Ich liebe es, statt in großen Konzertsälen das Räuspern einer Volksmenge
zu überhören und in Pausen Leuten, denen ich lieber ausgewichen wäre,
auf gleichgültige Fragen noch gleichgültiger zu antworten, ich liebe es,
meine Musik mir allein zu machen, einen Freund etwa zu besuchen, der
schön, wie ein eifriger Dilettant eben, die Violine spielt, dann nach
kurzem Gruß an seinem Klavier niederzusitzen und die Sonne unsterblicher
Melodien erstrahlen zu lassen, wir beiden Zauberer. Die gewohnten Möbel
sind gute und angenehme Zuhörer. Die Aussicht auf die Gasse nebenan
friedet uns ein.
Allen denen nun, die es gern ebenso machen wie ich, habe ich einen guten
Rat zu geben. Gewiß haben sie, ebenso wie ich, schon schmerzlich
empfunden, wie gering eigentlich die Literatur für diese kleinen
Konzerte ist. Die Violinsonaten von Beethoven kennt man auswendig, bei
Mozart sucht man Überraschungen, ohne sie immer zu finden, man kehrt zu
Tartini, Spohr, Stamitz zurück, ohne viel Glück, man atmet auf bei Bach,
aber schließlich wird auch in diesen erquickenden Gebilden jede Note
wohlbekannt. Ein Glück, als Reger kam. Und die drei fabelhaften Sonaten
von Brahms, die beiden nachgelassenen noch, mit ihrem rührenden Ade,
Ade, Lebewohl ... Zu Ende. Da muß jeder dankbar sein, dem ein neues
Licht begegnet, ein wirklich schönes Werk für diese beiden Instrumente,
die so schrill und sanft zusammenklingen zwischen den bekannten Möbeln.
Ich kenne eine solche Violinsonate, die von Carl Nielsen, ich will sie
loben. (Opus 9, Verlag Wilhelm Hansen in Kopenhagen.)
Lange Zeit schien es mir seltsam und bedenklich, daß die nordischen
Völker, die in Knut Hamsun einen so natürlichen und zugleich
bewundernswürdigen Poeten haben, als Musiker nichts Ähnliches
hervorgebracht haben sollten. Ihr Kjerulf schien mir zu simpel, Gade zu
maßvoll, Grieg zu sehr im Glanz von Salonparketten jodelnd. Alle drei
hatte ich gern, aber entrangen sie mir wie Hamsun süße Tränen?... Seit
ich Nielsens Kompositionen kenne, ist diese (übrigens so kindische, so
jugendliche) Nachfrage beschwichtigt. Ich erkenne in Nielsen viele
Elemente von Hamsuns Kunst wieder: seine unter tüchtiger Männlichkeit
verhüllte Zartheit, seine gute Laune bei allen Übeln, niemals weich,
niemals Chopinsche Zerflossenheit und vor allem: seine Moral. Lebt in
Hamsuns zentralen Figuren immer ein heißer, fast übertriebener Trieb zu
Rechtlichkeit, Anständigkeit, zu erlaubten Mitteln, Vermeidung aller
Effekte, Bescheidenheit, ja zu einer Verschleierung eigener Vorzüge: so
finde ich dasselbe beinahe in Nielsens legitimem Kontrapunkt, in seiner
ehrlichen und reinen Stimmführung, die keiner noch so scharfen Kante
ausweicht, in seiner Vorliebe für das Fortissimo, in seiner zarten
einfachen und doch so neuen Melodik, kurz in dieser ganzen Musik, die
unzergliedert bleiben möge, so wie sie einer liebevollen Landschaft
gleich mit Freudengewalt bis zum Zerspringen mein Herz erfüllt hat, so
wie ich mich diesem Genie, diesem Genie gern zu Füßen werfen möchte und
seine Hände mit Küssen bedecken.
Fürwahr, ist der Lauf unserer Zeit den Ausbrüchen solcher Zärtlichkeit
nicht günstig, soll es lächerlich scheinen, einem Künstler laut
schreiend und außer sich für seine Gaben zu huldigen, dann lohnt es sich
nicht mehr, zu leben ... Ich bin von Nielsen einfach besessen, ich
stelle ihn neben Brahms, Reger, Smetana, Bach ... neben alle die Namen,
die mir zu Altären geworden sind. Ich habe mir sogar ein Bild Nielsens
verschafft, aus dem er mich anschaut wie ein begabter, unergründlicher
Schuljunge, mit nackten breiten Lippen, starrer Stirn, abstehenden
Ohren, aufgebürsteten weichen dünnen Haaren, die aber einen tüchtigen
Polster bilden, und mit solchen regellos glänzenden Augen! Dieses
Gesicht, ähnlich wie das Regers, wirkt auf den ersten Blick kahl und
matt, das Gesicht eines erwachsenen Kindes. Aber schnell ahnt man bei
beiden den Reichtum hinter dieser Nüchternheit, hinter diesem
Uninteressanten den Blitz! -- Ich weiß auch einiges aus Nielsens
Biographie. Er ist Hofkapellmeister in Kopenhagen, schon fünfundvierzig
Jahre alt. Und ich frage entrüstet, indem ich mich nach allen Seiten
drehe: Wer kennt ihn? Warum hat, außer einigen Fachblättern und dem
»Kunstwart« einmal, niemand über ihn geschrieben? Wo sind seine
Triumphe? seine Münchener Festspielwochen? Ist es möglich, daß auf der
Welt das Schöne keine Beachtung findet?
