Kulturleben des italienischen Volkes eintrat und den wir uns gewöhnt
haben mit dem Worte Renaissance zu bezeichnen, führte bekanntlich die
bildenden Künste zu einer glänzenden Entwickelung, deren Höhepunkt die
Namen Raffael und Michelangelo bezeichnen. Auch die sog. technischen
Künste blieben nicht unberührt von dem Geiste der Renaissance, der
der Phantasie den freien Flug verlieh, die künstlerischen Kräfte
entfesselte und im Volke selbst die Freude an der schönen Form weckte
und wach erhielt.
Überall, wo die Zierkunst anknüpfen konnte an antike Vorbilder, die
dem Schoße der Erde entrissen oder aus der Vergessenheit hervorgezogen
worden waren, ließ sie sich den Vorteil nicht entgehen und suchte in
freier Nachbildung der »klassischen« Formen etwas Neues zu schaffen,
das den Anschauungen, dem Formgefühl und den Bedürfnissen des lebenden
Geschlechtes entsprach.
Für den Bucheinband oder sagen wir für die Lederdecke des gedruckten
Buches gab es selbstverständlich keine antiken Vorbilder, also auch
keine Renaissance im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Indes war das
Verlangen, das äußere Gewand des Buches mit Zierformen zu beleben,
unabweisbar. Die unbehilfliche, für das Auge fast reizlose Technik des
Blinddrucks jener Zeit genügte dem Schönheitssinne der Italiener nicht,
und so griffen sie mit Begier nach den Mustern, die ihnen der Osten
entgegenbrachte.
Das Verdienst, den vergoldeten Lederband mit Pappdeckelkern auf
europäischen Boden verpflanzt zu haben, gebührt nachgewiesenermaßen
dem großen Drucker und Verleger +Aldus Manutius+ in Venedig, der von
1449 bis 1515 lebte, sowie dessen Söhnen und Geschäftsnachfolgern. An
seinen Namen knüpft sich der Aufschwung des Buchdrucks in Italien,
ja seine mit Erfolg gekrönten Bemühungen, schöne Typen auch in
mäßiger Größe herzustellen, haben weit über die Grenzen Italiens
hinaus fruchtbringend gewirkt. Die »Aldinen«, die Drucke, die aus der
Offizin der Aldi hervorgegangen sind, gehören bekanntermaßen zu den
typographischen Kostbarkeiten, die heutzutage nicht selten mit Gold
aufgewogen werden.
Persische und maurische Einbände waren in Venedig, das mit den
Handelsplätzen an allen Küsten des Mittelmeers einen lebhaften
Warenaustausch unterhielt, zweifellos schon vor der Einführung der
Buchdruckerkunst bekannt und geschätzt. Ja die Vermutung, daß Arbeiter
aus dem Orient, Mauren, vielleicht auch Griechen für Herstellung von
Einbänden schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Venedig beschäftigt
waren, hat vieles für sich und wird hauptsächlich gestützt durch
vier venetianische Drucke vom Jahre 1477, die sich im Museum zu
+Gotha+ befinden. Drei dieser Bände sind mit jenen fein gemusterten,
durchbrochenen Ledereinsätzen ornamentiert, wie wir oben (S. 196)
kennen gelernt haben; zur Blindpressung aber sind an den Ecken der
Borde römische Kaisermünzen verwendet, was darauf schließen läßt, daß
die Decken nicht in der Levante, sondern in Venedig, möglicherweise
von griechischen, bei der Eroberung Konstantinopels durch die Türken
ausgewanderten Handwerkern hergestellt wurden.
Wie dem auch sei, jedenfalls hat erst die Betriebsamkeit des Aldus
und seiner Söhne die Reform in der Buchbinderei herbeigeführt, die,
anknüpfend an die Grundzüge des orientalischen Geschmacks, der
Handvergoldung mit Bogenlinien und kleinen Stempeln die Bahn brach.
Die Anregung dazu mag ihnen wohl von Nicolaus Jenson, ihrem Vorgänger,
überkommen sein, denn dieser ist der Drucker der vorerwähnten
gothaischen Bände und nahm 1479 den Andrea Torresano d’Asola in sein
Geschäft als Gesellschafter auf, dessen Tochter sich mit Aldus Manutius
(d. ä.) 1500 verheiratete.
