geheimen Gemeinschaft der Aréoïs, die zur Zeit ihrer Herrschaft die
Inseln regierte.
Aus den verworrenen Reden des Kindes sonderte ich Erinnerungen an einen
furchtbaren, eigentümlichen Brauch, ich ahnte eine tragische
Vergangenheit voll unerhörter Verbrechen, in die einzudringen aber den
Neugierigen durch ein streng gehütetes Geheimnis verwehrt war.
Nachdem Tehura mir alles darüber erzählt hatte, was sie wußte, forschte
ich überall danach.
Der sagenhafte Ursprung jener mächtigen Gemeinschaft ist dieser:
Oro, der Sohn des Taaroa und nach seinem Vater der höchste der Götter,
beschloß eines Tages, unter den Sterblichen eine Gefährtin zu suchen.
Es sollte eine Jungfrau sein, schön und tauglich, mit ihm unter den
Menschen eine Rasse zu gründen, die allen bevorzugt und überlegen war.
Er durchschritt also die sieben Himmel und stieg hinunter auf den Païa,
einen hohen Berg auf der Insel Bora-Bora, wo seine Schwestern, die
Göttinnen Téouri und Oaaoa, wohnten.
Nun trat Oro in Gestalt eines jungen Kriegers und seine Schwestern in
junge Mädchen verwandelt, eine Fahrt durch die Insel an, um dort ein
Wesen zu suchen, das eines Gottes Kuß würdig wäre.
Oro ergriff den Regenbogen, stützte ein Ende auf den Gipfel des Païa,
das andere auf die Erde, und so schritten der Gott und die Göttinnen
über Täler und Fluten.
Auf den verschiedenen Inseln, wo man eilte sie zu empfangen, gaben die
Reisenden prunkvolle, wunderbare Feste, zu denen alle Frauen sich
drängten.
Und Oro hielt Umschau unter ihnen. Aber sein Herz war betrübt, denn der
Gott fand Liebe, aber er liebte nicht. Auf keiner der Menschentöchter
weilte sein Blick lange, denn er entdeckte nicht eine der Tugenden und
Vorzüge, von denen er geträumt.
Und nachdem viele Tage unter vergeblichem Suchen verstrichen waren,
beschloß er, in die Himmel zurückzukehren, als er zu Vaïtapé auf der
Insel Bora-Bora eine Jungfrau von seltener Schönheit erblickte, die in
dem schönen See von Avaï Aïa badete.
Sie war von hoher Gestalt, und die Sonnenglut brannte und leuchtete auf
ihrem herrlichen Fleisch, während der ganze Zauber der Liebe in der
Nacht ihres Haares schlummerte.
Entzückt bat Oro die Schwestern, die Jungfrau anzureden.
Er selber zog sich zurück, um das Ergebnis ihrer Sendung auf dem Gipfel
des Païa abzuwarten.
Die Göttinnen redeten die Jungfrau mit einem Gruß an, priesen ihre
Schönheit und sagten, daß sie aus Avanaü, einem Ort auf Bora-Bora,
kämen.
-- Unser Bruder läßt dich fragen, ob du einwilligst, sein Weib zu
werden.
Vaïraümati -- dies war der Name der Jungfrau -- blickte die Fremden
prüfend an und erwiderte:
-- Ihr seid nicht aus Avanaü. Doch ist euer Bruder ein Häuptling, ist er
jung und schön, so mag er kommen, Vaïraümati wird sein Weib werden.
Téouri und Oaaoa stiegen unverzüglich zum Païa hinauf, um ihrem Bruder
mitzuteilen, daß er erwartet werde.
Sogleich begab Oro sich wie vorher auf dem Regenbogen hinunter nach
Vaïtapé.
Vaïraümati hatte zu seinem Empfang eine mit den schönsten Früchten
besetzte Tafel und aus den feinsten Matten und seltensten Stoffen ein
Lager bereitet.
Göttlich in ihrer Anmut und Kraft, pflegten sie der Liebe in Hain und
Flur, am Ufer des Meeres und im Schatten des Tamaris und des Paudanus.
Jeden Morgen stieg der Gott auf den Gipfel des Païa, und jeden Abend
ging er hinunter, mit ihr zu schlafen.
