Wie wahrscheinlich mancher andre, kämpfe ich im kleinen Kreise, von Zeit
zu Zeit auch ins Fernere wirkend, für die Meister, die ich als
glückbringend erkannt habe.
Es freut mich, beispielsweise, einer der ersten gewesen zu sein, die das
Genie Heinrich Manns geliebt haben. Zu der Zeit schon, als nur das
'Schlaraffenland' erschienen war, bin ich für ihn eingetreten. Ich las
schöne Stellen vor. Man hat mich ausgelacht. Mittlerweile ist meine
Meinung fast allgemeingültig geworden.
Mit keinem meiner Lieblinge habe ich größeres Unglück gehabt als mit
Gustav Mahler. Schon vor acht Jahren habe ich in der 'Schaubühne' einen
Dithyrambus auf seine dritte Symphonie angestimmt. Mit Grausen denke ich
an die zahllosen Debatten, die ich seither für ihn ausgefochten habe --
an die Abende, die mir dumme Kritiken gegen ihn vergällt haben -- an die
sinnlosen Gewaltmaßregeln, durch die ich nahe Freunde zur Verehrung
herbeizwingen wollte -- an meine erschöpften Hände, die auf den
Klaviertasten liegen, noch berauscht von den Tönen, die sie
hervorgebracht haben und schon belächelt von teilnahmslosen Gesichtern
einer Zuhörerschar -- an das Schlimmste von allem: an schiefe Urteile
von Männern, die mir unbegreiflich klingen, weil ich von eben diesen
Männern die richtigsten Gedanken, die gefühlvollsten Eindrücke zu hören
gewohnt hin.
Nun bin ich etwas älter geworden und habe es aufgegeben, mit dem Kopf
gegen Wände zu rennen. Ich habe die Nekrologe auf Mahlers Tod gelesen,
auch sie ergingen sich zumeist in bedingtem Lob, der große Wille wurde
anerkannt, aber viel Abstoßendes, Übertriebenes festgestellt. Man
zweifelte an der Unsterblichkeit der Riesenwerke, ganz wohlwollend
zweifelte man daran.
Meine Überzeugung ist dieselbe geblieben. Aber ich beginne nach den
Gründen zu fragen, die diese so verbreitete Unbeliebtheit Mahlers
erklären könnten.
* * * * *
Ganz allgemein wird man auch in Kreisen, in denen intensives Verständnis
für Musikalisches herrscht, absprechende Urteile über Mahler hören.
Reger und andre werden viel widerspruchsloser geschätzt. Dagegen reden
gerade ernste, bedächtige, innige Kunstfreunde von Mahler mit einer
gewissen Gehässigkeit. Man wirft ihm die ewigen Marschrhythmen und
Trompetensignale höhnisch vor, man hält sich die Ohren zu, man lacht
gar.
Ich habe mir dafür folgende Theorie zurechtgelegt: Mahler ist nicht der
Schwerverständlichste unter den modernen Komponisten, aber er ist
derjenige, der sich die Gunst des unvoreingenommenen Hörers am
leichtesten durch gewisse grelle und übermütige Eigenheiten verscherzt.
Zu seinem Verständnis gelangt man in zwei Stufen. Auf der ersten sieht
man ein, daß dieses Grelle nur Nebenwerk ist und lernt die eigentlichen
melodischen und harmonischen Schönheiten kennen. Auf der zweiten Stufe
erst gelangt man wieder dazu, dieses vermeintlich undisziplinierte
Nebenwerk doch eigentlich wieder als organisch mit allem Musikalischen
des Werks verbunden und als Gesamtausbruch eines Temperaments zu
empfinden, dessen Maß nur in ihm selbst zu suchen ist.
