Louka [nachlässig]: Gute Nacht. [Sie stolziert ab.]

Raina [allein gelassen, gebt nach der Kommode und betet das darauf

befindliche Bild mit Empfindungen an, die über jeden Ausdruck sind.

Sie küßt es weder, noch preßt sie es ans Herz, noch gibt sie ihm

irgendein Zeichen von körperlicher Zärtlichkeit, aber sie nimmt es in

die Hände und hebt es empor, wie eine Priesterin.--Das Bild

betrachtend]: Oh, ich werde mich nie mehr deiner unwert zeigen. Held

meiner Seele--nie, nie, nie! [Sie setzt das Bild ehrfürchtig zurück,

dann wählt sie einen Roman aus dem kleinen Bücherstoß. Verträumt

blättert sie darin, findet, wo sie stehen geblieben ist, biegt das

Buch an dieser Stelle nach außen zusammen, und mit einem glücklichen

Seufzer sinkt sie auf das Bett, um sich in den Schlaf zu lesen.

Bevor sie sich jedoch ihrem Roman überläßt, blickt sie noch einmal

auf, gedenkt der seligen Wirklichkeit und murmelt]: Mein Held! mein

Held! [Ein entfernter Schuß durchbricht draußen die Stille der Nacht.

Sie fährt horchend auf,--da fallen noch zwei Schüsse aus viel

größerer Nähe. Sie erschrickt, stürzt aus dem Bett und bläst die

Kerze auf der Kommode rasch aus. Dann läuft sie, mit den Händen an

den Ohren, zum Toilettetisch, bläst die Kerze auch dort aus und eilt

im Dunkeln in ihr Bett zurück, man unterscheidet nichts mehr in der

Stube als einen Lichtschimmer aus der durchbrochenen Metallkugel vor

dem Christusbilde und das Sternenlicht, das durch die Spalten der

Fensterläden glänzt. Abermals fallen Schüsse, ein fürchterliches

Gewehrfeuer ist ganz nahe. Während man noch das Echo der Salve hört,

werden die Fensterläden von außen aufgestoßen, für einen Augenblick

flutet in einem Rechteck das schneeige Sternenlicht plötzlich herein,

von dem sich die dunkle Silhouette einer männlichen Gestalt abhebt.

Dann schließen sich die Läden wieder, und das Zimmer liegt abermals

im Dunkeln. Aber jetzt wird das Schweigen durch ein keuchendes

Atemholen unterbrochen, dann hört man ein Kratzen, und die Flamme

eines Streichholzes wird in der Mitte des Zimmers sichtbar.]

Raina [aufs Bett gekauert]: Wer ist da? [Das Streichholz verlischt

sofort wieder.] Wer ist da--wer ist da?

[Eines Mannes Stimme gedämpft aber drohend]: Scht! Schreien Sie

nicht, sonst schieße ich! Bleiben Sie ruhig, und es wird Ihnen

nichts geschehen. [Man hört, wie sie ihr Bett verläßt und nach der

Tür tastet.] Nehmen Sie sich in acht, es hilft Ihnen nichts, wenn Sie

davonlaufen wollen. Merken Sie sich, sobald Sie Ihre Stimme erheben,

wird mein Revolver losgehen. [Befehlend:] Machen Sie Licht und

lassen Sie sich sehen! Hören Sie! [Noch ein Augenblick der Stille

und Dunkelheit, während Raina an den Toilettetisch zurücktritt. Dann

zündet sie die Kerze an, und das Rätsel löst sich.--Ein Mann von

ungefähr fünfunddreißig Jahren, in bejammernswürdigem Zustande, mit

Kot, Blut und Schnee bespritzt, steht vor ihr. Sein Degengehänge und

der Riemen seiner Revolvertasche halten die Fetzen des blauen

Waffenrocks eines serbischen Artillerieoffiziers zusammen. Alles was

man beim Kerzenlichte aus dem ungewaschenen, verwahrlosten Aussehen

des Mannes halbwegs erkennen kann, ist, daß er mittelgroß, von nicht

sehr vornehmem Aussehen, breitschultrig und starkknochig ist. Sein

rundlicher, eigensinnig aussehender Kopf ist mit kurzen braunen

Locken bedeckt. Er hat klare, bewegliche, blaue Augen, gutmütige

Brauen und einen freundlichen Mund, eine hoffnungslos prosaische Nase

wie die eines besonders aufgeweckten Babys, aufrechte soldatische

Haltung und eine energische Art; er besitzt volle Geistesgegenwart

trotz seiner verzweifelten Lage, die er sogar mit einem Anflug von

Humor betrachtet, ohne jedoch im geringsten damit spielen zu wollen

oder eine Rettungsmöglichkeit außer Acht zu lasten.--Er überlegt, was

er von Raina zu erwarten haben mag, schätzt ihr Alter, ihre

gesellschaftliche Stellung ab, ihren Charakter, den Grad ihrer Furcht,

alles mit einem Blick, und fährt höflicher, aber immer äußerst

entschlossen fort]: Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, aber Sie

erkennen wahrscheinlich meine Uniform, ich bin Serbe! Wenn ich

gefangen werde, wird man mich töten. [Drohend]: Begreifen Sie das?

Raina: Ja.

Der Flüchtling: Nun, ich habe keine Lust zu sterben, solange ich es

verhindern kann. [Noch fürchterlicher]: Begreifen Sie das? [Er

verschließt die Tür mit einem kurzen Schnappen des Schlosses.]

