Der Tisch, an dem eine ansehnliche Zahl von Gästen saß, stand unter

einem improvisierten Dach, das anmutig mit Blumen und Blättern

geschmückt war. Alle Verwandten und Freunde der Neuvermählten waren

anwesend.

Das junge Mädchen -- die Lehrerin des Ortes, eine Halb-Weiße -- nahm

einen echten Maorie, den Sohn des Häuptlings von Punaauïa, zum Manne.

Sie war in der »frommen Schule« von Papeete erzogen worden, und der

protestantische Bischof, der sich für sie interessierte, hatte diese

Heirat, die viele für etwas übereilt hielten, persönlich vermittelt. --

Was der Missionar will, ist Gottes Wille, sagt man draußen ...

Eine volle Stunde wird gespeist und -- viel getrunken. Dann beginnen die

zahlreichen Reden. Sie werden der Reihe nach und mit Methode gehalten,

es ist ein sehr komischer Wettstreit der Beredsamkeit.

Nun kommt die wichtige Frage: welche der beiden Familien gibt den

Neuvermählten einen neuen Namen? Dieser aus sehr alter Zeit stammende

nationale Brauch bedeutet ein geschätztes, sehr begehrtes und viel

umstrittenes Vorrecht. Nicht selten artet der Streit über diesen Punkt

in einen blutigen Kampf aus.

Diesmal kam es nicht zu einem solchen. Alles verlief fröhlich und

friedlich. Allerdings war die Tischgesellschaft stark berauscht. Selbst

meine arme Vahina, die nicht unter meiner Aufsicht bleiben konnte, kam,

durch das Beispiel verleitet, in einen furchtbaren Rausch, und ich

brachte sie nicht ohne Mühe nach Haus.

Mitten am Tische thronte in bewundernswerter Würde die Frau des

Häuptlings von Punaauïa. Ihr auffallendes, phantastisches Kleid von

orangefarbenem Samt gab ihr ungefähr das Aussehen einer

Jahrmarktsheldin. Aber die unverwüstliche Anmut ihrer Rasse, wie das

Bewußtsein ihres Ranges verlieh ihrem Flitter eine unbeschreibliche

Größe. Die Gegenwart dieser majestätischen Frau von sehr reinem Typus

gab diesem Fest eine stärkere Würze als alles andere, und die Wirkung

davon blieb nicht aus.

Neben ihr saß eine hundertjährige Greisin, deren Hinfälligkeit durch

eine voll erhaltene Doppelreihe Menschenfresserzähne abschreckend war.

Sie nahm wenig teil an dem, was um sie herum geschah, und blieb

unbeweglich starr, fast wie eine Mumie. Aber eine Tätowierung auf ihrer

Wange, ein dunkles, in seiner Form unbestimmtes Zeichen, das an einen

lateinischen Buchstaben erinnerte, sprach in meinen Augen für sie und

erzählte mir ihre Geschichte. Die Tätowierung glich in nichts der der

Wilden: sie stammte sicherlich von europäischer Hand!

Ich erkundigte mich darnach.

Ehemals, sagte man mir, als die Missionare gegen die Fleischeslust

eiferten, zeichneten sie »gewisse Frauen« mit dem Stempel der

Ehrlosigkeit, dem »Höllensiegel« -- dessen sie sich schämten, aber nicht

etwa wegen der begangenen Sünden, sondern wegen der Lächerlichkeit und

der Schande einer solchen »Auszeichnung«.

An jenem Tage verstand ich besser denn je das Mißtrauen der Maories den

Europäern gegenüber, ein Mißtrauen, das heute noch besteht, so milde es

sich bei der großmütigen und gastfreundlichen Natur der australischen

Seele auch zeigen mag.

Wieviele Jahre lagen zwischen der von dem Priester gezeichneten Greisin

und dem von dem Priester verheirateten jungen Mädchen: Das Zeichen

bleibt unauslöschlich und zeugt von dem Niedergang der Rasse, die sich

ihm unterwarf, und von der Niedrigkeit jener, die es ihr aufzwang.

Fünf Monate später brachte die junge Frau ein wohlgebildetes Kind zur

Welt.