Der ältere Aldus sowohl wie seine Söhne unterhielten den regsten
Verkehr mit der wissenschaftlichen Welt Italiens und standen in
den engsten Beziehungen zu den fürstlichen und fürstlich gesinnten
Bücherliebhabern ihrer Zeit. Es darf mit ziemlicher Sicherheit
angenommen werden, daß auch die prachtvollen Lederbände, in denen
einzelne Aldinische Drucke unter Nennung des Bestellers, bez. ersten
Besitzers auf uns gekommen sind, der von den Verlegern unterhaltenen
Werkstatt oder den von ihnen herangebildeten und beschäftigten
Werkleuten ihren Ursprung verdanken.
[Illustration: Fig. 144. Majoliband mit Goldstempeldruck und farbiger
Bemalung. Leipzig, Kunstgewerbemuseum.]
Die frühesten noch erhaltenen Renaissancebände sind namenlos, sofern
es sich um die Verfertiger handelt; dafür sind sie benannt worden nach
den Namen der Bibliophilen, in deren Bücherei sie zuerst vereinigt
waren: +Thomas Majoli+, +Demetrio Canevari+ und vor allen +Jean
Grolier+. Von dem Erstgenannten ist kaum mehr als der Name bekannt,
nicht einmal seine Lebenszeit läßt sich genau bestimmen; nur aus den
Büchern, deren Decke seinen Namen in der kleinen Inschrift: THO. MAJOLI
ET AMICORUM, trägt, läßt sich abnehmen, daß er in der ersten Hälfte
des 16. Jahrhunderts gelebt hat und ein älterer Zeitgenosse des Jean
Grolier war. Der letzte unter den noch erhaltenen Majolibänden trägt
die Jahreszahl 1553. Eine nicht unbegründete Vermutung bringt Thomas
Majoli in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu einem Michele Majoli,
einem bekannten Kunstsammler, der möglicherweise sein Vater oder
Oheim gewesen ist. Sicherer ist die Annahme, daß Majoli mit Grolier
in freundschaftlichem Verkehre stand. Jedenfalls beschäftigten beide
ein und dieselbe Werkstatt, wie aus der dekorativen Verwandtschaft
der Majoli- mit frühen Grolierbänden hervorgeht. Einen weiteren Beleg
bietet ein Band in der +Brunet+’schen Sammlung, auf dessen Decke
das Merkzeichen Majolis angebracht ist, während das Titelblatt den
Eigentumsstempel Groliers zeigt.
[Illustration: Fig. 144a. Rücken von Fig. 144.]
Das Charakteristische an diesen frühen italienischen Einbanddecken
ist das feine, in großen, meist zur Spirale gebogenen Zügen gehaltene
Rankenwerk mit angesetzten Blättern und Blüten, welches den größten
Teil der Fläche überspinnt, von der nur ein schmaler Rand der
gewöhnlich ziemlich einfach gehaltenen Umrahmung vorbehalten ist. Der
mittlere Teil der Fläche bleibt dabei frei für ein Wappen oder eine
Inschrift (Titel). Zu dem Rankenwerk tritt später auch noch Band- oder
Riemenwerk, das sich in regelmäßigen Zügen durcheinander schlingt und
entweder mit Lackfarben bemalt oder durch aufgelegte Lederstreifen
(Mosaik) hergestellt ist. Das Mittelfeld ist in der Regel nur linear
eingefaßt, bez. aus dem Linien- und Bandnetz ausgespart. Indes kommt
auch bereits die Kartusche vor, und zwar in einer schon auf plastische
Wirkung ausgehenden Zeichnung. Ein solches fest umrissenes Mittelschild
mit Rollwerk zeichnet z. B. den trefflich erhaltenen Majoliband (32:
21 cm groß) aus, der in dem Kunstgewerbemuseum zu Leipzig aufbewahrt
wird und eins der frühesten mit Holzschnitten ausgestatteten Druckwerke
italienischen Ursprungs, die Hypnerotomachia des Polyphilus (Venedig
1499) umschließt (Fig. 144). Das Leder hat einen bräunlichen Ton.
