für die Decke übliche Dekorationssystem ausübte und vorerst nur eine
spärliche Verwendung des Goldstempeldrucks, der inzwischen in Italien
zur Herrschaft gelangt war, herbeiführte, zeigt sich derselbe bisweilen
sehr entschieden in dem abgerollten Rankenwerk der Borden, das durch
seine feinere, flüssigere Zeichnung, seine klaren Formen und anmutig
bewegten Linien auf italienische Vorbilder hinweist (Fig. 125, äußerer
Rahmen). Im übrigen hielt man mit großer Zähigkeit an den überlieferten
Motiven fest. Eine besondere Vorliebe bekundet der deutsche Geschmack
für die mit Brustbildern, halben und ganzen Figuren durchsetzten
Borden. Sie behielten noch bis ins 17. Jahrh. hinein ihre Geltung; die
Renaissance änderte nichts an dem formalen Wesen derselben, sondern nur
an dem Sinne der Figurenbilder, indem an die Stelle der Mutter Gottes
und Heiligen die Helden des Altertums und der nordischen Sage, auch
Bildnisse von Kaisern und Königen, von Reformatoren (auf Bibeln)
u. s. w. traten. (Vergl. Fig. 123 u. 124.)
Es erübrigt noch, der farbig bemalten Einbände zu gedenken,
welche ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen der Handvergoldung
hauptsächlich in den sächsischen Landesteilen, namentlich in
Wittenberg, aber auch am Niederrhein angefertigt wurden. Die von dem
Kurfürsten Friedrich dem Weisen 1502 gegründete Universität nahm zur
Zeit der Reformation einen hohen Aufschwung und führte eine lebhafte
litterarische Thätigkeit herbei, die zahlreiche Pressen beschäftigte.
Wie schon erwähnt, übte der Maler Lucas Cranach d. Ä., ebenso wie sein
gleichnamiger Sohn, keinen geringen Einfluß auf die innere Ausstattung
der Wittenberger Drucke aus, indem er Titelblätter und Illustrationen
für Holzschnitt und auch sonstiges typographisches Schmuckwerk
zeichnete. Er war selbst Besitzer einer Druckerei und hielt vermutlich
auch eine eigene Buchbinderwerkstatt. Es unterliegt kaum einem Zweifel,
daß von ihm der Versuch herrührt, dem Lederbande durch farbige Bemalung
ein schmuckeres Ansehen zu geben. Diese bunten Einbände, bei denen
sowohl das Rahmenwerk als auch das von ihm eingeschlossene Bildnis
ziemlich grellfarbig erscheint, sind indes schwerlich für den täglichen
Bedarf, sondern nur zu besonderen Zwecken angefertigt worden, da
sie nur sehr vereinzelt (zwei in der Bibliothek des Börsenvereins
zu Leipzig, zwei in Darmstadt, zwei in der Lempertz’schen Sammlung)
anzutreffen sind. Sie haben daher auch nur die Bedeutung einer
Absonderlichkeit, die keinerlei Nachfolge erweckte und auf die fernere
Entwickelung des Bucheinbandes ohne Einfluß blieb.
[Illustration: Fig. 126. Italienischer Einband. gr. 4^o. Ende des 15.
Jahrh. Museum zu Crefeld.]
Technisch betrachtet, war der deutsche Lederband des 15. und der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts eine musterhafte Leistung, ausgezeichnet
durch tüchtige Arbeit. Die Holzdecke mit dem farblosen Überzuge gab
ihm einen gediegenen, aber schwerfälligen Charakter, die Blindpressung
bot dem Auge meist kleinliche in schmalen Streifen sich aneinander
reihende Formen von dürftiger Erfindung. Es darf daher nicht Wunder
nehmen, daß die romanischen Völker, als sie sich nach und nach die
Erfindung Gutenbergs zu eigen machten, das äußere Gewand des gedruckten
Buches anders gestalteten. Immerhin lassen frühitalienische Lederbände
doch einen vorbildlichen Einfluß der deutschen Blindpressung erkennen,
der sich auf der zur Erneuerung der schönen Künste berufenen Halbinsel
im 15. Jahrhundert mit der vom Orient ausgehenden dekorativen Strömung
begegnete. Das viereckige Wesen der deutschen Deckenornamentierung,
das Einsetzen der kleineren in die größeren Rahmen (Fig. 126, 127),
die steife Füllung des übrigbleibenden Mittelfeldes treffen wir auch
hier; aber grundverschieden sind die Einzelmotive des Ornaments. Die
durch Bandverschlingungen hervorgebrachte Musterung in Fig. 127 weist
auf orientalische Vorbilder, der Stempel mit der Lotosblume, mit dem
der innere Rahmen bei Fig. 126 gebildet ist, mahnt an die Dekoration
antiker Thongefäße, der Stempel mit der stilisierten (heraldischen)
Lilie und der mit dem Rautenmuster in Fig. 127 mutet uns noch gotisch
an.