Kein anderes sterbliches Mädchen durfte ihn in irdischer Gestalt
erblicken.
Und stets diente der zwischen Païa und Vaïtapé gespannte Regenbogen ihm
als Weg.
Viele Monde hatten geleuchtet und waren wieder erloschen, seitdem die
verödeten Sieben Himmel ohne Kunde von Oros Aufenthalt waren. Darum
nahmen nun zwei andere Söhne des Taaroa, Orotéfa und Oürétéfa,
menschliche Gestalt an und machten sich auf, ihren Bruder zu suchen.
Lange irrten sie auf den Inseln umher, ohne ihn zu finden. Endlich
jedoch entdeckten sie auf Bora-Bora den jungen Gott, der mit Vaïraümati
im Schatten eines heiligen Mangobaumes ruhte.
Sie waren voll Staunen über die Schönheit des jungen Weibes und wollten
ihm als Zeichen ihrer Bewunderung einige Geschenke darbieten. Also
verwandelte Orotéfa sich in eine Sau und Oürétéfa in rote Federn, nahmen
dann gleich wieder menschliche Gestalt an, ohne daß Sau und Federn
verschwanden, und näherten sich mit ihren Gaben den Liebenden.
Erfreut empfingen Oro und Vaïraümati die beiden hohen Reisenden.
In derselben Nacht warf die Sau sieben Junge, von denen das erste einer
späteren Verwendung vorbehalten blieb; das zweite wurde den Göttern
geopfert, das dritte der Gastfreundschaft geweiht und den Fremden
angeboten, das vierte nannten sie: Opferschwein zu Ehren der Liebe, das
fünfte und sechste sollte bis zur ersten Tracht verschont bleiben, um
die Art zu mehren, und das siebente endlich wurde im ganzen auf heißen
Steinen gebraten -- also nach maorischem Brauch göttlich geweiht -- und
verzehrt.
Die Brüder des Oro kehrten wieder in die Himmel zurück.
Einige Wochen darauf sagte Vaïraümati zu Oro, daß sie sich Mutter fühle.
Da nahm Oro das erste der sieben Schweine, das verschont geblieben war,
und begab sich nach Raïatéa, zu dem großen Maraë, dem Tempel des Gottes
Vapoa.
Dort traf er einen Mann namens Mahi, dem er das Schwein übergab, und
sprach:
_Maiï maitaï oétéinéi boüaa_ (Nimm dieses Schwein und hüte es wohl).
Und feierlich fuhr der Gott fort:
-- Es ist das heilige Schwein. In seinem Blut wird der Bund der Männer
gefärbt sein, die von mir stammen. Denn ich bin Vater in dieser Welt.
Sie werden sich Oréoïs nennen. Dir übermittle ich ihre Vorrechte und
ihren Namen. Ich selber kann hier nicht länger weilen.
Mahi suchte den Häuptling von Raïatéa auf und erzählte ihm sein
Abenteuer. Aber da er das ihm anvertraute heilige Gut nicht hüten
konnte, ohne der Freund des Häuptlings zu sein, fügte er hinzu:
-- Mein Name sei der deinige und dein Name der meine.
Der Häuptling war es zufrieden, und sie nahmen beide den Namen
Taramanini an.
Inzwischen war Oro wieder zu Vaïraümati zurückgekehrt und verkündigte
dieser, daß sie einen Sohn gebären würde, den er ihr Hoa Tabou të Raï
(heiliger Freund des Himmels) zu nennen gebot.
Dann sprach er:
-- Die Zeit ist erfüllet und ich muß dich verlassen.
Er verwandelte sich sodann in eine ungeheure Feuersäule und hob sich
majestätisch in die Lüfte bis über den Periréré, den höchsten Berg von
Bora-Bora. Und hier entschwand er den Blicken seiner weinenden Gattin
und des staunenden Volkes.
Hoa Tabou të Raï ward ein großer Häuptling und tat den Menschen viel
Gutes. Bei seinem Tode wurde er in den Himmel erhoben, wo Vaïraümati
selber den Rang einer Göttin einnahm.