Ranken, Blätter und die kleinen Arabesken in der Umrahmung sind
mit Gold gedruckt, die hellen Flächen der Kartusche, des Bandwerks
u. s. w. waren ursprünglich versilbert; außerdem ist noch rote und
grüne Bemalung zur Erhöhung des reichen Eindrucks verwendet, so in
den Feldern des Rahmens, wo Grün mit Rot wechselt, und an einigen
anderen Stellen. Die Inschrift findet sich auf dem kleinen Schildchen
des unteren Rollwerks. In dem Spiegel der Kartusche erscheint das
französische Wappenschild, vermutlich eine spätere Zugabe, wenn nicht
etwa Majoli den Band Heinrich II. von Frankreich verehrt hat, auf
dessen Namen das zweifache H im Mittelfelde deutet. Der Rücken des
Bandes zeigt fünf Bünde und sechs Felder, von denen das untere und
obere ein silbernes Bandornament haben und das untere sich durch eine
schlankere Form auszeichnet.[3]
[Illustration: Fig. 145. Maureske Füllung von einem italienischen
Einbande. Düsseldorf.]
Rückenschilder mit Titel waren zu jener Zeit, wie wir hier einschaltend
bemerken, noch nicht üblich. Die Bücher wurden immer noch +liegend+
aufbewahrt und der Inhalt des Bandes gewöhnlich auf einem an dem nach
vorn gerichteten Schnitt angebrachten losen Schildchen angegeben oder
auf den Schnitt geschrieben.
Die flache (nicht modellierte) Zeichnung der Blätter und Blüten, die
entweder mit Vollstempeln oder mit schraffierten Stempeln (+fers
azurés+) gedruckt wurden, ist mit der natürlichen Erscheinung nur
noch schwach verwandt: die stilisierte Form läßt die Urform nur
selten mit Sicherheit erkennen. Einzelne Motive sind ohne weiteres
von den orientalischen Vorbildern herübergenommen, so namentlich
die schilfartig zugespitzten und die mit der Spitze in Hakenform
sich biegenden Blätter, die in den sog. Mauresken (im maurischen
Sinne entwickelten Füllungsmustern) von deutschen und italienischen
Ornamentisten mit Vorliebe nachgebildet, auch mannigfach umgestaltet
wurden. (Vergl. die Kopfleisten S. 204 und 186 sowie Fig. 145.)
Über den Lebenslauf Groliers sind wir ziemlich genau unterrichtet. Er
wurde 1479 in Lyon geboren, lebte von 1510 bis gegen 1530 in Mailand
als Schatzmeister des französischen Heeres in Italien. Später hielt
er sich in Rom als französischer Gesandter beim päpstlichen Stuhle
auf (1534), kehrte dann nach Frankreich zurück und ließ sich in Paris
nieder, wo er in seinem Hause, dem sog. Hôtel de Lyon, eine reiche
Büchersammlung, an 3000 Bände stark, anlegte, von der heutzutage
noch etwa 350 Stück in verschiedenen Bibliotheken, öffentlichen
wie privaten, nachweisbar sind. Er starb daselbst im Jahre 1565.
Es ist zwar nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen, aber doch sehr
wahrscheinlich, daß Grolier aus Italien Buchbinder und Vergolder
nach Paris zog, oder aber daß Franz I., der so viele Künstler und
Kunsthandwerker aus Florenz, Mailand und anderen italienischen Städten
nach Frankreich kommen ließ, diesen Zuzug auf Groliers Betreiben
veranlaßte. Jedenfalls war Grolier in litterarischen Dingen der
Ratgeber des Königs ebenso wie seiner nächsten Nachfolger, Heinrichs
II. und Karls IX., deren Bücherbesitz durch die im Genre Grolier
gehaltenen Einbände ausgezeichnet ist.
[Illustration: Fig. 146. Früher Grolierband mit Vollstempelverzierung
und aus Stempeln gebildeter Borde. Sammlung Dutuit. (Gaz. des
Beaux-Arts.)]
