Unsere heutige Buchbinderei macht es sich mit dem Kapitale bequemer.

Sie benutzt dazu sog. +Kapitalband+, das fertig im Handel zu haben

ist und aus einem Streifen Baumwollgewebe, dem an einer Seite ein

mit Seide übersponnener Wulst angewebt ist, besteht. In passende

Stücke geschnitten, wird es ohne weiteres an den Rücken des Buches so

angeklebt, daß der Wulst über dem Schnitte in der Rundung des Rückens

liegt.

Wenig noch im Gebrauch sind +Zeugkapitale+ aus gestreiftem

Baumwollstoff, in den ein dünner Bindfaden als Wulst mit Kleister

eingeklebt wurde.

In einigen süddeutschen Strichen blühte bis vor kurzer Zeit noch das

+Papierkapital+, bei dem der Stoff durch das noch geringere Papier

ersetzt wurde.

Zur vollständigen Ausstattung besserer Bände gehört noch das

+Zeichenbändchen+. Schmales Seidenband, unter dem Namen +Plattschlag+

bekannt, oder seidene Litze, am Ende mit einer kleinen Quaste versehen,

ist am geeignetsten, doch werden bei großen und schweren Bänden auch

wohl breite seidene Bänder verwendet.

[Illustration: Randleiste von einem arabischen Einbande.]

2. Die Herstellung der Decke.

Der Deckel des Buches und das Ansetzen. -- Der Rücken und dessen

Herstellung. -- Das Leder; Ribbeln, Schärfen. -- Das Insledermachen;

Halbfranzband, Ganzlederband. -- Das Überziehen, die Verlagsdecke und

das Einhängen.

Die Decke des Buches, aus dem Rücken und den an diesen anschließenden

beweglichen Deckeln (Vorder- und Hinterdeckel) bestehend, hat

ursprünglich keinen weiteren Zweck als das Buch zu bewahren, es gegen

Staub und Beschädigung zu schützen. Bei den ältesten Erzeugnissen der

Buchdruckerpresse ist dieser Zweck der Decke auch in der technischen

wie in der ornamentalen Behandlung deutlich ersichtlich, und erst in

neuerer und neuester Zeit haben sich die Begriffe so weit verschoben,

daß die Decke sehr häufig nur als Schmuckstück erscheint, dabei

aber wenig mehr geeignet ist, ihren Dienst als Schutzvorrichtung zu

erfüllen. Zum Teil erklärt sich diese Wandlung der Begriffe daraus,

daß die sog. Inkunabeln (Wiegendrucke) aus der zweiten Hälfte des 15.

und den ersten zwei Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts meist in großen

Formaten, Folio oder Quart, hergestellt wurden, und daher schwer zu

handhaben waren, während heutzutage das handliche Oktavformat bei

weitem vorherrscht. Es ist daher begreiflich, daß man, um Folianten und

Quartanten einen kräftigen Schutz zu verleihen, auf Holztafeln verfiel,

die einen Pergament- oder Lederüberzug erhielten. Diese Holztafeln

fertigten sich im 16. Jahrhundert die Buchbinder noch selbst mit Säge

und Hobel an, wie aus einem Holzschnitte von Jobst Amman ersichtlich,

auf welchem eine Buchbinderwerkstatt damaliger Zeit abgebildet ist.

Während im Orient die Buchdeckel von jeher aus Pappe bestanden,

die man an der afrikanischen Küste mittelst Zusammenklebens von

Papierblättern, in der heutigen Türkei und Kleinasien aus geschöpfter

oder gekautschter Masse herstellte, kam der Pappdeckel erst mit Beginn

des 16. Jahrhunderts nach und nach im Abendlande in Gebrauch. Damit

ging naturgemäß auch eine veränderte Befestigungsweise des Deckels am

Buchkörper Hand in Hand.

Die Bünde, meist Doppelbünde aus starkem Leder oder Hanfschnüren (s.

oben S. 31) wurden bei Verwendung der Holzdeckel in ersterem Falle ins

Holz eingelassen und mit einem Holzpflock weiter befestigt, im anderen

Falle zog man die Schnüre zweimal durch den Deckel und verkeilte

die Löcher; soweit die Bünde im inneren Deckel lagen, ließ man sie

ebenfalls ins Holz ein. Die Deckelkanten wurden an der inneren Seite

abgeschrägt.

