Die einzig richtige Form, in der Buchkritiken verfaßt sein sollten, ist:
der Kommentar. Solange es aber nicht Mode geworden ist, mit solcher Ehre
unsere zeitgenössischen Dichter auszuzeichnen, die man nur wohl den
lieben römischen und griechischen Klassikern zuteil werden läßt, --
diese Ehre, daß auf jeder Seite, die nur je ein Weniges des
unschätzbaren Textes enthält, unter dem Strich jedes wichtigere Wort des
Dichters erwogen und belobt, jede Wendung mit Parallelstellen belegt
oder als originell befunden, jeder angedeutete Gedanken und jede auch
nur etwaige Anspielung in voller Schönheit zu Ende ausgearbeitet wird,
-- solange dies alles nicht eingeführt ist, bleibt nichts übrig, als
eine kurze, unvollkommene und deshalb auch schwierigere Kritikerleistung
zu versuchen.
Ich werde also nur einen Pseudokommentar geben können, eine Auswahl
kommentierender Anmerkungen vielmehr, zusammengehalten durch
übersichtliche, dafür aber auch nur halbrichtige Leitsätze, die ich
zwischen fünfmal oder zwanzigmal so viel Anmerkungen wahrscheinlich
anmutiger, geahnter und doch auch exakter versteckt hätte.
Gleich im Beginn veranlaßt und begeistert mich der Genuß von etwas so
Außergewöhnlichem, wie es Walsers Dichtungen sind, zu folgender
unwahrscheinlicher Behauptung: -- Es gibt Zwei-Schichten-Dichter, z. B.
Dickens, der es vortrefflich versteht, wenn er etwas Lustiges darstellt,
den darunter liegenden Ernst, und im Ernsten das Lustige darunter und
dahinter ahnen zu lassen. Oder Hamsun bringt es zustande, daß jemand
eine Situation berichtet, die er selbst mißversteht, der Erzählende;
aber wir, die Leser, verstehen sie durch seine verirrte Erzählung
hindurch. Das Buch Dostojewskis »Ein Werdender« erglänzt unsterblich in
solchen Details ... Neben solchen Zwei-Schichtern gibt es die
einflächigen Dichter, natürlich. Drei-Schichter hat es aber bisher noch
nicht gegeben. Walser ist so ein Drei-Schichter, da haben wir ihn.
Obenauf, in der ersten Schicht, ist Walser naiv, fast ungeschickt,
schlicht, geradeaus. Wenige lassen sich davon täuschen, man spürt
schnell die zweite Schicht unter der ersten, die Ironie, das
Raffinement, den Feinfühligen. Also ist Walser, wie man so zu sagen
pflegt, »gemacht« und »unecht«. O nein, weit was Überraschenderes ist
er. Er hat nämlich noch unter der tiefen zweiten Schicht eine tiefere
dritte, einen Grund, und der ist wirklich naiv, kräftig und
schweizerisch-deutsch. Und den muß man gut durchgefühlt haben, ehe man
ihn versteht, in dem wurzelt manch seltsamer Reiz seiner Sprache,
Gesinnung, ja des Aufbaus seiner Werke.
Zunächst die Sprache. Man hat wohl schon lange nicht in unserer Zeit,
die sich von allen einfachen Prosamelodie abzukehren scheint, Sätze
gehört wie den: »Joseph sah ihn den Hügel durch den abstürzenden Garten
hinuntergehn.« Welche blendende, vielmehr stille Reinheit, welche
Abgewogenheit in den Vokalen, der Stellung und Länge der Worte, welche
ungezwungene Musik. Ich gestehe hiermit, daß es nur wenige Bücher gibt,
die mich durch ihren unsaubern Stil nicht anwiderten. Bei Walser aber
atme ich furchtlos auf, noch mehr: hier erquickt mich jeder Ton, hier
schallt es so angenehm ... Nun ist es aber eine Eigentümlichkeit der
Walserschen Diktion, daß er die Ruhe seiner Sätze oft mit einem
scheinbar der Zeitungssprache oder dem Vulgären entnommenen Wort
scheinbar unterbricht. Hier setzt nun die Drei-Schichten-Theorie ein.
Solche Zerrissenheit klingt naiv, unbefangen, kunstlos. Der tiefer
Zusehende erkennt wohl romantische Ironie in ihr, denkt etwa an Heine.