* * * * *
Oro könnte gut ein umherwandelnder Brahmine sein, der den Inseln --
wann? die Lehre des Brahma brachte (auf deren Spuren in der
australischen Religion ich schon hinwies).
In der Reinheit dieser Lehre erwachte das maorische Genie. Geister, die
fähig waren zu verstehen, erkannten einander und vereinigten sich, --
natürlich völlig abgesondert vom Volk, -- um die vorgeschriebenen Riten
auszuüben. Aufgeklärter als die übrigen ihrer Rasse, rissen sie bald die
religiöse und politische Herrschaft über die Inseln an sich, sicherten
sich wichtige Vorrechte und gründeten eine starke Übermacht, die in der
Geschichte des Inselmeers die glänzendste Periode bildete.
Obwohl sie des Schreibens unkundig gewesen zu sein scheinen, waren die
Aréoïs wahre Gelehrte. Sie verbrachten ganze Nächte damit, alte
»Aussprüche der Götter« Wort für Wort mit peinlichster Genauigkeit zu
erforschen, und sie auszulegen erforderte eine jahrelange Arbeit. Diese
ihnen allein zugänglichen Aussprüche der Götter, denen sie höchstens
Kommentare beifügen durften, verschaffte den Aréoïs die Sicherheit eines
geistigen Mittelpunkts, regte sie zu gewohnheitsmäßigem Nachdenken an,
berechtigte sie zu einer übermenschlichen Mission und gab ihnen ein
Ansehen, vor dem jeder sich beugte.
Es gibt in unserm christlichen, lehnspflichtigen Mittelalter ganz
ähnliche Einrichtungen wie diese, und ich kenne nichts Furchtbareres als
jene religiöse und kriegerische Gemeinschaft, jenes Konzil, das im Namen
Gottes Urteile fällte und allmächtig über Leben und Tod entschied.
Die Aréoïs lehrten, daß Menschenopfer den Göttern wohlgefällig seien,
und opferten selber in den Maraës alle ihre Kinder außer den
Erstgeborenen: das Symbol dieses blutigen Ritus war die Sage von den
sieben Schweinen, die außer dem ersten, dem »heiligen Schwein«, alle
getötet wurden.
Doch dürfen wir über diese Barbarei nicht voreilig schelten.
Diese grausame Pflicht, der so viele primitive Völkerschaften sich
unterwarfen, hatte tiefe Gründe sozialer Art und allgemeinen Interesses.
Bei sehr fruchtbaren Rassen, wie es die der Maories einst war, bedrohte
die unbegrenzte Vermehrung der Bevölkerung ihre nationale wie positive
Existenz. Das Leben auf den Inseln war zwar mühelos, und es bedurfte
keines großen Fleißes, um sich das Notwendige zu verschaffen. Aber das
sehr beschränkte Gebiet, von dem unermeßlichen, den gebrechlichen
Pirogen unzugänglichen Ozean umgeben, wäre für ein sich stetig
vermehrendes Volk bald unzureichend geworden. Das Meer hätte nicht mehr
genügend Fische geliefert und der Wald nicht genug Früchte. Eine
Hungersnot wäre nicht ausgeblieben und hätte, wie sie es immer getan,
die Anthropophagie zur Folge gehabt. -- Um Männermorde zu vermeiden,
beschränkten die Maories sich auf Kinderopfer. Übrigens war
Menschenfresserei bereits üblich, als die Aréoïs auftraten, und um diese
zu bekämpfen und die Ursache aufzuheben, führten sie den Kindesmord ein,
der vielleicht als eine Milderung der Sitten zu bezeichnen wäre, wenn
das unheimlich Komische dieser Behauptung auch einem Possenschreiber zur
Belustigung dienen könnte. Die Aréoïs mußten wahrscheinlich große
Energie anwenden, um diesen Fortschritt durchzusetzen, und erreichten es
wohl nur dadurch, daß sie sich in den Augen des Volkes die volle
Autorität der Götter anmaßten.
