Seit mehreren Monaten war ich von Titi getrennt, hatte seit Monaten

nicht mehr ihr übermütig kindliches, zwitscherndes Geplauder über

dieselben Dinge und dieselben Fragen gehört, auf die ich immer mit

denselben Geschichten antwortete.

Und diese Stille tat mir nicht gut. Ich beschloß fortzugehen, eine Fahrt

um die Insel zu machen, für die ich kein bestimmtes Ziel festsetzte.

Während ich meine Vorbereitungen traf -- ein paar leichte Pakete für die

Bedürfnisse der Reise -- und meine Studien ordnete, schaute mein Nachbar

und Freund Anani mir beunruhigt zu. Nach langem Zögern, begonnenen und

wieder unterbrochenen Gebärden, deren klare Deutlichkeit mich sehr

belustigte und zugleich rührte, entschloß er sich endlich, mich zu

fragen, ob ich mich anschickte fortzugehen.

-- Nein, erwiderte ich, ich will nur einen Ausflug von mehreren Tagen

machen.

Ich komme wieder.

Er glaubte mir nicht und fing an zu weinen!

Sein Weib gesellte sich zu ihm und versicherte mich ihrer Zuneigung,

sagte mir, daß ich kein Geld brauche, um unter ihnen zu leben, daß ich,

wenn ich wollte, einst für immer _dort_ ruhen könnte -- sie wies auf

einen mit einem Bäumchen geschmückten Grabhügel nahe bei ihrer Hütte.

Und plötzlich verlangte mich danach -- dort -- zu ruhen. Da würde mich

wenigstens in alle Ewigkeit niemand stören ...

-- Ihr Europäer seid seltsam, fügte das Weib des Anani hinzu. Ihr kommt,

ihr versprecht zu bleiben, und wenn man euch lieb hat, geht ihr wieder?

Ihr sagt, ihr kommt wieder, aber ihr kehrt niemals zurück!

-- Ich aber schwur, daß es meine Absicht sei, _diesmal_ wiederzukommen.

Später (ich wagte nicht zu lügen), später wüßte ich noch nicht ...

Schließlich ließen sie mich ziehen.

* * * * *

Ich weiche von dem Weg ab, der am Strande entlang geht, und schlage

einen schmalen Pfad durch tiefes Dickicht ein. Der Weg führt mich so

weit ins Gebirge, daß ich nach Verlauf einiger Stunden ein kleines Tal

erreiche, dessen Bewohner noch nach altem maorischem Brauch leben.

Sie sind still und glücklich. Sie träumen, sie lieben, schlafen und

singen, -- sie beten, und das Christentum scheint noch nicht bis hierher

gedrungen zu sein. Deutlich sehe ich die Statuen ihrer Gottheiten vor

mir, obwohl sie in Wirklichkeit längst verschwunden sind, besonders die

Statue der Hina, und die Feste zu Ehren der Mondgöttin. Das Götzenbild,

aus einem einzigen Block, mißt zehn Fuß von einer Schulter zur andern

und vierzig Fuß in der Höhe. Auf dem Haupte trägt sie in Gestalt einer

Kappe einen riesigen Stein von rötlicher Farbe. Um sie herum wird nach

altem Ritus der _Matamua_ getanzt, und das Vivo[4] stimmt seinen Ton je

nach der Farbe der Stunde froh, heiter oder düster und traurig ...

Ich setze meinen Weg fort.

In Taravao -- dem weitest entfernten Distrikt von Mataïéa, am andern

äußersten Ende der Insel -- leiht ein Gendarm mir sein Pferd, und ich

trabe an der von Europäern wenig besuchten Küste entlang.

In Faone, einem kleineren Ort vor dem bedeutenderen Itia, ruft mich ein

Eingeborner an.

-- He! Mann, der Menschen macht! (er weiß, daß ich Maler bin.) _Haëré

mai ta maha_ (Komm und iß mit uns: die tahitische Formel der

Gastfreundschaft).

Ich lasse mich nicht bitten, so anmutend und herzlich ist das die

Einladung begleitende Lächeln.

Ich steige vom Pferde. Mein Wirt nimmt das Tier am Zaum und bindet es

ohne eine Spur von Unterwürfigkeit geschickt an einen Baum.