In der heutigen Buchbinderei kommen verschiedene Sorten von Pappdeckeln

zur Verwendung. Die beste, zäheste ist die in England für besonders

feine Bände verwendete, in den Papierfabriken aus alten Schiffstauen

hergestellte +Tauenpappe+ von sehr dunkler Färbung. Dieser am nächsten

steht die unter dem Namen +Spalt-+ oder +Speltdeckel+ bekannte +graue+

Buchbinderpappe, während die +gelbe Strohpappe+, spröde und brüchig,

nur für geringere Einbände Verwendung findet. Außerdem sei die

+Holzpappe+ und die +Lederpappe+ erwähnt; beide Sorten finden mehr für

Kartonagen, weniger für Einbandzwecke Verwendung.

Nur selten wird heute noch die Pappe mit dem Messer am Lineal auf dem

»+Schneidebrett+« zugeschnitten; rascher und einfacher, wenn auch nicht

immer zuverlässiger, arbeitet die Pappschere, deren Einrichtung aus

unserer Abbildung hervorgeht. (Fig. 52.)

Die Deckel werden entweder unter Zurechnung der Kantenbreite zum Buche

»+passend geschnitten+« oder aber man richtet sie etwas größer zu,

befestigt sie erst am Buche und schneidet sie nachher passend; der

Fachmann nennt dies »+Formieren+«. Ober- und Unterkanten sollen je nach

Größe und Dicke des Bandes 3-5 mm überstehen, während die Vorderkante

meist noch einen mm breiter gelassen wird.

Vor der Befestigung der Deckel am Buche, welche Arbeit das »+Ansetzen+«

heißt, werden dieselben für alle besseren Bände mit Papier beklebt,

»+gefüttert+«, und zwar Halbfranzbände auf der inneren Seite allein,

Ganzlederbände auf beiden Seiten. Das Papier, stets mit Kleister

aufgeklebt, wird am hinteren Rande, der »+Ansatzkante+«, umschlagen,

damit dieselbe sich nicht staucht.

In Frankreich und England wird, abweichend von der deutschen Weise, das

geleimte und gerundete Buch vor dem Beschneiden angesetzt und mit den

Deckeln beschnitten; wir kommen später hierauf zurück.

[Illustration: Fig. 52. Pappschere von Chr. Mansfeld in Leipzig.]

Man kann die Deckel auf dreierlei Weise ansetzen: »+durchziehen+«,

»+auf tiefen Falz ansetzen+«, »+auf die Bünde ansetzen+«; das

Durchziehen geschieht auf folgende Weise: 1 cm von der Ansetzkante

entfernt wird mit dem Zirkel eine Linie hergestrichen und auf dieser

die Durchstichstellen für die Bünde markiert; der Deckel wird dazu

auf dem Buche genau in die Lage gebracht, welche er am fertigen Buche

haben soll. Das Durchstechen geschieht mit einer spitzen Ahle und

in schräger Richtung nach der Vorderkante zu. Alsdann wendet man den

Deckel um und sticht etwas rechts seitwärts und 1 cm weiter zurück zu

jedem Bunde ein zweites Loch in derselben Weise. Die Bünde, deren lose

Enden nicht unter 7 cm lang sein dürfen, werden zunächst in ganzer

Länge gekleistert, einige Male durch die Finger gezogen, spitz gedreht,

dann einer nach dem andern durch das erste Loch nach innen, und durchs

zweite wieder nach außen gezogen, während der Deckel aufrecht im Falz

steht. Indem man nun das Buch dicht vor sich nimmt, zieht man die Bünde

bei noch hochstehendem Deckel kräftig heran, legt den aufgeschlagenen

Deckel auf eine Metallplatte und klopft die Bünde von beiden Seiten

des Deckels mit dem Hammer gut nieder; das überstehende Ende wird

glatt abgeschnitten und der Deckel vorsichtig zugelegt. Das Buch wird

alsdann gewendet und die andere Seite genau ebenso behandelt. Damit

später die Deckel sich gut und frei auflegen, wird schon vor dem

Abpressen eine Lage Makulatur vor den Endbogen leicht angeklebt und

bis zum Fertigmachen des Bandes mit bearbeitet; es ist dies unbedingt

notwendig, denn nur so ist der wirklich schöne Falz zu erlangen, den

wir mit Recht an englischen und französischen Bänden bewundern.