Schließlich wurde der Kindesmord ein mächtiges Mittel der Zuchtwahl für
die Rasse. Das furchtbare Recht der Erstgeburt, ein Recht auf das Leben
selber, erhielt die Kraft des Volkes unverkürzt, indem es von den
schädlichen Folgen erschöpfter Säfte verschont blieb. Es nährte in all
diesen Kindern auch das Bewußtsein unverwüstlichen Stolzes. Die Urkraft
und letzte Blüte dieses Stolzes ist es auch, die wir noch bei den
letzten Sprößlingen einer großen, im Aussterben begriffenen Rasse
bewundern.
Das beständige Beispiel und die häufige Wiederkehr des Todes war
schließlich eine erhabene und belebende Lehre. Die Krieger lernten
Schmerzen gering schätzen, und die ganze Nation fand eine wohltätige
intensive Erregung dabei, die sie vor der tropischen Erschlaffung und
entnervender Mattigkeit bei dem fortdauernden Nichtstun bewahrte. Es ist
eine historische Tatsache, daß der Niedergang der Maories mit dem
gesetzlichen Verbot der Opfer begann, und daß sie von da an allmählich
jede moralische Kraft und physische Fruchtbarkeit verloren. Sollte dies
auch nicht die Ursache davon sein, so gibt das Zusammentreffen doch zu
denken.
Und vielleicht haben die Aréoïs die tiefe Bedeutung und symbolische
Notwendigkeit des Opfers verstanden ... Die Prostitution war ihnen eine
heilige Pflicht. Bei uns hat sich das geändert. Auch hat sie auf Tahiti
keineswegs aufgehört, seit wir es mit den Wohltaten unserer Zivilisation
überhäuft haben: sie blüht fort. Aber sie ist weder Pflicht noch
geheiligt, sondern nur ohne Größe und entschuldbar.
Die geistliche Würde ging vom Vater auf den Sohn über, dessen Einweihung
schon im Kindesalter begann.
Die Gesellschaft war ursprünglich in zwölf Logen geteilt, deren
Großmeister die zwölf obersten Aréoïs waren. Dann kamen die Würdenträger
zweiten Ranges und endlich die Lehrjünger. Die verschiedenen Grade
unterschieden sich durch besondere Tätowierungen auf den Armen, an den
Seiten, den Schultern, Beinen und Knöcheln.
* * * * *
Der _Matamua_ der Aréoïs, eine maorische Szene bei der feierlichen
Einsetzung eines Königs in alter Zeit:
Der neue Herrscher verläßt, in prächtige Gewänder gekleidet und von den
Vornehmsten der Inseln umgeben, seinen Palast. Vor ihm schreiten die
Großmeister der Aréoïs mit seltenen Federn im Haar.
Er begibt sich mit seinem Gefolge zum Maraë.
Als die Priester, die ihn an der Schwelle erwarten, seiner ansichtig
werden, verkünden sie unter lautem Trompetenschall und Trommelschlag,
daß die Zeremonie beginnt.
Dann beim Eintritt in den Tempel mit dem König legen sie ein
Menschenopfer, einen Leichnam, vor das Bild des Gottes.
Der König spricht und singt mit den Priestern vereint Gebete, worauf der
Priester das Opfer beider Augen beraubt. Er bietet das rechte Auge dem
Gotte dar und das linke dem König; dieser öffnet den Mund, wie um das
blutige Auge zu verschlingen, aber der Priester zieht es zurück und legt
es wieder zu dem Körper[6].
Nun wird die Statue des Gottes auf eine geschnitzte, von Priestern
getragene Bahre gestellt. Auf den Schultern der beiden Oberpriester
sitzend, folgt der König dem Götzenbild, von den Aréoïs wie zu einer
Abreise begleitet, bis zum Ufer des Meeres. Auf dem ganzen Wege fahren
die Priester fort die Trompete zu blasen, die Trommel zu schlagen.
Die Menge geht ehrfurchtsvoll und still hinterher.
An der Bucht wiegt sich die heilige, zu dieser Feier mit grünen Zweigen
und Blumen geschmückte Piroge. Zuerst wird das Götzenbild darin
untergebracht, dann der König seiner Gewänder entledigt, und die
Priester geleiten ihn in das Meer, wo die Atuas-Mao (Götter-Haie) ihn in
den Fluten waschen und liebkosen.