Entrüstet forderten die Eltern eine Scheidung. Der junge Mann

widersetzte sich:

-- Was tut es, da wir uns lieben, sagte er. Ist es bei uns nicht Brauch,

fremde Kinder anzunehmen? Ich nehme dieses an.

Warum aber hatte der Bischof sich so sehr bemüht, die Trauung zu

beschleunigen? Es wurde viel besprochen. Böse Zungen behaupteten, daß

...

Selbst auf Tahiti gibt es böse Zungen.

* * * * *

Abends im Bett haben wir lange Gespräche, mitunter sehr ernste.

Jetzt, wo ich Tehura verstehen kann, in der der Geist ihrer Vorfahren

noch schlummert und träumt, bemühe ich mich durch diese Kinderseele zu

sehen und zu denken und in ihr die zwar toten, aber in vagen

Erinnerungen noch bestehenden Spuren der fernen Vergangenheit

wiederzufinden.

Ich stelle Fragen, und sie bleiben nicht alle ohne Antwort.

Die von unsern Eroberungen mehr betroffenen und von unserer Zivilisation

stärker beeinflußten Männer haben die alten Götter vielleicht vergessen.

Aber im Gedächtnis der Frauen haben diese sich einen Zufluchtsort

bewahrt. Und es ist ein rührendes Schauspiel für mich, wenn unter meiner

Einwirkung die alten nationalen Gottheiten allmählich in Tehuras

Erinnerung erwachen und die künstlichen Schleier abwerfen, in die

protestantische Missionare sie einhüllen zu müssen geglaubt. Im ganzen

war das Werk der Katecheten ein sehr oberflächliches. Die Erfolge ihrer

Tätigkeit entsprachen, besonders bei den Frauen, nur wenig ihren

Erwartungen. Ihre Lehren sind wie eine schwache Firnisschicht, die

schnell bei der geringsten Berührung abbröckelt und schwindet.

Tehura besucht regelmäßig den Gottesdienst und befolgt die Vorschriften

der offiziellen Religion. Aber sie weiß die Namen aller Götter des

maorischen Olymps auswendig, und das ist keine Kleinigkeit. Sie kennt

ihre Geschichte, sie lehrt mich, wie sie die Welt erschaffen haben, wie

sie herrschen und wie sie geehrt sein wollen. Die strengen Lehren der

christlichen Moral sind ihr fremd, oder sie kümmert sich nicht darum,

denkt z. B. nicht daran zu bereuen, daß sie die Konkubine -- wie sie es

nennen -- eines Tané ist.

Ich weiß nicht recht, wie sie Jesus und Taaro in ihrem Glauben

zueinander stellt. Ich glaube, sie verehrt alle beide.

Nach und nach hat sie mir einen ganzen Kursus über tahitische Religion

gehalten. Dafür versuche ich ihr auf Grund europäischer Kenntnisse

einige Naturphänomene zu erklären.

Die Sterne interessieren sie sehr. Sie fragt mich nach der französischen

Benennung des Morgen-, des Abendsterns und der anderen Gestirne. Es wird

ihr schwer zu begreifen, daß die Erde sich um die Sonne dreht ...

Sie nennt mir die Sterne in ihrer Sprache, und während sie erzählt, sehe

ich beim Schein der Gestirne, die selber Gottheiten sind, die heiligen

Gestalten der maorischen Beherrscher der Luft, des Feuers, der Inseln

und Meere deutlich vor mir.

Die Bewohner von Tahiti haben immer, soweit man auch in ihrer Geschichte

zurückgreift, ziemlich ausgedehnte Kenntnisse in der Astronomie

besessen. Die periodischen Feste der Aréoïs -- Mitglieder einer geheimen

religiösen und zugleich politischen Gesellschaft, die auf den Inseln

herrschte -- wurden nach der Stellung der Gestirne bestimmt. Selbst die

Natur des Mondlichtes scheint den Maories nicht unbekannt gewesen zu

sein. Sie nehmen an, daß der Mond eine der Erde sehr ähnliche Kugel sei,

wie diese bewohnt und reich an Produkten wie die unsrigen.