Einfacher ist das Ansetzen »+auf tiefen Falz+«. Die Deckel werden

passend auf das Buch gelegt, die nicht mehr als etwa 4 cm langen Bünde

mit einem Messer gleichmäßig auf den Deckel herübergestrichen und mit

Kleister strahlenförmig und recht glatt festgeklebt; darüber kommt

ein Streifen Papier, der die Bünde deckt. Nachdem die Rückseite in

derselben Weise behandelt worden ist, wird der Band, am besten unter

Vorlage von Zinkblechen, zwischen Brettern eingepreßt.

Wir erwähnten schon oben das »+Formieren+«, welches für gute Bände

selbst in solchen Werkstätten noch üblich ist, die mit Pappscheren

versehen sind, da der sehr glatte Schnitt des Messers selbst von der

schärfsten Pappschere nicht erreicht wird. Zu dieser Arbeit dient ein

»+Kantenlineal+«, d. i. ein dünnes, je nach Buchgröße längeres oder

kürzeres Lineal, an dessen einem Längsrande eine schmale Schiene in der

Breite der Buchkante aufgenietet ist.

Die eben erwähnte glatte Deckelkante erzielt man in England und

Frankreich dadurch, daß man die Bücher oben und unten mit den Deckeln

in der Beschneidepresse beschneidet; auch der Vorderschnitt wird

meist nicht in der Maschine geschnitten. Während wir in Deutschland

den Vorderschnitt zuerst machen, schneidet man dort die kürzeren

Schnitte zuerst, indem man die durchgezogenen Deckel beim Unterschnitt

nach oben, beim Oberschnitt nach unten zurückschiebt, mit Winkel und

Bleistift die genaue Schnittlinie verzeichnet, den Band einsetzt und

abschneidet; dadurch erreicht man eine genau parallele und an beiden

Seiten gleich überstehende Kante. Zum Schneiden des Vorderschnittes

schlägt man die Deckel zurück und macht das Buch wieder gerade, was in

Frankreich unter Anwendung des sogenannten »Persierens« geschieht. Die

Deckel werden zurückgeschlagen, das Buch zwischen zwei Spalten gefaßt

und durch Hin- und Herdrücken mit den Spalten nach und nach in eine

gerade Richtung gebracht, in der es eingesetzt und beschnitten wird.

Etwas abweichend verfährt man in England; indem man den ganzen Band

mit dem Rücken auf den Tisch stemmt, drückt man mit den Deckeln den

Band nach hinten, wonach man diesen selbst mit zwei eisernen Klammern,

die oben und unten angeschoben werden, in der so erreichten geraden

Lage festhält und zum Beschneiden einsetzt. In beiden Fällen wird die

Vorderkante der Deckel am Lineal mit dem Messer geschnitten.

Bei geringeren Arbeiten setzt man die Deckel an, indem die Bünde auf

den Flügelfalz, und auf diesen die Deckel aufgeklebt werden, welche

letzteren man vorher etwa 4 cm breit mit Kleister auf der Innenseite

anschmiert.

In jeden Falle, gleichviel welche Ansatzweise in Anwendung kam, wird

der Band nach dem Ansetzen der Deckel einige Zeit, je länger desto

besser, eingepreßt.

