Das Berlioz-Theater

Zu meinen größten, quälendsten Rätseln gehört es, von Jugend an: Warum

wird der Opernkomponist Berlioz nicht häufiger aufgeführt? Ich halte

mich jetzt zurück, ich erwähne nur still: Berlioz ist edel, neu, auch

für uns noch neu, ein nie mehr erreichter Siedepunkt des Genies, erhaben

zugleich und zart, die »kolossale Nachtigall« Heines. Das sind keine

Gründe, ich weiß es ... Aber Berlioz ist hinreißend, wirksam! Nun? Ihr

schweigt, Freunde? Wie ich, wißt ihr das Rätsel nicht zu lösen?

Und nun dämmern wir ein wenig. Wir träumen davon, ein Reinhardt der Oper

(und warum nicht Reinhardt selbst?) nehme die Sache in die Hand. Es

entsteht ein zweites Bayreuth. Ich stelle mir ein wundervolles Theater

vor, überwältigend schon durch die Kühle in seinen weiten Vorhallen,

zwischen den hohen Säulen. Mitten in Gärten, die schwarzgrauen Mauern

wie ungeheure Meereswellen an das Grün stürmend ... Nein, hören wir

lieber, wie Berlioz selbst es sich vorstellt, in seinen Memoiren: »Ich

fühle wohl, was ich für die dramatische Musik schaffen könnte, aber es

ist ebenso zwecklos wie gefährlich, den Versuch zu wagen. Zunächst sind

die meisten unserer Operntheater recht übelberüchtigte Gegenden,

musikalisch gesprochen, und besonders usf. Ferner könnte ich auf diesem

musikalischen Gebiet meinen Gedanken nur dann freien Lauf lassen, wenn

ich mich als den absoluten Herrscher über ein großes Theater betrachten

könnte, wie ich der Herrscher über mein Orchester bin, wenn ich eine

meiner Symphonien dirigiere. Ich müßte über den guten Willen aller

Beteiligten verfügen können, über den Gehorsam aller, von der ersten

Sängerin und dem ersten Tenor, den Choristen, den Orchestermusikern, den

Tänzerinnen und den Statisten an bis zum Dekorateur, zu den Maschinisten

und zum Regisseur. Ein Opernhaus, wie ich es mir vorstelle, ist vor

allem ein großes Musikinstrument; ich weiß darauf zu spielen usf.«

Sein Leben lang hat man ihn an dieses Instrument nicht herangelassen.

Eine Zeitlang hieß es, er werde Direktor der Großen Pariser Oper werden.

Nichts. Man verbannte ihn in die kalten, sinnlosen Gegenden des

Feuilletons, man bezahlte ihm Kritiken, die er mit Ekel schrieb, nicht

Opern. So unterdrückt er einmal, in der Stille eines feierlichen

Morgens, eine neue Symphonie, deren Hauptgedanke in A-Moll schon vor ihm

in alle Nebenwege sich ausbreiten will. Er unterdrückt diesen Gedanken

-- und man liest diese Stelle seiner Biographie mit mehr Grauen als die

neueste Zeitungsnotiz von sechzig Ertrunkenen --, unterdrückt ihn, weil

er fürchtet, er werde sich nicht zurückhalten können, ihn auszuführen,

das Ausgeführte darzustellen, wieder mit Tausenden von Musikern

dröhnend, verstummend in einer Ausstellungsrotunde, und mit

ungeheuerstem Defizit ... So sehr kannte er sich als Sklaven seiner

Sehnsucht, die nach guten Aufführungen seiner Werke lechzte.

Statt menschlicher Worte stehe hier seine göttliche Beschreibung eines

Dirigenten während der Arbeit: »Mit welcher rasenden Freude gibt er sich

der Wonne hin, auf dem Orchester zu spielen! Wie versteht er es, dieses

großartige feurige Instrument zu drängen, zu fassen, zu umklammern! Er

entfaltet eine allseitige Aufmerksamkeit; er sieht überall hin: mit

einem Blick gibt er den Sängern und Musikern ihre Einsätze an, oben,

unten, links, rechts, mit einer Bewegung des rechten Armes wirft er

Akkorde hin, welche wie harmonische Geschosse in der Ferne zu platzen

scheinen; dann läßt er in den Fermaten die ganze durch ihn entstandene

Bewegung anhalten; er fesselt die Aufmerksamkeit aller; er hält jeden

Arm, jeden Atemzug in seinem Bann, er lauscht einen Augenblick der

Stille und gibt den bezähmten Wirbelsturm zu noch tollerem Laufe wieder

frei.«

Die Sänger: sie gehören hier ausdrücklich zum Orchester. Auch seine

Opern wollte Berlioz aufgeführt sehen, an Theatern. Wie dankte er's dem

Liszt, daß er »Beatrice und Benedikt« in Weimar gab, mit guten Erfolgen.

Und jetzt ... Wir hören Berlioz in Konzerten. Faust tritt im Frack auf.

