Hälfte des 17. Jahrhunderts der vielgenannte Meister +Le Gascon+,
von dessen Lebensschicksalen keine sichere Kunde auf die Nachwelt
gekommen ist. Es gibt auch keinen Einband, der mit dem Namen Le
Gascon gezeichnet wäre, ein Umstand, der französischen Forschern zu
der Vermutung Anlaß gegeben hat, Le Gascon sei nur der populäre
Beiname eines unbekannten Meisters, vielleicht des +Florimond Badier+
gewesen, dessen Name sich auf einer Anzahl Einbänden findet, die dem
Genre Le Gascon verwandt sind. Von andern wird diese Annahme wegen der
spätern Lebenszeit Badiers bestritten, von dessen Arbeiten wir ein
Beispiel (Fig. 164) mitteilen. Auf Le Gascon werden eine Reihe neuer
Stempel zurückgeführt, deren Motive vorzugsweise den Spitzenmustern,
zum Teil aber auch der Goldschmiedetechnik entlehnt sind. Seine
punktierten Stempel (Fig. 165) für Spiralen z. B. lassen ihr Vorbild in
Buchbeschlägen vom Anfang des 16. Jahrhunderts erkennen; ein derartiges
Vorbild ist in dem Mittelstück eines im Museum zu Düsseldorf bewahrten
Missale nachweisbar. Le Gascon war der erste, der seinen Einbänden
ein doppeltes farbiges Vorsatz gab. Die Lederspiegel der Innenseite
bestehen in den meisten Fällen aus grauem Leder, das mit denselben
Stempeln, die für die Verzierung der Außenseite verwendet waren,
vergoldet wurde.
[Illustration: Fig. 172. Von einem Einbande von Dérome. 18. Jahrh.]
Die Grundzüge der Musterung, welche Le Gascon beobachtete, sind
nicht immer dieselben. Was allen seinen Arbeiten gemeinsam ist, sind
die ungemein zarten, punktierten (pointillés) Stempel, die bald als
Ansätze an das Bandwerk erscheinen, bald in Spiralwindungen mit feinen
Auswüchsen die Zwischenräume, die das Bandwerk frei läßt, wie mit einem
Filigrangewebe überspinnen. (Fig. 166.) Die zu Eckverzierungen oder
zur Bezeichnung der Mitte eines umrahmten Feldes dienenden Stempel
haben eine rautenähnliche Grundform (Fig. 167) mit mehr oder weniger
deutlicher Betonung des Oben und Unten, der Wurzel und der Spitze.
In der Folgezeit kommt das Spitzenmotiv im Anschluß an die damalige
Mode und Vorliebe für diesen Kleiderschmuck immer mehr zur Herrschaft.
(Fig. 168-170.) Auf Rollen eingeschnitten, vergröbert es sich
indes zusehends, wie denn überhaupt seit den Tagen Le Gascons,
dessen Lebenszeit kaum einige Jahre über die Regierung Ludwigs XIII.
hinausgeht, ein Rückgang in der Buchbinderei Frankreichs sich bemerkbar
macht.
[Illustration: Fig. 173. Einband mit farbiger Auflage von Padeloup. 18.
Jahrh. (Nach Gaz. des Beaux-Arts.)]
Die Verzierung mit feingliederigen Stempeln führte die Bezeichnung »à
petits fers«, die zusammengesetzten Spitzenborden hießen »à dentelle«.
Außerdem fand auch die Musterung à l’éventail, die fächerartige
Verzierung, in Frankreich Eingang, die zu jener Zeit vorzugsweise
in Deutschland zur Entwickelung kam und gern die ganze Buchfläche
überwucherte. In Frankreich war man mit dieser Zierweise sparsamer und
begnügte sich ebenso wie in Italien meistens nur Ecken und Mitte, jene
mit einer Viertel-, diese mit einer vollen, fächerartig gebildeten
Rosette zu bedrucken. Zur Verlängerung der Fächerstrahlen wurden dann
noch kleine Spitzenstempel hier und da angesetzt. Einen im einzelnen
wie in der Gesamtanordnung des Zierwerks besonders schönen Band der Art
mit einem bischöflichen Wappen geben wir in Fig. 171 wieder.