[Illustration: Fig. 147. Decke eines für Heinrich II. gebundenen
Buches. Farbiges Riemenwerk mit Bogen- und Stempeldruck. Gedruckt 1560.
(Nach Techener.)]
Dies Genre Grolier zeigt übrigens keineswegs eine uniforme
Schablone, sondern vielfache Variationen. Die frühesten Bände, die
die Bezeichnung JO. GROLIERII ET AMICORUM tragen und auf jeden Fall
noch auf italienischem Boden entstanden sind, zeigen eine schlichte
Linien-, auch wohl gemusterte Rollendruckumrahmung und einen nur
dürftig mit wenigen Vollstempeln[4] und linearem Ornament bedeckten
Spiegel (Fig. 146). Bei anderen Bänden schlingt sich aufgelegtes oder
bemaltes, mit Gold gerändertes Riemenwerk in geraden und gebogenen
Zügen durcheinander (entrelacs) und Bogenlinien mit angesetzten Blüten
und Blättern dienen zur Lückenfüllung. Dieser Richtung gehören die
in Abbildung wiedergegebenen Decken (Fig. 147 und 148) an, ebenso
die in Fig. 149 wiedergegebene, nur daß bei Fig. 148 das Linien- und
Blattwerk zur Deckung des Grundes fehlt. Wiederum andere haben eine
lineare Zeichnung, die gegen die Mitte hin sich zu einer Kartusche mit
punktiertem Grunde gestaltet (Fig. 150). Die Verzierung ist bis auf
das Wappen in der Mitte mit dem Drachen darunter ganz durch Bogendruck
hergestellt, eine Manier, die große Geschicklichkeit in dem Ansetzen
der Bogenlinien erfordert, namentlich wenn der eine Bogen nach rechts,
der andere nach links gezogen ist. Dieser Schwierigkeit suchte man
durch die sog. +Leerstempel+ (fers à filet) abzuhelfen, bei denen der
Umriß der Blattform nicht mehr aus einzelnen Stückchen gebildet zu
werden brauchte (Fig. 151.) Mit Hilfe dieser Leerstempel konnte man
auch eine weniger breit angelegte Ornamentierung erzielen, als es bei
ausschließlicher Anwendung von Bogenlinien der Fall war.
[Illustration: Fig. 148a. Rücken zu Fig. 148.]
In einem wesentlichen Punkte von den Majoli- und Grolier-Decken
abweichend erscheint eine Gruppe von Einbänden, die sich an den Namen
des Malers und Formschneiders +Geoffroy Tory+ von Bourges knüpft, eines
ungemein vielseitigen Geschäftsmanns, der auch Drucker und Verleger
war und wahrscheinlich die bei seinen Einbänden verwendeten Stempel
selbst anfertigte, bez. in seinen Werkstätten anfertigen ließ. Die
Tory-Einbände zeigen nämlich ein von unten aufsteigendes, von der
Mittellinie sich nach den Seiten entwickelndes Ornament, in welchem ein
Krug mit ausgebrochenem Rande das Merkzeichen des Ursprungs ist. Tory
stand mit Grolier in geschäftlichen Beziehungen, ging aber, wie man
sieht, bei der Deckenverzierung seine eigenen Wege (Fig. 152).
Die Anwendung der Leerstempel neben den schraffierten Stempeln, oft in
Verbindung mit farbigem Bandwerk oder mit Linien auf getippeltem Grunde
ist auch in der Folgezeit bei den für Heinrich II. angefertigten Bänden
bemerkbar. Die in Fig. 153 wiedergegebene Decke, bei der die ineinander
geschlungenen beiden C in den Ecken und die ebenso ineinander
greifenden beiden M auf der Mitte der seitlichen Ränder auf die
Besitzerin, Catharina von Medici, die Gemahlin Heinrichs II., deuten,
zeigt ein sehr lockeres Gefüge in der Zusammensetzung der Ornamente
und eine ungenügende Füllung der Fläche. Wesentlich geschmackvoller
erscheint eine in Fig. 154 wiedergegebene Decke, welche in der Mitte
und in den Eckfeldern ein auf Heinrich II. und seine Gattin bezügliches
Monogramm hat und sich durch ein kreisrundes Mittelfeld mit einem von
einem Spruchbande umzogenen Kranze von Rebenzweigen auszeichnet.
