eng zusammen mit der Geschichte der Goldschmiedekunst und der
Stempelschneiderei (Gravierkunst), welch letztere anfänglich auch
von Goldschmieden ausgeübt wurde. Die ornamentalen Erfindungen,
die Zeichnung für den Stempel oder die Prägeplatte sind wohl nur
ausnahmsweise auf Rechnung eigentlicher Buchbinder zu stellen, ja
die Verzierung der Lederbände selbst lag ursprünglich in der Hand
von Goldschmieden und ist erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts zur
Buchbinderarbeit geworden.
Es ist schwer, die Geschichte der Buchdecke in bestimmte Perioden
zu fassen, noch schwerer, sie innerhalb derselben nach nationalen
Rücksichten zu gliedern. Ein in der Natur der Sache liegender tiefer
Einschnitt in dem Entwickelungsgange des Bucheinbandes, sollte man
meinen, müßte sich aus der Erfindung des Buchdruckes oder, besser
gesagt, des Druckes mit beweglichen Typen ergeben. Und doch ist ein
solcher nicht in auffälliger Weise wahrnehmbar. Das handschriftliche
Buch, das als Handelsware auf den Märkten und Messen schon zu Anfang
des 15. Jahrhunderts käuflich war, unterschied sich weder in der
technischen Behandlung der Bindung noch in seinem äußeren Gewande
von den sog. Wiegendrucken. Wohl aber unterschied es sich mit seinem
schlichten Leder- oder Pergamentüberzuge von den lediglich zu
gottesdienstlichen Zwecken bestimmten, aufs kostbarste ausgestatteten
sog. +Mönchsbänden+[2] mit ihrer metallenen, emaillierten und von edlen
Steinen durchsetzten Plattierung. Dieser Mönchsband verschwindet aber
keineswegs mit dem Ausgange des Mittelalters, er behält lange noch
seine Bedeutung als kirchliches Inventarstück ganz in derselben Weise
wie die übrigen Altargerätschaften.
Die Geschichte des +bürgerlichen+ Einbandes hat einen deutlichen
Markstein in dem Auftreten der +vergoldeten Lederdecke+, des sog.
Renaissancebandes, der, persisch-maurischen Ursprungs, von Italien
her den übrigen europäischen Kulturvölkern übermittelt wurde. Aber
diese rasch um sich greifende Neuerung räumte keineswegs mit der alten
Gewohnheit auf, und die +blindgepreßte+ Decke wich nur Schritt für
Schritt, in Deutschland erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, dem
Andrange des glänzenden Nebenbuhlers.
Diese eigentümlichen Umstände schließen eine streng historische
Betrachtung der Buchdecke aus und machen es notwendig, jede
Einbandgattung zunächst für sich ins Auge zu fassen und in ihrer
ornamentalen Entwickelung zu verfolgen. Die Zierformen selbst wechseln,
ändern und vermehren sich, sie zeigen nur ausnahmsweise einen
nationalen Zug, der sich dann meistens rasch verallgemeinert d. h. Mode
wird, sie behaupten auch oft auf Jahrzehnte hinaus ihren Platz der
stilistischen Bewegung zum Trotz, die, von der Architektur ausgehend,
zu allen Zeiten bald schneller, bald langsamer auf das Gebiet der
Kleinkünste hinüberzugreifen pflegt.
[Illustration: Randverzierung von einem arabisch-ägyptischen Bande.]
ERSTER ABSCHNITT.
Der mittelalterliche Einband.
1. Der kirchliche Prachtband.
Schon auf den ersten Seiten dieses Buches ist der historischen
Entwickelung des Einbandes im allgemeinen gedacht. Das Vorbild für
den Schmuck der hölzernen Deckel der für den kirchlichen Gebrauch
bestimmten Handschriften lieferten die römischen Schreibtafeln,
Diptychen oder Pugillarien genannt, deren Außenseite mit erhabenem
Elfenbein-Schnitzwerk verziert zu sein pflegte. Da es indes schwierig
war, die große Fläche der Ritualbücher ganz mit dergleichen Zierat zu
bedecken, so brachte man die Schnitzerei gewöhnlich nur auf der Mitte
der Decke an und gab ihr eine mehr oder minder kostbare Umrahmung aus
Gold- und Silberplättchen, Filigran, Bergkristallen und Edelsteinen.
