Meine Augen füllen sich mit Tränen, alle meine Nerven sammeln sich, um
so überirdischer Musik gewachsen zu sein, zu einem einzigen
musikalischen Gesamtnerven, wenn Töne von Smetana mein Ohr treffen.
Armer Freund -- so erlaube ich mir, mich anzusprechen -- Armer, der
seine Tage in oft allzu wohl ertragener Niedrigkeit verbringt: woher
diese Aufwallungen, vielmehr diese ganz naturgemäßen wohltuenden
Entspannungen, die dich plötzlich wie in einen Zustand vor dem
Sündenfall, in eine Luft ohne Staub und ohne Ruß versetzen? Woher dieses
gierige Ja-Sagen deiner Seele, dessen Begier auch im Ja noch anhält --
so wie ein Kind schreit, noch lange, nachdem man ihm jenes Glänzende,
Verlangte gereicht hat? Armer, armer Yorick, deine Sehnsucht muß sehr
stark gewesen sein, du kannst nicht glauben, daß sie endlich erfüllt
ist?... Doch wozu diese Begründungen! Verweilen wir lieber noch ein
Weilchen, lassen wir diese köstlichen Augenblicke noch einmal und
wiederum in unsere Seele treten. Da nähern sich Marschenka und ihr Jenik
(man spielt 'Die verkaufte Braut'), der Chor unterbricht seine
schneidig-lustige Melodie, die sofort als Moll-Nachhall von der
Klarinette aufgenommen wird und bald in ihrer neuen Färbung, wie
irgendwo ganz anders, in einem andern Lande, ihr Dur wiederfindet, da
stehen die Liebenden allein, wie auf einer erhöhten Ebene, über den
allgemeinen Freuden und Sorgen der Dorfgenossen mit ihrem privaten Leid
und Glück. Ihre Nachfrage und Antwort überbaut, bald noch gefestigter,
die Orchesternachklänge. Nun haben sie einander die vier oder fünf
wichtigen Sätze gesagt, die sie sich mitzuteilen haben. Sofort löst der
Chor ab und rundet die Szene mit einer Reprise seines Liedes. Nachspiel
verhallt, Ende der ersten Szene. Wie einfach ist das, wie
selbstverständlich! Man sagt sich: Würde der liebe Gott Musik schreiben,
er hätte für diese Situation keine andre erschaffen können. Und in
dieser Vollkommenheit geht es weiter, gleich wird unser Pärchen allein
sein, und die ganze Mythologie einfacher Leute, die Stiefmutter, Segnen
und Fluchen, Schwüre, Vergangenheit, Treue, Eifersucht, alles wird ohne
Zwang wie im Glanze der ersten Jugend erscheinen. Oder hört nur, etwas
andres! Wir sitzen im Theater und erwarten, wie immer, irgendeine
Steigerung unsres Selbst, eine Verkomplizierung, Beängstigung, nur um
Himmels willen nicht dieses Stadtleben weiter! Da rauschen die ersten
D-Dur-Akkorde des 'Kuß', steigen auf und ab, immer noch derselbe Akkord
ist es, der allereinfachste Dreiklang in seinen selbstverständlichen
angeborenen Lagen: wie ein Wald mit der Gleichmäßigkeit von
zwanzigtausend gesunden Baumwipfeln beruhigt es unsere gärenden Sinne.
Wir sind gesteigert, aber nicht durch Komplikation, sondern durch
äußerste, intensivste Vereinfachung. Darin liegt meiner Ansicht nach die
tiefste Wirkung der Kunst Smetanas.