Raina [verachtungsvoll]: Es scheint, Sie haben keine. [Sie richtet

sich stolz auf und blickt ihm gerade ins Gesicht, während sie mit

scharfer Betonung spricht]: Es gibt Soldaten, die den Tod fürchten,

das weiß ich.

Der Flüchtling [mit Galgenhumor]: Alle fürchten ihn, verehrte Dame,

alle, glauben Sie mir. Es ist unsere Pflicht, so lange zu leben, wie

wir nur können, und wenn Sie Lärm schlagen-Raina [ihn unterbrechend]:

Dann werden Sie mich erschießen! Aber woher wissen Sie, daß ich den

Tod fürchte?

Der Flüchtling [schlau]: Und wenn ich Sie nicht erschieße, was wird

dann geschehen? Eine Rotte Ihrer Kavallerie--das elendeste Gesindel

Ihrer Armee--wird in dieses Ihr hübsches Zimmer einbrechen und mich

wie ein Schwein abschlachten. Denn ich werde mich wehren und fechten

wie ein Teufel. Sie sollen mich nicht auf die Straße bekommen und

sich an mir belustigen; ich weiß, wozu sie imstande sind. Sind Sie

bereit, in Ihrer augenblicklichen Verfassung, in dieser Toilette,

eine solche Gesellschaft zu empfangen?

[Raina besinnt sich in dem Moment auf ihr Nachtgewand, schreckt

instinktiv zusammen und zieht es enger um den Leib. Er beobachtet

sie und fügt ohne Erbarmen hinzu]: Kaum präsentabel, was? [Sie geht

nach der Ottomane, er richtet augenblicklich seine Pistole auf sie

und ruft]: Halt! [Sie bleibt stehen.] Wohin wollen Sie? Raina [mit

würdevoller Geduld]: Ich will nur meinen Mantel holen. Der

Flüchtling [geht rasch nach der Ottomane und reißt den Pelz an sich]:

Ein guter Gedanke. Nein, den Mantel behalte ich; dann werden Sie

dafür sorgen, daß niemand hier eindringt und Sie so sieht. Das ist

eine bessere Waffe als mein Revolver. [Er wirft den Revolver auf die

Ottomane.]

Raina [empört]: Es ist nicht die Waffe eines Gentleman!

Der Flüchtling: Gut genug für einen Mann, wenn zwischen ihm und dem

Tod nur Sie stehen. [Während sie einander nun einen Augenblick stumm

betrachten, in welchem Raina kaum zu glauben vermag, daß selbst ein

serbischer Offizier so zynisch und selbstsüchtig und unritterlich

sein könne, werden sie durch ein scharfes Gewehrfeuer in der Straße

aufgeschreckt. Furchtbare Todesangst läßt den Flüchtling seine

Stimme dämpfen, als er hinzufügt]: Hören Sie? Wenn Sie diese

Halunken schon hereinlassen und auf mich hetzen wollen, so werden Sie

sie wenigstens empfangen, so wie Sie da sind. [Raina begegnet seinen

Blicken mit unerschrockener Verachtung. Plötzlich fährt er horchend

auf; man hört Schritte von außen, jemand drückt auf die Klinke und

klopft dann hastig und dringend. Raina sieht den Flüchtling atemlos

an, er wirft entschlossen den Kopf zurück, mit der Bewegung eines

Menschen, der nun weiß, daß er verloren ist, und indem er sein

Benehmen, das Raina einschüchtern sollte, aufgibt, wirft er ihr den

Mantel zu und ruft aufrichtig und artig]: Es ist umsonst, ich bin

verloren! Schnell, hüllen Sie sich in den Mantel, sie kommen!

Raina [fängt den Mantel hastig auf]: Oh--ich danke! [Sie wirft den

Mantel sehr erleichtert um, er zieht seinen Degen und wendet sich

nach der Tür und wartet.]

Louka [von außen klopfend]: Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein!

Stehen Sie schnell auf und öffnen Sie die Tür!

Raina [ängstlich]: Was wollen Sie tun?

Der Flüchtling [grimmig]: Das ist jetzt einerlei, gehen Sie nur aus

dem Weg, es wird nicht lange dauern.

Raina [impulsiv]: Ich will Ihnen helfen! Verstecken Sie sich, oh,

verstecken Sie sich, schnell hinter diesen Vorhang. [Sie faßt ihn

bei einem zerrissenen Zipfel seines Ärmels und zieht ihn nach dem

Fenster.]

Der Flüchtling [ihr nachgehend]: Es ist noch ein Funken Hoffnung

vorhanden, wenn Sie Ihre Geistesgegenwart bewahren. Merken Sie sich:

von zehn Soldaten sind neun geborene Dummköpfe. [Er versteckt sich

hinter dem Vorhang, sieht aber noch einmal heraus und sagt:] Wenn sie

mich dennoch finden, so verspreche ich Ihnen einen Teufelskampf. [Er

verschwindet. Raina nimmt den Mantel ab und wirft ihn an das Fußende

des Bettes, dann öffnet sie mit schläfrigem, verstörtem Wesen die Tür.

Louka tritt aufgeregt ein.]

Louka. Ein Mann wurde gesehen, wie er die Dachrinne zu Ihrem Balkon

hinaufgeklettert ist, ein Serbe. Die Soldaten wollen ihm nachsetzen

und sind so wild und betrunken und wütend. Die Gnädige läßt sagen,

Sie möchten sich sofort ankleiden.