Indes wurden auch zur Umrahmung Elfenbeinplatten mit kleinerem
Schnitzwerk verwendet. Die einzelnen Stücke dieses Schmuckwerks wurden
unmittelbar auf dem Holz -- meist Buchenholz -- mit Nägeln befestigt,
die Kristalle und edlen Steine vorzugsweise in den Ecken angebracht,
wo sie, wie später die Knöpfe der Eckbeschläge, zum Auflager für das
aufgeschlagene Buch dienten.
[Illustration: Fig. 106. Deckel eines Evangelienbuchs in Essen a. d.
Ruhr. Um 1050.]
Die Schauseite der liturgischen Bücher, die schon ihrer Größe und
Schwere wegen ihren festen Platz auf dem Lesepulte oder dem Altar,
an dem sie nicht selten angekettet waren, unveränderlich behielten,
wurden natürlicherweise am reichsten mit Juwelen- und Goldschmuck
ausgestattet, während die Rückseite eine einfachere Ausstattung
erhielt. Das geschriebene Buch selbst galt als eine große Kostbarkeit,
zumal wenn es mit Miniaturen ausgemalt war, und demgemäß stattete
man auch die zu seinem Schutze dienende Decke mit dem kostbarsten
Schmuckwerk aus. Meistens waren diese Prachtwerke des Mittelalters
Geschenke, die von fürstlichen Personen herrührten, wie das berühmte
Evangeliar aus St. Emmeran in Regensburg (jetzt in der königl.
Bibliothek zu +München+), das vom Kaiser Arnulf dem genannten Kloster
geschenkt wurde und unter Otto II. seinen jetzigen, mit Smaragden
und Perlen besetzten Einband erhielt. Ein Geschenk von Otto III. und
seiner Mutter, der griechischen Prinzessin Theophano, an das Kloster
Echternach war vermutlich das jetzt im Museum zu +Gotha+ befindliche
Evangeliar, das wegen der diagonalen Teilung der mittleren Fläche, der
wir später auf Lederbänden so häufig begegnen, von besonderem Interesse
ist. Aus dem 11. Jahrhundert (zwischen 1039-54) stammt der in Abbildung
wiedergegebene Deckel (Fig. 106) eines Evangelienbuches im Münster zu
Essen mit einem sehr reichen Schnitzwerk, das von einem getriebenen
Goldblechrahmen umgeben ist, dessen Gehrungsfugen mit Edelsteinen
besetzt sind.
Mit dem 12. Jahrhundert beginnt der übertriebene Luxus, der diese
kirchlichen Einbände auszeichnete, allmählich nachzulassen. Es hängt
diese Erscheinung zum Teil wohl mit dem Umstande zusammen, daß die
mittelalterliche Kultur den kirchlichen Charakter nach und nach
abstreift oder doch mehr und mehr mit weltlichen Gedanken und rein
menschlicher Empfindungsweise erfüllt wird. Erst sind es die höfischen
Kreise, der Adel, dem sich mit den Minnesängern eine neue Gedankenwelt
aufschließt; später ist es das in den aufblühenden Städten erstarkte
Bürgertum, das dem gesamten Geistesleben der Nation einen höheren
Aufschwung gibt. Die Bücher mehren sich unter der Hand berufsmäßiger
Abschreiber gleichzeitig mit der Zahl derer, die lesen und schreiben
lernen und bei denen sich naturgemäß ein gewisses litterarisches
Bedürfnis herausbildet. Immerhin behalten die Einbände der liturgischen
Bücher im wesentlichen ihr altes Gepräge, nur verschwindet allmählich
das elfenbeinerne Mittelstück und wird durch eine getriebene Platte
ersetzt, während die Edelsteine gleichzeitig auf kleine Stücke
zusammenschrumpfen oder ganz fortfallen. In Fig. 107 geben wir einen
derartigen Deckel aus dem 12. und in Fig. 108 einen solchen aus dem
14. Jahrhundert. Ärmlicher schon erscheinen die Decken, bei denen das
Mittelfeld aus einem gemalten Bildchen besteht, das dann mit einer
dünnen Horntafel überdeckt zu sein pflegt, die es gegen Beschädigung
schützt.