Dann treten wir miteinander in eine Hütte, wo Männer und Frauen

plaudernd und rauchend auf dem Boden sitzen. Um sie her spielen und

tummeln sich die Kinder.

-- Wohin willst du? fragte mich eine schöne, etwa vierzigjährige Maorie.

Ich will nach Itia.

-- Wozu?

Ich weiß nicht, was mir in den Sinn kam, oder vielleicht nannte ich den

wahren, mir bis dahin noch selber verborgenen Zweck meiner Reise.

-- Um dort eine Frau zu suchen, antwortete ich.

-- In Faone gibt es viele und hübsche. Willst du eine von ihnen?

-- Ja!

-- Wohlan! Gefällt sie dir, so will ich sie dir geben. Es ist meine

Tochter.

-- Ist sie jung?

-- Ja.

-- Ist sie hübsch?

-- Ja.

-- Ist sie gesund?

-- Ja.

-- Gut. So bringe sie mir.

Die Frau ging hinaus.

Nach einer Viertelstunde, als das Mahl -- wilde Bananen und Krabben --

aufgetragen wurde, kam sie in Begleitung eines jungen Mädchens wieder

herein, das ein kleines Bündel in der Hand hielt.

Durch das Gewand von sehr durchsichtigem rosa Musselin schimmerte die

goldige Haut ihrer Schultern und Arme. Zwei Knospen hoben sich

schwellend an ihrer Brust. Es war ein schlankes, großes, kräftiges Kind

von wunderbarem Ebenmaß. Aber in dem schönen Gesicht fand ich nicht

jenen Typus wieder, der mir sonst überall auf der Insel begegnet war.

Auch das Haar war ungewöhnlich buschig und leicht gewellt. In der Sonne

bot alles dies eine wahre Orgie von Chrom.

Man sagte mir, daß sie von den Tongas abstamme.

Ich begrüßte sie, sie lächelte und setzte sich neben mich.

-- Du hast keine Furcht vor mir? fragte ich.

-- Aïta (nein).

-- Willst du für immer in meiner Hütte wohnen?

-- Eha (ja).

-- Du bist nie krank gewesen?

-- Aïta.

Das war alles.

Mir schlug das Herz, während das Mädchen gelassen am Boden vor mir die

Speisen auf einem großen Bananenbrett für mich anrichtete. Ich aß mit

gutem Appetit, aber ich war zerstreut und tief erregt. Dieses Kind von

etwa dreizehn Jahren (achtzehn bis zwanzig in Europa) entzückte mich,

schüchterte mich ein und erschreckte mich fast. Was mochte in dieser

Seele vorgehen? Und ich, der so alt war im Vergleich zu ihr, ich zögerte

einen Augenblick, den so eilig abgeschlossenen Vertrag zu unterzeichnen,

bei dem doch alle Vorteile auf meiner Seite waren!

Vielleicht -- dachte ich -- gehorchte sie einem Befehl der Mutter.

Vielleicht ist es ein Handel, den sie unter sich ausgemacht haben ...

Ich beruhigte mich, als ich in den Zügen des jungen Mädchens, in seinem

Gebaren und seiner Haltung die Zeichen wahrer Unabhängigkeit und eines

Stolzes erkannte, die so charakteristisch für seine Rasse sind. Und mein

Vertrauen ward vollkommen und unerschütterlich, als ich nach eingehender

Forschung deutlich jenen Ausdruck von Heiterkeit bei ihr wahrnahm, der

bei jungen Wesen immer eine ehrenhafte, löbliche Handlung begleitet. --

Allein der spöttische Zug um ihren hübschen, weichen, sinnlichen Mund

war mir eine Gewähr dafür, daß die Gefahren des Abenteuers nur für mich

bestanden, nicht für sie ...

Ich leugne nicht, daß mir in einer seltsam bedrückenden Angst ganz

beklommen zumute war, als ich die Schwelle der Hütte überschritt.

Die Stunde der Abreise war gekommen. Ich stieg zu Pferde.

Das Mädchen folgte mir, von der Mutter, einem Mann und zwei jungen

Frauen -- seinen Tanten, wie es sagte -- begleitet.

Wir kehrten nach Taravao zurück, das neun Kilometer von Faone entfernt

ist.

Nach dem ersten Kilometer hieß es:

-- Parahi téié (hier mache Halt).