[Illustration: Fig. 174. Französischer Mosaikband. Um 1710. (Nach Gaz.
des Beaux-Arts.)]
[Illustration: Fig. 175. Silberplattierter Einband. Um 1750. Stuttgart,
Gewerbemuseum.]
Im 18. Jahrhundert begegnen wir noch einigen Berühmtheiten in der
französischen Buchbinderei. +Dérome+ und +Padeloup+ sind vielgenannte
Namen von Buchbinderfamilien, auch die Namen +Dubuisson+ und
+Thouvenin+ haben noch guten Klang bei den Bücherliebhabern unserer
Zeit. Es kommen neue Stempelformen auf und neue Zusammenstellungen
der alten und neuen Zierstücke und Stückchen, aber es wird nichts von
durchgreifender Bedeutung mehr geschaffen. Von den Versuchen Déromes,
einen originellen Zug in das Spitzenornament zu bringen, mag unsere
Abbildung (Fig. 172) einen Begriff geben; von den Mitteln, mit denen
Padeloup die Brillantschmuckformen auf die Buchdecke zu übertragen und
mit farbiger Mosaik zu wirken wußte, gibt Fig. 173 eine annähernde
Vorstellung. Die an den Rändern als »Kante« hinlaufende Spitzenborde
bildet im 18. Jahrhundert häufig den einzigen Schmuck der Decke, deren
mittlere Fläche wie bei dem Spiegel der Innenseiten schmucklos sind.
Was das 18. Jahrhundert der Buchbinderei an neuen Dekorationsmitteln
brachte, war eine Fülle von verschiedenartigen Vorsatzpapieren mit
unbegrenzten (Tapeten-) Mustern. Sonderbarerweise findet sich das
unbegrenzte Muster auch auf den Decken ein, und zwar als »Mosaik«,
d. h. in aufgelegter Arbeit, ein Zeichen für die völlige Ermattung
des Stilgefühls. (Fig. 174.) An Stelle des Leders wird mehr und mehr
+Seide+ mit Stickerei und Flitterwerk als Überzug der Decke verwendet.
Das graziöse und kapriziöse Formenwesen des Rokoko, das vom Stuck sich
auf alle Gebiete des Kunsthandwerks übertrug, ist an der Buchbinderei
nahezu spurlos vorübergegangen. Nur bei dem mit Silber plattierten
Einbänden macht es sich und zwar in sehr ausgesprochener Weise (Fig.
175) geltend.
[Illustration: Randverzierung von einem sächsischen Einbande. 16.
Jahrh. Dresden.]
4. Der Renaissanceband in Deutschland und England.
Erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts fand in Deutschland die
Handvergoldung Eingang und mit ihr die im Sinne des italienischen
Renaissancebandes veränderte Anordnung des Zierats. Der althergebrachte
»weiße« Einband mit Blindpressung auf Pergament oder Schweinsleder
(vergl. S. 170) behauptet aber nebenher seine Geltung als bürgerlicher
oder Buchhändlerband und verschwindet erst im 18. Jahrhundert aus dem
litterarischen Verkehr.
Kaum minder zähe hielt die deutsche Sitte an dem Holzdeckel fest,
der bei großen und schweren Bänden bis tief ins 18. Jahrhundert in
Übung blieb, auch in Fällen, wo statt der Blindpressung eine reiche
Verzierung in Golddruck beliebt wurde. Ja selbst im 19. Jahrhundert
verwandte man noch sog. Spaltendeckel.
Ebenso galt das Beschläge lange noch für einen unerläßlichen Schmuck
an Bänden vornehmer Art und fand sich auch auf den mit Pappeinlage
versehenen Deckeln ein, obwohl an seine ursprüngliche Bedeutung als
Schutzmittel gegen Stoß und Reibung kaum noch gedacht wurde.