[Illustration: Fig. 107. Buchdeckel aus dem 12. Jahrh.]
[Illustration: Fig. 108. Deckel eines Evangeliars. 14. Jahrh.
Universitätsbibliothek zu Lüttich.]
[Illustration: Fig. 109. Deckel eines Evangeliars von Anton Eisenhoit.
Um 1590. Im Besitz des Grafen Fürstenberg-Herdringen.]
Mit dem 14. Jahrhundert wird das Buch, die Abschrift, bereits
vorhandener und neu entstehender Werke, immer mehr zur Ware, zum
Handelsartikel, und demgemäß muß auch der Einband auf einfachere und
billige Weise hergestellt werden, wobei jedoch nicht ausgeschlossen
ist, daß die kirchlichen Zwecken dienenden Evangeliarien und
Sakramentarien nach wie vor mehr Metall- als Lederarbeit erfordern.
Ganze in Silber getriebene Buchdeckelbekleidungen kommen noch im 16.
Jahrhundert vor, ja im 17. Jahrhundert erwacht von neuem der Geschmack
an der Belegung des Deckels mit Metallplatten, die sich von der
einfachsten Messinggravierung bis zu den kostbarsten Ziselierungen von
silbernen und vergoldeten Platten erheben. Eine der prachtvollsten
Arbeiten dieser Art, die der Warburger Goldschmied Eisenhoit für
den Fürstbischof von Paderborn, Theodor v. Fürstenberg, zu einem
Evangeliarium fertigte, ist in Fig. 109 wiedergegeben. In der Regel
beschränkt sich seit dem 15. Jahrhundert der Metallbeschlag auf
den Schutz der Ecken, auf ein rosettenförmiges oder als Medaillon
gestaltetes Mittelstück und auf die Schließen (Klausuren), die dazu
dienten, die beiden Deckel über den Vorderschnitt zusammenzuhalten
(Fig. 111). Die Schließen, als Spangen von Metall, häufiger in
Form von Lederriemchen, kommen erst im 13. Jahrhundert auf. Mit
ihrem Haftblech sind sie meist an dem untern Deckel befestigt und
greifen mit einer Krampe oder Öse in den Beschlag an der oberen
Deckelkante ein. Der Eckbeschlag ist in der Regel mit einem Knopf
oder mit Buckeln versehen, die die Decke vor der Berührung mit der
Tischfläche schützen, wenn das Buch aufgeschlagen wird. Es schiebt
sich während der gotischen Stilperiode im spitzen Winkel nach der
Mitte zu mit einem Dreiblattornament vor, wie aus Fig. 112, S. 171 zu
ersehen ist. Der Beschlag bildet insbesondere, wenn er in kunstvoller
Silberarbeit ausgeführt ist, auch in der Zeit der Renaissance oft
den ganzen Zierat der sonst schlicht mit Leder oder Samt bezogenen
Decke. Unsere Abbildung Fig. 110 zeigt einen solchen Prachtbeschlag
von dem Nürnberger Goldschmiede Hans Kellner, bei welchem geflügelte
Engelköpfe den Dienst der oben erwähnten Knöpfe oder Buckel versehen
und der Eckbeschlag mehr im Sinne eines Schmuckstücks als einer
Schutzvorrichtung erscheint.