Die Entfernung der Erde vom Monde schätzen sie auf ihre Weise: -- Eine

weiße Taube brachte den Samen des Baumes Ora vom Mond auf die Erde. Sie

brauchte _zwei Monde_, den Trabanten zu erreichen, und als sie nach

abermals zwei Monden auf die Erde fiel, war sie federlos. -- Dieser

Vogel hat von allen den Maories bekannten Vögeln den schnellsten Flug.

Dies aber ist die tahitische Benennung der Sterne. Ich vervollständige

Tehuras Lektion mit Hilfe des Fragments einer uralten Handschrift, die

in Polynesien gefunden wurde.

Ist es zu gewagt, darin eher die erste Andeutung eines von der

Astronomie aufgestellten Systems, als ein zufälliges Spiel der Phantasie

zu sehen?

Roüa -- groß ist sein Stamm -- schlief mit seinem Weibe, der

Düsteren Erde.

Sie gebar ihren König, die Sonne, darauf die Dämmerung, dann die

Nacht.

Da verstieß Roüa dieses Weib.

Roüa -- groß ist sein Stamm -- schlief mit der Frau, genannt »Grande

Réunion«.

Sie gebar die Königinnen des Himmels, die Gestirne, sodann den Stern

Tahiti, den Abendstern.

Der König der goldenen Himmel, der einzige König schlief mit seinem

Weibe Fanoüi.

Von ihr stammt das Gestirn Taüroüa (Venus), der Morgenstern, der

König Taüroüa, der dem Tag und der Nacht und andern Sternen, dem

Mond und der Sonne gebeut und den Schiffern als Führer dient.

Taüroüa segelte links gen Norden, schlief dort mit seinem Weibe und

zeugte den Roten-Stern, jenen Stern, der abends unter zwei Antlitzen

leuchtet.

Der Rote-Stern flog gegen Osten und setzte seine Piroge instand, die

Piroge des hellen Tages, und steuerte gen Himmel. Bei Sonnenaufgang

segelte er davon.

Rehoüa tritt nun im weiten Raume auf. Er schläft mit seinem Weibe

Oüra Tanéïpa.

Sie zeugten die Zwillings-Könige, den Plejaden gegenüber.

Diese Zwillings-Könige sind sicher dieselben wie unser Kastor und

Pollux.

Die erste Version der polynesischen Genesis unterliegt

Veränderungen, die vielleicht nur Entwicklungen sind.

Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Äußeren (oder des

Meeres) nennt.

Sie zeugten die weißen Wolken, die schwarzen Wolken und den Regen.

Taaroa schlief mit der Frau, die sich Göttin des Innern (oder der

Erde) nennt.

Von ihnen stammt der erste Keim. Stammt alles, was auf der

Oberfläche der Erde wächst.

Stammt der Nebel auf den Bergen.

Stammt, was sich das Starke nennt.

Stammt sie, die sich die Schöne nennt oder die zum

Gefallen-Geschmückte.

Mahoüi[5] steuert seine Piroge.

Er setzt sich nieder auf den Boden. Ihm zur Rechten hängt der mit

Haarsträhnen an der Leine befestigte Angelhaken.

Und die Leine mit dem Angelhaken, die er in der Hand hält, läßt er

in die Tiefe des Weltalls hinunter, um den großen Fisch (die Erde)

zu fischen.

Der Haken hat sich festgebissen.

Schon kommen die Achsen zum Vorschein, schon fühlt der Gott das

enorme Gewicht des Erdballs.

Tefatou (der Gott der Erde und die Erde selber) taucht noch, im

unermeßlichen Raume schwebend, von dem Angelhaken erfaßt, aus der

Nacht empor.

Mahoüi hat den großen Fisch gefischt, der im Raume schwimmt und den

er nun nach Belieben lenken kann.

Er hält ihn in der Hand.

Mahoüi regelt auch den Lauf der Sonne, so daß Tag und Nacht von

gleicher Dauer sind.

Ich bat Tehura, mir die Götter zu nennen.

-- Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin der Luft.

Von ihnen stammt der Regenbogen, der Mondschein, die roten Wolken

und der rote Regen.

Es schlief Taaroa mit Ohina, der Göttin des Erdbusens.