Auch an den hohen Bünden und der durch die Bundwülste gegebenen
Einteilung des Rückens hielt der deutsche Einband mit Ausdauer fest,
als in Frankreich und Italien schon längst der glatte Rücken an der
Tagesordnung war.
Unter den deutschen Renaissancebänden mit Handvergoldung lassen sich
zwei Typen deutlich unterscheiden; der eine ist durch die aus einer
Platte hergestellten Eckstücke und durch das ebenfalls als Platte
erscheinende Mittelstück charakterisiert, der andere durch die nach
italienisch-französischer Art aus kleinen Stempeln »komponierten«
Muster für Mitte und Ecken oder auch für die ganze Fläche der Decke.
Die Platten- oder Stockdruckverzierung kommt meistens in Verbindung mit
dem Rollendruck vor und nur ungern scheinen die deutschen Buchbinder
das zur Bordenbildung bequeme Werkzeug beiseite gelegt zu haben. (Fig.
176.) Die gemusterte Borde, die bei der Blindpressung fortdauernd
die Hauptrolle spielt, treffen wir daher noch oft auf deutschen
Renaissancebänden, wenn auch nicht mehr in der Breite, die ihr ehedem
eingeräumt war.
[Illustration: Fig. 176. Dresdener Einbanddecke nebst gemustertem
Schnitt. Um 1600. Oktav. Buchgewerbemuseum zu Leipzig.]
[Illustration: Fig. 177. Aus der herzogl. Bibliothek zu Wolfenbüttel.
Bezeichnet F. D. H. Z. S. Nach Stockbauer.]
Bemerkenswert ist noch der Umstand, daß der Plattendruck mitunter ganz
nach orientalischer Weise ausgeübt wurde, insofern das Ornament in
Lederfarbe, der Grund aber golden erscheint.
Unsere Abbildung (Fig. 178) zeigt eine Decke, die mit drei Platten,
zwei für die Ecken, eine für die Mitte, bedruckt ist. Die Eckstücke
sind aber nicht nach einem Muster geschnitten und der Buchbinder hat
aus der Not eine Tugend gemacht, indem er das ihm fehlende linksseitige
Eckstück durch ein anderes, formverwandtes aus seinem Vorrat ersetzte.
Der zwischen Eckstücken und Mittelstücken frei bleibende Grund ist
mit Sternen besät. Diese Art der Musterung des unverzierten Grundes
-- statt der Sterne kommen auch kleine Blüten, Blätter u. s. w. vor
-- war allgemein beliebt; die Scheu vor leeren Stellen, der horror
vacui, den der Blinddruckband erkennen läßt, übertrug sich auch auf den
Golddruckeinband.
Die Kunst der Handvergoldung ist ohne Frage über die Alpen nach
Deutschland gekommen, und zwar auf dem Wege des Handels und
Meßverkehrs, namentlich der in Frankfurt blühenden Buchhändlermesse,
die sowohl von italienischen wie auch von französischen Verlegern
oder deren Agenten besucht zu werden pflegte. Auch sonst herrschte
zwischen den Handelsstädten Norditaliens und denjenigen Süddeutschlands
und Flanderns ein reger Warenaustausch, der zweifellos italienische
Bände nach Augsburg, Nürnberg, Frankfurt sowohl wie auch nach Gent und
Brügge brachte. Fürstliche und fürstlich gesinnte Bücherfreunde, die es
freilich in Deutschland nicht in so großer Anzahl gab wie in Italien
und Frankreich, von denen aber doch einige mit Auszeichnung zu nennen
sind, so die Augsburger Fugger, die Grafen Mansfeld, vor allen aber
der Kurfürst August von Sachsen, veranlaßten dann die Einbürgerung
der neuen Art der Buchverzierung, und die deutschen Stempelschneider,
deren Kunstfertigkeit auf hoher Stufe stand, sorgten dafür, daß es
an den verschiedenartigsten Vergolderstempeln nicht fehlte. Die
Formen dieser Stempel wurden in den Grundzügen den fremdländischen
nachgebildet, dabei aber in selbständiger Weise gemodelt, so daß sie
sich deutlich von jenen unterscheiden. (Vergl. Fig. 179.) Wie hätte es
auch anders sein können bei der fruchtbaren Thätigkeit der zahlreichen
Ornamentstecher, die unter dem Namen der Kleinmeister in der
Kunstgeschichte des 16. Jahrhunderts eine so wichtige Rolle spielen.