[Illustration]

Schon früher (S. 45) haben wir bemerkt, daß der gewöhnliche

Halbleinenband auf einfachere Weise mit sogenanntem »+gebrochenem

Rücken+« hergestellt wird. Derselbe wird aus nicht zu dickem, aber

kräftigem Stoff, am besten Aktendeckel gemacht. An demselben sind außer

dem eigentlichen Rückenteil die Gelenke und je ein Flügel zum Ankleben

unter den Deckel herzustellen. Ein Stück Aktendeckel, 2 cm langer als

das Buch, 5 cm breiter, als der Rücken über der Rundung beträgt, wird

an beiden Längsseiten mit scharfem Messer etwas verlaufend abgeschärft,

damit unter dem Papier ein Absatz möglichst vermieden wird. Mit einem

Streifen Papier wird die Rundung über den Rücken gemessen von Falz

zu Falz, in den Zirkel genommen und oben wie unten auf die Mitte des

Rückens übertragen. Diesen Punkten gemäß wird am Lineal her mit dem

Falzbein ein Strich gemacht und der Ansatzflügel längs des Lineals in

die Höhe gebogen und mit dem Falzbein hart daran hergestrichen. Sind

beide Rückenbrüche in dieser Weise hergestellt, so biegt man die beiden

Ansatzflügel auf den Brüchen vollends um und streicht sie recht fest

nieder. Damit der Deckel sich aber recht frei auflege, wird ein zweiter

Bruch, der sogenannte Falzbruch, gemacht. Das Lineal wird im Rücken

parallel mit dem ersten Bruch, aber etwa ¼ bis ½ cm (je nach Größe

des Buches) nach innen gerückt, angelegt und auf den herübergelegten

Ansatzflügel ein zweiter Bruch an das Lineal herangerieben. Der

innere Teil des Rückens wird mittelst Durchziehens unter dem Falzbein

gerundet. Der nun zum Ansetzen fertige Rücken muß diese Form [Bild]

haben. Die beiden Ansatzflügel werden angeschmiert, ans Buch geklebt

und darauf die Deckel angesetzt, eingepreßt und nachher formiert, wenn

die Deckel nicht vorher passend waren. Alles Kleben geschieht mit

Kleister. Bei sehr dicken Bänden wird vor dem Ansetzen noch ein zweiter

Streifen in den mittleren Teil des Rückens eingeklebt. -- Somit sind

wir schon am Rücken des Buches angekommen, haben jedoch noch einiges

über diesen Bestandteil der Decke vorauszuschicken.

Der sogenannte »+feste Rücken+« war bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts

allein üblich; das Leder wurde, nachdem der Rücken zwischen den Bünden

mit weichen Pergamentstreifen bis auf den Deckel herüber überklebt

worden war, fest aufgeklebt. Alles Kleben geschah mit Kleister, und es

scheint, als sei der Leim dem Binder damaliger Zeit durchaus unbekannt

gewesen und erst beim Aufkommen des Druckpapieres -- mit dem Planieren

-- zur Verwendung gekommen; selbst ein »+Leimen+« des Rückens fand

nicht statt, die Befestigung wurde mit Kleister erreicht. Die festen

Bände mit den unverwüstlichen Rücken von weißem Schweinsleder sind

männiglich bekannt; ihre Dauerhaftigkeit steht aber zur Bequemlichkeit

beim Gebrauch im umgekehrten Verhältnis, denn wenn ein solches Buch

nicht ein sehr großes Format besitzt, so schlägt es sich nie recht

auf, und das geöffnete Buch muß auf beiden Seiten beschwert werden,

um das Zuklappen zu verhindern. Auch alle späteren italienischen,

französischen und englischen Einbände haben noch feste Rücken. Erst

als das Pergament als Überzug der Decke in Gebrauch kam, änderte sich

dies, da Pergament sich nicht so weit dehnt, daß es über die Bünde auf

den Rücken geklebt werden kann. Die ersten Bände dieser Art finden

sich gegen 1600 (der älteste, dem Schreiber dieses bekannte datiert

London 1565), doch blieb bei Verwendung anderer Ledersorten der feste

Rücken nach wie vor in Übung, bis der im 18. Jahrhundert eingeführte

»+Pappband+« mit gebrochenem Rücken allgemein wurde. Auch der Lederband

erhielt nun den »+hohlen Rücken+«, der den Vorzug hat, daß er beim

geschlossenen Buche fest anliegt, beim Aufschlagen aber sich ablöst und

ein Durchbiegen des +inneren+ Rückens gestattet. Damit der Buchkörper

an und für sich genügende Festigkeit erhält, wird der Rücken desselben

mit einem weniger dicken, als zähen Schreibpapier überklebt, bei

Halbleinenbänden mit gebrochenem Rücken vor dem Ansetzen, bei anderen

Bänden nach dem Ansetzen in der Presse.

