Neulich kam mein Bruder mißmutig aus dem Theater. »Nun, was hat's denn
gegeben?« frage ich aus dem Bett schon, vor dem ein Sessel, eine Kerze,
brennend, die Tasse Milch und das aufgeschlagene Buch ein gemütliches
Winkerl zusammenstellen ... Er wütet: »Eine kleine Operette hat man
aufgeführt: Der umgekippte Mastbaum! Weißt du, was aber auf dem
Theaterzettel stand: 'Die Afrikanerin' von Meyerbeer.«
Wirklich gibt es nichts Weinerlicheres als diese Abspielungen
Meyerbeerscher Opern, wie sie an Provinztheatern jetzt zur Mode geworden
sind. O Mode, Windhauch der Zeiten! einmal war die Mode um Meyerbeer
anders bestellt. Könige ließen ihre wappengestickten Samtdecken von den
Logenbrüstungen flattern, indes unsre Großväter jugendfrisch die Galerie
stürmten, um die Premiere des 'Kreuzfahrers in Ägypten' zu erleben, den
Enkeln zu überliefern. Es gab Leute, die siebenundachtzigmal die
'Hugenotten' gehört hatten. Was ist aus euch geworden, ihr Prachtträume
der Einzugsmärsche, vergiftete Blüten, grausige Geisterbeschwörungen in
Felsschluchten, Tanz der Wahnsinnigen mit ihrer Ziege an schroffen
Klippen, kriegerische Zeltlager, Feenballette!... Jetzt wird dieselbe
Leinwand, rissig geworden, an abgefärbte Baumstämme gelehnt, die Äste
greifen zerbogen durch Löcher der Gaze, die eine sanfte tropische Luft
im Glanz vorstellen soll, und die Strahlen des Reflektors, dieser
ersehnten Gegenden Sonne, spießen sich an einem Versatzstück, das einem
zerbrochenen Kasten ähnlicher sieht als einem großmächtigen Opferaltar.
Und über all diese Ruinen hinweg kreischt die zweite Garnitur der
Sänger, dirigiert der vierte Kapellmeister, der Chor mit undeutlichen
Einsätzen bröckelt die süße Landschaft, die Melodie auseinander, und das
Orchester schwemmt mit ein paar rohen Trompetenstößen, was übrig ist,
hinweg. Zum Aufschluchzen freilich nimmt sich neben dieser lieblosen
Vernichtung aus, was noch aus der schönen Ausstattung früherer Moden
gerettet wurde. Dieses mit großem Aufwand im Durchschnitt gezeigte
Schiff, der fallende Mast ... rings um sie hat man alles
zusammengestrichen; aber diese Utensilien, einmal dem Theaterinventar
einverleibt, trotzen der Verachtung: wie exilierte Fürsten machen sie
von Zeit zu Zeit ihren traurigen regelmäßigen Spaziergang durch fremde
Alleen. Und mit einem Schlag wird beides deutlicher: das frohe Einst,
das schlimme Jetzt.
Das anerkennend-neidische Wort des Berlioz hat sich längst ins Gegenteil
gekehrt: »Meyerbeer hat nicht nur Genie, er hat auch Glück.« Jetzt
könnte man sagen: »Er hat auch Unglück.« Und sein Genie? In dieser Welt,
wo Kunsturteile wie Mücken durcheinander schwirren, sich kreuzen und
zerstieben, von keinem mehr ernst genommen, scheint über eines nur volle
Übereinstimmung zu herrschen: daß Meyerbeer, ehedem überschätzt, ein
seiner Unwahrheit, seiner Effekthascherei wegen zu maßregelnder
Taugenichts sei. Und wie hat man ihn gemaßregelt! Am Abend durch eine
heuchlerische, gichtbrüchige Aufführung, am Morgen darauf in der Zeitung
durch Ernst und Strenge unsers Jahrhunderts. Ein in Wagners Schule
stramm erzogener Kritiker, mithin besser: ein Merker, schrieb einmal
über 'Die Afrikanerin', dieses heiße, verliebte, verzauberte Eiland,
etwa in diesem Sinn (die Worte habe ich vergessen): »Wagt man wirklich
noch, vernünftigen Menschen unseres Jahrhunderts ein solches Machwerk
vorzusetzen, in dem die Seefahrer sofort nach Umschiffung des Kaps der
guten Hoffnung in -- (dieser Gedankenstrich ersetzt eine Lachsalve)
Indien landen!«
Wünscht man geographisches Wissen, Effektlosigkeit von einer Oper, dann
halte man sich allerdings von Meyerbeer fern ... Mich aber hat das Wort
'Kap' nie mehr so mit der Wucht ferner Umblicke getroffen, mit dieser
Wahrheit einer Reisebeschreibung, die man zum dreizehnten Geburtstag
geschenkt bekommt und immer wieder liest. »Zum Himmel reicht sein Haupt,
sein Fuß zur Hölle«: ja, in diesen Noten eines seltsamen Kontrapunkts,
leer und einfach, ragte das 'furchtbare' Kap in die Höhe, wurde so groß
wie die Erdkugel -- und wir sahen das Meer, die zerschellten Schiffe,
sahen auch Indien, wenn du willst, sahen jedenfalls ein herzbewegendes
Leben, Abenteuer und Begeisterung. Wir pflegten 'Die Afrikanerin'
täglich aufzuführen, mein Bruder und ich als Kinder. Die ersten zwanzig
Seiten fehlten dem Auszug, dann waren noch zwei schmutzig und zerrissen,
so daß man sie schwer auf dem Pult halten konnte -- sie krümmten sich
wie kleine Wimpel ... Wir aber begannen am liebsten mit dem dritten Akt.