Sie zeugten Tefatou, den Geist, der die Erde belebt und sich durch

unterirdische Geräusche zu erkennen gibt.

Es schlief Taaroa mit der Frau, genannt Jenseits-der-Erde.

Sie zeugten die Götter Téirii und Roüanoüa.

Darauf Roo, der seitwärts aus dem Leibe der Mutter kam.

Und dieselbe Frau gebar noch den Zorn und den Sturm, die Rasenden

Winde und auch den Frieden, der ihnen folgt.

Und der Ursprung dieser Geister ist an dem Ort, von dem die Boten

ausgesandt werden.

Aber Tehura gibt zu, daß diese Darstellung angefochten wird. Es ist die

orthodoxeste Klassifikation.

Die Götter teilten sich in Atuas und Oromatuas.

Die höheren Atuas sind alle Söhne und Enkel des Taaroa.

Sie wohnen in den Himmeln -- es gibt deren sieben.

Die Söhne Taaroas und seines Weibes Féii Féii Maïtéraï waren: Oro (der

erste der Götter nach seinem Vater, der selbst zwei Söhne hatte, Tetaï

Mati und Oüroü Téféta), Raa (Vater von sieben Söhnen), Tané (Vater von

sechs Söhnen), Roo, Tiéri, Téfatou, Roüa Noüa, Toma Hora, Roüa Oütia,

Moë, Toüpa, Panoüa usw. usw.

Jeder dieser Götter hatte seine besonderen Abzeichen.

Die Werke des Mahoüi und des Tefatou kennen wir bereits ...

Tané hat den siebenten Himmel als Mund -- und dies bedeutet, daß der

Mund dieses Gottes das äußerste Ende des Himmels ist, von wo aus das

Licht die Erde zu erhellen beginnt.

Rii trennte Himmel und Erde.

Roüi wühlte die Wasser des Ozeans auf, durchbrach die feste Masse des

Erdballs und teilte ihn in unzählige Teile, die jetzigen Inseln.

Fanoüra, dessen Haupt bis zu den Wolken und dessen Füße bis zum

Meeresgrund reichten, und Fatoühoüi, ein anderer Riese, stiegen zusammen

nach Eïva -- einem unbekannten Lande -- hinunter, um das ungeheure

Schwein zu bekämpfen und zu vernichten, das die Menschen verschlang.

Hiro, Gott der Diebe, grub mit seinen Fingern Löcher in den Felsen. Er

befreite eine Jungfrau, die Riesen an einem verzauberten Ort gefangen

hielten: mit einer einzigen Hand riß er die Bäume aus, die am Tage das

Gefängnis der Jungfrau verdeckten, und der Zauber war gebrochen ...

Die Atuas niederen Ranges kümmerten sich mehr um das Leben und die

Arbeit der Menschen, ohne ihre Gewohnheiten zu teilen.

Es sind: die Atuas Maho (Götter-Haie), Schutzgeister der Seeleute: die

Pëho, Götter und Göttinnen der Täler, Schutzgeister der Ackerbauer; die

No Te Oüpas Oüpas, Schutzgeister der Sänger, Komödianten und Tänzer; die

Raaoü Pava Maïs, Schutzgeister der Ärzte; die No Apas, Götter, denen

Opfer dargebracht werden, nachdem sie jemand vor Hexerei und Zauber

bewahrt haben; die O Tanoü, Schutzgeister der Arbeiter, die Tané Ité

Haas, Schutzgeister der Zimmerleute und Baumeister; die Minias und

Papéas, Schutzgeister der Dachdecker; die Matatinis, Schutzgeister der

Netzeknüpfer.

Die Oromatuas sind Hausgötter, die Laren.

Es gibt wirkliche Oromatuas und Genien.

Die Oromatuas strafen die Streitsüchtigen und halten den Frieden in den

Familien aufrecht. Es sind: die Varna Taatas, Seelen verstorbener Männer

und Frauen jeder Familie. Die Eriorios, Seelen der in frühem Alter eines

natürlichen Todes gestorbenen Kinder. Die Poüaras, Seelen von Kindern,

die bei der Geburt getötet wurden und in den Körper der Heuschrecke

zurückgekehrt waren.