[Illustration: Fig. 148b. Decke eines italienischen Einbandes. 16.
Jahrh., 2. Hälfte. Im Besitz des Fürsten Fugger-Babenhausen.]
[Illustration: Fig. 149. Decke mit farbigem Riemenwerk, gefertigt für
St. Maure. (Gaz. des Beaux-Arts.)]
[Illustration: Fig. 150. Decke mit Kartusche ohne Füllstempel, für
Franz I. (Brunet.)]
Verwandter Art ist die Verzierung eines Bandes in Querformat, die
wir in Fig. 155 nach Techener wiedergeben. Die beiden Monogramme im
Mittelfelde werden auf Heinrich II. und seine Geliebte, Diana von
Poitiers, gedeutet; indes kann das D auch ebenso gut die Bedeutung
von »Deux« haben. Der zum Teil auf der Abbildung sichtbare Rücken
ist bereits ohne Bünde hergestellt, aber noch nach der Bundteilung
gefeldert, während der Band unter Fig. 153 auf die Bünde gar keine
Rücksicht nimmt; ein langes Schildornament, dem Mittelschilde der Decke
in der Zeichnung verwandt, deckt die Fläche nicht völlig, Kopf- und
Schwanzende lassen das Kapital in einem abschließenden Nahtornament
anklingen.
Wir erwähnten oben des Demetrio +Canevari+, eines Bücherliebhabers, von
welchem ebenso wie von Majoli wenig mehr als der Name bekannt ist. Er
war nach einer unbestimmten Überlieferung Leibarzt des Papstes Urbans
VIII., und wird vermutlich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
seine Büchersammlung angelegt haben. Die Verzierung der mit seinem
Namen oder seinem Bibliothekszeichen bezeichneten Bände ist eine
ziemlich einfache; die Ornamente sind mit Linien- und Vollstempeln
gedruckt. Es scheint übrigens, als habe Canevari manche Bücher in
bereits fertigen Einbänden gekauft -- die Bücher kamen zu seiner
Zeit allgemein gebunden in den Handel -- und diese nur mit seinem
Bibliothekszeichen versehen, welches einen Apollo mit dem Zweigespann
am Fuße des Parnaß darstellt, augenscheinlich in Nachbildung einer
antiken Kamee.[5] Diese Vermutung wird durch einen Canevari im Museum
zu Frankfurt a./M. bestätigt, bei dem unter dem aufgepreßten Signet
sich noch deutlich ein kleinerer Stempel mit orientalischen Motiven
erkennen läßt. Eigentümlich ist allen Canevaribänden, die dem Verfasser
dieses Buches zu Gesicht gekommen, ein fehlerhafter Stempel, wie
sich aus dem Vergleich von a und b in Fig. 157 ergibt; bei b fehlt
die Spirale des rechtsseitigen Gegenstücks am Rücken des nach oben
gebogenen Teiles.
[Illustration: Fig. 151. Italienische Leerstempel.]
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts traten in der +italienischen+
Buchbinderei eine Reihe neuer Stempelformen auf, die zwar die Arbeit
bequemer machten, aber auch die Kunstfertigkeit verringern halfen,
die vordem mit wenig Werkzeugen die verschiedenartigsten Flachmuster
hervorzubringen im Stande war. Die Formen der Stempel werden krauser
(Fig. 157a) oder nehmen die Gestalt von Vasen und Urnen an. Auch die
Groteske, von der Wanddekoration herübergenommen, findet sich auf
Buchdecken ein. Außer den in der gewöhnlichen Weise hergestellten
Decken kommen zu jener Zeit auch Einbände mit durchbrochener
Lederarbeit nach persischem Muster vor, andere wieder mit einem in die
Mitte eingelegten Miniaturgemälde.
[Illustration: Fig. 152. Einbanddecke von Geoffroy Tory. (Sammlung
Didot, Gaz. des Beaux-Arts.)]
[Illustration: Fig. 153. Decke für Katharina von Medici, mit
schraffierten Stempeln und Bogen gedruckt. Um 1556. (Nach Techener.)]