So zum andernmal vom Kuß des Meeres im Beisein des Gottes geweiht, wie
zuvor das erstemal in dessen Tempel, besteigt der König die heilige
Piroge, wo der Oberpriester ihn mit dem _maro oüroü_ umgürtet und um
sein Haupt das _taoü mata_, die Binden der Herrschaft, windet.
Vorn im Boot stehend zeigt der König sich nun dem Volk.
Und dieses bricht bei dem Anblick endlich das lange Schweigen, und
überall ertönt der feierliche Ruf:
-- _Maëva Arii_ (Es lebe der König)!
Nachdem der erste laute Jubel sich gelegt hat, wird der König auf das
heilige Lager gebettet, wo eben das Götzenbild geruht, und alle kehren
auf demselben Wege, fast in derselben Reihenfolge wie vorher, zum Maraë
zurück.
Wieder tragen die Priester das Götzenbild und die Oberpriester den
König, und der Zug wird abermals mit Musik und Tanz eröffnet.
Das Volk folgt hinterher. Aber jetzt rufen sie, ihrer Freude überlassen,
fortwährend:
-- Maëva Arii!
Das Götzenbild wird feierlich auf seinen Altar zurückgestellt.
Und damit schließt die religiöse Feier. Nun soll das Volksfest seinen
Anfang nehmen.
Wie den Göttern im Tempel und der Natur im Meer, wird der König sich dem
Volke weihen[7]. -- Auf Matten gebettet muß der König jetzt die _höchste
Huldigung des Volkes_ entgegennehmen.
Die frenetische Huldigung eines wilden Volkes.
Eine ganze Menge in Bezeigung ihrer Liebe für _einen Menschen_, und
dieser Mensch ist der König. Großartig bis zum Schrecken, bis zum
Entsetzen ist dieses Schauspiel zwischen der Menge und dem einen
Menschen. Morgen wird er Herr sein, er wird nach Belieben mit Geschicken
schalten, über die er zu bestimmen hat, und die ganze Zukunft ist sein!
Der Menge gehört nur diese eine Stunde.
Völlig nackt, in lasziven Tänzen umkreisen Männer und Frauen den König
und bemühen sich, gewisse Teile seines Körpers mit gewissen Teilen des
ihren zu streifen, eine Berührung ist dabei nicht immer zu vermeiden.
Und die Raserei des Volkes steigert sich bis zur Tollheit. Die ganze
friedliche Insel hallt von furchtbarem Geschrei wieder, und der
hereinbrechende Abend zeigt das phantastische Bild einer verzückten
wahnsinnigen Menge.
Aber plötzlich schmettert der Klang der heiligen Trompeten und Trommeln.
Die Huldigung ist zu Ende, zu Ende das Fest, das Signal zum Rückzug
ertönt. Selbst die Rasendsten gehorchen, alles beruhigt sich, und jäh
tritt absolute Stille ein.
Der König erhebt sich und kehrt feierlich, majestätisch, von seinem
Gefolge geleitet, in seinen Palast zurück.
* * * * *
Seit etwa vierzehn Tagen wimmelte es von sonst selten auftretenden
Fliegen, die unerträglich wurden.
Aber die Maories freute es, denn die Thunfische und andere Fische
stiegen vom Grunde an die Oberfläche. Die Fliegen kündigten die Zeit des
Fischfangs, die Zeit der Arbeit an. Man vergesse nicht, daß Arbeit auf
Tahiti ein Vergnügen ist.
Jeder prüfte die Haltbarkeit seiner Netze und seine Angeln. Frauen und
Kinder halfen mit ungewöhnlichem Eifer Netze oder vielmehr lange Gitter
von Kokosnußblättern an den Strand und auf die Korallenriffe zwischen
Land und Klippen schleppen. Auf diese Art werden gewisse Köderfischchen
gefangen, die am schmackhaftesten für die Thunfische sind.
Als die Vorbereitungen beendet waren, was etwa drei Wochen in Anspruch
genommen hatte, wurden zwei große, miteinander verbundene Pirogen aufs
Meer gelassen, an denen vorn eine sehr lange, mit einem Angelhaken
versehene Stange angebracht war, die mittels zweier hinten befestigter
Taue schnell gehoben werden konnte. Sobald der Fisch angebissen hat,
wird er sofort herausgezogen und in dem Fahrzeug untergebracht.
