Gustav Mahlers dritte Symphonie, von ihm selbst dirigiert

Ein junger Musiker aus dem Konservatorium steht auf der letzten Galerie.

Außer sich vor Entzückung, hört er das körnige Prasseln langatmiger

Posaunentöne, den großen Schritt des Trauermarsches, leeren Moll-Hall im

Orchester.

Und von ferne, ganz von ferne naht des Vergnügens Lichtermeer wie eine

aus der Nacht schimmernde Großstadt. Die Luft, von so üppigen Geigen

gestrichen, schmeckt süß. Mit dem ganzen Körper fühlt der Musiker den

Wohlklang einer überirdischen Operette und ist versucht, die Hand aus

der Hosentasche zu nehmen, um auch ihr einen Anteil an dieser

Himmelsmusik zu verschaffen.

Wie kommt es, daß dieser Mahler alles aussingt, was ich so tief fühle,

denkt der arme kleine Musiker. Er nimmt mir meine Einfälle weg. Und wie

er dirigiert! Jede Nuance könnte ich nur genau so ausfeilen. Wenn ich

ihn nur von hier aus sehen könnte. Nun steigt wieder ein Motiv auf, das

ich geahnt habe ... Aber wo ich einen Faden klebrig-mühsam spann,

schwingt sich ein weites, schattiges Seidennetz ... Und rote Rosen,

duftendes Lebensblut ... Ach, wenn ich ihn nur einmal sehen könnte, den

Gott! Man sagt mir, daß ich ihm ähnlich sehe ...

Da bietet sich eine Lücke in der stehenden Menschenmauer. Einen

Augenblick lang kann der Konservatorist den schwarzen Kapellmeister

unten sehen ... Ah, Mahler, das bin ich selbst! schreit er leise.

Wie eine starke, schwarze Hand überfällt ihn das Fieber. Er wankt und

fällt hintenüber hinter die Zuschauer, wo die halberlöschten Lampen

zischen, fällt mit einem dumpfen Knall. Die rote Blutrose wächst eilig

aus seinem Munde hervor und überdeckt mit warmen Blättern sein Antlitz

... In der Ekstase der Crescendo-Symphonie hat niemand sein Niederfallen

bemerkt. Nur der beste Freund, der neben ihm gestanden hatte, ringt

verzweifelt die Hände und steigt hastig zu ihm hinab.

»Ich sterbe jetzt,« sagt der Musiker.

»Wehe,« der Freund.

Sie sprechen schnell, während das Orchester schwelgerisch Tonpokale

leert und zerschellen läßt, absteigt, sich beruhigt in kleinen

chromatischen Küssen mit halboffenen Lippen, sich beruhigt ...

Aber da hat das erregte Flüstern der beiden Freunde zu einem Geräusch

sich gehoben. Und der Kapellmeister, entrüstet ... hört zu dirigieren

auf. Es wird blasse Stille im Theater. Alle Köpfe richten sich zur

letzten Galerie.

Der Musiker seufzt: »Was will er? Ist es nicht genug, daß ich ihn so

verrückt liebe, daß ich mein Leben um seines Werkes willen wegwerfe?

Haßt er mich auch noch, nach all dem, nur weil das letzte, größte

Ereignis meines Daseins einen Schatten auf einen nebensächlichen Moment

des seinen wirft?«

Inzwischen hat sich der Grimm Gustav Mahlers beruhigt. Er klopft. Man

beginnt von neuem, fortfahrend in genußsüchtigsten Trillern. Eine

Melodie ohne Ende zackt sich hin, zerspritzt, wirft ihre rosigsten

Gipfel. Infanterieregimenter von Faunen und Bacchanten marschieren auf,

man gibt Signale, man trommelt einen hypnotischen Takt ...

Da fühlt der sterbende Musiker, wie die Hand des Freundes auf seiner

roten Brust zittert ... im Takt zittert ... wie der Rhythmus dann

weiterfährt in den Arm, über die Schultern, in den Kopf des Freundes.

Und nun steht der auf, läßt den Halbtoten liegen, wie ein Schlafwandler

strebt er wieder den Stufen zu, lauscht den reichen Klängen,

angespannt ...

»Ich hasse Mahler,« röchelt der Musiker auf dem Fußboden. »Ich hasse

ihn. Er nimmt mir meine Einfälle, meine Kunst, mein Ich, mein Aussehen,

meinen besten Freund.«

Der Trauermarsch setzt ein, körnige Posaunenstöße, Rührung.

Der Musiker im Sterben: »Nein, ich bete ihn an. Seit jeher haben die

Götter Menschenopfer geliebt ...«

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 37 / 42 题