Den Übergang von der Blindpressung zur Vergoldung bezeichnet eine
Gruppe von venetianischen Einbänden mit gestrichenen äußeren Rahmen,
innerhalb dessen ein Bandornament, mit der Rolle in Gold gedruckt, den
inneren Rahmen bildet und die Gehrungsstellen mit einem Lilienstempel
oder einem einfachen Blattmotiv ebenfalls goldig bedruckt sind. Das
Mittelstück dieser ziemlich schlichten Decken, in deren Spiegel meist
eine Raute in Blindpressung eingedruckt ist, bildet mitunter eine
Nachahmung antiker Kameen durch Prägung und Malerei, weshalb man diese
Gattung als +Kameenbände+ zu bezeichnen pflegt.
Noch an einer anderen, dem Osten näher liegenden Stelle begegnen sich
Morgenland und Abendland auf dem Gebiete der Buchbinderkunst, in
der uralten +Mönchskolonie+ im +Athosgebirge+ auf der chalkidischen
Halbinsel. Die Klöster am Athos waren stets von Mönchen verschiedener
nationaler Herkunft bevölkert, und es ist leicht möglich, daß zuerst
deutsche Mönche die deutsche Technik und zugleich die Dekorationsweise
der Lederdecke dort eingeführt haben. Charakteristisch für diese,
von Dr. Bock zuerst aufgefundenen Einbände ist der Umstand, daß die
Holzdecken nicht wie in Deutschland abgeschrägt, sondern auf der hohen
Kante rinnenartig ausgehobelt sind. Dieselbe Eigentümlichkeit zeigen
auch die vorerwähnten italienischen Einbände des 15. Jahrhunderts.
Auf einzelne Verschiedenheiten in der Art, wie die Decke und der
Buchkörper verbunden zu sein pflegen, auf die Behandlung des Kapitals
und der aus drei geflochtenen Schnüren bestehenden ledernen Zuhaltung
(Schließen) gehen wir nicht näher ein, da sie für die historische
Entwickelung der Deckendekoration keine Bedeutung haben. Von Interesse
in dieser Hinsicht sind dagegen die zur Bordenbildung verwendeten
Stempel, in denen hin und wieder sich ein Nachklang der Antike und
ein Anklang an morgenländische Bandmotive neben entschieden deutschen
Motiven (wie z. B. der Kranzrolle auf S. 162) erkennen läßt. Von
einer dritten besonders merkwürdigen Begegnung der abendländischen
und morgenländischen Lederzierkunst, die sich auf ungarischem
Boden vollzog, wird weiter unten die Rede sein, nachdem wir uns
von der Deckenverzierung mohamedanischer (persisch-türkischer und
arabisch-maurischer) Handschriften ein deutliches Bild verschafft haben.
[Illustration: Fig. 127. Italienischer Einband. gr. 4^o. Ende des 15.
Jahrh. Museum zu Crefeld.]
[Illustration: Fig. 128. Borden- und Füllstempel von Athos-Buchdecken.
Sammlung Bock.]
[Illustration: Maureske Füllung von Peter Flötner.]
ZWEITER ABSCHNITT.
Der Lederband mit Goldverzierung.
(Renaissance-Band.)