Raina [scheinbar ärgerlich, daß sie gestört wird]: Hier lasse ich sie

nicht suchen. Warum hat man sie eingelassen?!

Katharina [hastig hereinstürzend]: Raina, mein Liebling, dir ist doch

nichts passiert? Hast du irgend etwas gesehen oder gehört?

Raina: Ich hörte nur schießen; aber ich hoffe, die Soldaten werden es

nicht wagen, hier in mein Schlafzimmer einzudringen!

Katharina: An ihrer Spitze ist ein russischer Offizier--dem Himmel

sei Dank. Er kennt Sergius. [Spricht durch die Tür zu jemand, der

draußen steht:] Bitte treten Sie ein, Herr Leutnant; meine Tochter

ist bereit, Sie zu empfangen. [Ein junger russischer Offizier in

bulgarischer Uniform tritt ein, den Säbel in der Faust.]

Russischer Offizier [mit sanfter geschmeidiger Höflichkeit und

steifer militärischer Haltung]: Guten Abend, gnädiges Fräulein. Ich

bedaure, hier eindringen zu müssen, aber ein Flüchtling ist auf Ihrem

Balkon versteckt. Wollen Sie und Ihre gnädige Frau Mutter so gut

sein und sich zurückziehen, während wir ihn suchen?

Raina [ungeduldig]: Unsinn! Sie sehen von hier aus, daß niemand auf

dem Balkon sein kann. [Sie stößt die Läden weit auf, steht mit dem

Rücken gegen den Vorhang, hinter dem der Flüchtling versteckt ist und

zeigt auf den vom Mond beschienenen Balkon. Zwei Schüsse fallen

direkt unter dem Fenster, und eine Kugel zertrümmert das Fensterglas

gegenüber von Raina, sie schließt einen Moment die Augen und atmet

schwer, aber hält sich tapfer, während Katharina aufschreit und der

Offizier mit dem Ausruf "Geben Sie Acht" auf den Balkon hinausstürzt.]

Russischer Offizier [auf dem Balkon, schreit wütend in die Straße

hinunter]: Hört auf, hier herein zu schießen, ihr Dummköpfe,

verstanden! Hört auf zu feuern, verfluchte Kerle! [Er starrt einen

Augenblick hinunter, dann wendet er sich zu Raina und versucht, seine

höfliche Stellung von vorhin wieder einzunehmen.] Konnte jemand ohne

Ihr Wissen hier eindringen? Schliefen Sie?

Raina: Nein, ich war noch nicht zu Bett.

Russischer Offizier [tritt ungeduldig in das Zimmer zurück]: Ihre

Nachbarn haben die Köpfe so voll mit davongelaufenen Serben, daß sie

überall welche sehen. [Höflich]: Gnädiges Fräulein, ich bitte

tausendmal um Verzeihung. Gute Nacht. [Verneigt sich militärisch.

Raina erwidert den Gruß kalt, er verneigt sich vor Katharina, die ihn

hinausbegleitet. Raina schließt die Läden. Sie wendet sich um und

bemerkt Louka, die diese Szene neugierig beobachtet hat.]

Raina: Lassen Sie meine Mutter nicht allein, Louka, während die

Soldaten da sind. [Louka blickt auf Raina, auf die Ottomane, auf den

Vorhang, dann spitzt sie die Lippen diskret, lacht in sich hinein und

geht hinaus. Raina, durch dieses Mienenspiel sehr beleidigt, folgt

ihr bis an die Tür und schlägt sie hinter ihr zu, sie geräuschvoll

verriegelnd. Der Flüchtling tritt sofort hinter dem Vorhang hervor,

steckt seinen Säbel ein und schüttelt in gleichsam geschäftlicher

Weise die Gefahr von sich ab.]

Der Flüchtling: Um ein Haar,,, doch um ein Haar ist auch gefehlt.

Verehrtes Fräulein, Ihr Sklave bis in den Tod! Ich wünschte jetzt

Ihretwegen, ich wäre in die bulgarische Armee statt in die serbische

eingetreten. Ich bin kein Serbe von Geburt.

Raina [hochmütig]: Nein, Sie sind einer von jenen Österreichern, die

die Serben zum Raub unserer nationalen Freiheit verleiten und die

serbische Armee mit Offizieren versehen. Wir hassen sie.

Der Flüchtling: Österreicher? O nein! Ich bin keiner. Hassen Sie

mich also nicht. Ich bin Schweizer, gnädiges Fräulein, und kämpfe

bloß als Berufssoldat; ich ging zu den Serben, weil sie auf dem Wege

aus der Schweiz mir zunächst waren. Seien Sie großmütig. Ihre

Landsleute haben uns ohnedies aufs Haupt geschlagen.

Raina: War ich vielleicht nicht großmütig?

Der Flüchtling: Edel, heldenhaft! Doch ich bin noch nicht gerettet.

Der schlimmste Ansturm ist bald vorüber, aber die Verfolgung wird mit

Unterbrechungen die ganze Nacht hindurch fortgesetzt werden; ich muß

trachten, mich in einem günstigen Augenblick aus dem Staube zu machen.

Sie sind doch nicht böse, wenn ich hier noch ein bis zwei Minuten

warte?

Raina: O nein, ich bedaure nur, daß Sie sich abermals in Gefahr

begeben müssen. [Auf die Ottomane weisend:] Bitte, setzen Sie sich!

[Sie hält mit einem nicht zu unterdrückenden Angstschrei inne, als

sie die Pistole auf der Ottomane erblickt.]

