Verworrene Nebengedanken

Will man in Paris seinen Winterrock weghängen, so nähert sich ein

Vollmond aus Holz oder ein ungeschlachter Messingbügel, so daß man über

die Geringfügigkeit der heimatlichen Aufhängeösen in Verzweiflung

ausbricht. Man steht da und wartet, bis man ein Französchen herantanzen

sieht, das sein Kleidungsstück an dem Bügel nicht aufhängt, sondern wie

über den Rücken einer geliebten Dame umhüllend anlegt. Also so geht es,

man hat hier keine Ösen, und dadurch behält das Kleid vielleicht

wirklich besser seine angeborene Gestalt als in unsrer Strangulierung ...

O Fremdartigkeit! Diese Gassen, Wildbächen ähnlich, die

zu den Boulevards dunkel herabstürzen, die Häuser, die entwurzelten

umgestürzten Baumstämmen gleichen, mit ihren emporgestreckten

Rauchfängen, die zweistöckigen Omnibusse, Löwen auf Elefanten reitend,

und diese zart gewellten Wasserläufe in der Gosse, so benachbart den

verschwenderisch im Freien ausgebreiteten Stoffen und Hüten und

Backwaren zum Verkauf, alles beseelt vom Takte desselben Wirrwarrs ...

Mit allem ging es mir so. Und auch wenn ich im Vaudevilletheater abends

die Polaire tanzen sah -- ihr Mund ist groß, ihre Nase groß und zudem

rot geschminkt, die Augen eines Gassenmädchens und der Tanz einer

göttlich zu verehrenden Spanierin -- o, ihre Hände zittern, die Finger

wie die dünnsten Äste im Frühlingswind, ihr Haar verlernt den Weg den

Nacken hinab und fällt begehrlich, als hebe es Röckchen, über Stirn und

Mund, die magern Schultern scheinen Befruchtung zu verlangen und die

Schenkel sind dick -- auch da noch blieb mir das Gefühl: Anders als bei

uns ... Immer dieses 'bei uns', wieviel Stolz liegt darin, wieviel Ekel

schon deshalb, weil es sich immer wiederholt, wieviel Mißtrauen, weil

man nicht sagen kann 'bei mir', wieviel Heuchelei, weil man ein

einheitliches Gefühl statt dieser Zusammensetzung empfinden möchte. Und

gar im Odéon, wenn bei erleuchtetem Zuschauerraum die Schlösser in den

Logentüren knacken, wenn Gallipaux auf der matten Bühne sein Äffchen hin

und her zieht, dann es weinend begräbt, dann aus schrägem Sessel und

Tisch eine kaum stabile Ruhestätte für sich herstellt, hingeworfen die

Beine hebt, mit den Händen flattert, durch ungestüme Bewegungen uns in

Angst versetzt, wie bei Akrobatentricks und so, ja in dieser Siestalage

gerade, den Traum jedes Parisers anhebt: ein Schloß besitzen, die

Freunde zu sich einladen -- auf fünfzehn Tage nur ... O, wie nah war ich

der französischen Literatur in Prag, wie fern bin ich ihr in Paris! Und

dabei ist dieses Theaterstück in acht Bildern wirklich von Edmond de

Goncourt, den ich in so vielen Artikeln besungen habe, ist die 'Manette

Salomon' -- und ich glaubte von Prag aus immer, diesen Dichter gegen ein

Pariser Publikum in Schutz nehmen zu müssen ... indessen wird hier bei

Stellen gelacht, deren Worte mir wie Rauch um die Ohren gehen. Gänzlich

als Ausländer also wandre ich zum _Théâtre du Châtelet_, während aus

jedem der unsichtbaren Briefkästen, von jedem zinkenen Schenktisch mit

seinen farbigen Fläschchen und Siphons Hohn mir entgegenschlägt und im

Nebel die zwerghaften Tischplattenkreise vor den Kaffeehäusern, in ihren

Ringen aus Metall, die winzigen Strohsesselchen, die Zuckerstückchen wie

weiße Särge, die fremden Semmeln, die Brotwürste über mich hinstürzen.

Noch im Gedränge der Stiege bin ich bedrängt, aber da bemerke ich schon

befreundete Klavierauszüge. Schau, ein junger Mann zeigt neben mir,

während ich mich setze, seiner Freundin eine schöne Stelle, hinter mir

an der Säule diskutiert man die Instrumentation. Oben auf der Galerie

pfeift Italien, schlägt die Stöcke gleichmäßig auf den Boden, schickt

Papierpfeile zu uns herab und klatscht Beifall. Das kenne ich schon ...

Aber nun still. Der Dirigent Pierné ist aufgetreten, den ich nur aus

einem schlechten Violinschlager kenne. Ist da Hoffnung?... Aber still.

Man wird mir ja 'Fausts Verdammnis' von Berlioz vorspielen. Sein Grab

hab' ich auf dem Montmartre oben gesehen, mit Blumen bekränzt, wie

leuchten die Namen der Werke aus dem Stein, und oben ist in einzelnen

Buchstaben aus Eisen sein Name zwischen Feuerpfeilen aufgestellt, das

erinnert schon wieder an die Reklameaufschriften des Skating-Ring und

Moulin Rouge, nur die elektrischen Glühlämpchen fehlen ... Aber still!