Man kann im Fall Mahler ein lehrreiches Beispiel dafür sehen, daß selbst
die ernste Kritik vor gewissen komplizierten und mit viel Hohem und
Niedrigem verschränkten Erscheinungen versagt. Die gewissenhafte Kritik
kann starke Überraschungen verdauen, sofern sie ein einheitliches
Gebilde hinter ihnen ahnt oder mindestens konstruieren kann. Sie nimmt
die heftigsten Genialitäten Regers mit in den Kauf, da sie doch immerhin
überzeugt ist, daß der Mann viel studiert, seinen Bach im kleinen Finger
hat und nur etwas Rechtes, Gerades in der Welt beabsichtigt. Wo aber das
Pathos in Narrheit umschlägt, Buntheit in Strenge, indiskrete Wollust
mit Kindlichkeit abwechselt: da wittert die Kritik einen Bluff, da geht
sie nicht mehr mit, da hat sie es ganz einfach nicht nötig.
Ergriffen habe ich einmal gelesen, daß Mahler Kritiken sehr ernst nahm,
daß er nach jeder seiner Premieren von neuem seine zahllosen Tadler
genau las. Er muß unendlich gelitten haben.
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Doch ich schulde den Beweis für meine Behauptung. Zwei Stufen sollen es
sein, die zu Mahler führen. Die erste ist beispielsweise durch die
Meinung charakterisiert, daß die Orchestrierung Mahlers Symphonien nur
schade, daß man viel mehr Freude an den vierhändigen Klavierauszügen
habe. Diese Meinung habe ich selbst jahrelang als liebes Paradoxon
gehegt. Und noch jetzt bin ich der Ansicht, daß der Orchestersatz, zum
Beispiel, der Rinaldo-Kantate von Brahms in seiner Einfachheit (von
Unverständigen wird dieses Raffinement, vielmehr diese Gesundheit:
Askese genannt) viel wirkungsvoller ist als das hundertköpfige
Mahlerorchester ... Doch hier handelt es sich ja nicht um das
Wirkungsvolle, sondern um das Schöne. Und da erfährt man bald, daß
Mahlers Orchestrierung in ihrer Schärfe und Rücksichtslosigkeit
ebensogut einen Gipfel der Schönheit darstellt wie die Gesetzmäßigkeit
des Brahms.
Richtig an der oben aufgestellten Meinung ist nur, daß eine Symphonie
von Mahler so viel Neues in jeder Richtung bringt, daß man
praktischerweise zuerst die schönen Melodien mit all ihren
überraschenden Ausläufern und Verwandlungen kennen lernt, die
Verwandtschaft dieses natürlichen Gesanges mit Schubert empfindet, den
steten Fluß des einmal aufgegriffenen Einfalls von Bachs erhabenem
Vorbild ableitet -- ehe man sich den Herdenglocken und Xylophonen der
Partitur preisgibt. Es ist einfach zu viel auf einmal. Und ich kann mir
ganz gut das verärgerte und gereizte Gemüt eines unvorbereiteten
Zuhörers während einer Mahlerschen Symphonie vorstellen.
Dann gibt es aber eine Sorte von Kennern, die über das Xylophon einfach
nicht hinwegkommen. Sie verachten es; sie geben nicht zu, daß es in eine
ernsthafte Symphonie gehört. Unter keinen Umständen gehört es hinein.
Solchen Leuten kann man hundertmal die Schönheit der Melodien zeigen;
sie verstehen die Melodien ganz richtig, sie wissen jedes Nebenmotiv aus
dem Thema abzuleiten. Sie finden die Erfindung »geistreich«. Das ist ihr
höchstes Lob. Aber innig, seelenvoll? Kann ein Komponist Seele haben,
ernste, ringende Seelenregungen, dem so ein Einfall kommt wie ein
Xylophon, ein Hammer? Das beweist unsern Kennern aufs deutlichste, daß
seine Begabung »nur äußerlich« ist, »nur auf Effekt gerichtet«, »nur
seicht«. Was mich an solchen Urteilen am meisten ärgert, ist das
Wörtchen »nur«; weil es so ganz unlogisch ist. Zugegeben (wenn auch nur
für diesen Moment), daß das Xylophon ein äußerer Effekteinfall ist. Dann
mögen diese schwermütigen Kenner das Xylophon subtrahieren! Daß aber
dieser eine Effekteinfall auch alle andern Einfälle vernichtet, einfach
ausradiert, was gar nicht zu ihm gehört, was um ihn, neben ihm steht --
kann man das anders erklären als durch die übermäßige Gereiztheit dieser
Zensoren? Mahler hat es sich mit ihnen verdorben, ein für allemal. Wäre
er vorsichtiger gewesen, so hätte er das Xylophon eben nicht gebracht.