Der Flüchtling [übernervös, fährt zurück wie ein scheuendes Pferd.

Erregt]: Mich so zu erschrecken! Was ist denn los?

Raina: Ihre Pistole. Der Offizier hat sie die ganze Zeit vor Augen

gehabt! Ihre Rettung ist ein Wunder!

Der Flüchtling [ärgerlich, so unnötigerweise geängstigt worden zu

sein]: Ach, weiter nichts?!

Raina [blickt ihn hochmütig an und fühlt sich desto wohler, je mehr

ihre gute Meinung von ihm abnimmt]: Ich bedaure, Sie geängstigt zu

haben. [Sie nimmt die Pistole und reicht sie ihm]: Bitte, nehmen Sie,

zum Schutze gegen mich.

Der Flüchtling [lächelt müde über diesen Sarkasmus, während er die

Pistole nimmt]: Sie nützt mir nichts, sie ist nicht geladen. [Er

grinst die Pistole höhnisch an und schiebt sie verachtungsvoll in

seine Revolvertasche.]

Raina: So laden Sie sie meinetwegen!

Der Flüchtling: Ich habe keine Munition. Was nützen einem in der

Schlacht Patronen? Ich führe statt dessen immer Schokolade mit und

habe schon vor Stunden mein letztes Stück verzehrt.

Raina [in ihren heiligsten Vorstellungen von Männlichkeit verletzt]:

Schokolade? Sie stopfen Ihre Taschen mit Süßigkeiten voll wie ein

Schuljunge, selbst auf dem Schlachtfeld?

Der Flüchtling [hungrig]: Ich wollte, ich hätte jetzt welche. [Raina

starrt ihn an, unfähig ihre Gefühle zu äußern; dann läuft sie zu der

Kommode und eilt, die Bonbonniere in den Händen, mit spöttischer

Miene zurück.]

Raina: Erlauben Sie. Ich bedaure, alles aufgegessen zu haben bis auf

diese Pralinébonbons. [Sie bietet ihm die Schachtel an.]

Der Flüchtling [heißhungrig]: Sie sind ein Engel. [Er verschlingt

die Süßigkeiten]: Pralinés--köstlich! [Er überzeugt sich ängstlich,

ob noch mehr davon da sind; es waren die letzten.]

[Er fügt sich mit pathetischem Humor in das Unvermeidliche und sagt

mit dankbarer Rührung]: Gott segne Sie, teuerstes Fräulein.--Sie

können einen alten Soldaten immer an dem Inhalt seiner Sattel- und

Patronentaschen beurteilen. Die jungen führen Pistolen und Patronen

mit, die alten--Futter. Ich danke Ihnen. [Er gibt ihr die Schachtel

zurück, sie reißt sie ihm verachtungsvoll aus der Hand und wirft sie

fort. Er schrickt wieder zusammen, als wenn sie ihn hätte schlagen

wollen.] Hu! Ich beschwöre Sie, machen Sie nicht alles so heftig und

plötzlich, gnädiges Fräulein; es ist nicht schön, sich jetzt dafür zu

rächen, daß ich Sie vorhin erschreckt habe.

Raina [stolz]: Mich erschreckt! Wissen Sie, daß mein Herz, obwohl

ich nur ein Mädchen bin, mindestens ebenso mutig schlägt wie das

Ihre!?

Der Flüchtling: Das will ich meinen. Sie haben auch nicht drei

Tage lang im Feuer gestanden wie ich. Zwei Tage kann ich das

aushalten, ohne daß es mir viel ausmacht, aber kein Mensch hält es

drei Tage lang aus. Ich bin jetzt so nervös wie eine Maus. [Er

setzt sich auf die Ottomane und stützt den Kopf in die Hand.] Möchten

Sie mich weinen sehen?

Raina [bestürzt]: Nein!

Der Flüchtling: Wenn Sie das wollen, brauchen Sie mich nur

auszuschelten als ob ich ein kleiner Bub wäre und Sie das

Kindermädchen. Wenn ich jetzt im Lager wäre, würde man allerhand

Spaß mit mir treiben.

Raina [ein wenig gerührt]: Sie tun mir leid, ich werde Sie nicht

ausschelten. [Von dem Mitgefühl in ihrer Stimme ergriffen, hebt er

den Kopf und blickt dankbar zu ihr auf. Sie wendet sich sofort von

ihm weg und sagt steif:] Sie müssen mich entschuldigen, UNSERE

Soldaten sind eben ganz anders. [Sie geht von der Ottomane fort.]

Der Flüchtling: O nein, ganz ebenso! Es gibt überhaupt nur zweierlei

Arten Soldaten; junge und alte. Ich diene seit vierzehn Jahren; die

Hälfte von Ihren Leuten hatte bisher noch kein Pulver gerochen!

Nun, wie kommt es, daß sie uns eben geschlagen haben? Nur infolge

gänzlicher Unkenntnis der Kriegskunst, durch nichts weiter.

[Verachtungsvoll:] Ich habe nie einen größeren Mangel an

Berufskenntnis gesehen!

Raina [ironisch]: Oh, war es Mangel an Berufskenntnis, Sie zu

schlagen?

Der Flüchtling: So hören Sie! Halten Sie es für militärisch, ein

Kavallerieregiment einer Schnellfeuerbatterie entgegenzuwerfen mit

der Gewißheit, daß, falls die Kanonen losgehen, weder Pferd noch Mann

jemals der Batterie auf fünfzig Meter nahe kommen? Ich traute meinen

Augen kaum, als ich den Blödsinn sah.