Und nun setzt die Viola mit ihren stillen Tönen ein. Und auf einmal bin

ich in irgendeiner meiner lieben Landschaften Böhmens ... nein, nicht in

Böhmen, in Ungarn doch, denn bald wird der Rakoczimarsch donnern ...

nein, bei Frankfurt irgendwo, denn das deutsche Schäferlied erklingt ...

o nein, o nein, meine Lieben, jetzt hat das alles ein Ende. Zu Boden

nieder mit all den kleinen Gedanken. Wir sind im Lande der Begeisterung,

ohne Geographie, wir taumeln in einem aus Schmerz und Schmerzlosigkeit

innig vermischten, in dem süßesten Gefühl der vereinigten

Menschlichkeit. Kleine Pariserin neben mir, bist du still geworden? Kein

Parfüm mehr, keine Seide, nichts? Nur diese Chöre, die Glocken, die

Harfen, die reinen Stimmen, die entschwebenden Dreiklänge des heiligen

Osterfeiertags. O Gott, möge doch meine Seele sich ergießen, möge ich

würdig dieser Töne werden ... Komponisten, die in ihren Werken manchmal

Bläser hinter der Bühne spielen lassen, sollten bedenken, daß es immer

einen merkwürdigen Eindruck macht, wenn diese Bläser dann nachher wieder

sich hereinschleichen durch die Sitzreihen der andern, wie Leute, die zu

spät ins Theater kommen. Das ist ein Übelstand. Es müßten da vielleicht

Spieler verwendet werden, die im Orchester gar nichts zu tun haben. Sie

bleiben draußen, rätselhafte Stimmen der Wände ... Aber die Wände mußten

ja auch diesmal mittönen, mitsprechen, mithören -- denn wäre es möglich,

daß so viel Begeisterung aus nur natürlichen Instrumenten quillt an nur

natürliche Ohren? Nein, gewiß, dieses Fest war über alle Gesetze hinaus

beseligend. Ich verzeihe es Pierné, nein, ich bitte ihm ab, als hätte

ich seine Romanze geschrieben: so herrlich hat er dirigiert. Und alle

die guten Leute im Orchester, Félia Litvinne als Gretchen, Laffitte als

Faust, und so fort. Und die lieben Zuhörer, die alles noch einmal hören

wollten. Es war ein Erfolg, ein Erfolg. Und nun wüßte ich diesen Aufsatz

nicht besser als mit dem Kopf des Programms zu schließen:

Hundertundsiebenundsechzigste und unwiderruflich letzte Aufführung in

dieser Saison. Hundertundsiebenundsechzigste Aufführung des 'Faust' in

dieser Saison! Was ich schon oft gesagt habe: ich finde, daß man in

Deutschland Berlioz vernachlässigt. Reinhardt sollte diese Oper

inszenieren. Nedbal sollte seinen Stolz darin sehen, sie ganz zu

dirigieren, nicht herausgehackte Stücklein. Doch nein, auch wenn sie

niemand hört, niemand spielt, diese Musik bleibt mein, bleibt mir aus

meinem unfranzösischen Herzen hervorgewachsen wie das Korallenriff aus

dem schwankenden Meer herauf. O, mehr als nur ganz Paris würde ich

vergessen, wenn diese gerissene gebrüllte Teufelsserenade mich antanzt

-- aber ich freue mich, daß man applaudiert, das nebenbei -- man ist

nicht allein auf der Welt, glücklicherweise -- ich freue mich, daß

Goethe, Shakespeare, Berlioz in dieser langen Melodie vereinigt sind,

drei Nationen reichen einander die Hand und schöner als auf dem

Titelblatt der Unterrichtsbriefe zum Selbststudium, System

Toussaint-Langenscheidt. Ich freue mich, ich erlebe eine meiner

Ekstasen. Ist die Musik international etwa? Daß ich hier mitten unter

Fremdartigem mich plötzlich an die weiche Kante meines heimatlichen

Klaviers gedrückt fühle; weich, weil das Taschentuch auf ihr liegt, in

das ich weine? Niemand wird hoffentlich eine Antwort auf diese unsinnige

Frage erwarten. Und doch, als Zeichen meiner Begeisterung, als Wiehern

gleichsam sei sie notiert. Noch etwas: daß der Tanz der Irrlichter so

langsam, mit würdigem Leichtsinn, mit schneidender Lustigkeit gedehnter,

fast fauler Menuette vor sich geht, erst zum Schluß ein Reigen mit

geworfenen Händen und Haaren -- das ist es eben, das Genie, langsam war

das zu komponieren, nicht wie hergebracht: in schnellem Funkeln ... Doch

nun ist es genug. Wir treten auf die Gasse. Uns umgibt die frische

Pariser Gebirgsluft, doch eine lange Weile noch träumen wir von Heimat,

Liebe und süßer Musik, bis eine Reihe dunkler Bogenlampen uns den

Elektrizitätsstreik hier in Erinnerung ruft. Und darüber die ziehenden

glänzenden Wolken mit polierten Fingernagelrändern, »wie bei uns«, oder

ein wenig anders.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 35 / 42 题