Der Verstehende aber sieht unter dieser wirklichen Naivität und
wirklichen Ironie (beide sind real vorhanden, nur beide nicht
selbständig, beide auf die dritte Schicht beziehungsvoll) eine ganz
inwendige Seelen-Unbekümmertheit, eine über allen Mitteln stehende und
deshalb in den Mitteln mit Fug wahllose Dichterurkraft. Ein Beispiel
(man findet leicht treffendere): »Das Feuer, das wie alle =wilden
Elemente= keine Besinnung hat, tut ganz verrückt. Warum sind noch die
=zügelnden Menschenhände= nicht in der Nähe? Müssen denn gerade in
solcher =Schreckensnacht= usf.« Ich habe mir erlaubt, natürlich gegen
den Text, die deutlichsten Papierworte hervorzuheben. Wie flüchtig sieht
man sie der Feder des Dichters entgleiten, als Anklänge fast an populäre
Schillerzitate, sieht den Dichter ihr Unangebrachtes erkennen, ironisch
belächeln, sieht ihn sie dann trotzdem stehen lassen, einer inneren
Flüchtigkeit, weil Heiterkeit folgend, die sich zu jener oberflächlichen
Flüchtigkeit wie ein lebendiger Mensch zu seiner Momentphotographie
verhält ... Walser liebt es, wie in dem zitierten Buch (»Fritz Kochers
Aufsätze«), sich als Knaben, als halberkennenden Reifenden zu
verkleiden, um diesen Stil gleichsam zu rechtfertigen. Doch führt er ihn
glücklicherweise auch ohne besondere Rechtfertigung durch alle Bücher
hindurch und ebenso durch seine schönen eilfertigen kleinen Stücke in
unsern Zeitschriften.
Was für Sätze, was für Satzneubildungen und unbewußtes Glück! »Ich wohne
sehr nett in einem, es kommt mir vor, hochgelegenen Turmzimmer.« Oder:
»Er wolle, fand es Tobler für passend zu sagen, nicht hoffen, daß es
soweit komme.« Ohne Arg und doch mit großer Schlauheit und doch im
Herzen ohne Arg wird mit der deutschen Syntax hübsch gewirtschaftet.
Gehäufte Verba geben einen halb-komischen, ganz-entzückenden Effekt:
»... daß ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie
glauben werden, von mir verlangen zu dürfen.« Oder alte Phrasen werden
mit einem neuen oder recht abgebrauchten Adjektiv kuriert: »Die Berge am
Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne Tag über den See
verbreitete usf.« »Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen
... an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit.« Analog zu »Ins Reine
Schreiben« wird neu geschaffen: »Ins Mehrfache Schreiben.« -- Ist es
möglich, einer tausendjährigen Sprache so neue gezwungen-ungezwungene
Töne abzulisten, die von nun an nicht mehr verstummen werden?! Wer in
solchen neuen Stilerfindungen nicht das größte literarische Tun unserer
Zeit sieht, von dem kann man getrost sagen, daß er von dem Wesen der
Literatur noch nie eine Ahnung in der Seele verspürt hat.
Über die Schweizer Provinzialismen bei Walser und ihre Schönheit denke
man sich einen selbstverständlichen Absatz hier eingeschoben.
Ebenso über seinen scheinbar sorglosen, dennoch sehr bedachten und doch
im Tiefsten blumenhafte frische Sorglosigkeit aushauchenden
Szenenaufbau.
Seine Gesinnung erkläre ich mir gleichfalls dreischichtig. Eine leicht
erkennbare Aristokratie im Wesen (»Warum ist Armut eine solche Schande?
Ich weiß es nicht. Meine Eltern sind wohlhabend. Papa hat Wagen und
Pferde.«); man würde aber irren, wollte man die durch solche
leichtfertige, absichtlich leichtfertige Reden als deren Widerlegung
deutlich durchschimmernde soziale Mitleidsgesinnung als die wahre
auffassen. Noch tiefer vielmehr stößt man wieder auf etwas sehr Nobles,
Feinorganisiertes, Sich-Abschließendes -- und wundervoll ist es, wenn
Walser manchmal durch einen einzigen Satz den Leser zwingt, alle drei
Standpunkte mit ihm zu durchlaufen. »Es wurde nach und nach bei den
Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten bessern, nämlich bei solchen,
die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das
gerade sind ja die Besseren ...« Man suche sich das Richtige aus!