Raina [wendet sich freudig zu ihm, erregt, weil ihr Enthusiasmus und

ihre Ruhmesträume sie wieder überkommen]: Haben Sie die große

Kavallerieattacke gesehen? Oh, erzählen Sie mir davon, beschreiben

Sie sie mir.

Der Flüchtling: Sie haben noch niemals eine Kavallerieattacke gesehen,

nicht wahr?

Raina: Wie sollte ich!

Der Flüchtling: Natürlich, woher auch! Na, es ist ein spaßhafter

Anblick. Gerade, als ob man eine Handvoll Erbsen gegen eine

Fensterscheibe schleuderte. Erst kommt einer, dann zwei oder drei

dicht hinterher, und dann in einer Reihe die ganze Rotte.

Raina [mit weiten Augen, erbebt sich, während sie die Hände

begeistert zusammenschlägt]: Ja, zuerst ein einziger, der Tapferste

der Tapferen!

Der Flüchtling [prosaisch]: Na, Sie sollten sehen, wie der arme

Teufel versucht sein Pferd zurückzuhalten.

Raina: Warum sollte er sein Pferd zurückhalten?

Der Flüchtling [ungeduldig über die dumme Frage]: Na, weil es doch

mit ihm durchgeht, natürlich. Glauben Sie, daß der Bursche Lust hat,

als Erster anzukommen, um so vor allen andern getötet zu werden?

Dann kommen die übrigen heran. Alle. Sie können die Jungen an ihrer

Wildheit und Schneidigkeit erkennen, die Alten kommen in

geschlossenen Haufen daher, sie wissen, daß sie nur Kanonenfutter

sind und daß es keinen Zweck hat, einen Kampf zu versuchen. Die

meisten Wunden sind gebrochene Kniescheiben infolge des

Zusammenprallens der Pferde.

Raina: Schrecklich! Aber ich glaube nicht, daß der erste Reiter ein

Feigling ist--ich glaube, er ist ein Held.

Der Flüchtling [gutmütig]: Das würden Sie auch gesagt haben, wenn Sie

HEUTE den ersten Reiter bei der Attacke gesehen hätten!!

Raina [atemlos, ihm alles verzeihend]: Ah, ich wußte es! Erzählen

Sie, erzählen Sie mir von ihm!

Der Flüchtling: Er benahm sich wie ein Operettentenor--ein

wohlgebauter, hübscher Bursche mit sprühenden Augen und prachtvollem

Schnurrbart, der sein Hurra brüllte und angriff wie Don Quijote die

Windmühlen. Wir haben uns über ihn halbtot gelacht! Als aber der

Feldwebel gelaufen kam, bleich wie der Tod, und uns sagte, daß wir

aus Versehen die falschen Patronen bekommen hätten und daß wir für

die nächsten zehn Minuten keinen Schuß abgeben könnten, da ist uns

das Lachen vergangen! Mir war nie so schlecht in meinem ganzen Leben,

obwohl ich schon in mancher bösen Lage gewesen bin. Ich hatte nicht

einmal eine Revolverpatrone, nichts als Schokolade, nicht einmal

Bajonette hatten wir--nichts. Natürlich haben sie uns in Stücke

gehauen, und da kam dieser Don Quijote wie ein Tambourmajor

herangestürmt und glaubte, das Klügste von der Welt getan zu haben,

statt dessen verdiente er, dafür vor das Kriegsgericht gestellt zu

werden. Von allen Narren, die jemals auf einem Schlachtfelde

losgelassen worden sind, muß das der schlimmste sein! Er und sein

Regiment begingen einfach einen Selbstmord, nur ging die Pistole

nicht los, das war alles.

Raina [aufs tiefste verletzt, doch standhaft ihren Idealen treu]:

Wahrhaftig! Würden Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn sähen?

Der Flüchtling: Werde ich ihn je vergessen können! [Sie geht wieder

zur Kommode, er beobachtet sie mit schüchternen Hoffnungen, daß sie

vielleicht noch etwas für ihn zu essen habe. Sie nimmt das Bild von

der Kommode und bringt es ihm.]

Raina: Das ist die Photographie jenes Reiters--des Patrioten und

Helden, dem ich verlobt bin.

Der Flüchtling [das Bild mit Entsetzen erkennend]: Es tut mir

wirklich sehr leid,,, [Sieht sie an.] War das recht, mich so aufs

Glatteis zu führen? [Blickt wieder auf das Bild.] Ja, das ist er

ohne Zweifel. [Er unterdrückt ein Lachen.]

Raina [rasch]: Warum lachen Sie?

Der Flüchtling [beschämt, aber immer noch sehr belustigt]: Ich

versichere Ihnen--ich habe nicht gelacht--, zumindest hatte ich nicht

die Absicht. Aber wenn ich an ihn denke, wie er die Windmühlen

stürmte und dabei glaubte, die schönste Tat von der Welt zu

vollbringen! [Er schüttelt sich vor unterdrücktem Lachen.]

Raina [strenge]: Geben Sie mir das Bild zurück!

Der Flüchtling [mit aufrichtiger Reue]: Hier, bitte. Verzeihen Sie!

Es tut mir wirklich furchtbar leid. [Sie küßt das Bild bedachtsam

und sieht dem Flüchtling gerade ins Gesicht, bevor sie es auf die

Kommode zurückstellt. Er folgt ihr, sich entschuldigend]: Wissen Sie,

ich tu' ihm vielleicht sehr unrecht, sogar ganz gewiß. Höchstwahrscheinlich

hat er von der Munitionsgeschichte irgendwo Wind bekommen und wußte,

daß es eine gefahrlose Sache war.