Namentlich sind die Flachmuster von Peter Flötner (s. S. 186), aber
auch die ornamentalen Erfindungen von Aldegrever, Hopfer, Virgil Solis
häufig von den Stempelschneidern benutzt worden. Dem letztgenannten
Meister wird eine in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen
Buchhändler zu Leipzig befindliche große Rolle mit Bildnissen von
Königen zugeschrieben, eine der wenigen, die sich aus jener Zeit
erhalten haben.
[Illustration: Fig. 178. Deutscher Einband mit Stockdruck. Um 1600.
Nürnberg, Germanisches Museum.]
[Illustration: Fig 179. Sächsischer Einband (Teil der Rückseite) in
rotem Leder mit Silberbeschlag, Rollen-Handstempel und Stockdruck. Um
1589. Dresden, königl. Bibliothek.]
Unter den deutschen Fürsten haben vorzugsweise die sächsischen der
Buchbinderei im Sinne der italienisch-französischen Deckenverzierung
Vorschub geleistet. Die Hofbibliothek zu Dresden enthält eine große
Anzahl von Bänden, die entweder durch die Inschrift A. H. Z. S.
C. (August, Herzog zu Sachsen, Kurfürst) oder durch den Charakter
der Verzierung als zu der Bibliothek des Kurfürsten August gehörig
gekennzeichnet sind. Die von dem Kurfürsten († 1586) in dem alten
Kanzleigebäude auf der Schloßterrasse errichtete Buchbinderei stand
seit 1566 unter der Leitung des von Augsburg berufenen +Jakob
Krauße+, dem 1578 +Kaspar Mauser+ im Amte nachfolgte. Von dem
Letztgenannten dürfte daher der Einband herrühren, dessen Rückseite wir
in Fig. 179 wiedergeben. Das Beschläge der Ecken ist mittelst Linie
und Borde abgegrenzt, so daß die Mittelfläche aus einem Viereck mit
einem oben und unten vorgelegten rechteckigen Felde besteht; auf der
Vorderseite erscheint das kursächsische, auf der hier abgebildeten
Rückseite das markgräflich-brandenburgische Wappen inmitten eines aus
Bogen und schraffiertem Blattwerk gebildeten Ornaments, während die
Ecken mittelst Stockdrucks verziert sind.
Den Dresdener Einbänden sehr ähnlich sind eine Anzahl von Bänden in der
herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel, meistens bezeichnet F. D. H.
Z. S., also für einen Herzog oder eine Herzogin von Sachsen gefertigt.
Die schönsten darunter hat Stockbauer in seinen Mustereinbänden
herausgegeben. Der Rahmen ist aus mehreren, meist gerollten Borden,
seltener aus einer einzigen (vergl. S. 103) gebildet; in den Ecken
desselben findet sich gewöhnlich das im orientalischen Sinne
ausgeführte Zierstück, das dann, vierfach zusammengelegt, auch wohl zur
Bildung des Mittelstückes dient. Die Spiegelfläche ist getüpfelt und
trägt mitunter eine ganz im Sinne der deutschen Renaissance gedachte
Kartusche, ein Wappen oder ein kreisförmig gestaltetes Zierstück. Die
Einzelformen der Stempel decken sich nicht mit denen, die auf den
Dresdener Einbänden vorkommen, wenn sie ihnen auch verwandt sind,
weshalb man auf eine andere Werkstätte zu schließen berechtigt ist.
(Vergl. Fig. 177.)