Gern wende ich mich von diesen fruchtlosen Ausrufungen ab, die
wahrscheinlich nicht viel ändern werden, und ergebe mich wieder dem
sanft in-sich-ruhenden Frieden der neuen Hamsun-Musik. Die Waldtiere
schaun langsam auf, und, während sie sich auf ihren duftenden
Futterplätzen im Schatten der Bäume lagern, den Abglanz entfernter
Gletscher wie ein dünnes Schneegestöber zwischen sich, gleichen sie
schon den ernsten, gesetzmäßigen, kraftvollen Tönen der lieben Sonate,
scheinen sie im Chor zu singen und zu brüllen, Rehe, Vögel, Eidechsen,
Käfer, Bären ... Wir sind im Norden. Seltsam mischt sich zur strengen
Kunst Nielsens das Nationale, diese abwechselnd großen und kleinen
Terzenschritte, die immer wieder auf denselben Grundton zurückfallen,
eine hartnäckige Schalmei, aus der hie und da eine Quart jubelnd
heraufschlägt, eine Sekunde traurig herab, das Ganze trotzig und
klagend, hart und doch in unklaren Nebeln, präzise Verschwommenheit. Wie
bei Bach zeigt sich hier die Kraft in mannigfaltigen, durchsichtigen und
beweglichen Sechzehntelfiguren, die gleichsam stets bis ins Innere
erleuchtete, veränderliche Organismen bleiben, niemals zur Begleitung
trübe erstarrt ... So in dieser Prachtsonate. Königlich setzt das
Hauptmotiv ein, nie gehört, es spaltet sich, ein Teil dient als
Nebenstimme der Kantilene, er breitet sich fächerförmig aus, zuckt wie
nach elektrischen Schlägen empfindlich zusammen, ein anderer Teil wird
in der Durchführung überraschend selbständig, durch eben diese
abwechselnd geschärften und abgestumpften Terzen zu einem zauberhaften
Gewebe ausgespannt, die Verlängerung des Einfalls mit dem Original
verbunden zu einem eigensinnigen Witz. Und die Stimmung über all dem
durch Gesetze hervorgebracht, für deren Benennung noch keine Worte
existieren. Lauter Geheimnisse, Urkräfte am Werk ... Ich notiere noch:
Nielsen hat Opern geschrieben, Symphonien, Quartette, Lieder, die Texte
von Holstein und Jacobsen sind durch diese Melodien übertroffen. In der
Übersetzung heißt es einmal »Sonnes Liebchen«, als Genetiv von »Sonne«
gebildet. Wen stört das? Es klingt ja gar nicht dumm, nur rauh und
nordisch. Einfache Tonleitern in Gegenbewegung bringen unerhörte Rührung
hervor »Gruß«, »Fahr wohl, du kleiner Dampfer«. Ist es möglich, daß
dieses Lied noch nicht zum Lieblingslied der gesamten zivilisierten
Menschheit geworden ist? Ich gestehe, das Erstaunen hierüber stört mich
sehr in meinem Kunstgenuß. Würde nur Nielsen bekannt und von allen
geliebt sein, wie er es verdient, so könnte ich mich ruhiger seinen
Werken hingeben. Es liegt gar nicht in meiner Art, Propaganda zu machen.
Ich empfinde das nur als Pflicht, als lästige ... Ich notiere noch:
seine Vorliebe für Sextengänge. Seine herrlichen Schlüsse. Man erkennt
den großen Meister immer an den originellen Schlüssen, da setzt sich die
Melodie pulsierend bis ins äußerste Glied des letzten Akkordes fort, ein
klopfendes Herz, während die Nichtskönner ein schallendes Bumbum
imposant an ihr Machwerk picken, alle nach derselben Schablone. Und
dann, ich bitte alle Leser, sich doch zumindest die »Symphonische Suite«
für Klavier allein zu kaufen, die Goethes Worte »Ach, die zärtlichen
Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rühren« ironisch über ihren
unsterblichen vier Sätzen trägt. Ich bitte alle Kapellmeister, die
Orchesterwerke von Nielsen aufzuführen, damit ich endlich Ruhe habe.
Dann würde ich auch trotz meiner Abneigung gegen die großen Konzerte
diese wieder einmal ausnahmsweise besuchen.