Ein junger Musiker aus dem Konservatorium steht auf der letzten Galerie.
Außer sich vor Entzückung, hört er das körnige Prasseln langatmiger
Posaunentöne, den großen Schritt des Trauermarsches, leeren Moll-Hall im
Orchester.
Und von ferne, ganz von ferne naht des Vergnügens Lichtermeer wie eine
aus der Nacht schimmernde Großstadt. Die Luft, von so üppigen Geigen
gestrichen, schmeckt süß. Mit dem ganzen Körper fühlt der Musiker den
Wohlklang einer überirdischen Operette und ist versucht, die Hand aus
der Hosentasche zu nehmen, um auch ihr einen Anteil an dieser
Himmelsmusik zu verschaffen.
Wie kommt es, daß dieser Mahler alles aussingt, was ich so tief fühle,
denkt der arme kleine Musiker. Er nimmt mir meine Einfälle weg. Und wie
er dirigiert! Jede Nuance könnte ich nur genau so ausfeilen. Wenn ich
ihn nur von hier aus sehen könnte. Nun steigt wieder ein Motiv auf, das
ich geahnt habe ... Aber wo ich einen Faden klebrig-mühsam spann,
schwingt sich ein weites, schattiges Seidennetz ... Und rote Rosen,
duftendes Lebensblut ... Ach, wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, den
Gott! Man sagt mir, daß ich ihm ähnlich sehe ...
Da bietet sich eine Lücke in der stehenden Menschenmauer. Einen
Augenblick lang kann der Konservatorist den schwarzen Kapellmeister
unten sehen ... Ah, Mahler, das bin ich selbst! schreit er leise.
Wie eine starke, schwarze Hand überfällt ihn das Fieber. Er wankt und
fällt hintenüber hinter die Zuschauer, wo die halberlöschten Lampen
zischen, fällt mit einem dumpfen Knall. Die rote Blutrose wächst eilig
aus seinem Munde hervor und überdeckt mit warmen Blättern sein Antlitz
... In der Ekstase der Crescendo-Symphonie hat niemand sein Niederfallen
bemerkt. Nur der beste Freund, der neben ihm gestanden hatte, ringt
verzweifelt die Hände und steigt hastig zu ihm hinab.
»Ich sterbe jetzt,« sagt der Musiker.
»Wehe,« der Freund.
Sie sprechen schnell, während das Orchester schwelgerisch Tonpokale
leert und zerschellen läßt, absteigt, sich beruhigt in kleinen
chromatischen Küssen mit halboffenen Lippen, sich beruhigt ...
Aber da hat das erregte Flüstern der beiden Freunde zu einem Geräusch
sich gehoben. Und der Kapellmeister, entrüstet ... hört zu dirigieren
auf. Es wird blasse Stille im Theater. Alle Köpfe richten sich zur
letzten Galerie.
Der Musiker seufzt: »Was will er? Ist es nicht genug, daß ich ihn so
verrückt liebe, daß ich mein Leben um seines Werkes willen wegwerfe?
Haßt er mich auch noch, nach all dem, nur weil das letzte, größte
Ereignis meines Daseins einen Schatten auf einen nebensächlichen Moment
des seinen wirft?«
Inzwischen hat sich der Grimm Gustav Mahlers beruhigt. Er klopft. Man
beginnt von neuem, fortfahrend in genußsüchtigsten Trillern. Eine
Melodie ohne Ende zackt sich hin, zerspritzt, wirft ihre rosigsten
Gipfel. Infanterieregimenter von Faunen und Bacchanten marschieren auf,
man gibt Signale, man trommelt einen hypnotischen Takt ...
Da fühlt der sterbende Musiker, wie die Hand des Freundes auf seiner
roten Brust zittert ... im Takt zittert ... wie der Rhythmus dann
weiterfährt in den Arm, über die Schultern, in den Kopf des Freundes.
Und nun steht der auf, läßt den Halbtoten liegen, wie ein Schlafwandler
strebt er wieder den Stufen zu, lauscht den reichen Klängen,
angespannt ...
»Ich hasse Mahler,« röchelt der Musiker auf dem Fußboden. »Ich hasse
ihn. Er nimmt mir meine Einfälle, meine Kunst, mein Ich, mein Aussehen,
meinen besten Freund.«
Der Trauermarsch setzt ein, körnige Posaunenstöße, Rührung.
Der Musiker im Sterben: »Nein, ich bete ihn an. Seit jeher haben die
Götter Menschenopfer geliebt ...«