Der 'Kuß', dieses Meisterwerk, dessen Vernachlässigung außerhalb Böhmens
unbegreiflich ist (nachdem die 'Verkaufte Braut' längst internationales
Kunstgut geworden ist), zeigt wohl am deutlichsten, was ich meine. Wie
leicht und simpel ist schon der Text! Man hat in ihm oft einen Fehler
gesehen. Ich finde in seiner Wahl das Zeichen von Smetanas genialer
Selbsterkenntnis. Wenn freilich die deutsche Übersetzung so ruinös vor
sich geht, daß sie aus der frischen trotzigen 'Vendulka' eine
gouvernantenhafte 'Pauline' macht, daß sie das urwüchsige, blumengleiche
Schlummerlied mit Zeilen wie: »Fromme Taube, fleug' und glaube!«
ausposamentiert -- dann kann man das Kopfschütteln in fernen
Zuschauerräumen verstehen. Eine ungekünstelte Übersetzung wäre
Grundbedingung des Verständnisses. Dann aber würde man sehen, worum es
sich in diesem Werk handelt: in bäurischen Gemütern steigen große, ja
unendliche Leidenschaften auf, die im Kreise heimatlicher Ehrbarkeit,
ohne Nebengeräusch und ohne Verbiegungen, ausgetragen werden. Jeden
Charakter bis zu Ende gedacht, bis ins Herz hinein ehrlich. Nirgends
eine Anlehnung an die Schablone. Selbst der frömmelnde Vater, dem man
irgendwie bei Anzengruber auf die Spur zu kommen meint, ist eine ganz
selbständige Figur, er frömmelt eben nicht, sondern ist wirklich fromm,
und dabei hat er, in spaßigem Egoismus, seine einzige Freude daran, daß
zu Hause durch Heirat der Tochter endlich »heilige Ruh« wird. Und nun
kommen die Gäste, nun erfolgt mit ererbtem Pathos ohne Augenzwinkern die
Werbung. Alle tun, als hörten sie das Neueste; obwohl alle es wissen.
Mit gemessener Heiterkeit steigert die Musik ihr Schritt-Thema, das aus
dem Jubel vorhin allein im Baß übrig geblieben ist. Und wenn nun nach
einer kleinen Zwischenepisode die Liebenden, so lange Getrennten,
einander in die Arme stürzen und ihre Stimmen im Duett vereinen, dann
drängt sich mir der Vergleich mit einem andern Einander-in-die-Arme-stürzen
auf, mit der großen Szene in 'Tristan und Isolde', zweiter
Akt. Hier wie dort in der Musik ein atemlos seliges Endlich;
aber was sich bei Smetana vor allen Freunden und Verwandten,
konfliktlos und erlaubt vollzieht, gleichsam feierlich vor der
Öffentlichkeit und doch in einsamstem Vergessen aller kleinen Dinge --
dasselbe ist bei Wagner überreizt, verboten, schwül, umlauert. Hier
scheiden sich zwei Welten der Kunst. Und es scheint mir ganz
leichtfertig gedacht, was die Zeitgenossen über Smetanas
Wagner-Nachfolge schmierten.
Smetana ist kein Dramatiker, wenn man darunter das Erzeugen von
Spannungen, Überraschungen, Handlungen versteht. Versucht er derartiges,
zum Beispiel in der 'Teufelswand', so wird er oft ungeschickt, freilich
so hübsch kindlich ungeschickt, daß man ihn deshalb nur doppelt liebt.
Smetana ist aber der größte, der einzige Musikdramatiker, wenn man seine
Eigenart der idyllischen Ruhe und der dank ihrer Größe bescheidenen
Verschiebungen erkannt hat. Es ist wahr, die Oper 'Der Kuß' handelt von
gar nichts, von einem Kuß. Aber eben dieses Nichts ist in einer Art
gestaltet, spielt sich unter herrlichen Personen, in schönster freiester
Natur so gütig ab, daß man alle Sherlock Holmes der Welt vergißt. Da
wird dem ersten Akt mit seinem Tag, seiner gastlichen Bauernstube der
zweite Akt entgegengestellt: offener kalter Wald, Schmuggler in den
Nacht, Einöde. Ins Symbolische steigert sich die Flucht des Mädchens,
ihr Klagen, die gleichmütigen Konstatierungen der alten Martinka (die
Übersetzung muß sie natürlich zur 'Brigitta' entfärben), ihre ironische
Weisheit und die Flinte des Gendarmen. Dieser Akt handelt von gar
nichts, nur vom Urgesetz aller menschlichen Sozietät, vom Urgebot der
Verträglichkeit und Milde, dem man plötzlich in ungeahnter Ergebenheit
die Brust zu öffnen sich willig fühlt. Nein, sonst handelt der Akt von
gar nichts.