Die Gäste, die vom glänzenden Feste gehen, leise die Melodie noch

nachsingen, indes Romeo schmachtend im zauberhaften Garten steht, bald

zu summen anfängt ... diese Gäste sind nie auf der Bühne gewesen, haben

nie getanzt. Oder Lelio ... Neulich gab man »Ernani« im Theater, diese

schöne italienisch-eingeborene Oper. Trotzdem hatte ich da meine

Gedanken. Der Vorhang ging auf. Auf den Steinen umher lagen, saßen,

erhoben sich die Räuber, schüttelten ihre breiten Hüte, ihre mit

Lederriemen benähten Seidengürtel. Und am Waldrand tritt langsam er

hervor, elegant trotz seiner Schritte, die vor Würde steif sind. Von

Zeit zu Zeit bleibt er stehen, der Räuberhauptmann, sperrt mit beiden

Händen die Mündung des Gewehres zu, das er aufstellt, und darauf legt er

sein Gesicht, stützt das Kinn so fest an, daß es grausam blutgierig

vorstößt, zu allem entschlossen bei diesen eng verbissenen Lippen ...

Damals dachte ich: nun ist alles so schön beisammen, der Wald, die

Horde, der Hauptmann -- warum beginnen sie nicht plötzlich statt

»Ernani« den Räuberchor aus »Lelio« zu singen, zu brüllen, daß alles

begeistert sein muß. Nichts bedürfte es als einer kleinen Verschwörung

dazu. Der Kapellmeister lächelt schon im Einverständnis. Ein Ruck ...

man singt »Ernani«.

Nein, ich sehe schon, so geht es nicht. Ich muß diesen Artikel schreiben

... Also ich wünsche, o Theaterdirektoren, vor allem den »Faust« den man

ja hie und da versucht, immerfort im Repertoire. »Fausts Verdammung«,

diesen pessimistisch gedrehten Goethe, ich will ihn rufen hören,

zugrunde gehn in seiner Hölle will ich. Die liebliche Musik, die ihn am

Anfang zwischen Vogelstimmen in freie Luft bringt, soll zwischen schön

gemalten Bäumen tönen, eine Lichtung im Hintergrund bleibe frei für die

tanzenden Hirten, das vorüberziehende ungarische Heer. Dann die

gotischen Fenster des Studierzimmers, Auerbachs Keller, die wundervollen

Sylphiden, die von fernen Gestirnen und Hügeln flüstern, von Margarethe,

bis ihre Melodie in den berühmten Tanz sich sanft variiert. O all

dieses, das Mädchen auch am Spinnrad, den Studentenchor in die Krieger

gemischt, mit Waffenklirren und dem Hintaumeln weingeröteter Gesichter,

kurz alles sei wirklich und ziehe vorüber. Vielleicht lächelt man dann

in den Zwischenakten und denkt verwundert, warum ehemals nur Gounods

zwar süße, aber glanzlos zähe Musik diese Bilder umklingen durfte ...

Ein Zyklus werde gewagt und zeige uns den abenteuerlichen Goldschmied

Cellini mitten im schnellsten Sechsachteltakt des Karnevals, zeige die

heilige Familie, wie sie in der ägyptischen Wüste beinahe verdurstet.

Dann Troja, und hier habe ein geschmackvoller Maler alle Freiheit, die

Tänze am Grabe des Achilles, das edelmütige Herz der Kassandra, die

betrogene Dido mit den Farben seiner Phantasie zu schmücken. Gern sähe

ich Kostüme und Hintergründe von Kokoschka, während Koröbus mit der

Prophetin im unsterblichen Duette »Dich verlassen noch heut« wetteifert.