Die Genien sind von den Menschen gemutmaßte oder vielmehr wissentlich

erdachte Gottheiten. Sie legen irgendeinem Tiere oder einem Gegenstand,

einem Baume z. B., ohne jeden Grund willkürlich göttliche Bedeutung bei

und fragen ihn dann bei jedem wichtigen Anlaß um Rat. -- Vielleicht ist

das noch eine Spur der Seelenwanderung der Inder, die die Maories höchst

wahrscheinlich gekannt haben.

Ihre historischen Gesänge sind überreich an Sagen, in denen man die

Götter wieder die Gestalt von Tieren und Pflanzen annehmen sieht.

Nach den Atuas und Oramatuas kommen in letzter Reihe der himmlischen

Rangordnung die Tiis.

Diese Söhne Taaroas und Hinas sind sehr zahlreich.

Als den Göttern untergeordnete und den Menschen fernstehende Geister,

vermitteln sie nach der Schöpfungssage der Maories zwischen organischen

und unorganischen Wesen und verteidigen die Ansprüche und Rechte dieser

gegen die widerrechtlichen Angriffe der anderen.

Ihre Entstehung ist diese:

Es schlief Taaroa mit Ani (Sehnsucht) und sie zeugten: die Sehnsucht der

Nacht, den Boten der Finsternis und des Todes; die Sehnsucht des Tages,

den Boten des Lichts und des Lebens; die Sehnsucht der Götter, den Boten

des Himmlischen, und die Sehnsucht der Menschen, den Boten des

Irdischen.

Sodann zeugten sie: Tii-des-Inneren, der über Tiere und Pflanzen wacht,

Tii-des-Äußeren, der alle Wesen und Dinge des Meeres hütet;

Tii-des-Sandes, Tii-der-Küsten und Tii-der-lockeren Erde; Tii-der-Felsen

und Tii-des-Festen-Landes.

Später wurden noch geboren: Nachtleben, Tagesleben, Kommen und Gehen,

Ebbe und Flut, Freudenspenden und Genießen.

Die Bildnisse der Tiis waren an der Außenseite der Maraës (Tempel)

angebracht und begrenzten das Innere des heiligen Bodens. Man sieht

deren auf Felsen und an Küsten, und diese Götzenbilder haben die

Aufgabe, die Grenze zwischen Erde und Meer zu bezeichnen, die Harmonie

zwischen den beiden Elementen aufrechtzuerhalten und ihren

wechselseitigen Eingriffen zu wehren. Reisende haben noch jetzt auf der

Ile-de-Pâques einige Tii-Statuen gesehen. Es sind Riesendenkmäler in

halb menschlicher, halb tierischer Gestalt, die von einem eigentümlichen

Schönheitsbegriff und großer Geschicklichkeit in der Behandlung der

Steine zeugen, die architektonisch in Blöcken von geschickt gewählter

Farbenzusammenstellung übereinander getürmt sind.

Die europäische Invasion und der Monotheismus haben diese Spuren einer

einst hohen Kultur verwischt. Wenn die Tahitianer heutzutage ein

Monument errichten, zeigen sie Wunder von schlechtem Geschmack -- wie in

der Art des Grabmals des Pomare. Sie haben ihre ursprünglichen Instinkte

verloren, die in dem steten Verkehr mit der Tier- und Pflanzenwelt in so

reichem Maße bei ihnen entwickelt waren. Im Umgang mit uns, in _unserer

Schule_ sind sie erst wahrhaft »Wilde« in jenem Sinne geworden, die der

lateinische Okzident diesem Worte unterlegt. Sie sind schön geblieben

wie Kunstwerke, aber sie sind (wir haben sie) moralisch und auch

physisch unfruchtbar gemacht.

Es existieren noch Spuren der Maraës. Sie waren von Mauern umgebene

Vierecke, die durch drei Öffnungen unterbrochen wurden. Drei Seiten

bestanden aus Steinmauern von vier bis sechs Fuß, eine weniger hohe als

breite Pyramide bildete die vierte. Das Ganze hatte eine Breite von etwa

hundert und eine Länge von vierzig Metern. -- Bildnisse von Tiis

schmückten dies einfache Bauwerk.