So denkt man auf der ersten Stufe.
Dann aber schlägt man die Partitur auf, zum Beispiel Seite 25 der
Sechsten Symphonie, und versteht: er mußte das Xylophon bringen. Schöner
konnte die Durchführung vom ersten Teil dieses Satzes gar nicht
abgehoben werden. Wann wird man endlich Mahlers barockes, romantisches
Genie mit Sittenstrichen und Fleißpunkten verschonen? Das
Überschwänglichste wollte er sagen, nirgends ein Ziel haben, bis an die
Sterne sich ausbreiten. Dazu brauchte er unter anderem auch Xylophon,
Celesta, Triangeln und Tamtam.
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Rücksichtslos wie Mahlers Orchester ist auch seine Melodik. Er kennt
keine Scham. Er durchbricht die Zäune des sogenannten »geläuterten
Geschmacks«. Man hat ihm Banalität vorgeworfen. Richtig ist, daß er
dort, wo er lustig wird, sich nicht geniert, in die süßesten
Operettenmelodien auszuschwelgen. Aber gibt es denn nicht auch schöne
Operettenmelodien? Die meisten sind Schund und Aas, gewiß. Aber die
Gattung als solche ist der höchsten Aufschwünge fähig. Mahler beweist
es. So ist eine lange Stelle im letzten Satz der Sechsten Symphonie
(Partitur Seite 205-210) für mein Gefühl der großartigste Niggertanz. Im
besten Cakewalkrhythmus schlingen sich die Motive, zugleich den besten
Kontrapunkt bildend. Ja, muß denn Kontrapunkt immer nur vom Katheder aus
doziert werden! Gibt es nicht herrliche Lebensaugenblicke, in denen
kühle Pedanterie zu rasen beginnt, pedantisch bleibt und doch rast und
doch dabei gar nicht selbstmörderisch und verzweifelt, sondern ganz
fröhlich, selig und sogar kinderinnig bleibt! Es gibt Mischungen von
Gefühlen, Gott sei Dank, die noch gar nicht von Worten abgestempelt
sind, die es offiziell noch gar nicht gibt. Aber wage es nur ein Musiker
oder Literat, so etwas, was er doch mit der wünschenswertesten Klarheit
und Wichtigkeit in sich fühlt, hinauszuschreien! Die ernsten Zensoren
glauben sofort, man mache sich über sie lustig, man nehme die Sache
nicht ernst genug. Gerade dann, wenn man die Sache endlich ganz ernst
nimmt und, ganz unbeeinflußt von Weltwertungen, das Eigenste sagt,
gerade dann -- belächelt die Welt das Xylophon.
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Vor einiger Zeit wurde Mahlers Sechste Symphonie in Prag aufgeführt. Die
tschechische Philharmonie unter Zemaneks Leitung spielte herrlich, mußte
auch die Kältesten entflammen. Ich weiß nicht, ob sie sie wirklich
entflammt hat. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, ich erlebte
alle Ekstasen, deren meine Seele fähig ist. Jahrelang habe ich mich
gesehnt, während ich dieses tragischste Opus unsrer Zeit studierte,
seine Aufführung zu erleben. Nun fühlte ich mich für alle Sehnsucht
belohnt, sammelte Kraft gegen Enttäuschungen und Fehlschläge ... Nachher
gab es viel Applaus. Die Kritik tadelte.
Noch eines sei festgestellt: als es zu der Stelle kam, die ich für mich
'Niggertanz' getauft habe, erlebte ich doch noch eine Überraschung. Ich
hatte nicht bemerkt, daß in der Partitur gerade zum Einsatz dieser
Wendung 'Rutenschläge' verzeichnet sind. Nun bei dem frechen Klang der
Hölzer, der die an sich freche Melodie zerhackt, faßte mich ein
andachtsvoller Schauer vor Mahler: weil er so würdelos, so unbändig war,
so naiv und ohne Rücksicht das unterstrich, was andre für seine Fehler
hielten -- was zukünftigen Geschlechtern seine Größe sein wird.