Ich stieg vom Pferde, und wir traten alle sechs in eine große, sauber

gehaltene, beinahe reiche, mit hübschen Matten ausgestattete Hütte.

Ein noch junges und außerordentlich liebenswürdiges Paar bewohnte sie.

Meine Braut setzte sich neben die Frau und stellte mich vor.

-- Dies ist meine Mutter, sagte sie.

Dann wurde schweigend ein Becher mit frischem Wasser gefüllt, von dem

wir alle der Reihe nach feierlich tranken, als handele es sich um einen

alten frommen Brauch.

Hierauf sagte die eben von meiner Braut als ihre Mutter bezeichnete Frau

mit gerührtem Blick und feuchten Wimpern zu mir:

-- Du bist gut?

Nicht ohne Verwirrung antwortete ich nach einer Prüfung meines

Gewissens:

-- Ich hoffe es.

-- Wirst du meine Tochter glücklich machen?

-- Ja.

-- In acht Tagen muß sie wiederkommen. Wenn sie nicht glücklich ist,

wird sie dich verlassen.

Ich willigte mit einer Gebärde ein. Allgemeines Schweigen. Niemand

schien eine Unterbrechung zu wagen.

Endlich gingen wir hinaus, ich bestieg wieder mein Pferd und brach,

immer von meinem Gefolge geleitet, von neuem auf.

Unterwegs begegneten wir mehreren Personen, die meine Familie kannten.

Sie waren bereits von dem Ereignis unterrichtet und sagten, als sie das

Mädchen begrüßten:

-- Bist du jetzt wirklich die Vahina eines Franzosen? Viel Glück!

Ein Punkt beunruhigte mich. Wie kam Tehura (so hieß meine Frau) zu zwei

Müttern?

Ich fragte die erste, die sie mir angeboten hatte:

-- Warum hast du gelogen?

Die Mutter Tehuras antwortete:

-- Ich habe nicht gelogen. Die andere ist auch ihre Mutter, sie ist ihre

Amme.

* * * * *

In Taravao gab ich dem Gendarm sein Pferd zurück, und es kam zu einem

peinlichen Vorfall. Die Frau des Gendarmen, eine Französin, sagte zwar

ohne Spott, aber taktlos zu mir:

-- Was! Sie nehmen sich eine solche Dirne mit?

Und ihre boshaften Augen entkleideten das junge Mädchen, das dieser

beleidigenden Prüfung mit vollkommener Kaltblütigkeit begegnete.

Ich betrachtete einen Augenblick dies symbolische Schauspiel, das die

beiden Frauen mir boten: Hier erste Blütezeit, Glaube und Natur, dort

Dürre, Zwang und Künstelei. Zwei feindliche Rassen standen sich

gegenüber, und ich schämte mich der meinigen. Ich litt darunter, sie so

kleinlich und verständnislos zu sehen, und wandte mich schnell ab, um

mich an dem Glanz der andern, an diesem lebenden Gold zu erfreuen und zu

erwärmen, das ich schon liebte.

In Taravao verabschiedete die Familie sich bei dem Chinesen von uns, wo

alles zu haben ist, verfälschte Liköre und Früchte, Waffen und Stoffe,

Männer, Frauen und Vieh.

Meine Frau und ich benutzten einen Wagen, der uns 25 Kilometer weiter,

in Mateïéa, vor meiner Hütte absetzte.

* * * * *

Meine Frau war nicht sehr gesprächig, heiter und melancholisch zugleich,

vor allem aber spottlustig.

Wir hörten nicht auf, uns gegenseitig zu studieren, aber sie blieb

unergründlich, und ich war bald der Besiegte in diesem Kampf.

Der gute Vorsatz, mich zu überwachen, zu beherrschen, um ein

scharfsichtiger Beobachter zu werden, half mir wenig, meine Kraft ging

bald zu Ende -- und ich war für Tehura in kurzer Zeit ein offenes Buch.