Schwieriger ist die Sache beim +Halbfranzbande+, denn hier wird der

Rücken sofort beim Überkleben geformt. Zu diesem Zwecke wird jeder

Band einzeln in eine Presse gesetzt, so daß der Rücken frei nach oben

steht. Dieser wird mit Leim mäßig bestrichen, und ein besonders zähes

Papier, welches etwas länger als der Band und etwa 5-6mal breiter als

der Rücken ist, aufgeklebt, und mit einem Falzbein gut angerieben. Auf

der einen Seite wird das Papier am Falz her mit einem Messer glatt

weggeschnitten, am anderen Falz her wird das Papier über den Rücken

zurückgebrochen. An der glatt geschnittenen Seite wird ganz schmal

Leim gegeben und der herübergelegte andere Teil des Rückenpapieres

hier angeklebt und gut angerieben. Jetzt wird abermals über den Rücken

zurückgebrochen, aber der vorher gespannte Teil angeschmiert, das Ende

aufgeklebt und angerieben. Am Falz wird abermals zurückgebrochen,

aufgeklebt und dies fortgesetzt, bis der Rücken eine der Schwere des

Buches entsprechende Dicke erreicht hat. Wenn das Rückenpapier nicht

allzudünn ist, genügen 5 geklebte Lagen für ein mittleres Buch. Am Falz

der letzten Papierlage wird das Papier glatt weggeschnitten.

Hierbei ist zu bemerken, daß jede Lage die vorhergehende nicht

überragen darf, sondern eher eine Kleinigkeit zurückstehen muß, damit

der Rücken nicht höher wird als die Deckel. Soll ein solcher Band

keine erhabenen Bünde auf dem Rücken erhalten, so ist er jetzt schon

fertig zum Einledern, nachdem der Rücken oben und unten noch mit den

Deckeln gleichhoch abgeschnitten wurde, was zweckmäßig mit einer Schere

geschieht.

In gewöhnlichen Werkstätten, welche nach älterer deutscher Manier

arbeiten, wird der Rücken einfacher hergestellt; ein Streifen

Aktendeckel, so lang als die Deckel, wird auf die genaue Breite des

Rückens von Falz zu Falz gemessen, zugeschnitten und gerundet, indem

er unter dem Falzbein in wiegender Bewegung durchgezogen wird. An

beiden Längsseiten schmal angeschmiert, wird er auf den Rücken passend

angehängt; er soll sich überall genau an den Buchkörper anschmiegen und

nirgends abstehen. Die weitere Behandlung deckt sich mit der vorher

beschriebenen.

Wie früher, beim festen Rücken und mit +umstochenen+ Heftschnüren, die

Bünde sich erhaben abzeichneten, so kleben wir auch heute meistens

»+unechte Bünde+« von schmalen Lederstreifen auf dem Buche auf, die

möglichst die wirklichen Heftbünde decken sollen. Diese Art ist für

alle besseren Leder- und Halbfranzbände zu empfehlen, wo nicht ganz

besondere Zwecke einen glatten Rücken erfordern, wie etwa bei einzelnen

Arten der Rokokobände.

Je schmäler der aufgeklebte Bund ist, desto schöner ist er. Die

Streifen werden etwas länger als Rückenbreite zugeschnitten, genau

rechtwinkelig zum Falz aufgeleimt und an diesem mit einem scharfen

Messer so abgeschnitten, daß er vom Rücken nach dem Falz zu ganz dünn

verläuft.

Das Überziehen, »+Einledern+«, häufiger »+das Ledermachen+« genannt,

erfordert als Vorarbeit das »+Schärfen+« des Leders. Man versteht

darunter das Verdünnen oder Abflachen des Leders nach den Enden zu

und in den Fälzen. Dies hat den Zweck, zu verhüten, daß Ränder oder

Enden auf die daran- oder darübergeklebten Teile zu stark »auftragen«.

