihre Wäsche nicht so zum Trocknen auf, daß
jeder Besucher sie sehen kann. Es wäre deshalb besser, du würdest
all das Zeug [er zeigt auf die Wäsche an den Büschen,] irgendwo
anders hinhängen.
Katharina: Aber das ist doch lächerlich, Paul; ich kann mir nicht
denken, daß wirklich feine Leute solche Dinge überhaupt bemerken.
[Man hört jemanden an das Hoftor klopfen.]
Petkoff: Das ist Sergius. [Ruft]: Holla! Nicola!
Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul. Das ist wirklich nicht
fein!
Petkoff: Unsinn. [Er ruft lauter als vorher:] Nicola!
Nicola [erscheint vor der Haustür]: Zu Befehl, gnädiger Herr.
Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, führe ihn hierher. [Er spricht
den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".]