1. Der orientalische Einband.
Auf dem Gebiete der Flächendekoration ist der Orient in mehr als einer
Hinsicht der Lehrmeister des Abendlandes gewesen. Das Wort Arabeske,
mit welchem wir gewisse Schmuckformen bezeichnen, bei denen sich
verschlingende und durchkreuzende Linien ein scheinbar regelloses und
doch von einem festen geometrischen Gesetze beherrschtes Spiel treiben,
deutet schon den Ursprung der eigentümlichen Art von Flächenmusterung
an, die vor allem in der Weberei sich geltend machte und von den
Webstoffen auf andere Materialien übertragen wurde. So auch auf das
Leder und die Lederdecke des Buches.
[Illustration: Fig. 129. Persischer Korandeckel. 17. Jahrh. Düsseldorf.]
Der auffälligste Unterschied zwischen der deutschen (blindgepreßten)
Decke und der orientalischen ist die bei der letzteren die Regel
bildende Vergoldung des Ornaments und die teppichartige allseitig
symmetrische (zentralisierte) Anordnung des letzteren bei lebhafter
Betonung der Umrahmung im Gegensatz zu der umrahmten Fläche, auf der
wiederum die Mitte durch ein mandel- oder kreisförmiges Feld mit
reicher Musterung, auch wohl durch ein rosetten- oder sternförmiges
Motiv ausgezeichnet wird. In der Regel sind auch die vier Ecken des
Spiegels mit einer Arabeske ausgefüllt, die in ihrer Bewegung der
Grundform des Mittelzierstücks entspricht. Ist dieses länglich, so
dehnen sich die Eckstücke an den Längsseiten weiter aus als an den
Querseiten, so daß bei Verbindung der Endpunkte ein +ungleich+seitiges
Rechteck entsteht; ist es rund oder ein regelmäßiges Vieleck, so wird
das Eckornament in ein +gleich+seitiges Rechteck gespannt. (Vergl. Fig.
129 und 130.) Derselbe Sinn für einen harmonischen Gesamteindruck
bekundet sich auch in den mit einer Blume gefüllten kleinen Feldern,
die nur als Begleitung von mandelförmigen Mittelstücken vorkommen
und mit der Spitze des blattförmigen Umrisses nach oben, bez. nach
unten weisen (Fig. 129). Bisweilen ist der Spiegel in seiner ganzen
Ausdehnung mit einem von der Mitte ausstrahlenden geometrischen
Linienspiel, in welches wieder gebogene Linien eingreifen, überzogen
und der Grund durchweg gepunzt hier mit größeren, dort mit kleineren
Punzen, so daß die Mitte und die Ecken minder scharf hervortreten.
Diese mosaikartige Musterung, der maurischen Wanddekoration entlehnt,
zeigt unsere Abbildung (Fig. 131).
[Illustration: Fig. 130. Arabischer Einband mit Punzen-, Stempel- und
Rollendruck. Düsseldorf.]
[Illustration: Fig. 131. Arabischer Einband mit Rollen-Blinddruck.
Handvergoldung und Punzierung. Mitte des 16. Jahrh. Düsseldorf.]
Die Bücher haben vorwiegend schlanke Formate, so daß die Spiegel dem
Buchbinder für seinen Verzierungsentwurf nicht immer bequem gestaltet
waren. Er verkürzt die Fläche dann ähnlich, wie wir es bei den
deutschen Einbänden gesehen, durch Einschiebung eines Frieses zwischen
den Querschenkeln des Rahmens und dem Spiegel (Fig. 132) oder trennt
oben und unten einen schmalen Streifen mit einer Linie ab (Fig. 131).
Bemerkenswert ist bei der allseitig symmetrisch entwickelten
Ornamentation der Grundsatz, die einzelnen Elemente der Musterung
zu einem Ganzen zu verweben, aus dem keins derselben in scharfer
Weise sich abhebt. Zwischen Mittelstück und Eckstücken herrscht
stets ein gewisser Einklang. Erscheint dort die Pflanzenform in
Ranken- und Blattwerk, so findet sie sich auch hier; bilden dort
Bandverschlingungen (Geriemsel) die Füllung, so treten diese auch hier
auf. Auch in der Borde klingt mitunter das Muster des Mittelstücks
wieder an (Fig. 129). Gewöhnlich zeigt die Rahmung den Wechsel von Saum
und Naht, diese als gedrehte oder geflochtene Schnur charakterisiert
oder durch glatte Linien bezeichnet, jener als breitere Borde aus sich
stetig wiederholenden, linearen Motiven zusammengesetzt oder zu einer
Blattranke mit längeren Rapporten entwickelt.