Ich ward nun gewissermaßen auf meine Kosten und an meiner eignen Person

der tiefen Kluft gewahr, die eine australische Seele von einer

lateinischen und besonders einer französischen Seele trennt. Die Seele

der Maories offenbart sich nicht sogleich. Es bedarf großer Geduld und

eines Studiums, um ihrer habhaft zu werden. Und selbst wenn man sie von

Grund aus zu kennen meint, bringt sie einen durch ganz unvorhergesehene

»Sprünge« aus der Fassung. Im Anfang aber ist sie ein Rätsel oder

vielmehr eine unendliche Reihe von Rätseln. Im Augenblick, da man sie zu

fassen meint, ist sie fern, unerreichbar, unnahbar unter dem Mantel der

Heiterkeit. Dann nähert sie sich vielleicht freiwillig, um abermals zu

entschlüpfen, sobald man die geringste Gewißheit zu erkennen gibt. Und

während man, durch dies Gebaren verwirrt, ihr innerstes Wesen sucht,

bewahrt sie ihre unverwüstlich fröhliche Zuversicht und sorglose

Leichtherzigkeit, die vielleicht weniger echt ist, als es den Anschein

hat.

Für mein Teil verzichtete ich bald auf Grübeleien, die mich hinderten,

mein Leben zu genießen. Voll Vertrauen erwartete ich mit der Zeit

Offenbarungen, die mir anfangs verwehrt blieben.

Die Woche verstrich so, und ich hatte ein Gefühl von »Kindlichkeit«, das

ich vormals nie gekannt.

Ich liebte Tehura und sagte es ihr, aber es machte sie lachen: sie wußte

es ja!

Auch sie schien mich zu lieben, doch sprach sie davon nicht zu mir: --

Aber zuweilen, in der Nacht, leuchtete das Gold von Tehuras Haut ...

Am achten Tag ... mir war, als hätten wir eben erst miteinander unsere

Hütte betreten -- bat Tehura mich um Erlaubnis, ihre Mutter in Faone zu

besuchen. Es war eine versprochene Sache.

Betrübt fügte ich mich, band einige Piaster in ihr Taschentuch, von

denen sie die Kosten der Reise und Rum für ihren Vater bestreiten

konnte, und begleitete sie zu dem Wagen.

Ich hatte das Gefühl eines Abschieds für immer.

Die folgenden Tage waren qualvoll.

Die Einsamkeit trieb mich aus der Hütte, und Erinnerungen riefen mich

dahin wieder zurück. Keine Studie vermochte meine Gedanken zu fesseln

...

Eine zweite Woche verging, und Tehura kehrte zurück.

Nun fing ein vollkommen glückliches Leben an. Glück und Arbeit begannen

zugleich mit der Sonne und strahlend wie sie. Das Gold von Tehuras

Antlitz erhellte das Innere unserer Hütte und die Landschaft ringsum mit

einem Schimmer von Freude und Heiterkeit. Sie studierte mich nicht mehr

und ich nicht sie. Sie verheimlichte mir ihre Liebe nicht länger, und

ich sprach ihr nicht mehr von der meinen. Wir lebten beide in aller

Einfachheit.

Wie wohl tat es, sich morgens im nächsten Bach zu erfrischen -- ganz wie

ich mir denke, daß es im Paradies der erste Mann und das erste Weib

getan!

Paradies von Tahiti, _navé navé fénua_, -- köstliches Land!

Und die Eva dieses Paradieses gestaltete sich immer liebevoller und

empfänglicher. Ich bin von ihrem Duft durchdrungen: _noa, noa_! Sie ist

zur rechten Zeit in mein Leben getreten. Früher hätte ich sie vielleicht

nicht verstanden, und später wäre es zu spät gewesen. Jetzt verstehe ich

sie, wie ich sie liebe, und durch sie dringe ich in Mysterien ein, die

mir bis dahin unzugänglich waren.

Allein mein Geist verarbeitet diese Entdeckungen noch nicht, ich präge

sie noch nicht meinem Gedächtnisse ein. Alles was Tehura mir erzählt,

erfasse ich nur mit Gefühl.

In meinen Empfindungen und Eindrücken werde ich ihre Worte einst

wiederfinden. Durch ihre täglichen Mitteilungen über ihr Leben führt sie

mich sicherer, als es durch irgendeine andere Methode geschehen könnte,

zum vollen Verständnis ihrer Rasse.

Und ich habe kein Bewußtsein mehr von Tagen oder Stunden, von Gut und

Böse. Das Glück ist zuweilen so seltsam, daß der Begriff davon fast

aufgehoben wird. Ich weiß nur, daß alles gut ist, weil alles schön ist.