Der Mond nimmt einen wichtigen Platz in der metaphysischen Anschauung

der Maories ein. Daß ihm zu Ehren ehemals große Feste veranstaltet

wurden, ist schon gesagt worden. Hina wird in den überlieferten

Erzählungen der Aréoïs oft genannt. Jedoch ist ihre Mitwirkung an der

Weltharmonie, ihre Rolle darin eine mehr negative als positive.

Dies geht deutlich aus dem oben angeführten Gespräch zwischen Hina und

Tefatou hervor.

Den Exegeten würden solche Worte den schönsten Stoff liefern, wenn sich

die australische Bibel auffinden ließe, um sie auszulegen. Vor allem

würden sie darin die Lehren einer Religion auf der Verehrung von

Naturkräften aufgebaut sehen -- ein gemeinsamer Zug aller primitiven

Religionen. Die Mehrzahl aller maorischen Götter sind eigentlich eine

Personifikation verschiedener Elemente. Aber ein aufmerksamer Blick, der

nicht von dem Wunsch abgelenkt und beeinflußt ist, die Überlegenheit

unserer Philosophie über die jener »Völkerschaften« zu beweisen, wird in

diesen Legenden sicherlich interessante und eigentümliche Züge finden.

Ich möchte zwei davon anführen -- aber ich begnüge mich, darauf

hinzuweisen. Es ist Aufgabe der Gelehrten, die Richtigkeit dieser

Hypothesen zu bestätigen.

Vor allem ist es die Klarheit, mit der die beiden einzigen und

allgemeinen Grundideen des Lebens sich unterscheiden und offenbaren. Die

eine, Seele und Intelligenz, Taaora, ist das Männliche, die andere,

gewissermaßen Stoff und Körper des nämlichen Gottes, das Weibliche, und

dies ist Hina, Ihr gehört die ganze Liebe des Menschen, ihm seine

Ehrfurcht. -- Hina ist nicht nur der Name des Mondes; es gibt auch eine

_Hina der Luft_, _Hina des Meeres_, eine _Hina des Inneren_, aber diese

beiden Silben charakterisieren nur die untergeordneten Teile der

Materie. Die Sonne, der Himmel, das Licht und sein Reich, sozusagen alle

edlen Teile der Materie -- oder vielmehr ihre spirituellen Elemente sind

Taaroa. Das geht deutlich aus mehr als einem Ausspruch hervor, in dem

die Definition von Geist und Materie wieder zu erkennen ist. -- Oder was

bedeutet wohl, wenn wir es bei dieser Definition bewenden lassen, die

Grundlehre der maorischen Schöpfungsgeschichte:

Das Weltall ist nur die Schale des Taaroa --?

Bestätigt diese Lehre nicht den Urglauben an die Einheit des Stoffes;

wie die Definition und die Trennung von Geist und Körper die Analyse der

zwiefachen Manifestation dieses Stoffes in seiner Einheit! So selten

solch ein philosophisches Vorausempfinden bei den Primitiven auch sein

mag, darf doch dessen Wahrscheinlichkeit nicht bestritten werden. Es ist

wohl zu erkennen, daß die australische Theologie in den Handlungen des

Gottes, der die Welt erschuf und sie erhält, zwei Ziele im Auge hat: die

erzeugende Ursache und die befruchtete Materie, die treibende Kraft und

den verwandelten Gegenstand, Geist und Materie. Ebenso muß man in den

beständigen Wechselwirkungen zwischen dem leuchtenden Geist und der

empfänglichen Materie, die er belebt, in den aufeinander folgenden

Verbindungen des Taaroa mit den verschiedenen Hina-Gestalten, den

fortwährenden und wechselnden Einfluß der Sonne erkennen, wie in den

Früchten dieser Verbindungen die durch eben diese Elemente

hervorgerufenen Wandlungen von Licht und Wärme. Aber hat man dieses

Phänomen, von dem aus die beiden Hauptströmungen sich vereinigten, erst

einmal vor Augen, so verschmelzen in der Frucht die zeugende Ursache und

die befruchtete Materie, in der Bewegung die treibende Kraft und der

verwandelte Gegenstand, im Leben Geist und Materie, und das eben

erschaffene Weltall ist nichts _als die Schale des Taaroa_!