Ehe wir uns den bei der Flächenmusterung beobachteten technischen
Verfahren zuwenden, dürfte hier ein Wort über die äußere Gestalt des
orientalischen Buches und Eigentümlichkeiten der Bindung desselben am
Platze sein.
Von der im Orient beobachteten Heftung ist bereits die Rede gewesen (S.
32). Die Decke besteht aus Pappe (vergl. S. 88) und hat genau die Größe
des Buchkörpers, steht also nicht mit den Kanten darüber hinaus, wie es
im Abendlande von jeher üblich war. Da die Pappeinlage nicht sehr stark
ist, so liegt auch kein Bedürfnis zur Abschrägung der Kantenränder vor,
wie es bei der Holzeinlage des deutschen Einbandes der Fall ist. Um die
Verbindung zwischen Buchkörper und Decke herzustellen, wird der Rücken
des ersteren mit einem Stück Zeug (Baumwolle oder Leinwand) überklebt,
das breit genug ist, um mit seinen überstehenden »fliegenden«
Seitenteilen an die Decke festgeklebt werden zu können. Als Klebemittel
wird ein Pflanzenstoff ähnlich dem Dextrin verwendet.
Der Schnitt ist in den meisten Fällen ungefärbt. Indes kommen auch
farbige Schnitte vor, die mit dem Pinsel hergestellt sind und eine
geflammte Musterung haben (Fig. 133).
[Illustration: Fig. 132. Arabischer Einband mit Fächerornament.
Düsseldorf.]
Die Decke ist stets mit einer überschlagenden Klappe versehen,
ähnlich wie bei Brieftaschen (Fig. 134). Diese Klappe ist beiderseits
abgeschrägt, so daß sie nicht mit einer geraden Linie, sondern
stumpfwinkelig abschneidet. Die Spitze der Klappe trifft immer genau
auf die Mitte des Vorderdeckels und die Musterung derselben läuft bei
reicheren Verzierungen häufig ununterbrochen in die Musterung des
Deckels über. Unsere Abbildung (Fig. 135) zeigt etwas mehr als die
Hälfte einer besonders reich verzierten Klappe, bei der der Grund des
Spiegels ebenfalls vollständig ornamentiert ist.
[Illustration: Fig. 133. Orientalischer Buchschnitt.]
Die Verzierungen wurden in den arabischen Teilen Nordafrikas
aufgedruckt (blind und vergoldet) und zwar mit Streicheisen, Rolle und
Stempeln oder Punzen, im übrigen osmanischen Orient und in Persien mit
einer aus einem Stück Kamelshaut hergestellten Matrize als erhabene
Zeichnung hervorgebracht. Das letztere, nur bei Eck- und Mittelstücken
angewendete Verfahren ist aber in vielen Fällen auch mit Metallmatrizen
ausgeführt worden. Die Lederteile, welche gepreßt werden sollten,
wurden aus dem für den Einband zugerichteten Leder herausgeschnitten
und erhielten nach der Ausschärfung dadurch eine erhabene Musterung,
daß man das gefeuchtete Leder mit der Vorderseite auf die Matrize
auflegte und von der Rückseite in die geschnittenen Verzierungen
hineinarbeitete. Um den Grund, der in der Regel ganz fein punziert
wurde, zu vergolden, überging man die Oberfläche der Matrize vor der
Pressung mit einem Firnis, der beim Druck auf der Fläche haften blieb
und den nachher darüber gepuderten Goldstaub festhielt, während die
erhabene, vom Firnis nicht berührte Zeichnung die Farbe des Leders
behielt. Umgekehrt vergoldete man das Ornament und ließ den Grund in
Lederfarbe, oder die ganze Fläche, Grund und Ornament, wurde vergoldet,
selbst mit mehrfarbigem Golde auf einer Fläche. Statt des vom Grunde
abgelösten Lederstücks setzte man auch wohl anders gefärbtes, meist
rotes Leder ein, um eine lebhaftere Farbenwirkung zu erzielen. Den
Zusammenstoß des eingelegten Lederstücks mit dem Grundleder wußte man
mit einer Goldlinie zu decken, die aus freier Hand mit dem Pinsel
gezogen wurde. Der Umriß des auf diese Weise verzierten Feldes ist
stets wellenförmig bewegt und jede Einbuchtung mit einem Zierstrich
besetzt, so daß das Ornament wie mit einem Strahlenkranz umgeben
erscheint (Fig. 136).