Und Tehura stört mich nie, wenn ich arbeite oder träume. Instinktmäßig

schweigt sie dann. Sie weiß sehr gut, wann sie sprechen kann, ohne mich

zu belästigen.

Wir unterhalten uns über Tahiti, über Europa, über Gott und Götter. Ich

unterrichte sie und sie belehrt mich.

* * * * *

Ich mußte für einen Tag nach Papeete fahren.

Zwar hatte ich versprochen, am selben Abend zurückzukehren, aber der

Wagen, den ich genommen, verließ mich auf halbem Wege, ich mußte den

Rest zu Fuß zurücklegen, und es wurde 1 Uhr morgens, ehe ich zu Hause

anlangte.

Als ich die Tür öffnete, sah ich beklommenen Herzens, daß es drinnen

dunkel war. Dies hatte an sich nichts Merkwürdiges, denn wir besaßen

augenblicklich nur wenig Licht, und den Vorrat zu erneuern, war mit ein

Grund für meine Abwesenheit. Aber ich zitterte in einem plötzlichen

Gefühl der Furcht und des Argwohns, das ich für eine Vorahnung hielt:

der Vogel war gewiß davongeflogen ...

Schnell zündete ich ein Streichholz an und sah -- Tehura reglos, nackt,

platt hingestreckt auf dem Bett, die Augen vor Angst übermäßig weit

geöffnet. Sie sah mich an und schien mich nicht zu erkennen. Ich selber

blieb einige Augenblicke in seltsamer Ungewißheit stehen. Tehuras

Entsetzen wirkte ansteckend. Mir war, als entströme ihren starr

blickenden Augen ein Phosphorschein. Niemals hatte ich sie so schön, von

so rührender Schönheit gesehn. Und dann fürchtete ich in diesem, für sie

sicherlich von bedenklichen Erscheinungen belebten Halbdunkel eine

Bewegung zu machen, die sie erschrecken und den Paroxysmus des Kindes

steigern konnte. Wußte ich denn, was ich in diesem Augenblick für sie

war? Ob sie mich mit meinem entsetzten Gesicht nicht für einen Dämon

oder Geist, einen der Tupapaüs hielt, die ihren Sagen nach in

schlaflosen Nächten erscheinen? Wußte ich, wer sie selber eigentlich

war? Die Intensität des Entsetzens, von dem sie unter der physischen und

moralischen Gewalt ihres Aberglaubens besessen war, machte sie zu einem

fremden Wesen für mich, ganz verschieden von allem, was ich bisher

gekannt!

Endlich kam sie zu sich, rief mich an, und ich ermannte mich, sie zu

schelten, zu beruhigen und zu beschwichtigen.

Sie hörte mich schmollend an und sagte dann mit vor Schluchzen

zitternder Stimme:

-- Laß mich nicht wieder so allein ohne Licht ...

Aber kaum war die Furcht eingeschlummert, als die Eifersucht erwachte:

-- Was tatest du in der Stadt? Du hast Frauen besucht, solche, die auf

Märkten tanzen und trinken, die sich Offizieren und Matrosen und jedem

geben ...

Ich ließ mich auf keinen Streit ein, und die Nacht ward süß -- süß und

feurig, eine Tropennacht.

Tehura war bald sehr liebevoll und vernünftig, bald ausgelassen und sehr

übermütig. Zwei entgegengesetzte Wesen -- ohne viele andere unendlich

verschiedene mitzurechnen -- in einem vereint, die sich gegenseitig

Lügen straften und in betäubender Geschwindigkeit unvermittelt

aufeinander folgten. Sie war nicht veränderlich, sondern doppelt,

dreifach, hundertfach: das Kind einer _alten_ Rasse.

Eines Tages kommt ein Hausierer, der ewige Jude -- er macht die Inseln

unsicher wie das Festland -- und bringt ein Kästchen mit Schmucksachen

aus vergoldetem Kupfer an.

Er breitet seine Waren aus, und alle umringen ihn.

Ein Paar Ohrringe gehen von Hand zu Hand. Die Augen der Frauen leuchten,

jede möchte sie haben.

Tehura runzelt die Brauen und sieht mich an. Ihre Augen reden sehr

deutlich. Ich stelle mich, als ob ich sie nicht verstände.

Sie zieht mich in eine Ecke:

-- Ich will sie haben!

