nebeneinander lagen, fragte ich plötzlich:
-- Bist du vernünftig gewesen?
-- Ja.
-- Und dein Geliebter, war er nach deinem Geschmack?
-- Ich habe keinen Geliebten.
-- Du lügst, der Fisch hat es verraten.
Tehura erhob sich und blickte mich starr an. Ihr Antlitz hatte einen
seltsamen mystischen Ausdruck majestätischer Größe, der mir fremd war
und den ich in ihren heiteren, fast kindlichen Zügen nie vermutet hätte.
Die Atmosphäre in unserer kleinen Hütte hatte sich verwandelt: Ich
fühlte, daß etwas Erhabenes sich zwischen uns erhob. Und wider Willen
unterlag ich dem Einfluß des Glaubens und erwartete eine Botschaft von
oben. Ich zweifelte nicht, daß sie kommen würde, obwohl die fruchtlosen
Bedenken unseres Skeptizismus dieser glühenden, wenn auch nur einem
Aberglauben geltenden Inbrunst gegenüber noch ihre Macht auf mich
ausübten.
Tehura schlich leise zur Tür, um sich zu vergewissern, daß sie gut
verschlossen war, und als sie bis in die Mitte der Kammer zurückgekommen
war, sprach sie folgendes Gebet:
Rette mich! Rette mich!
Es ist Abend, es ist Abend der Götter.
Wache über mich, o mein Gott!
Wache über mich, o mein Herr!
Behüte mich vor Betörung und schlechten Ratschlägen.
Bewahre mich vor einem plötzlichen Tode,
Vor dem Bösen und Verwünschungen;
Bewahre mich vor Streit um die Teilung des Landes,
Möge Frieden herrschen unter uns!
O mein Gott, schütze mich vor den rasenden Kriegern!
Hüte mich vor dem, der mich bedroht,
Den es freut zu ängstigen,
Vor dem, dessen Haar sich beständig sträubt!
Auf daß ich und mein Geist leben können,
O mein Gott!
An diesem Abend, wahrlich, habe ich mit Tehura gebetet.
Als sie ihr Gebet beendet hatte, kam sie mit Tränen in den Augen zu mir
hin und flehte mich an, sie zu schlagen.
Und vor dem tiefen Ernst dieses Antlitzes, vor der vollkommenen
Schönheit dieser lebenden Statue glaubte ich die von Tehura
heraufbeschworene Gottheit selber vor mir zu sehen.
Verflucht sei ewig meine Hand, wenn sie es wagte, sich gegen ein
Meisterwerk der Natur zu erheben!
Sie wiederholte ihr Flehen, sie zu schlagen.
-- Tust du es nicht, so zürnst du lange und wirst krank.
Ich küßte sie.
Und jetzt, wo ich sie ohne Mißtrauen liebe, so liebe, wie ich sie
bewunderte, kamen mir die Worte Buddhas auf die Lippen:
»Ja, durch Sanftmut muß man den Zorn besiegen, durch das Gute Böses, und
durch Wahrheit Lüge.«
Diese Nacht ward göttlich, köstlicher als die anderen alle -- und
strahlend erwachte der Tag.
Frühmorgens brachte ihre Mutter uns einige frische Kokosnüsse.
Mit einem Blick befragte sie Tehura.
Sie _wußte_.
Mit feinem Mienenspiel sagte sie zu mir:
-- Du warst gestern auf dem Fischfang, ist alles gut verlaufen?
Ich erwiderte:
-- Ich hoffe, bald wieder dabei zu sein.
* * * * *
Ich war genötigt, nach Frankreich zurückzukehren. Wichtige
Familienangelegenheiten riefen mich zurück.
Lebe wohl, gastfreies Land, köstliches Land, Heimat der Freiheit und der
Schönheit!
Zwei Jahre älter geworden und um zwanzig Jahre verjüngt gehe ich fort,
_verwilderter_ als ich gekommen war und doch _gescheiter_.