Im 17. Jahrhundert übernimmt Frankreich die Führung in der
künstlerischen Behandlung der Buchdecke und die übrigen Länder
Europas fügen sich mehr oder weniger den von Paris ausgehenden
dekorativen Neuerungen. Das erklärt sich leicht aus der politischen
Machtentfaltung des französischen Königtums und aus dem damit
zusammenhängenden glänzenden Hofleben. Die Könige fühlen sich
verpflichtet, jeden edlen Luxus zu fördern, und die Großen des Reiches
folgen dem Beispiele der Herrscher.
[Illustration: Fig. 154. Decke mit Leerstempeldruck und farbigem
Riemenwerk, gebunden für Heinrich II. und Katharina von Medici. Folio.
1557. Paris, Nationalbibliothek. (Gaz. des Beaux-Arts.)]
[Illustration: Fig. 155. Einband mit dem Monogramm Heinrichs II. und
der Diana von Poitiers. Um 1560. (Nach Techener.)]
[Illustration: Fig. 156. Canevari-Einband. Sammlung Didot. (Gaz. des
Beaux-Arts.)]
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts sehen wir in Frankreich wie in
Deutschland und England das durch Plattendruck hergestellte
Mittelstück nebst Eckstücken in Aufnahme kommen, das, in sich
geschlossen, nicht mehr, wie bei den der Grolier-Richtung angehörigen
Bänden, aus dem gesamten Zierwerk herauswächst, sondern, wie auch die
Eckstücke, einen festen Umriß hat, mit dem es sich gegen die übrige
Fläche abgrenzt. Die Art der Musterung erinnert an Metallätzung oder
eingelegte Arbeit; in der Mitte ist gewöhnlich ein Schriftfeld von
ovaler Form ausgespart (Fig. 158). Bisweilen nimmt dies Mittelstück
auch die Gestalt der Kartusche an. Indes hält die alte Weise, mit
Riemenverschlingungen und Rankenwerk die ganze Fläche zu mustern, noch
lange stand. Eine Decke dieser Art, bei der die Mitte mit Vollstempeln
bedruckt ist, während im übrigen ziemlich schwere schraffierte
Stempel verwendet sind, zeigt Fig. 159. Charakteristisch an dieser
und verwandten Decken ist die aus dem Riemenwerk nach oben und unten
herauswachsende Palmette.
[Illustration: Fig. 157. Stempelabdrücke von Canevaribänden.]
[Illustration: Fig. 157a. Stempelabdrücke von einem italienischen
Einbande, Ende des 16. Jahrh. Museum zu Crefeld.]
[Illustration: Fig. 158. Mittelstück von einem französischen Einbande.
Um 1570. (Nach Gruel.)]
[Illustration: Fig. 159. Französische Decke mit Linien- und
Stempelvergoldung. Um 1585. Im Besitz des Herrn Chalabre. (Nach
Cundall.)]
[Illustration: Fig. 160. Italienischer Einband mit Lorbeerzweigen. Ende
des 16. Jahrh. Kl.-Folio. Düsseldorf.]
[Illustration: Fig. 161. Einband aus der Büchersammlung von De Thou. Um
1600. (Nach Cundall.)]
Als neue Ziermotive erscheinen im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts
die +Lorbeerzweige+, die zur Füllung der von dem Riemenornament
umzogenen oder freigelassenen Stellen dienen, und die +Spiralschnecke+,
im Französischen »+fanfare+« genannt. Unsere Abbildung (Fig. 160) zeigt
die Fanfare auf der Decke eines Einbandes, der für den Bibliothekar
König Heinrichs III., Jacques Auguste +de Thou+, gefertigt wurde. An
die Namen de Thous, dessen gleichnamiger Sohn die Bücherliebhaberei
des Vaters erbte, und Nicolas +Eves+[6] der seit 1573 den Titel eines
Relieur du roi führt, knüpft sich diese Art der Deckenverzierung, in
der ein naturalistischer Zug, das unregelmäßig gestaltete, sich der
Naturform nähernde Rankenfüllwerk, unverkennbar ist. (Fig. 161.) Noch
mehr tritt derselbe hervor in der zierlichen Musterung von kleinen
Einbänden, die, abgesehen von wenigen einfassenden Linien, ganz mit
Laubkränzen, Blumenzweigen, Blümchen und Blättchen bedeckt sind und
die, wie es scheint, von dem +jüngeren Eve+ zuerst angefertigt wurden
(Fig. 162). Der hier abgebildete Band führt bereits den Titel auf
dem Rücken, dessen breite Fläche ganz so wie die Decken gemustert
ist. Der Grundsatz der geometrischen Teilung der Fläche und der
allseitig symmetrischen Entwickelung des Ornaments, der bisher für
die Verzierung der Decken maßgebend war, ist bei dieser neuen Art der
Musterung vollständig verlassen.