Ich erkläre ihr, daß dieses Zeug in Frankreich gar keinen Wert habe, daß

sie aus _Kupfer_ seien.

-- Ich will sie haben!

-- Nicht doch! Für solche Dummheit 20 Francs bezahlen! Das wäre eine

Torheit. Nein.

-- Ich will sie haben!

Und mit leidenschaftlicher Zungenfertigkeit, die Augen voll Tränen,

dringt sie in mich:

-- Wie, würdest du dich nicht schämen, diesen Schmuck in den Ohren einer

andern zu sehen? Einer dort spricht schon davon, sein Pferd zu

verkaufen, um seiner Vahina die Ohrringe zu schenken!

Ich kann auf diese Torheit nicht eingehen und schlage ihr es zum

zweitenmal ab.

Tehura blickt mich starr an, ohne noch ein Wort zu verlieren, und weint.

Ich gehe fort, komme wieder zurück, gebe dem Juden schließlich die

zwanzig Francs -- und die Sonne scheint wieder.

Zwei Tage später war ein Sonntag. Tehura macht große Toilette. Das Haar

wird mit Seife gewaschen, dann in der Sonne getrocknet und schließlich

mit duftendem Öl eingerieben. In ihrem schönsten Kleide, eins von

_meinen_ Taschentüchern in der Hand, eine Blume hinterm Ohr und mit --

nackten Füßen geht sie zum Tempel.

-- Und deine Ohrringe? frage ich.

Tehura verzieht verächtlich den Mund:

-- Sie sind ja aus Kupfer!

Und mit lautem Lachen überschreitet sie die Schwelle der Hütte und geht,

plötzlich wieder ernst geworden, davon.

Die Mittagsruhe verbringen wir, wie an jedem andern Tage, schlafend oder

träumend nebeneinander. Vielleicht sieht Tehura in ihrem Traume andere

Ohrringe glitzern.

Ich möchte alles vergessen, was ich weiß, und immer schlafen ...

* * * * *

Eines Tages bei schönem Wetter -- auf Tahiti keine Ausnahme --

beschlossen wir, uns morgens aufzumachen, um Freunde zu besuchen, deren

Hütte zehn Kilometer von der unsrigen entfernt war.

Da wir um sechs Uhr aufgebrochen waren, legten wir den Weg in der Kühle

schnell zurück und langten schon um acht Uhr an.

Wir wurden nicht erwartet: die Freude war groß, und nach beendeter

Begrüßung machten sie sich auf die Suche nach einem Schwein, um uns ein

Fest zu bereiten. Es wurde geschlachtet und dem Schwein noch zwei Hühner

beigesellt. Eine prachtvolle, am Morgen gefangene Tintenschnecke, einige

Bananen und andere Früchte vervollständigten das reichliche Mahl. Ich

machte den Vorschlag, in der Zeit bis zum Mittagessen die Grotten von

Mara zu besichtigen, die ich oft von fern gesehen hatte, ohne jemals die

Gelegenheit zu finden, sie aufzusuchen.

Drei junge Mädchen, ein Knabe, Tehura und ich, eine lustige kleine

Gesellschaft, hatten das Ziel bald erreicht.

Vom Wegrand aus könnte man die fast ganz von Guavabäumen verdeckte

Grotte einfach für einen Felsenvorsprung oder eine etwas tiefere Spalte

halten. Aber biegt man die Zweige zurück und gleitet man einen Meter

weiter hinunter, so ist keine Sonne mehr sichtbar, man befindet sich in

einer Art Höhle, deren Grund an eine kleine Bühne mit hochroter,

scheinbar etwa 100 m weit entfernter Decke erinnert. Hie und da an den

Wänden glaubt man riesige Schlangen sich langsam dehnen zu sehen, um an

der Oberfläche des inneren Sees zu trinken. Aber es sind Wurzeln, die

sich einen Weg durch die Felsspalten bahnen.

-- Ob wir ein Bad nehmen?

Ich erhalte zur Antwort, daß das Wasser zu kalt sei, und abseits werden

lange, von Lachen unterbrochene Unterhandlungen geführt, die mich

neugierig machen.

Ich gebe nicht nach, und endlich entschließen die Mädchen sich, sie

legen ihre leichten Gewänder ab, und mit dem Paréo umgürtet, sind wir

bald alle im Wasser.