Die Idylle grenzte an heroische Welten. Smetanas Kreis wird von
derselben Atmosphäre erfüllt wie die Gedichte Homers. Eine aufrechte
ungebrochene Menschlichkeit spricht und singt sich aus, und gerade weil
die Charaktere so großartig sind, und weil alle ihre Eigenschaften so
offen daliegen, kann die Handlung keine schnellen Sprünge machen. Es ist
gleichsam zu schade um diese Riesenleute, als daß sie im Räderwerk
eiligen Geschehens hastig abgetan werden könnten. Stücke, in denen viel
vorgeht, drücken ihre Figuren leicht zu Chargen herab. Dagegen wollen
Helden sich in einer langsamen Aktion förmlich auswachsen. So ist
es bei Homer, wie bei Smetana. Und bei beiden fühle ich dieselbe
ethische Parteinahme für das Ganze und Rechte, für das Gute und
Volkstümlich-Gesunde. Beide verweilen gern dabei, wenn es ihren Helden
gut geht, sie suchen Tugend und Billigkeit, sie verabscheuen Böses, das
wie ein Einbruch dargestellt wird.
Es ist vielleicht kein Zufall, daß ich diese Zeilen über Smetana gerade
in einer Zeit schreibe, da in der deutschen Literatur aus verschiedenen
Quellen, einander unbewußt, eine neue Bewegung entstehen will, die ich
am besten vielleicht negativ, als Abkehr von der Dekadenz bezeichnen
möchte. Ihr Positives ist schwerer zu fassen: einige Dichter, die
einander vielleicht nicht einmal kennen, haben entdeckt, daß das
phosphoreszierend Lasterhafte und Faulende nicht das einzige
interessante Thema der Kunst ist, wie man in den letzten zehn Jahren
etwa geglaubt hat. Den Optimismus nämlich hat man in diesen letzten
Jahren fast ausschließlich schlechten Stilisten und 'Heimatkünstlern'
wie Bartsch, Stilgebauer, Frenssen überlassen oder denen, die extreme
Nietzsche- und Amerika-Weltreise-Stimmung wie J. V. Jensen zu verkünden
hatten. Nun aber hat Robert Walser den Roman 'Der Gehilfe'
veröffentlicht, in dem die ganze scharfsichtige Beobachtungsart der
Moderne wie ihre verfeinerte Sprachkunst wieder einfachen, naiven,
heroischen Menschen in Freude sich zuwendet. Max Mell hat in seinen
Novellen 'Hans Hochgedacht' und 'Barbara Naderers Viehzucht' die
Bauernnovelle auf ein bisher nie erreichtes Niveau der Kunst gehoben,
Otto Stoessl entdeckt im Roman 'Morgenrot' die wuchtigen heroischen
Stimmungen, die jeder Mensch in seiner Kindheit als seiner einzigen
Heldenzeit erlebt. Franz Werfels Gedichte 'Der Weltfreund', Otto Picks
'Freundliches Erleben' bringen den frohen und erhabenen Ton in die
Lyrik. Auch meinen eigenen letzten Büchern möchte ich gern diese
Stimmung entnommen wissen. Fast in allen genannten Werken zeigt sich
eine Freude am idyllischen, langsamen Erzählen, an werten und
hochachtbaren Menschen, an freundlichen Kräften der Natur, am
Lebenspendenden, am Arkadischen. Man hofft wieder, man vertraut. Dabei
verzichtet man auf kein Mittel einer ausgebildeten psychologischen und
sprachlichen Technik, man wendet sie aber endlich einmal auch auf
Almwiesen an, statt immer nur auf Lasterhöhlen. Und dabei klingt mir die
Musik Smetanas als liebste Begleitung in den Ohren ...