[Illustration: Fig. 110. Einbanddecke des Tucherschen
Geschlechterbuchs. 1559. Nürnberg, Privatbesitz.]
Mit Erwähnung dieser Erzeugnisse der Renaissancezeit sind wir bereits
weit über die Grenzen des Mittelalters hinausgegangen. Indes schien
es uns der Sache angemessen, den mittelalterlichen Prachtband, an dem
der Goldschmied das Beste gethan, hier gleich in seinen Ausläufern zu
verfolgen, ehe wir uns zur Betrachtung des bürgerlichen Ledereinbandes
anschicken.
[Illustration: Fig. 111. Buchschließe einer Bibel. 16. Jahrh. Leipziger
Kunstgewerbe-Museum.]
[Illustration: Kranzrollenmuster von einem Athoseinbande.]
2. Der bürgerliche Einband mit blinder Lederpressung.
Zweierlei Gattungen von schlichten bürgerlichen Einbänden kannte
das 14. und 15. Jahrhundert in Deutschland und seinen Grenzländern.
Die eine vornehmere Gattung, bei der die Lederdecke mit einer
+Ritzarbeit+ geschmückt ist, lernten wir bereits bei einer früheren
Gelegenheit kennen (S. 110). Die andere, viel zahlreichere Gattung,
den +blindgepreßten+ Einband, haben wir an dieser Stelle einer näheren
Betrachtung zu unterziehen. Beide Behandlungsweisen der Lederdecke
kommen übrigens auch vereint vor, wie z. B. auf der in Fig. 112
abgebildeten Vorderdecke eines Schwabenspiegels, dessen Mittelfeld
geritzte Figuren von phantastisch gestalteten Vögeln in einem S-förmig
gewundenen Rankenwerk zeigt, während der äußere wie der innere Rand mit
Stempeln in blinder Pressung bedruckt ist. Die Ornamentierung dieser
Decke ist besonders charakteristisch für den Geschmack des ausgehenden
Mittelalters, der spätgotischen Periode. Der für die äußere Ränderung
benutzte Stempel zeigt eine in ein Dreiblatt ausgehende Zacke, die
an gotische Giebelblumen oder an gotisches Eisenwerk erinnert. Der
innere Rahmen ist durch eine mannigfaltigere Musterung ausgezeichnet.
Die seitlichen Schenkel zeigen ein mit der Spitze seitwärts gewandtes
blattförmiges Ornament, das die Gestalt eines Vogels (Schwans?)
einschließt, während die horizontalen Schenkel je vier auf die Spitze
gestellte Quadrate aufweisen, deren Füllung eine Rosette (wiederum
mit dem Dreiblatt-Motiv) bildet. Die durch Überschneidung der
Einfassungslinien entstandenen vier Eckfelder des inneren Rahmens sind
mit einem kreisrunden Stempel bedruckt, dessen Bild das Lamm Gottes
mit der Siegesfahne darstellt. Das Beschläge fehlt; die Schließen sind
demgemäß von Leder.
[Illustration: Fig. 112. Vorderdecke eines Schwabenspiegels. 15. Jahrh.
Nürnberg, Germanisches Museum.]
Den Grundformen der hier durch Aneinanderreihung zur Randverzierung
dienenden kleinen Stempel begegnen wir auf allen gotischen
Lederdecken. Außer den angegebenen geschlossenen Formen, Rosenblatt,
auf der Spitze stehendem Quadrat, Ring, kommen auch noch andere
vor, namentlich liegende Quadrate, Rechtecke, Rauten, meist mit
einer Tierfigur von natürlicher oder phantastischer Bildung;
auch Spruchbänder mit Inschriften, wie sie sich auf Gemälden und
Kupferstichen des 15. Jahrhunderts finden, sind nicht selten mit
Stempeln gedruckt. (Vergl. Fig. 113-118.)