In auffälliger Weise abweichend erscheint eine Gruppe der mit der
gleichen Bezeichnung versehenen Wolfenbütteler Bände. Bemerkenswert an
diesen sind die kleinen, eng gewundenen, in einem Punkte endigenden
Spiralen, die als Ansätze an großen, den Grundzug des Ornaments
bildenden Spirallinien angebracht sind (vergl. Fig. 180). Unser
Beispiel zeigt wieder den mit einem kleinen Stempel ganz überdruckten
Grund und neben den sehr weit nach der Mitte vortretenden Eckfüllungen
ein frei schwebendes Mittelornament, eine Anordnung, die sich der
orientalischen Art nähert. Ein gewisser stilistischer Zusammenhang
zwischen dieser deutschen Einbandgruppe und der französischen, die wir
in Fig. 161 kennen lernten, läßt darauf schließen, daß eine lebhafte
Wechselwirkung zwischen beiden Ländern auf dem Felde der Buchverzierung
stattfand, ohne daß der deutsche Geschmack sich sklavisch an die
französischen Muster gehalten hätte. Diese Beobachtung kann man
auch in der Folgezeit machen, in der auch die deutsche Buchbinderei
die +Spitzenmotive+ für Rollen sowohl wie für Stempel aufnimmt.
Eigentümlich deutsch erscheint daneben aber das +Fächerornament+,
das uns einerseits an die verwandten Zierformen des Balkenwerks
norddeutscher Holzbauten erinnert, anderseits aber orientalisch
anmutet. (Vergl. Fig. 181.) In den Ecken angewendet, füllt es diese in
Viertelkreisform, in der Mitte wird es zur Rosette und erhält dann oben
und unten Spitzenansätze, die zur besseren Füllung der Mittelfläche an
die Rosette mehr angeschoben als mit ihr verbunden sind (vergl. Fig.
181.)
Dies feine Zierwerk, das sich auch in den Seitenfeldern zwischen der
Borde und dem mittleren Sechseck auf unserem Beispiel findet, ist den
französischen Zierstempeln, die wir oben kennen lernten (Fig. 167),
aufs engste verwandt.
[Illustration: Fig. 180. Sächsischer Einband mit der Bezeichnung F. D.
H. Z. S. Stempelvergoldung mit kleinen Punktschnecken. Wolfenbüttel.]
[Illustration: Fig. 181. Deutsche Einbanddecke mit Fächer- und
Spitzenornament. 17. Jahrh.]
Sehr verschieden von dieser durch geradlinige Einteilung der
Fläche auffallenden Decke sind die Rosettendecken, bei denen
Bandverschlingungen ähnlicher Art, wie sie auf den Bänden Le
Gascons vorkommen, die Fläche feldern und dabei die Rücksicht auf
den symmetrischen Eindruck beiseite setzen. Die Führung dieser
Bandornamente ist so getroffen, daß möglichst viel kreisrunde Felder,
größere und kleinere, entstehen, deren Füllung dann die Rosette bildet.
Die übrigen leeren Stellen des Grundes sind ganz klein gemustert mit
Sternchen oder Punkten, jedoch nicht in so sparsamer Weise, wie bei dem
französischen Streumuster, sondern dicht gedrängt, als ob die Fläche
mit den Punzen behandelt worden wäre.
Noch einer besonderen Gruppe von Decken haben wir zu erwähnen, die
vorzugsweise in Bayern angefertigt zu sein scheinen. Stockbauer hat
in seinen Abbildungen von Mustereinbänden einen Einband dieser Art
mit dem kurbayrischen Wappen veröffentlicht und dem Verfasser sind
ebenfalls mehrere verwandte Arbeiten mit dem bayrischen Wappen zu
Gesichte gekommen. Das Eigentümliche an diesen Bänden ist, daß einzelne
Blättchen des mit der Punktschnecke durchsetzten Ornaments mit Silber
ausgemalt sind; die Silberbronze ist zu diesem Zweck vermutlich mit
weißer Farbe gemischt worden.
[Illustration: Fig. 182. Deutsche Stempel mit naturalistisch
gezeichneten Blumen. Zweite Hälfte des 17. Jahrh.]