Die Wilden, diese Unwissenden, haben den alten Kulturmenschen vieles
gelehrt, vieles in der Kunst zu leben und glücklich zu sein: Vor allem
haben sie mich gelehrt, mich selber besser zu kennen, ich habe von ihnen
nur tiefste Wahrheit gehört.
War das dein Mysterium, du geheimnisvolle Welt? Du hast mir Licht
gebracht, und ich bin gewachsen in der Bewunderung deiner antiken
Schönheit, der unvergänglichen Jugend der Natur.
Das Verständnis und die Liebe zu der Seele deiner Menschen, zu dieser
Blume, die aufhört zu blühen, und deren Duft niemand mehr einatmen wird,
hat mich besser gemacht.
* * * * *
Als ich den Quai verließ, um an Bord zu gehen, sah ich Tehura zum
letztenmal.
Sie hatte Nächte hindurch geweint, jetzt saß sie erschöpft und traurig,
aber ruhig mit herabhängenden Beinen auf einem Stein, und ihre starken,
festen Füße berührten das schmutzige Wasser.
Die Blume, die sie am Morgen hinters Ohr gesteckt hatte, war welk auf
ihre Knie herabgefallen.
Hier und dort starrten andere, wie sie, matt, schweigend, düster,
gedankenlos, auf den dichten Qualm des Schiffes, das uns alle für immer
weit fort tragen sollte.
Und von der Schiffsbrücke aus glaubten wir, während wir uns immer weiter
entfernten, mit dem Fernglas auf ihren Lippen noch lange jene alten
maorischen Verse zu lesen:
Ihr leisen Winde von Süd und Ost,
Die ein zärtlich Spiel über meinem Haupte vereint,
Eilt schnell zur nächsten Insel hin.
Dort findet ihr im Schatten seines Lieblingsbaumes
Ihn, der mich verlassen hat.
Sagt ihm, daß ihr in Tränen mich gesehn.
Fußnoten
[1] Paréo -- Gürtel, einziges Kleidungsstück der Eingeborenen.
[2] Leichtes, aus einem Stamm gemachtes Fahrzeug der Wilden.
[3] Tupapaüs -- Geister von Verstorbenen, Kobolde und Nachtgespenster.
[4] Vivo -- Musikinstrument.
[5] Dieser Mahoüi scheint ebenso wie Roüa, der die Sterne schuf,
derselbe wie Taaroa. Es sind wahrscheinlich verschiedene Namen desselben
Gottes.
[6] Die symbolische Bedeutung dieses Ritus, das klare Verbot der
Anthropophagie, ist nicht zu verkennen.
[7] Es ist zu befürchten, daß die Missionare (von denen diese
Überlieferungen stammen) zu einem leicht zu erratenden Zweck, in diesem
wie vielen anderen Punkten, die Vorfahren ihrer Pfarrkinder verleumdet
haben. Aber trotz alles Brutalen, Grotesken und vielleicht Abstoßenden
wird man doch zugeben müssen, daß dieser merkwürdige Ritus nicht einer
eigentümlichen Schönheit entbehrt.
[8] Das Wort _Mara_ kommt in der Sprache der Buddhisten vor, wo es _Tod_
bedeutet und, davon abgeleitet, _Sünde_.
[9] Die Legende ist _eine_ der vielen maorischen Erklärungen der
Sintflut.
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Band I: EINE ALLTÄGLICHE GESCHICHTE
Band II: OBLOMOW
Band III/IV: DIE SCHLUCHT, Zwei Bände
Anmerkungen zur Transkription
Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 41]:
... deren Bewohner noch nach altem maorischem Brauch ...
... dessen Bewohner noch nach altem maorischem Brauch ...
[S. 60]:
... Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionare so den ...
... Hochzeit, legal und religiös, wie die Missionare sie den ...
[S. 73]:
... fernstehende Geister, vermitteln sie nach der Schöpfungsfrage ...
... fernstehende Geister, vermitteln sie nach der Schöpfungssage ...