Und nicht, bitte, vergesse man den unglücklichen Lelio. Man spiele die

phantastische Symphonie zunächst und dann lasse man ihm, der silberne

Vorhang weicht zurück, sein einsames Zimmer, sein Klavier, seine

Musikschüler. Alles ungekürzt natürlich, den vollständigen Text, dort wo

er schwärmt und dort wo er als tüchtiger Dirigent belehrende Winke

austeilt. Man höre nun die romantischen Stimmen, die aus den Wänden des

Zimmers wie ein Uhrenticken zu entquillen scheinen: die magische Ballade

vom Fischer mit ihrer kunstvoll dreimal gesteigerten Kantilene, die

Geister auf Hamlets Burg, das Lied vom ewigen Liebesglück, das traumhaft

in scheinbarer Unordnung hier und nochmals eine Harfensaite zupft, einen

gebrochenen Akkord wie im Wind hinhaucht. O und die, wenn sie nicht

geschrieben wäre, unmögliche Phantasie über Shakespeares »Sturm«, die

Luftgeister in Trillern und Arpeggien, und sie singen italienische

wohlklingende Worte (genial ist das, ebenso wie das Swedenborgische der

Teufel an anderer Stelle): »_Miranda, conoscerai l'amore._« Nur diese

drei Worte, und doch ist alles da, was wir in jugendlicher

Shakespearefreude auf diese Insel geträumt haben: blauer Himmel, Flügel,

Zaubereien, etwas Gebäck und Korallenriffe. Dann fallen wieder nur ein

paar Worte: »_Caliban, Caliban, horrido monstro, oh Caliban!_« Und er

stampft, er ist außer sich, pfui, schnappt nach Luft, unser dumpfer

Bruder mit den Erdklößen, die in der langen Behaarung seiner Beine

zittern. Niemals, nein, nie ist so kurz und gut die wahre Essenz eines

Stoffes erfaßt worden, das Musikalische eine Musik, der Mittelpunkt der

Oper; nur hier. Und das ist der richtige Weg der Oper, nicht Wagner und

Richard Strauß. Was kümmern mich rhetorische Auseinandersetzungen,

Konflikte, Dialoge, Ermordungsszenen, Gefechte, kurz: dramatische

Handlung. Nein, das ist die Oper, die mir unbegreiflich die Stimmung

eines Dramas in Tönen nachbildet, irgendwo beiseite, durch ungeahnte

Einfälle, durch Dinge, die in dem Drama gar nicht vorkommen, die eben

spezifisch musikalische Mittel sind. Aber Gott im Himmel, wer wird denn

so langweilig sein und setzt einen Text Wort für Wort und Zeile für

Zeile pedantisch in Musik und läßt seine Helden bei symphonischen

Zwischenspielen brüten, in die Luft starren, drei Schritte machen, weil

das Orchester eine Triole spielt! Nein, alles gehe so vor sich, daß man

gar nicht weiß, warum jetzt Bässe und jetzt Flöte klingen, warum ein

Vorhang sich aufbläht und ein unsichtbarer Chor fremde Worte

verschleiert; nur ein zauberhafter Klang, ein Echo, eine Erinnerung und

»Ah, seit meinem zehnten Jahr hab' ich das nicht mehr gefühlt, dieses

Märchen ohne Vernunft, diesen Schwung, der meine Haare erstarren läßt.«

Natürlich, jetzt ist es gesagt, es handelt sich nicht um Ruhm für

Berlioz, nein, um mein Glück, vielleicht um aller Glück. Wir haben

ja jetzt vielerlei, wir sind erfinderisch und feinfühlend. Aber

etwas fehlt vielleicht im modernen Leben. Und deshalb brauchen wir

Berlioz-Aufführungen, Berlioz im Theater, und wenn wir das von den

Theaterherrschaften nicht kriegen: ein Berlioz-Theater. Etwas fehlt: die

Ahnung heroischer Zeiten ... Man fühlt, was ich sagen will. So etwas

Großartiges gibt es jetzt nicht mehr oder gibt es zufällig jetzt nicht,

etwas Entflammendes, über alles Irdische hinaus. Etwas, was nach großen

pathetischen Worten verlangt, nach einer Begeisterung, deren man sich

nicht schämt. Etwas wie feurige Tränen oder wie diese Szene damals, als

Paganini durch das Publikum sich drängte und auf offener Bühne dem

unbekannten Berlioz zu Füßen stürzte, die Schuhe ihm küßte, oder als er

am nächsten Morgen ihm viel, viel Geld schickte und im Brief: »Nur

Berlioz konnte Beethoven ersetzen.« Diese edlen Herzen, erglühend für

die Kunst und voll von erhabenen Gedanken, Herzen, größer als die Welt

... Ich könnte mich mäßigen und sagen: Berlioz hat die wahre lyrische

Oper erfunden, indem er mit nichtigem Griff nur die musikalisch

eindrucksvollen Stellen der Handlung komponiert, bei ihnen sich ausdehnt

und unbekümmert dazwischen wegläßt, was des Dichters und nicht des

Musikers ist ... Und ich könnte mein Postulat in die Worte fassen: man

würdige seine neuartigen Opern nicht zu frostigen Oratorien herab ...

Aber ich halte mich auf der Höhe, seht ihr, und verlange das Theater,

das eigene Theater, das zweite Bayreuth. Ich gehe zu Bett und erbaue es

schon; die schwarzgrauen Mauern werfen ihre Schatten über weite

Baumpflanzungen, die verödet und trotz ihres Laubes winterlich kühl

aussehen. Hier ist Ernsthaftigkeit, Heldenmut, großer Schmerz und

Harmonie. Hier werde ich mich immer erholen, wenn es mir vor lauter

Kleinigkeiten im Leben, vor lauter Schönheiten häßlicher Bilder zu bunt

wird.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1834,

Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1934,

geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ist stehe auf und gehe lustig

geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ich stehe auf und gehe lustig

wenigstens ein bißen recht zu geben, ein bißchen ironisch auf die

wenigstens ein bißchen recht zu geben, ein bißchen ironisch auf die

bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Ein Palme,

bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Eine Palme,

gespielt. Und für uns, wenn wir heute ein bißen kindisch sein wollen.

gespielt. Und für uns, wenn wir heute ein bißchen kindisch sein wollen.

Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, ein, ein

Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, nein, ein

Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdamnis stürzen

Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdammnis stürzen

Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wüten- Grimasse

Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wütender Grimasse

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Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 41 / 42 题