Der dreißigjährige Krieg, in welchem das gesamte deutsche Kulturleben
nahezu verödete, führte auch den Niedergang der Buchdeckelverzierung
herbei. Indes fehlte es in der nachfolgenden Zeit nicht an
Bestrebungen, die alte Kunstübung wieder aufzufrischen. Zu den von
früher her gebräuchlichen Stempeln mit feinem Spitzenwerk, zu der
Rosette und Punktschnecke traten naturalistisch gezeichnete Blumen in
großen Formen, wie sie auch auf Tapeten aus jener Zeit vorkommen (Fig.
182).
Auch die Art des Netzwerks, in welchem diese Blumen oft neben oder
in Verbindung mit dem zarten Spitzenwerk erscheinen, erinnert an die
Tapete mit ihrem nach allen Richtungen gleichmäßig wiederkehrenden
Rapporte (Fig. 183).
Dieser niederdeutschen Decke stellen wir eine gleichzeitige aus
Steiermark gegenüber (Fig. 184), bei der die Gesamtanordnung und die
dichte und verschiedenartige Musterung der leeren Flächen einen der
in Fig. 181 gegebenen Decke verwandten Zug offenbart. Die Rosette
erscheint hier als Füllung des halbkreisförmigen Abschlusses der
in den Rahmen gewissermaßen eingelegten Felder, deren übrige Fläche
mit einem von einer kleinen Vase aufsteigenden Zweige mit dichtem,
geflammtem Laubwerk gefüllt ist. Das schöne Beschläge an den Ecken und
auf der Mitte erhöht noch die prachtvolle Gesamtwirkung dieser Decke,
die eine Pergamenthandschrift aus dem 15. Jahrhundert umschließt.
[Illustration: Fig. 183. Niederdeutsche Decke mit großen
naturalistischen Blumen. Nach 1650. Düsseldorf, Gewerbemuseum.]
Einen nicht minder prächtigen Einband mit Rosetten und zierlichem
Füllwerk in den durch Bandverschlingungen gebildeten Feldern bewahrt
das Leipziger Kunstgewerbemuseum. Den Inhalt bildet eine Bibel in
Folio, Lüneburger Druck vom Jahre 1665.
[Illustration: Fig. 184. Steirische Decke (Fragment) mit Rosetten
und naturalistischen Blumen. Rotes Kalbleder. gr. Folio. Graz,
Univers.-Bibliothek.]
Es verlohnt sich nicht, den deutschen, mit Handvergoldung verzierten
Einband über das Ende des 17. Jahrhunderts zu verfolgen. Der frühere
Lederband wird mehr und mehr von dem sog. Halbfranzbande verdrängt,
bei dem nur noch der +Rücken+ der Handvergoldung den nötigen Spielraum
bietet. Die Musterung des Rückens war bisher bedingt gewesen
von den hoch liegenden Bünden, und die Verzierung der durch sie
abgeteilten Felder bestand gewöhnlich in einem als laufendes Band sich
darstellenden oder auch schuppenartig gebildeten Ornament (Fig. 185),
das mit der Filete gedruckt wurde. Im 18. Jahrhundert kommt, wie schon
früher in Frankreich und Italien, der glatte Rücken auf, ohne freilich
die bisher üblichen hohen Bünde ganz zu verdrängen.
[Illustration: Fig. 185. Deutsche Rückenfelderverzierungen, mit Fileten
gedruckt.]
Zum Schluß bleibt uns noch ein Blick auf die +Pergamentbände+ übrig,
die in der hergebrachten Weise mit Blindpressung auch noch im 18.
Jahrhundert ihr Dasein fristen, dabei von dem Wechsel des Geschmacks
in Bezug auf die Zierformen der Platten und Stempel mehr oder weniger
berührt werden. (Vgl. das Schlußstück S. 155 und die Decke S. 156.)
Im 17. Jahrhundert begegnen wir den Versuchen, mittelst farbiger
Bemalung dem Pergamentbande einen besonderen Reiz zu verleihen. Die mit
Leerstempeln gedruckten Zierformen wurden mit Beiz- oder Lackfarben
ausgemalt, und es entstand so eine Art von bunten Einbänden, die meist
als +Emailbände+ bezeichnet werden, obwohl sie mit Email nichts zu thun
haben. Die großen naturalistischen Blumen erinnern dabei an die sog.