Neben den mit einer Randlinie geschlossenen Stempeln waren auch solche
mit freistehendem Ornament, wie die auf unserem Beispiel vorkommende
Zacke, in Gebrauch; die Motive sind in diesem Falle pflanzlicher Natur,
Blüten, Blätter, Ranken u. s. w.
[Illustration: Fig. 113.]
[Illustration: Fig. 114.]
[Illustration: Fig. 115.]
[Illustration: Fig. 116.]
[Illustration: Fig. 117.]
[Illustration: Fig. 118.]
Gotische Decken mit Blindpressung zeigen im wesentlichen dieselbe
Art der Flächenteilung wie die geritzten Decken. Zuerst wird ein
äußerer Rand durch parallele Linien gebildet, die, sich an den Enden
überschneidend, bis an die Deckelkanten gehen. Die Linien zog man
am Lineal hin mit einem Falzbeine, vielleicht auch schon mit einem
Streicheisen oder einem demselben ähnlichen Werkzeug mit stumpfer
Schneide. So erhielt man ein mittleres Feld, dem man mitunter eine
innere Umrahmung ähnlicher Art gab. Das eingerahmte Mittelfeld erhielt
dann eine Rautenteilung, sei es mit glatten und geraden, sei es mit
gebogenen und durch kleine, angesetzte Knorren u. dergl. rankenartig
gestalteten Linien, und jedes der rautenförmigen Felder wurde mit
kleinen Füllungsstempeln bedruckt, auch die Kreuzungspunkte der Linien
durch kleine gedruckte Rosetten hervorgehoben. Mit Vorliebe wird von
der Innenfläche ein oberes Feld abgetrennt, das zur Anbringung einer
Inschrift (Buchtitel, Name des Besitzers, des Buchbinders, häufiger ein
frommer Spruch) dient. (Fig. 119.) Neben dem Blinddruck kommt auch der
Schwarzdruck vor, der vorzugsweise bei größeren Stempeln angewendet
wurde.
[Illustration: Fig. 119. Gotischer Band mit Goldtitel und kleinen
Goldrosetten, kl. Fol. Düsseldorf, Museum.]
[Illustration: Fig. 120. Gotische Friese mit Stempeln gedruckt, um
1500.]
[Illustration: Fig. 121. Gotischer Fries, aus einem mehrfach gedruckten
Stempel gebildet. Ende des 15. Jahrh.]
Die Schenkel des inneren Rahmens zeigen gegen Ausgang des 15.
Jahrhunderts statt der vorher erwähnten Ornamentierung mit kleinen
Stempeln auch eine solche mit bandartigen Motiven, die gewöhnlich
einen Stab darstellen, um den sich eine Blattranke windet, ähnlich
den geschnitzten Balkenfriesen an gotischen Holzbauten, die sich auch
in dem typographischen Zierat aus jener Zeit wiederfinden (Fig. 120
und 121). Es ist sehr begreiflich, daß die gedruckten Verzierungen
des Textes einen starken Einfluß auf die Deckelornamentik übten. Vor
allem zeigt sich dies im 16. Jahrhundert, wo große Meister, wie der
jüngere Holbein in Basel und der ältere Cranach in Wittenberg, sich
der Bücherornamentik annahmen und namentlich reiche Titelzeichnungen
entwarfen, die dann den Stempelschneidern zum Vorbilde dienten.
[Illustration: Fig. 122. Decke von braunem Leder mit
Stockdruckverzierung. Um 1530. Nach Techener.]