Eines schönen Morgens zogen wir (ich war -- natürlich -- mit bei dem
Fest) aufs Meer hinaus und hatten die Klippenreihe bald glücklich hinter
uns. Wir wagten uns ziemlich weit hinaus. Ich sehe noch eine
Schildkröte, die uns, den Kopf überm Wasser, im Vorüberfahren
nachschaute.
Die Fischer waren alle in fröhlicher Stimmung und ruderten eifrig.
Wir kamen den _Grotten_ von _Mara_[8] gegenüber an eine Stelle,
_Thunloch_ genannt, wo das Wasser sehr tief ist.
Dort, sagt man, schlafen die Thunfische nachts in einer Tiefe, die den
Haifischen unerreichbar ist.
Nach Fischen spähend, schwebte eine Wolke von Seevögeln über dem Loch.
Sobald einer an der Oberfläche erscheint, stoßen die Vögel mit
unglaublicher Geschwindigkeit darauf herab und steigen mit einem Bissen
im Schnabel wieder in die Höhe.
So herrscht im Meer und in der Luft, selbst in unseren Pirogen nur der
Gedanke an Blut und Mord.
Als ich meine Gefährten fragte, warum sie nicht eine lange Angelschnur
in das Thunloch hinunterließen, erwiderten sie, daß es unmöglich sei, es
wäre ein geheiligter Ort:
-- Der Gott des Meeres wohne da.
Ich vermutete eine Sage dahinter und ließ sie mir erzählen.
* * * * *
»Roüa Hatou, eine Art tahitischer Neptun, schlief auf dem Meeresgrund an
dieser Stelle.
Ein Maorie war einst so tollkühn dort zu fischen, und da sein Angelhaken
sich in den Haaren des Gottes verfing, erwachte dieser.
Zornig stieg er an die Oberfläche, um zu sehen, wer die Kühnheit gehabt,
seine Ruhe zu stören, und als er sah, daß der Schuldige ein Mensch war,
beschloß er die ganze Menschenrasse zu vertilgen, um die Ruchlosigkeit
des einen zu sühnen.
Der Strafe entging jedoch -- durch unerklärliche Nachsicht -- gerade der
Missetäter selber.
Der Gott gebot ihm, mit seiner ganzen Familie auf den _Toa Marama_ zu
gehen, nach einigen eine Insel oder ein Berg, nach andern eine Piroge
oder »Arche«.
Als der Fischer sich mit den Seinen an den bezeichneten Ort begeben
hatte, begannen die Wasser des Meeres zu steigen. Sie bedeckten
allmählich selbst die höchsten Gipfel, und alles Lebende bis auf jene,
die sich zum Toa Marama geflüchtet hatten, kam darin um.
Später bevölkerten sie die Insel aufs neue[9].«
* * * * *
Wir ließen also das Thunloch hinter uns, und der Führer der Piroge
bezeichnete einen Mann, der die Stange ins Meer lassen und die Angel
auswerfen mußte.
Lange Minuten wurde gewartet, kein Thunfisch biß an.
Ein anderer Ruderer kam an die Reihe, und diesmal biß ein prachtvoller
Thunfisch an und bog die Stange hinunter. Vier kräftige Arme hoben sie
empor, indem sie die Taue hinten anzogen, und der Fisch erschien an der
Oberfläche. Aber gleichzeitig schnellte ein riesiger Hai über die Wogen:
ein paar furchtbare Bisse, und wir hatten nichts weiter am Angelhaken
als einen abgetrennten Kopf.
Nun gab der Führer mir ein Zeichen, und ich warf die Angel aus.
Nach ganz kurzer Zeit fischten wir einen riesenhaften Thunfisch. -- Ohne
es viel zu beachten, hörte ich meine Nachbarn unter sich kichern und
tuscheln. -- Das durch Stockschläge auf den Kopf getötete Tier wand sich
auf dem Boden des Fahrzeuges, und sein Leib, jetzt einem schillernden
Spiegel gleich, entsandte tausend blitzende Strahlen.
Ein zweites Mal hatte ich ebenfalls Glück.