Raina: Das soll heißen, daß er ein Aufschneider und ein Feigling ist.

Vorhin haben Sie das wenigstens nicht zu sagen gewagt.

Der Flüchtling [mit einer komiscben Verzweiflungsgeste]: Ich bemühe

mich umsonst, verehrtes Fräulein, es gelingt mir nicht, Ihnen die

Sache vom berufsmäßigen Standpunkt aus zu zeigen. [Als er sich

umwendet, um zur Ottomane zu geben, wird neuerdings aus der Ferne

Gewehrfeuer vernehmbar]:

Raina [strenge, als sie bemerkt, wie er auf die Schüsse horcht]:

Desto besser für Sie.

Der Flüchtling [sich umwendend]: Wie meinen Sie das?

Raina: Sie sind mein Feind und in meiner Gewalt--was würde ich zu tun

haben vom berufsmäßigen Standpunkt aus?

Der Flüchtling: Ah, das ist wahr! Verehrtes Fräulein, Sie haben

immer recht. Ich weiß, was Sie für mich getan haben und was ich

Ihnen verdanke. Bis zu meiner letzten Stunde werde ich der drei

Pralinés gedenken. Es war unmilitärisch, aber wie engelsgut von

Ihnen!

Raina [kalt]: Ich danke Ihnen, aber nun will ich mich militärisch

benehmen. Sie können nicht hierbleiben, nach dem, was Sie über

meinen zukünftigen Gatten gesagt haben, aber ich will auf den Balkon

gehen und nachsehen, ob Sie jetzt vollkommen gefahrlos auf die Straße

hinunterklettern können. [Sie geht an das Fenster.]

Der Flüchtling [seine Miene verändert sich]: Diese Wasserrinne

hinunter? Halten Sie ein, das kann ich nicht, das mag ich nicht!

--der bloße Gedanke daran macht mich schon schwindlig. Ich kam

leicht genug herauf mit dem Tode auf den Fersen, aber das jetzt

kalten Blutes riskieren...! [Er sinkt auf die Ottomane.] Es ist

umsonst, ich bin besiegt, ich gebe den Kampf auf, ich bin

verloren--Sie können jetzt Lärm schlagen! [Er stützt den Kopf

todestraurig in die Hände.]

Raina [von Mitleid entwaffnet]: Gehen Sie, verlieren Sie nicht den

Mut. [Sie beugt sich beinahe mütterlich über ihn, er schüttelt den

Kopf.] Oh, Sie sind ein recht kläglicher Krieger, ein Pralinésoldat.

Gehen Sie, fassen Sie sich. Es gehört weniger Mut dazu, da

hinunterzuklettern als der Gefangenschaft ins Auge zu sehen--bedenken

Sie das.

Der Flüchtling [schläfrig, von ihrer Stimme eingewiegt]: Nein,

Gefangenschaft bedeutet nur Tod, und Tod ist Schlaf.--Oh schlafen,

schlafen, schlafen, ungestört schlafen...Die Dachrinne hinabklettern

heißt, etwas unternehmen, sich anstrengen, denken! Zehnmal lieber

den Tod!

Raina [leise und verwundert, in seinen schläfrigen Ton verfallend]:

Sind Sie so schläfrig?

Der Flüchtling: Ich habe keine zwei Stunden ungestört geschlafen,

seit ich zur Truppe eingerückt bin. Ich war im Generalstab. Sie

wissen nicht, was das heißt: ich habe seit achtundvierzig Stunden

kein Auge geschlossen.

Raina [am Ende ihrer Weisheit]: Aber was soll ich mit Ihnen anfangen?

Der Flüchtling [fährt taumelnd auf, von ihrer Verzweiflung

aufgestachelt]: Natürlich, ich muß etwas tun. [Er schüttelt sich,

rafft sich zusammen und spricht mit wiedergewonnener Kraft und Mut:]

Sehen Sie, schläfrig oder nicht schläfrig, hungrig oder nicht hungrig,

müde oder nicht müde--man kann eine Sache immer tun, wenn man weiß,

daß sie getan werden muß. Gut denn, die Dachrinne muß hinabgeklettert

werden. [Er schlägt sich mit der Faust an die Brust]: Hörst du das,

du Pralinésoldat?! [Er geht an das Fenster.]

Raina [ängstlich]: Aber wenn Sie stürzen?

Der Flüchtling: Dann werde ich schlafen, als ob das Pflaster ein

Federbett wäre. Leben Sie wohl. [Er tritt kühn an das Fenster und

legt seine Hand an den Laden, da ertönt unten auf der Straße wieder

eine entsetzliche Salve.]

Raina [zu ihm eilend]: Bleiben Sie! [Sie erfaßt ihn ohne Bedenken

und reißt ihn zurück.] Man wird Sie töten.

Der Flüchtling [kühl, aber aufmerksam]: Das macht nichts und gehört

eben zu meinem täglichen Beruf; ich muß es riskieren. [Entschlossen]:

Nun tun Sie, was ich Ihnen sage: löschen Sie die Kerzen aus, damit

man das Licht nicht sehen kann, wenn ich die Läden öffne, und halten

Sie sich ja vom Fenster fern, was immer auch geschehen mag. Wenn die

mich sehen, werden sie sicher nach mir schießen.