[Illustration: Fig. 134. Arabischer Buchdeckel. Stempel-, Punzen- und
Rollendruck. 16. Jahrh.]
[Illustration: Fig. 135. Teil einer Deckelklappe von einem persischen
Koran. 17. Jahrh. Düsseldorf.]
[Illustration: Fig. 136. Persischer Einband. 17. Jahrh. Düsseldorfer
Museum.]
Das Aufstäuben und das Aufmalen des Goldes mit dem Pinsel findet
sich stets gleichzeitig auf einer Platte angewendet, mit Matrize
hergestellte Ornamente sind aufgestäubt, alle gepunzten oder gezogenen
Borden mit dem Pinsel ausgemalt. Dagegen fand auch statt des
Staubgoldes Blattgold hin und wieder Anwendung; so ist Fig. 135
in dieser Weise hergestellt. Das Auftragen des Goldes mit erwärmten
Werkzeugen, wie es bei den Mauren und Sarazenen in Spanien und Sizilien
üblich war, scheinen die Perser und die von ihnen zur Kunst erzogenen
Türken nicht gekannt zu haben.
Der Stift spielt bei der Herstellung der Deckenverzierung eine
Hauptrolle. Mit ihm werden die Linien vorgerissen und die Strahlen
um die ornamentierten Felder hervorgebracht, er dient auch zum
Nachvergolden und Glätten der Goldlinien. Auf manchen Einbanddecken ist
nur mit Stift und Punzen gearbeitet. Es ist erstaunlich, mit welcher
Kunstfertigkeit und Geduld die Orientalen mit ein paar Stempeln, einer
geraden und einigen gebogenen Linien die mannigfaltigsten, in der
verschiedensten Weise sich verschlingenden Ornamente hervorbringen,
bei denen Anfang und Ende sich decken und keine Unregelmäßigkeit den
Zug der Linien unterbricht (Fig. 130, Mittel- und Eckstück). Die
gemusterte Rolle führt indeß auch bei ihnen ganz wie in Deutschland zu
einer Mißbildung an den Ecken, wo Längs- mit Querborden unvermittelt
zusammenstoßen.
Kaum geringere, ja oft größere Sorgfalt als auf die Außenseite
verwandte man auf die +Innenseite+ des Deckels und der zugehörigen
Klappe, insbesondere bei den zum gottesdienstlichen Gebrauche dienenden
Handschriften. Das Lederornament ist dabei nicht geprägt, sondern
aus ganz fein geschärftem Ziegenleder ausgeschnitten, eine bei den
zierlichen Formen des Blattwerks unendlich mühsame Arbeit, die
vermutlich mit Hilfe einer Metall- oder Fayencetafel ausgeführt wurde,
auf die man das Leder mit der Fleischseite aufklebte. Das so gewonnene
Netz wurde dann über die vorher blau oder rot gefärbte Stelle geklebt,
für die es bestimmt war. (Fig. 137.) Sowohl Eck- und Mittelstücke als
auch die Borde erhielten solche Einsätze, die in der Regel die schwarze
Lederfarbe zeigen, aber auch mitunter vergoldet sind. Die Borde wurde
aus einzelnen aneinander gestoßenen Stücken gebildet, wofern sie
nicht gefeldert war. An Stelle der Färbung des Grundes gab man dem
Ornament auch wohl eine Unterlage von farbiger Seide oder Goldpapier.
Übrigens sind diese durchbrochenen Ornamente nicht immer mit der Hand
geschnitten: bei Büchern jüngeren Datums ist bereits die Stanze benutzt
worden, was sich an den gestauchten Schnittkanten deutlich wahrnehmen
läßt.