[Illustration: Fig. 162. Französischer Einband mit Kranz- und
Blumenfüllung, mit den Wappen der Margarete v. Valois. Anfang des 17.
Jahrh. (Nach Techener.)]
[Illustration: Fig. 163. Französischer Einband mit Streumuster,
gefertigt für Anne de Bretagne. Anfang des 17. Jahrh. (Nach Cundall.)]
Diese blumige Zierweise mit ihren niedlichen Formen erscheint in
der verschiedensten Anordnung auf Einbänden, die für die Schwester
Heinrichs III., spätere Gemahlin Heinrichs IV., Margarete von Valois,
angefertigt sind, und nach ihr wird die Gattung als +Margaretenband+
bezeichnet. Zu derselben Zeit treten auch die mit kleinen Motiven,
Blümchen, Lilien, Kronen und dergl., »überstreuten« (semés-) Decken auf.
[Illustration: Fig. 164. Einband mit Punktstempeldruck von Florimond
Badier. Paris 1641. Roter Maroquin. (Nach Gruel.)]
[Illustration: Fig. 165. Punkt-Stempel (pointillés). 17. Jahrhundert.]
[Illustration: Fig. 166. Teil einer Einbanddecke von Le Gascon. 17.
Jahrhundert. Museum zu Düsseldorf.]
Unser Beispiel (Fig. 163) zeigt eine schräge Füllung der Ecken, die
ebenfalls sehr zierlich gemustert ist, und ein ebenso gehaltenes
Mittelstück, das gewissermaßen in der überstreuten Fläche schwimmt.
Die Anordnung greift, wie man sieht, wieder zurück auf das
persisch-maurische Schema.
[Illustration: Fig. 167. Stempelformen vom Anfang des 17. Jahrh.]
[Illustration: Fig. 168. Spitzenstempel. 17. Jahrhundert.]
Von +italienischen+ Bänden aus jener Zeit geben wir (Fig. 160) ein
Beispiel, in welchem die Art der Majolibände freilich in ziemlich
steifer und harter Formbehandlung mit dem Eve’schen Zweigmotiv in eine
nicht sonderlich organische Verbindung gebracht ist. Die Arbeit an
diesem Einbande ist an sich eine vortreffliche. Die Felder sind in
gelb, braun und schwarz auf rotem Grunde ausgelegt, die Blätter des
Gezweigs, wie immer bei dieser Art der Verzierung, einzeln angedruckt.
[Illustration: Fig. 169. Deutsche (a), französische (b) und
italienische (c) Schneckenstempel.]
Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts erreicht der französische Einband
die Höhe der technischen Vollendung, welche den deutschen Einband schon
vorher auszeichnete. Der äußere Schmuck des Buches dehnt sich fernerhin
auch auf den Schnitt aus, dessen vergoldete Fläche mit den Punzen
gemustert oder auch bemalt wird. Einen Schritt weiter that man noch
mit der »Doublure«, der Verzierung der Innenseite beider Deckel durch
Linien- und Stempelvergoldung, auch hier dem orientalischen Vorbilde
folgend.
[Illustration: Fig. 170. Borde mit einem Spitzenstempel gedruckt. 17.
Jahrh.]
[Illustration: Fig. 171. Italienischer Einband mit Spitzen- und
Fächerverzierung. 1645. Kunstgewerbemuseum zu Köln.]