Meine Gefährten beglückwünschten mich fröhlich, nannten mich einen
Glückspilz, und in meinem Stolz widersprach ich nicht.
Aber in dem einstimmigen Lob unterschied ich, wie bei meinem ersten
Versuch, ein unerklärliches Lachen und Getuschel.
Das Fischen währte bis zum Abend. Als der Vorrat der kleinen Köderfische
erschöpft war, entzündete die Sonne rote Flammen am Horizont, und unser
Fahrzeug war mit zehn prächtigen Thunfischen beladen.
Wir bereiteten uns zur Rückfahrt vor. Während alles instandgesetzt
wurde, fragte ich einen jungen Burschen nach dem Sinn der ganz leise
gewechselten Worte und nach dem Lachen, das beide Male meinen Fang
begleitet hatte. Er weigerte sich zu antworten. Aber ich ließ nicht
nach, denn ich wußte, wie gering die Widerstandskraft des Maorie ist und
wie bald er energischem Drängen nachgibt.
Schließlich vertraute er mir an: Wem der Thunfisch in den Angelhaken
beißt -- und meine hatten das beide getan, -- dem ist zu Haus die Vahina
untreu.
Ich lächelte ungläubig.
Und wir kehrten zurück.
Die Nacht bricht in den Tropen schnell herein. Es galt ihr
zuvorzukommen. Zweiundzwanzig muntere Pageien (schaufelartige Ruder)
tauchten gleichzeitig ins Wasser, und um sich anzufeuern, stießen die
Ruderer im Takt dazu laute Rufe aus. Unsere Piroge hinterließ eine
phosphorleuchtende Furche.
Mir war zumute wie auf einer tollen Flucht: die ergrimmten Herrscher des
Ozeans verfolgten uns, und um uns schnellten, wie phantastische Scharen
unbestimmter Gestalten, die aufgeschreckten, neugierigen Fische empor.
In zwei Stunden erreichten wir die äußersten Klippen.
Die Brandung ist dort gewaltig, und die Fahrt des Seegangs wegen
gefährlich. Es ist kein Leichtes, die Piroge richtig vor die Sandbank zu
steuern. Aber die Eingeborenen sind gewandt, und ich verfolgte mit
lebhaftem Interesse, jedoch nicht ganz ohne Furcht, die Operation, die
glänzend vonstatten ging.
Vor uns war das Land von lohenden Feuern erhellt, -- es waren enorme
Fackeln von Zweigen des Kokosnußbaumes. Der Anblick der auf dem Sande am
Ufer des beleuchteten Meeres lagernden Fischerfamilien war wunderbar.
Einige saßen reglos da, andere liefen, die Fackeln schwingend, den
Strand entlang, die Kinder sprangen hin und her, und man vernahm in der
Ferne ihr stilles Geschrei.
Mit leichtem Schwung fuhr unsere Piroge auf den Strand, und die
Verteilung der Beute begann sogleich.
Alle Fische wurden auf die Erde gelegt, und der Anführer teilte sie in
so viele gleiche Teile, wie die Anzahl der Personen -- Männer, Frauen
und Kinder -- betrug, die sich am Fischfang und dem Fischen der
Köderfischchen beteiligt hatten.
Es waren 37 Teile.
Ohne Zeit zu verlieren, nahm meine Vahina ein Beil, spaltete Holz damit
und zündete ein Feuer an, während ich noch ein wenig Toilette machte und
mich wegen der Nachtkühle einhüllte.
Von unseren beiden Anteilen wurde der eine gekocht, und den anderen
bewahrte Tehura roh auf.
Dann fragte sie mich des langen und breiten über die verschiedenen
Vorkommnisse beim Fischfang aus, und ich befriedigte willfährig ihre
Neugierde. Genügsam und kindlich erheiterte sie sich an allem, und ich
beobachtete sie, ohne sie meine geheimen Gedanken merken zu lassen. Im
Grunde meiner Seele war ohne jede Ursache eine Unruhe erwacht, die nicht
zu beschwichtigen war. Ich brannte darauf, an Tehura eine Frage zu
stellen -- eine gewisse Frage ... und es half mir nichts, mir zu sagen:
Wozu? Ich antwortete mir selber: Wer weiß?
* * * * *