Zu dieser Arbeit dient das »+Schärfmesser+«, mit dem auf dem

»+Schärfstein+« von Marmor oder Solenhofer Schiefer die entsprechende

Behandlung vorgenommen wird. Je nach der Arbeitsweise unterscheiden

wir das »+Schärfen+« und »+Stoßen+«, und demgemäß verwendet man die

sogenannte +Berliner+ und +Offenbacher+ Form des Schärfmessers mit mehr

schneidender, und die +Pariser+ und +Wiener+ Form mit mehr stoßender

Bewegung, ähnlich dem Hobeln des Tischlers. Um bei der Arbeit die

Finger zu schützen, wird der hintere Teil des Messers bis zum Heft

mit Leder umklebt. Der Schärfstein muß entweder genügend schwer sein,

damit er beim Arbeiten nicht ausweicht, oder in einen Holzrahmen gefaßt

werden, an dessen unterer Vorderkante eine angeschraubte Leiste gegen

die Tischkante anstößt. Der Stein selbst ist nicht allein auf seiner

Oberfläche geschliffen und poliert, sondern auch die Vorderkante ist

sorgfältig gerundet, damit das zu verarbeitende Leder keine Marken oder

Verletzungen erhält.

Gleichviel welcher Art das Schärfmesser ist, immer hält die linke

Hand das Leder mit dem Daumen gegen die vordere Kante des Steines

gepreßt, während die anderen Finger ausgespreizt das Leder an der zu

bearbeitenden Stelle straff anspannen; die Rechte führt das Messer.

Die Stoßmesser arbeiten Strich an Strich von rechts nach links, die

Schärfmesser arbeiten stoßend und zugleich schneidend von links nach

rechts. -- Zur Zeit findet man in den besseren Werkstätten beide Arten

von Messer vertreten, und zwar wird meist für dünnere Leder und zum

schmalen Schärfen (die gewöhnliche Art) meist Offenbacher, für dickes

Leder und zum breit Ausschärfen Pariser Form benutzt.

[Illustration: Fig. 53. Offenbacher und Pariser Messerform.]

Man unterscheidet mehrere Arten des Schärfens: »+Abstoßen+«,

»+Einschlagschärfen+«, »+Ausschärfen+« bei größeren Flächen.

Erstgenannte Arbeit ist die leichteste; wie zu jeder Art des Schärfens

wird das Leder erst »+geribbelt+«, d. h. der zu schärfende Lederteil

wird nach der Fleischseite zu umgeschlagen und durch Hin- und Herrollen

auf dem Stein unter den Fingern der rechten Hand mürbe, geschmeidig,

und zum Schärfen geeigneter gemacht. Nur dünnere Sorten, Spalt-, Kalb-,

Bastard- und Bockleder, werden abgestoßen, d. h. es wird davon ein etwa

1 cm breiter Streif nach den Kanten zu verlaufend abgenommen, während

dickere Ledersorten breiter ausgeschärft werden müssen.

Wir müssen an dieser Stelle über das Zuschneiden des Leders noch

einiges nachholen. Es kommt zuerst in Frage, ob der Band, zu dem

gerade Leder zuzuschneiden ist, in Ganz- oder Halbleder gebunden werden

soll. In jedem Falle ist es zweckmäßig, zuvor ein Papiermuster zu

schneiden, welches die Größe des Leders nebst der für den Einschlag

erforderlichen Zugabe darstellt. Nach diesem Muster wird die Größe auf

der Vorderseite des Felles mit einem Falzbein abgezeichnet und dann

herausgeschnitten. Dies muß auf der Vorderseite geschehen, damit kleine

Fehler oder Flecken im Leder entweder umgangen oder doch an eine Stelle

gebracht werden können, wo sie nicht bemerkbar sind. Die Ecken werden

so schräg abgeschnitten, daß das Leder, wenn es von beiden Seiten über

den Deckel geschlagen ist, über der Ecke noch etwas übereinander geht.