Geringere Einbände erhielten statt des Lederspiegels gewöhnlich einen
Vorsatz von orangegelbem, auch wohl marmorierten oder gesprenkelten
Papier. Eine Ausnahme machen jedoch die maurischen Einbände, welche
stets ein mit dem Model auf nasses Leder gepreßtes Vorsatz aufweisen;
das gepreßte Ornament erscheint dadurch glänzend dunkel. In der
Musterung desselben zeigt sich wiederum ein unendlicher Reichtum an
ornamentalen Gedanken, wie schon aus den wenigen Proben zu ersehen ist,
die wir in Abbildung beifügen. (Fig. 138-141.)
[Illustration: Fig. 137. Innenseite eines persisch ornamentierten
Deckels mit durchbrochenem Ornament auf farbigem Grunde. Düsseldorf.]
[Illustration: Fig. 138-141. Maurische Ledervorsätze.]
[Illustration: Fig. 142. Gravierter türkisch-egyptischer Einband in
braunem Leder mit rotem Mittelfeld. 16.-17. Jahrh. Düsseldorf.]
Die sorgfältige und mühsame Kunstarbeit begann im Orient mit
dem Sinken der mohammedanischen Macht zu erlahmen. Man griff zu
ärmlichen Ersatzmitteln für die frühere edle Technik. An Stelle des
Ledervorsatzes trat gepreßtes Goldpapier, das noch dazu vom Golde nur
den Namen geborgt hatte. Die gepreßten Einlagen beschränken sich oft
auf das Mittelstück des äußeren Deckels und sind statt aus Leder aus
Papier geschnitten. Gold- und Silberpapier, ja Zinnfolie bilden den
Untergrund, der dann noch mit durchschimmerndem Lack in einer oder
mehreren Farben überzogen wird. Besonders sind in Anatolien eine Menge
solcher Einbände hergestellt worden.
Wie schon oben bemerkt, übte die Deckenverzierung orientalischer Bücher
einen entscheidenden Einfluß auf die italienische Kunstarbeit aus. Es
scheint indes, als ob die Berührung mit dem Kulturleben Italiens auf
den Orient zurückgewirkt und in einzelnen Fällen eine Umbildung des
ursprünglichen Dekorationsschemas herbeigeführt habe. Zeugnis dafür
ist eine Gruppe von Decken, die, wie die hier abgebildete (Fig. 142),
ein ungewöhnlich großes Mittelfeld mit einem lebhaft an die sog.
Grolierbände erinnernden schraffierten Ornament aufweisen und deren
Verzierung, von der gepunzten Borde abgesehen, ganz mit dem Stifte
hergestellt ist.
[Illustration]
2. Die Corvinen.
Ein höchst eigentümliches Intermezzo in der Geschichte der Buchdecke
bilden die Einbände, welche aus der Bibliothek des Königs Matthias
Corvinus von Ungarn herrühren und von denen sich noch eine kleine
Anzahl in öffentlichen Bibliotheken erhalten hat. Die Echtheit
einzelner Stücke dieser nach dem ursprünglichen Besitzer benannten
Gruppe von Einbänden wird von Einzelnen angezweifelt. Unzweifelhaft
echt sind indes die Bände, welche erst vor kurzem von dem Sultan Abdul
Aziz der ungarischen Regierung zum Geschenk gemacht worden sind und
vermutlich unter Soliman II. bei der Eroberung von Budapest (1627)
als Kriegsbeute nach Konstantinopel gekommen waren. Matthias Corvinus
(1458-1490) war ein vollkommener Renaissancemensch, groß als Heerführer
wie als Freund und Förderer der Künste und Wissenschaften. Er suchte es
den italienischen Fürsten damaliger Zeit, die ihre Gewaltherrschaft mit
dem Nimbus des geistigen Adels zu umkleiden wußten, in dieser Hinsicht
gleichzuthun, zog Gelehrte und Künstler an seinen Hof und legte eine
großartige Bibliothek an, die an 50,000 Bände umfaßt haben soll.