-- Toë, toë! rufen alle einstimmig.

Das Wasser plätschert, und ihre Rufe werden von tausend Echos

zurückgeworfen, die das _toë, toë_ wiederholen.

-- Kommst du mit mir, frage ich Tehura und zeige auf den Grund.

Bist du toll? Da hinunter, so weit! Und die Aale? Da hinunter wagt man

sich nie!

Und anmutig schwang sie sich leicht auf das Ufer, wie einer, der stolz

ist, so gut schwimmen zu können. Aber ich bin auch ein guter Schwimmer,

und obwohl ich mich nicht gern allein so weit fort wagte, steuerte ich

auf den Grund zu.

Durch welch seltsames Phänomen der Luftspiegelung mochte er sich aber

immer mehr von mir entfernen, je angestrengter ich mich bemühte, ihn zu

erreichen? Ich drang immer weiter vorwärts, und von allen Seiten

blickten die großen Schlangen mich spöttisch an. Einen Augenblick

glaubte ich eine große Schildkröte schwimmen zu sehen, ihr Kopf ragte

aus dem Wasser, und ich unterschied zwei starre, glänzende Augen, die

mich argwöhnisch anschauten. -- Torheit! dachte ich: die

Meerschildkröten leben nicht in süßem Wasser. Dennoch (bin ich denn

wirklich ein Maorie geworden?) kommen mir Zweifel, und es fehlt wenig,

daß mir schaudert. Was sind das nur für breite, stille Wellen da vor

mir? Aale!

-- Ach was, diese lähmende Empfindung von Furcht muß abgeschüttelt

werden!

Ich ließ mich senkrecht hinunter, um auf den Grund zu kommen. Doch ich

mußte wieder hinauf, ohne daß es mir gelungen war. Vom Ufer rief Tehura

mir zu:

-- Komm zurück!

Ich wende mich um und sehe sie sehr weit und ganz klein.

Warum geht die Entfernung auch hier bis ins Unendliche? Tehura ist nur

noch ein schwarzer Punkt in einem leuchtenden Kreise.

Ich bleibe hartnäckig und schwimme noch eine halbe Stunde: der Grund

scheint immer in der gleichen Entfernung zu bleiben.

Ein Ruhepunkt auf einem kleinen Plateau und dann wieder ein gähnendes

Loch -- wohin mochte es führen? Ein Geheimnis, das zu ergründen ich

aufgebe.

Ich gestehe, daß ich schließlich wirklich Furcht empfand.

Ich brauchte eine volle Stunde, um mein Ziel zu erreichen.

Tehura allein erwartete mich. Ihre Gefährtinnen waren gleichgültig

fortgegangen.

Tehura sprach ein Gebet, und wir verließen die Grotte.

Ich zitterte noch ein wenig -- vor Kälte. Aber im Freien erholte ich

mich bald, besonders als Tehura mit einem Lächeln, das mir nicht ganz

frei von Spott zu sein schien, fragte:

-- Du hast dich nicht gefürchtet?

Mit Entrüstung erwiderte ich:

-- Wir Franzosen kennen keine Furcht.

Tehura äußerte weder Mitleid noch Bewunderung. Aber ich merkte, daß sie

aus einem Augenwinkel forschend nach mir spähte, als ich ein paar

Schritte voranging, um eine farbige Tiaré für ihren Haarbusch zu

pflücken.

Der Weg war schön und herrlich das Meer. Vor uns erhoben sich Moreas

stolze grandiose Berge.

Wie lebt es sich gut! Und mit welchem Appetit verzehrt man nach einem

zweistündigen Bad das lecker bereitete Schweinchen, das uns im Hause

erwartet!

* * * * *

In Mataïéa fand eine große Hochzeit statt -- eine echte Hochzeit, legal

und religiös, wie die Missionare sie den bekehrten Tahitianern

vorschreiben.

Ich war dazu eingeladen und Tehura begleitete mich.

Das Mahl bildet auf Tahiti -- wie überall, glaube ich -- die Hauptfeier.

Auf Tahiti wenigstens entfaltet man bei diesen Feierlichkeiten den

größten kulinarischen Luxus. Auf heißen Steinen gebratene Schweinchen,

eine unglaubliche Menge von Fischen, Bananen, Guaven, Taros u. a.

Noa Noa(#62800) · 第 2 / 5 段