Beim Schärfen muß auf die einzelnen Teile des Buches Rücksicht genommen

werden. Wird bei dünnem Leder die Kante ringsherum auch nur wenig

abgestoßen, so muß doch der Teil, der an den Kapitalen über den Rücken

eingeschlagen wird, etwas breiter abgeschärft werden, damit hier das

Leder am Rücken, der ja schon durch das angeheftete oder angeklebte

Kapital eine Verstärkung erfahren hat, nicht nochmals verdickt wird.

In den Fälzen schabt man das Leder mit dem ziemlich flach gehaltenen

Messer nur etwas aus, damit es geschmeidig wird. Es empfiehlt sich, vor

dem Schärfen das Leder um das Buch herumzuschlagen und alle Kanten,

sowie auch die Fälze mit einem Falzbein genau vorzuzeichnen, um beim

Schärfen sich danach richten zu können.

Bei Verwendung dickerer Ledersorten muß der Einschlag breiter

abgeschärft werden. Nachdem auch hier alle Kanten genau vorgemerkt

sind und auch das Ribbeln sorgfältig ausgeführt ist, wird zunächst

ringsherum die Kante abgestoßen; dann aber bis über den vorgezeichneten

Strich hinaus, oder richtiger gesagt hinter der Vorzeichnung beginnend,

das Leder breit ausgestoßen, so zwar, daß merkliche Unebenheiten,

Vertiefungen oder stehen gebliebene Teile mit den Fingerspitzen nicht

zu fühlen sind, auch an der Umschlagestelle das Leder sich weich und

geschmeidig umlegen läßt; ebenso muß der Falz, sowohl vom Deckel als

vom Rücken her, gut und gleichmäßig ausgestoßen sein.

Am schwierigsten ist es, ganze Rücken oder überhaupt größere Stücke

auszuschärfen, wie dies bei Marokko oder echtem Saffian, auch bei

Schweinsleder häufig vorkommt. Unter allen Umständen ist dies auch an

sehr breiten Einschlägen bei Ganzlederbänden notwendig, die später mit

innerer Kantenvergoldung versehen werden sollen.

Ein durchaus scharfes Messer, das wiederholt auf einem guten Ölstein

abzuziehen ist, und eine sichere Handführung sind für diese Arbeit

unbedingtes Erfordernis, vor allem aber lange und fleißige Übung.

Wem die Zeit beim Schärfen zu lang wird, der kann diese Arbeit, von

der das saubere und gefällige Aussehen eines Bandes abhängig ist, nie

erlernen. Deshalb lasse sich niemand, besonders im Anfang nicht, die

Mühe verdrießen, an einer größeren Decke für den Rücken und dem 4

Finger breiten Einschlag einen halben Tag zu schärfen. Später geht die

Arbeit schon schneller, und was beim Schärfen an Zeit verloren ging,

wird beim Ledermachen und Vergolden reichlich wieder eingebracht.

Die Ecken des Leders für Halbfranzbände müssen zunächst nach einer

genauen Schablone zugeschnitten werden in der Form: [Bild] Die lange

Seite wird nur schmal abgestoßen, während alle anderen Seiten breiter

ausgeschärft werden. Sehr dickes Leder wird gleichmäßig dünner

geschärft.

Ehe das Ledermachen vorgenommen wird, werden die nach dem Falz zu

liegenden Ecken der Deckel etwas gebrochen, indem ein Streifchen

Zinkblech unter den Deckel geschoben und von diesem etwa ½ cm breit

nach den Ecken zu mit einem scharfen Messer weggestochen wird. Das

»Insledermachen«, wie der Kunstausdruck heißt, wird eingeleitet durch

Anschmieren der Lederecken und des Rückens. Dann legt man die Ecken an

dem Buche an, schlägt erst an Ober- und Unterkanten den Ledereinschlag

nach innen, kneift an den Ecken das Leder ein wenig ein und schlägt den

Einschlag der Vorderkante über den anderen weg. Beide Einschläge sollen

sich nicht mehr, aber auch nicht weniger decken, als sie ausgestoßen

sind, damit die sich deckenden Abschrägungen im inneren Deckel nur

wenig zu sehen und kaum fühlbar sind.

Der Bucheinband: Seine Technik und seine Geschichte · 第 8 / 18 段