Die Einbände, an dem ungarischen Wappen oder dem Wahrzeichen des
Königs, einem Raben (corvus) im Mittelfelde, kenntlich, zeigen
nun eine merkwürdige Mischung orientalischer und abendländischer
Elemente. Die Bindung und äußere Gestaltung des Buches ist die in
Deutschland und Italien zu damaliger Zeit übliche. Der Rücken zeigt
breite Wülste entsprechend der Heftung über Doppelbunde, die Kanten
der Deckel überragen die Buchkörper und sind am Vorderschnitt mit
ledernen Riemen oder Bändern versehen; das Beschläge fehlt wie auch
an den italienischen Bänden jener Zeit. Den Überzug bildet gefärbtes
Kalbleder dessen Verzierung, teils blind, teils vergoldet, auch wohl
unter Hinzutritt von Bemalung den Bänden in ihrem ursprünglichen
Zustande ein prächtiges Aussehen verliehen haben muß.
[Illustration: Fig. 143. Einband aus der Corvina. Stempelvergoldung. Um
1480. Budapest. (Nach Luthmer.)]
Einer Beschreibung der Ornamentierung, welche Luthmer in der
»Geschichte der technischen Künste« an einem Beispiele gibt, entlehnen
wir die nachfolgenden Angaben. »Auf gelbrotes Kalbleder ist eine
Mittelverzierung in Vergoldung und ein Randornament in blau gemalten
Stempeln angewendet, welch letzteren einige Goldpunkte eingestreut
sind. Man erkennt nur zwei Stempel, welche überhaupt bei diesen Bänden
die Hauptrolle gespielt haben: ein gerades und ein im Halbkreise
gebogenes Band zwischen zwei glatten Rändern, mit schräg aufsteigenden
Strichelchen (wie eine gewundene Schnur) versehen. Die Länge des
Stempels, ebenso wie der Durchmesser des gebogenen beträgt 5 mm. Mit
diesen zwei Stempeln ist in erstaunlichem Reichtum der Phantasie
ein Flachornament geschaffen, das den Rahmen der Deckel bildet.
Der obere und untere Schenkel ist dabei erheblich breiter als die
Seitenteile. Die Dekoration des in diesem Rahmen eingeschlossenen
Feldes ist eine äußerst mannigfaltige. Immer bleibt sie jedoch dem
Prinzip des orientalischen Einbandes treu: der schrägen Ausfüllung
der Ecken und der Anordnung eines Mittelfeldes. Dies letztere ist
von verschiedener Form, bald dem gotischen Vierpaß ähnlich, bald
ein Kreis mit vier heraustretenden rechten Winkeln, bald aus einer
Verbindung von Kreissegmenten und geraden Linien, bald aus dem
maurischen zweimal geschwungenen Bogen gebildet. Die Mitte scheint
immer das Wappen Ungarns, ausnahmsweise dasjenige des Königs (ein
Rabe) einzunehmen. Die übrige Fläche ist ausgefüllt mit einem ziemlich
dichten, aus Stempeln und Fileten gebildeten Rankenornament. Einen
charakteristischen Eindruck bringen dann noch neben den genannten
Stempeln kreisrunde Punzen verschiedener Größe hervor, sowohl einzelne
Punkte als auch kleine Kreise, in deren Mitte sich ein Punkt befindet.
Diese Punzenschläge durchsetzen sowohl das Flechtwerk an geeigneten
Stellen, wie sie auch, zwischen Linien eingeschlossen, zur Bildung von
Rändern und Einfassungen benutzt werden. Am meisten erinnern sie an die
reichliche Verwendung der Silberperlen bei gewissen Filigranarbeiten.«
(Fig. 143.)
Ein Vergleich mit der von uns unter Fig. 127 (Seite 184) vorgeführten
italienischen Decke läßt eine gewisse Verwandtschaft derselben mit der
eben beschriebenen wenigstens in Bezug auf die aus Flechtwerk gebildete
Umrahmung des Mittelfeldes erkennen. Das Flechtwerk erscheint hier
freilich nur wie eine schüchterne Nachahmung orientalischer Muster. Das
Crefelder Museum besitzt einen in ähnlicher Weise ornamentierten Band.
[Illustration: Von einem französischen Einbande, 16. Jahrh.]
3. Der Renaissanceband in Italien und Frankreich.