Raina [sich an ihn hängend]: Sie werden Sie ganz sicher sehen, der

Mond scheint hell. Ich will Sie retten,,, Oh, wie können Sie nur so

gleichgültig sein! Sie wollen doch, daß ich Sie retten soll, nicht

wahr?

Der Flüchtling: Ich möchte Sie wirklich nicht länger stören. [Sie

schüttelt ihn in ihrer Ungeduld]: Ich bin durchaus nicht gleichgültig

gegen den Tod, verehrtes Fräulein, glauben Sie mir, aber was soll ich

sonst anfangen?

Raina: Vor allem kommen Sie doch vom Fenster fort, ich bitte Sie.

[Sie schmeichelt ihn in die Mitte des Zimmers zurück, er ergibt sich

unterwürfig darein; sie läßt ihn frei und spricht gönnerhaft zu ihm]:

Hören Sie, Sie müssen unserer Gastfreundschaft vertrauen; Sie wissen

noch nicht, in wessen Haus Sie sich befinden--ich bin eine Petkoff.

Der Flüchtling [naiv]: Was ist das?

Raina [etwas entrüstet]: Ich meine, daß ich der Familie Petkoff

angehöre, der reichsten und angesehensten unseres Landes.

Der Flüchtling: O ja, natürlich! Entschuldigen Sie--die Petkoffs!

freilich! Wie dumm von mir!

Raina: Sie wissen ganz gut, daß Sie bis zu dieser Minute den Namen

nie gehört haben! Wie können Sie sich dazu erniedrigen, so zu tun,

als ob er Ihnen bekannt vorkäme?

Der Flüchtling: Verzeihen Sie, ich bin zu müde, um zu denken, und der

Wechsel des Gesprächsthemas war zuviel für mich; zanken Sie mich

nicht aus.

Raina: Ich vergaß--Sie könnten zu weinen anfangen. [Er nickt ganz

ernst, sie schmollt und fährt dann in gönnerhaftem Tone fort]: Ich

will Ihnen bloß sagen, daß mein Vater den höchsten Befehlshaberposten

in unserer Armee bekleidet, den irgend ein Bulgare innehat. [Stolz]:

Er ist Major!

Der Flüchtling [tut, als ob das einen tiefen Eindruck auf ihn machte]:

Major? Du lieber Himmel! Denken Sie nur!

Raina: Sie haben große Ortsunkenntnis bewiesen, indem Sie es für

nötig hielten, am Balkon heraufzuklettern, weil unser Haus das

einzige Privathaus ist, das zwei Reihen Fenster hat. Es ist eine

Treppe im Flur, auf der man hinauf und hinunter kann.

Der Flüchtling: Eine Treppe? Wie großartig! Sie sind aber von

ungewöhnlichem Luxus umgeben, verehrtes Fräulein.

Raina: Wissen Sie, was eine Bibliothek ist?

Der Flüchtling: Eine Bibliothek? Ein Zimmer voll Bücher?

Raina: Ja, wir haben ein solches, das einzige in ganz Bulgarien.

Der Flüchtling: Wahrhaftig? Ein wirkliches Bibliothekzimmer? Das

möchte ich aber gerne sehen.

Raina [geziert]: Ich sage Ihnen diese Dinge bloß, um Ihnen zu zeigen,

daß Sie bei zivilisierten Leuten sind, nicht im Hause von

ungebildeten Bauern, die Sie töten würden, sobald sie Ihre serbische

Uniform gewahrten. Wir gehen jedes Jahr zur Opernsaison nach

Bukarest, und ich habe schon einen ganzen Monat in Wien zugebracht.

Der Flüchtling: Das habe ich bemerkt, gnädiges Fräulein; ich habe

sofort gesehen, daß Sie die Welt kennen.

Raina: Haben Sie jemals die Oper Hernani gehört?

Der Flüchtling: Ist das die, in der ein Soldatenchor und ein Teufel

in rotem Samt vorkommt?

Raina [verachtungsvoll]: Nein.

Der Flüchtling [einen tiefen Müdigkeitsseufzer unterdrückend]: Dann

kenne ich die Oper nicht.

Raina: Ich dachte, Sie würden sich vielleicht an die große Szene

erinnern, in der Hernani auf der Flucht vor seinen Feinden--gerade so

wie Sie heute nacht--in das Schloß seines erbittertsten Gegners,

eines alten kastilianischen Granden, flüchtet! Der Edelmann

verweigert seine Auslieferung, sein Gast ist ihm heilig!

Der Flüchtling [rasch, wacht wieder etwas auf]: Sind Ihre Angehörigen

auch dieser Ansicht?

Raina [mit Würde]: Meine Mutter und ich, wir verstehen diese

"Ansicht", wie Sie sich ausdrücken, und wenn Sie, statt mich mit

Ihrer Pistole zu bedrohen, sich einfach als Flüchtling unserer

Gastfreundschaft anvertraut hätten, Sie wären sicher gewesen wie in

Ihrem Vaterhaus.

Der Flüchtling: Ganz gewiß?

Raina [kehrt ihm angewidert den Rücken]: Oh, es ist verlorene Mühe,

Ihnen etwas begreiflich machen zu wollen!

Der Flüchtling: Bitte, seien Sie nicht böse, Sie können sich denken,

wie schlimm es für mich wäre, wenn da ein Irrtum vorläge. Mein Vater

ist ein sehr gastfreundlicher Mann, er hat sechs Hotels, aber ich

könnte ihm nicht so weit vertrauen. Wie ist es mit Ihrem Herrn Vater?