Je mehr sich die Bücherproduktion hob und die Buchbinderei neuer
Kräfte bedurfte, entwickelte sich auch eine lebhaftere Thätigkeit der
Stempelschneider, die es nun nicht mehr bei dem Handstempel bewenden
ließen, sondern auch größere Platten lieferten. Mit Hilfe dieser wurde
das mühsame Nebeneinanderdrucken kleiner Ornamente zur Füllung der
Mittelfläche überflüssig. Die frühesten dieser zweifellos mit einer
hölzernen Presse (Stockpresse) eingedruckten »Stöcke« treffen wir
vorzugsweise auf niederrheinischen Decken kleineren Formats von braunem
Kalbleder, deren +Lempertz+ in seinen »Bilderheften zur Geschichte des
Bücherhandels« mehrere veröffentlicht hat. Unser aus dem Werke von
Techener entlehntes Beispiel (Fig. 122) gibt die sich mit einzelnen
Abänderungen stets wiederholenden Grundzüge dieser Gruppe von Einbänden
wieder. Zwei längliche Rechtecke mit einem als aufsteigende Füllung
entwickelten Ornament sind nebeneinander angeordnet und bilden den
Spiegel eines Rahmens, auf dem häufig eine umlaufende Inschrift
angebracht ist, die in vielen Fällen den Namen des Binders mit den
üblichen Zusätzen enthält. Sie lautet in unserem Beispiel:
_Ludovicus Bloc ob laudem Christi hunc librum recte ligavi_,
zu deutsch:
_Ich, Ludwig Bloc, habe dies Buch zur Ehre Christi ordnungsmäßig
gebunden._
Das so umrahmte Stück erscheint auf einer und derselben Decke meist
zwei-, mitunter auch dreimal übereinander, ja selbst viermal paarweise
angebracht, je nach Maßgabe des Formats. Bei unserem Beispiel bleibt
zwischen den beiden gleichartigen Stücken ein langes Rechteck frei,
dem eine figürliche Komposition, ein Bauerntanz, wahrscheinlich die
Nachbildung eines Kupferstichs, als Füllung dient. Das S-förmige
Rankenornament mit den Tierfiguren in jedem Bogenfelde ist rein
gotisch gedacht und stammt vermutlich aus den Miniaturen gotischer
Handschriften her.
Gleichwohl dürfte der Einband selber, wie aus dem Charakter der
Schrift zu schließen, erst dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts
angehören. Die Stempel und Stöcke, die ein sehr wertvolles Inventar
der Buchbindereien bildeten, wurden nicht so rasch von dem Wechsel
des Geschmackes beseitigt, wie dies auf anderen kunstgewerblichen
Gebieten im Anschluß an die Renaissancebewegung in der Architektur der
Fall war. Besonders ansprechende Muster wurden zweifellos mehrfach
nachgeschnitten und dienten den verschiedensten Buchbindern, die mit
einem zu dem Werte der eigenen Arbeit kaum in richtigem Verhältnis
stehenden Eifer ihre Namen inschriftlich zu verewigen bemüht waren.
Unter diesen kleinen Platten kommen im Laufe der Jahre auch größere
in Gebrauch, die bei kleineren Formaten oft die ganze Deckelfläche
einnehmen. Die heilige Jungfrau und andere Gestalten der biblischen
Erzählung und der Heiligenlegende, dann Wappen verschiedener
Herrscherhäuser, Bildnisse der Reformatoren u. s. w. erscheinen
inmitten einer schmaleren oder breiteren Umrahmung. In einzelnen Fällen
scheinen Kupferstichplatten ohne weiteres für die Pressung benutzt zu
sein. So findet sich in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen
Buchhändler zu Leipzig ein Kölnischer Einband vom Jahre 1530, zu
dessen Verzierung zwei Schrotplatten aus dem zweiten Drittel des 15.
Jahrhunderts verwendet sind; bei einem anderen bildet das Mittelstück
ein Bildnis, das auf Goldgrund gedruckt ist und in der flachen Art der
Zeichnung ganz deutlich eine gestochene Platte erkennen läßt.
Die gesamte deutsche Buchbinderei bekundete bis tief ins 16.