Ich würde mich getrauen, aus der eben geschilderten moralischen Stimmung
die charakteristischen Eigenschaften dieser Musik abzuleiten. Die
heroischen und idyllischen Töne Smetanas sind ja offenbar. Seinem
gütigen Ernst entspringt auch ein Spezifikum, der lange Atem seiner
Inspirationen. Bei keinem andern Komponisten findet man wohl eine Figur
so ausgiebig wiederholt und gesteigert wie bei ihm. Der Einzugsmarsch in
'Dalibor' ist das auffallendste Beispiel, in seiner eisernen Konsequenz.
Dadurch erhalten Smetanas Arbeiten diese Architektur im Kolossalstil,
die den Teilnehmenden beinahe erschreckt. Sie dehnt sich über das
Menschliche hinaus. Der Wiederholung gesellt sich oft eine unermüdliche
Modulation derselben Akkordreihe, man wird gehoben, ins Unendliche mit
fortgezogen, man fühlt sich verirrt, auf Wolken ohne Halt, plötzlich
öffnet eine Lücke wieder den Blick auf den heimatlichen Boden, auf die
ursprüngliche Tonart. In der Symphonie 'Blanik' wiederholt sich dieses
unnachahmliche Zauberspiel an zwei Stellen, vom fünfzehnten Takt an und
bei _Meno mosso_. In der ganzen Musikliteratur wüßte ich diesen Stellen
nichts ebenso Gewaltiges an die Seite zu stellen. Man merkt: Smetanas
Gewalt entspringt keinen Massenmitteln, sondern seiner echt
musikalischen Logik und strengen Form. So sehen wir den heroischen Zug
bei Smetana gleichsam zwei Tendenzen zustreben: wie jeder Heroismus
wendet er sich an das Volk, wird also national -- zugleich nimmt er sein
Mittel aus den strengsten exklusivsten Kunstgesetzen, wendet sich also
vom Volkstümlichen ab. Jede geringere Begabung als Smetanas hätte diese
Doppeltendenz als Konflikt empfunden. Meine Verehrung Smetanas beginnt
aber gerade da, wo er diesen Zwiespalt ausglich. Man könnte das Paradox
wagen: Smetana ist volkstümlich ohne das Volk, ja, gegen das Volk.
Niemals hat er bei seinen 'Volksopern' dem Banalen irgendeine Konzession
gemacht. Die Ouvertüre zu seiner nationalsten Oper beginnt mit einen
langen Fuge. Während andre volkstümliche Komponisten wie Lortzing,
Nicolai immer ein wenig zur Operette neigen, zum Possengeschmack, zum
entartenden 'Volksstück', bleibt Smetana bei aller Heiterkeit
anstandsvoll, edel, harmonisch, seine komischen Opern haben etwas von
der Weihe eines Festspiels. Er wendet sich nicht an irgendein gegebenes
Theaterpublikum mit seinen schlechten Instinkten, sondern er hat sich in
seiner höherfliegenden Menschlichkeit ein ideales Volk von Helden und
Bauern, von unwandelbaren Gesinnungen und starken Armen gebildet, dem er
in seinem Patriotismus die Züge des geliebten Heimatlandes aufprägte.
Nicht ihn hat das Nationale beeinflußt, er hat es so lange umgemodelt,
bis es so war, wie er es brauchte. Anfängliche Mißerfolge haben ja nicht
gefehlt. Heute aber, da die Nation das Segensreiche dieser Arbeit eines
einzigen Mannes in sich aufgesogen hat und als Gemeingut fühlt, steht
die Sache so, daß ich mir eher Smetana ohne Prag als Prag ohne Smetana
vorstellen kann. So stark schwebt das göttliche Licht und diese Moral
über der Stadt. Niemand kann daran zweifeln, daß die Moldau, weil er es
so gewollt, fortan in G-dur fließt, daß die Mauern des Wyschehrad die
Röte der Es-dur-Tonart haben und eigentlich als versteinerte
Harfenakkorde in der Luft stehen, zart und fest.