Raina: Er ist fort, in Slivnitza, um für sein Vaterland zu kämpfen.

Ich bürge für Ihre Sicherheit. Hier meine Hand darauf. Wird Sie das

beruhigen? [Sie bietet ihm ihre Hand.]

Der Flüchtling [sieht seine eigene Hand zweifelhaft an]: Es ist

besser, wenn Sie meine Hand nicht berühren, verehrtes Fräulein, ich

muß mich erst waschen.

Raina [gerührt]: Das ist nett von Ihnen. Ich sehe, Sie sind ein

Gentleman.

Der Flüchtling [verwundert]: Wieso?

Raina: Sie dürfen nicht glauben, daß ich überrascht bin--die Bulgaren

aus besseren Kreisen, Leute in unserer Stellung zum Beispiel, waschen

sich auch fast täglich die Hände--aber ich schätze Ihr Zartgefühl,

Sie dürfen meine Hand nehmen. [Bietet ihm abermals die Hand.]

Der Flüchtling [küßt ihr die Hand, seine Hände auf dem Rücken]: Ich

danke Ihnen, mein liebenswürdiges Fräulein. Endlich fühle ich mich

geborgen. Bitte, wollen Sie so gut sein und Ihre Frau Mutter von

meiner Anwesenheit bald benachrichtigen; es würde sich nicht schicken,

wenn ich hier länger als nötig im geheimen verweilte.

Raina: Wenn Sie sich ganz ruhig verhalten wollen, während ich weg bin.

Der Flüchtling: Gewiß. [Er setzt sich auf die Ottomane, Raina geht

an das Bett, holt ihren Pelzmantel und wirft ihn um. Ihm fallen die

Augen zu, sie geht zur Tür, wirft einen letzten Blick nach ihm hin

und sieht, daß er im Begriff ist, einzuschlafen.]

Raina [an der Tür]: Sie werden jetzt doch nicht etwa einschlafen?

[Er murmelt unartikulierte Laute, sie läuft zu ihm hin und schüttelt

ihn.] Hören Sie? So wachen Sie doch auf--Sie schlafen ja ein!

Der Flüchtling: Was, ich schlafe ein? O nein, nicht im

geringsten--ich habe nur nachgedacht,,, es ist schon gut--ich bin

ganz wach.

Raina [strenge]: Wollen Sie so gut sein, stehen zu bleiben, während

ich weg bin--ja? [Er erhebt sich widerwillig]: Die ganze Zeit über,

verstanden!

Der Flüchtling [unruhig wankend]: Gewiß, gewiß, Sie können sich

darauf verlassen. [Raina sieht ihn ungläubig an, er lächelt matt,

sie geht zögernd zur Tür, wo sie sich umwendet, und ihn fast beim

Gähnen ertappt. Sie geht ab.]

Der Flüchtling [schlaftrunken]: Schlafen, schlafen, schlafen,

schlafen, schla,,,--[Die Worte gehen in ein Murmeln über, er rafft

sich wieder auf, im Begriff umzufallen.] Wo bin ich? Das möchte ich

gerne wissen,,, ich muß wach bleiben,,, nichts hält mich aber wach

außer Gefahr, bedenke das--[Nachdrücklich]: Gefahr, Gefahr, Gefahr,

Gef...--[Knickt wieder zusammen, rüttelt sich abermals auf.] Wo ist

Gefahr? Das muß ich ausfindig machen,,, [Er geht unsicher umher, als

wenn er nach Gefahr suchte.] Was suche ich da?,,, Schlaf--Gefahr--ich

weiß es nicht. [Er strauchelt gegen das Bett zu.] Ach ja, nun weiß

ich's,,, alles ist in Ordnung, ich soll zu Bett gehen--aber nicht

schlafen--ganz bestimmt nicht schlafen,,, wegen der Gefahr. Auch

nicht niederlegen, nur niedersetzen. [Er setzt sich auf das Bett,

sein Gesicht nimmt einen glücklichen Ausdruck an]: Ah,,,[Mit einem

freudigen Seufzer sinkt er der Länge nach zurück, hebt mit einer

letzten Anstrengung seine gestiefelten Beine ins Bett und fällt

sofort in tiefen Schlaf.]

[Katharina tritt ein, Raina folgt ihr.]

Raina [auf die Ottomane blickend]: Er ist fort, hier verließ ich ihn.

Katharina: Hier? Dann muß er hinuntergeklettert sein vom-Raina [ihn

erblickend]: Oh! [Sie zeigt auf ihn.]

Katharina [empört]: Ah! [Sie geht mit großen Schritten auf das Bett

zu, Raina folgt ihr und bleibt ihr gegenüber auf der andern Seite des

Bettes stehen.]Er ist fest eingeschlafen, dieser Unmensch!

Raina [ängstlich]: Scht!

Katharina [ihn schüttelnd]: Herr! [Ihn noch heftiger schüttelnd:]

Herr!! [Ihn außerordentlich stark schüttelnd:] Herr!!!

Raina [fällt ihr in den Arm]: Nicht, Mama, der arme Mann ist ganz

erschöpft, laß ihn schlafen.

Katharina [läßt ihn los und wendet sich erstaunt zu Raina]: Der arme

Mann! Raina! [Sieht ihre Tochter starr an, der Flüchtling schläft

fest.]

[Vorhang]

Helden · 第 8 / 21 题