Jahrhundert hinein eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den
stilistischen Gesetzen der Flächendekoration. Ein gewisses Stilgefühl
beherrscht noch die gotische Musterung der Innenfläche mit ihrem
Rautennetzwerk. Mit dem Aufkommen der Rolle geht dasselbe aber mehr
und mehr verloren. Die Verzierung der Innenfläche zeigt kein festes
Gefüge, keine organische Gliederung. Man sucht mit den vorhandenen
Stempeln, Stöcken und Rollen die Fläche zu mustern, wie es gerade
paßt, unbekümmert darum, ob ein liegendes Ornament eine aufrechte, ein
aufsteigendes eine horizontale Lage bekommt. Selbst bei figürlichen
Motiven, wie auf unserem Beispiel, (Fig. 122) wird auf Kopf- und
Fußende keine Rücksicht genommen.
Diese ästhetische Rücksichtslosigkeit hat zum großen Teile die
gemusterte Rolle verschuldet. Sie gewährte der Druckarbeit eine
wesentliche Erleichterung, indem sie für leisten- oder bandartige
Ornamente (Borden) mit sich wiederholendem Motiv (Rapport) das
Nebeneinanderdrucken einzelner Stempel überflüssig machte. Die Arbeit
konnte also rascher gefördert werden, weshalb man sich so viel als
möglich der Rolle bediente und damit auf das System der ineinander
gesetzten rechteckigen Rahmen verfiel. Das Ornament bricht dabei nicht
selten bei dem Zusammenstoß der seitlichen mit den oberen und unteren
Schenkeln stumpf ab (läuft sich tot, wie der technische Ausdruck
lautet); es fehlen die den Übergang vermittelnden Eckstücke, für
welche die mit einem Blumenornament diagonal bedruckten Eckfelder
(vergl. Fig. 123) nur einen mangelhaften Ersatz bieten.
[Illustration: Fig. 123. Decke von einem braunen Lederbande in der
Ratsbibliothek zu Ochsenfurt.]
[Illustration: Fig. 124. Teil der Decke des Gerichtsbuchs der Stadt
Ochsenfurt.]
Das System der ineinander gesetzten Rahmen führte dahin, daß die in der
Mitte übrigbleibende Fläche sich als ein schmales rechteckiges Feld
darstellte, das nun entweder der ganzen Länge nach mit einem Stock
bedruckt oder ein- oder mehrfach der Breite nach geteilt wurde, um für
den zu benutzenden Stock oder für ein aus Stempeln zusammengesetztes
Ornament ein passendes Feld zu erhalten. Um diesem unschönen langen
Mittelfelde aus dem Wege zu gehen, ordnete man die Querteilung auch
wohl schon nach der ersten oder zweiten Rahmung an (Fig. 124),
verwendete die Querleisten zur Anbringung von Inschriften und suchte
die übriggebliebene Fläche mit kleinen Handstempeln zu beleben.
Noch ein anderes Mittel gab es, um der übermäßigen Schlankheit des
Mittelfeldes zu steuern: es bestand darin, daß man die Querschenkel
des ersten oder zweiten Rahmens mit einem breiteren Ornamente
füllte als die Längsschenkel. Man verdoppelte dabei gern das Ornament
der ersteren, indem man es in umgekehrter Stellung wiederholte.
Vorzugsweise wurde in dieser Weise die an Posamentierarbeit erinnernde
Kranzrolle verwendet, die aus zwei sich durcheinander schlingenden
Schnüren gebildet ist und nach oben zu eine büschelartige Blume
treibt. (Ursprünglich ein romanisches Friesornament mit Palmetten und
noch bis tief ins 18. Jahrhundert hinein im Gebrauch.) Eine solche
Verdoppelung weist unsere Abbildung (Fig. 125) in dem zweiten Rahmen
auf. Auf dieser Decke gibt sich, nebenbei bemerkt, bereits der Einfluß
der italienischen Zierweise in der Anordnung des Mittelfeldes kund
(Eckstücke und frei schwebendes Mittelstück), von der später die Rede
sein wird.
[Illustration: Fig. 125. Meßbuch aus dem Dom zu Bamberg.]