Da war es heißumstritten und begehrt, die Rolle des Nelusco zu bekommen.
Abgesehen davon, daß diese Töne den eben mutierten Stimmen am besten
lagen: uns gefiel dieser edle Wildfang, wir liebten seine Erbitterung,
seine Heimtücke, die in scharfen Zwischenrufen unisono mit dem Klavier
sich ausschreien konnte. Und die Ballade von 'Adanastor', wobei einer
bauchrednerisch sämtliche Stimmen der bebenden Matrosen geben mußte. Wie
gut sang sich auch die Unterredung: »Ja, ihr seid's, Don Alvar«, in die
man Rache und Klugheit, adeligen Mut und Verblendung zu legen hatte. Und
wenn beim Schein der einfallenden Sonne das Morgenlied des Chores
erklang, das Gebet, die Glockenschläge, der Hymnus an irgendeinen
wohlvertrauten und unbekannten 'Sankt Dominik', dann waren wir lustig
auf dieses romantische Schiff versetzt, hatten jeder für sich seine
Kommandobrücke, seine gute Luft, die den Sinn erfrischt, sein
sanftgewelltes Meer ringsum ... Wir gaben auch das Parlament von
Lissabon, alle Sänger der Opposition und der Majorität mit großer Übung,
den tüchtigen kühnen Vasco auch, der es ihnen ins Gesicht zusagt: »Euch
gehören die Küsten und die Meere.« Wie wirbeln an dieser Stelle
unablässig zwei Noten umeinander herum, alle Wollust des Entdeckers, der
auf dem hohen Kap steht, die neuen Länder sieht und außer sich, atemlos
mit dem Arm winkt, um zu zeigen und zugleich auch, um seine wahnsinnige
Freude auszudrücken. Der Windhauch weiter Umblicke ist in diesen Noten,
wie etwa in dem tschechischen Wort '_mávati_', das 'winken' bedeutet ...
Und wir traten nach kleinen Vorspielen, die mit ihrer Lieblichkeit jeden
Schmerz auflösen, in den melodiösen Kerker, wo man vom 'Sohn der Sonne'
singt, vom 'Bengalis', von Ergebenheit, Tod, barbarischen Gottheiten.
Wir zitterten bei neuartigen Akkorden, bei diesen aus sich
herausschwingenden Kantilenen, die in jeder Zeile und einheitlich ihr
Feuer ausstrahlen, jede die nächste befruchtend ...
Man gewöhne es sich nur endlich ab, diesen Meyerbeer 'historisch' zu
nehmen. Sein Pomp kommt aus einer heroischen Seele, seine Effekte aus
hellsten, reinsten Leidenschaften. Fühlt man es noch nicht, daß sein
Stolz und seine Wehmut mit der Sprache der jungen pathetischen Dichter
zusammenklingt, die neuerdings auftreten! Die Zeitungen melden von
Neuaufführungen in Berlin und in Breslau. Mögen sie so heftig, so
ekstatisch verlaufen wie unsre Kinderaufführungen auf der schmalen Bühne
zwischen der Klavierbank und dem Notenpult.