Bauernmajolika. Diese bunten Pergamentbände kommen vorzugsweise bei den
damals üblichen Brautbüchern vor.
* * * * *
Außer dem deutschen, französischen und italienischen Einbande hat nur
noch der englische ein geschichtliches Interesse für uns.
Der schlichte bürgerliche Einband mit Blindpressung war auch jenseits
des Kanals in den ersten Zeiten des gedruckten Buches allgemein üblich.
Daneben gab es aber auch sehr kostbare Einbände, die der Hauptsache
nach für den Hof und den ihm nahe stehenden Adel angefertigt wurden.
Eine Anzahl derselben bewahrt das Britische Museum. Sie sind zum
größten Teile mit Samt, auch wohl mit anderen kostbaren Webstoffen,
wie Damast und Goldbrokat, überzogen und mit einem reichen Gold- oder
Silberbeschlag versehen. Heinrich VIII. und die Königin Elisabeth
zeichneten sich durch ihre Liebhaberei für Bücher und Büchereinbände
aus, wie aus den Rechnungsbüchern des königlichen Haushalts deutlich
zu ersehen ist. Unter Elisabeth wurde es Gebrauch, für Buchüberzüge
auch Stickereien zu verwenden, deren Mittelstück das königliche
Wappen bildete; vorzugsweise wurden Bibeln und Erbauungsbücher in
dieser Weise ausgestattet. Die Sitte ist vielleicht von Flandern nach
England gekommen, da auch hier die gestickten Einbände zu Anfang des
17. Jahrhunderts nachweisbar sind und Flandern neben Italien das
klassische Land der Stickerei- und Spitzenindustrie ist. In der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts kommt in England ebenfalls der vergoldete
Lederband in Aufnahme, und auch für die königliche Bibliothek bildet
er seit Jakob I. die Regel, während nur noch ausnahmsweise der Samt
und das kostbare Beschläge zur Verwendung kommen. Die Einwanderung
des italienisch-französischen Lederbandes wird an eine ganz bestimmte
Thatsache geknüpft, nämlich an die Gefangenschaft des französischen
Bibliophilen +Louis de St. Maure+, Marquis de Nesles, welcher, 1559
als Geisel ausgeliefert, später in England verblieb und Stammvater des
hochangesehenen Geschlechts der Seymour wurde. (Vergl. Fig. 149.)
[Illustration: Fig. 186. Mittelstück eines englischen Einbandes. Um
1600.]
Der Hofbuchbinder Jakobs I. hieß +John Gibson+, und aus einer
Rechnung, die sich von ihm erhalten hat, ist zu entnehmen, wie hoch
die Buchbinderarbeit damals im Preise stand; Gibson erhielt nämlich
für einen vergoldeten Folioband 20, für einen ebenfalls vergoldeten
Oktavband 10 Schillinge, und für einen gewöhnlichen Pergamentband 3
Schillinge.
[Illustration: Fig. 187. Schottische Einbanddecke. 18. Jahrh. (Nach
Quaritch.)]
Unter den Bücherliebhabern jener Zeit steht obenan Sir +Thomas
Bodley+, der die Universität Oxford mit einer großen Büchersammlung
(die Bodleiana) bereicherte, die ihm angeblich 200000 Pfd. St.
gekostet haben soll, und derselben zur Vermehrung und Verwaltung ihrer
Bücherschätze eine große Summe vermachte. Die Universitäten Oxford und
Cambridge wetteiferten mit dem Hofe in Bezug auf schöne und haltbare
Einbände. Die gediegene und sorgfältige Arbeit ist denn auch seit jener
Zeit eine hervorstechende Eigentümlichkeit des englischen Einbandes
geworden, und diesen Vorzug bewahrte sich die englische Buchbinderei
auch im 18. Jahrhundert, das sonst fast in allen Ländern ein Nachlassen
der früheren Tüchtigkeit mit sich brachte.