Aus dem Zwiegespräch zwischen Hina und Tefatou geht hervor, daß Mensch

und Erde untergehen, während der Mond und die Wesen, welche ihn

bewohnen, fortdauern. Wenn wir uns erinnern, daß Hina die Materie

vorstellt -- in der sich einem wissenschaftlichen Ausspruch nach »alles

verwandelt und nichts vergeht« --, werden wir annehmen müssen, daß der

alte maorische Weise, von dem diese Sage stammt, ebensoviel davon wußte

wie wir. Die Materie vergeht nicht, das heißt, sie verliert ihre

sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften nicht. Der Geist dagegen und die

»spirituelle Materie«, das Licht, sind Wandlungen unterworfen: es gibt

Nacht und den Tod, wo die Augen sich schließen, von denen Helle

auszustrahlen schien, die sie zurückwarfen. -- Der Geist, oder die

höchste aktuelle Manifestation des Geistes ist der Mensch. _Und der

Mensch muß sterben ... Er stirbt, um nicht mehr zum Leben zu erwachen._

-- Wenn aber der Mensch und die Erde, die Früchte der Verbindung von

Taaroa mit Hina, auch untergehen, ist doch Taaroa ewig, und uns wird

verkündet, daß Hina, die Materie, fortfahren wird zu sein. In alle

Ewigkeit werden nun Geist und Materie, das Licht und der Gegenstand, den

es zu erhellen strebt, von dem gemeinsamen Verlangen nach einer neuen

Verbindung erfüllt sein, aus der ein neuer »Zustand« der unendlichen

Evolution des Lebens hervorgehen wird.

Evolution! ... Einheit des Stoffes ... Wer hätte erwartet, in den

Vorstellungen ehemaliger Kannibalen die Beweise einer so hohen Kultur zu

finden? Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich der Wahrheit nichts

zugefügt habe.

Tehura zweifelte zwar durchaus nicht an diesen Abstraktionen, aber sie

war nicht davon abzubringen, in den Sternschnuppen schweifende Tupapaüs

und trauernde Genien zu sehen. Im selben Sinne wie ihre Vorfahren Taaroa

für den Himmel in Person und die von ihm stammende Atuas für Götter und

Himmelskörper zugleich hielten, schrieb sie den Sternen menschliche

Empfindungen zu. Ich weiß nicht, inwiefern diese poetischen

Vorstellungen den Fortschritt der positivsten Wissenschaft hemmen, und

bis zu welchem Punkt die höchste Wissenschaft sie verwerfen würde ...

Von einem andern Gesichtspunkt aus wären für das Gespräch zwischen Hina

und Tefatou verschiedene Deutungen zulässig. -- Der Rat des Mondes, der

eine Frau ist, könnte der gefährliche Rat blinden Mitleids und

sentimentaler Schwäche sein: der Mond und die Frauen (in der Vorstellung

der Maories) gleichbedeutend mit Materie, brauchten nicht zu wissen, daß

der Tod allein die Geheimnisse des Lebens birgt. -- Die Antwort des

Tefatou könnte ein strenger, aber voraussehender und uneigennütziger

Ausspruch von höchster Weisheit sein, die erkennt, daß die individuellen

Äußerungen aktuellen Lebens einem höheren Wesen weichen müssen, auf daß

es komme, und ihm geopfert werden müssen, auf daß es siege.

Früher hätte diese Antwort die Bedeutung einer nationalen Prophezeiung

von noch größerer Tragweite gehabt: ein großer Geist hätte in alter Zeit

die Lebensfähigkeit seiner Rasse studiert und abgeschätzt, hätte die

Todeskeime in ihrem Blut ohne die Möglichkeit einer Heilung oder

Wiedergenesung vorausgesehen und sich gesagt:

Tahiti wird aussterben, es wird aussterben, um nicht wieder zu

erstehen.

* * * * *

Noa Noa(#62800) · 第 3 / 5 段