Es ist in dem labend komplizierten Wesen dieses Dichters gelegen, daß er
vielartige Figuren von solcher Vollständigkeit ihres Gehabens und
Wirkens gestalten kann und nicht im Relief, nein rund, komplett. Er
braucht nur seines eigenen Wesens Züge zu isolieren, aus sich
herauszustellen ... Da erscheint in mehrfachen Varianten die schöne,
stattliche Frau aus patrizischem Bürgerhaus, der der Hochmut so gut
steht, der man gern dient. Immer trägt sie Federn auf dem Hut ... Da
erscheint der junge Mann, bald Schüler, bald Kommis, bald Gehilfe, der
es in keinem Beruf lange aushält. Das Heroische und die Kunst leben in
ihm, hübsch verwickelt mit kleineren Begierden wie z. B. einer kräftigen
Eßlust. Die Liebe zum Bruder, der als Ideal vorschwebt, wird oft
gezeigt. »Geschwister Tanner« gar ist die Geschichte einer in sich
zusammenhaltenden, ganz bunten und doch durch einen edlen Familienzug
angeglichenen Kette von Geschwistern. In ihrem Familienstolz zeigt sich
wieder der Aristokrat. Nur das Feine, Ebenbürtige gefällt ihnen. Am
liebsten würden sie in einer märchenhaften Welt von Schönheit leben, wie
sie Karl Walser zierlich aufzuzeichnen weiß; und ebenso wird im Buche
»Der Gehilfe« gern geträumt, in der guten Art Gottfried Kellers etwa,
ausführlich im Schlaf, oder wachend vom »Ritterfräulein in Samtrock und
ledernen Handschuhen.« Doch -- und das ist das Dreischichtige,
Vielschichtige, Ungezähltschichtige meinetwegen -- in demselben Buche
spielt auch die kleine »verschuggte« Silvi ihre wichtige Rolle, und
allnächtlich »pißt sie ins Bett«. Was ich damit sagen will: Die Feinheit
Walsers hat durchaus nichts Ästhetelndes, mir so verhaßt Wienerisches!
Fritz Kocher, dessen Aufsatzheft mit den Worten »Der Mensch ist ein
feinfühliges Wesen« beginnt, sagt so schön, wie er den »Lehrer in der
Schulstube« beschreibt: »Hin und wieder kratzt er sich wollüstig in den
Haaren. Ich weiß, welche Wollust es ist, sich in den Haaren zu kratzen.
Dadurch reizt man das Denken unendlich. Es sieht allerdings nicht
besonders schön aus, aber item, es kann nicht alles schön aussehen.«
Das ist nun Walsers lieblichster Frohsinn; er steht, obwohl poetischeren
Zeiten entsprossen, fest in unserer unpoetischen Gegenwart. Er liebt
sie, er macht sie poetisch. Er hält einfach ihre Ekelhaftigkeiten aus --
der gesunde schöne Körper »fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu
ertragen«, das ist die gute Basis, die er allen seinen Helden gibt. Ihr
Lachen ist ein ins Akustische umgewandelter solcher Gesundkörper. Allen
Mädchen müssen sie wohlgefallen, und das freut diese jungen Herren
selbstverständlich ... In ihrer guten Laune gefällt ihnen selbst alles.
Sie finden sich zum Erstaunen mühelos in der Welt zurecht. Der liebe
verschwenderische, scheinbar so gar nicht ins 20. Jahrhundert passende
Herr Tobler, Erfinder der genial unpraktischen Reklameuhr und des
Schützenautomaten, wird sich schließlich -- so eröffnet uns die
abschließende Voraussicht des Romans --, wenn er den Gläubigern seine
»brillante« Villa am Seeufer räumen muß, auch in der engen Stadt »in
einem billigen Quartier« recht wohl fühlen. »Man gewöhnt sich an
alles ...« Von einer versinkenden Weltanschauung, von überlebten
Stimmungen ist in der obersten Schicht dieser Bücher viel die Rede (»Man
bedauerte das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des
Melkers Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich verfahren«, so
heißt es von dem derben Naturburschen im Polizeigefängnis, der noch das
Blut der »stolzen und unbändigen Ahnen des Landes« hat und dafür, d. h.
für Raufhändel, bestraft wird), aber im Innersten der Bücher lebt schon
eine tüchtige Anpassung an die Neuzeit, an Industrie und alles, was man
will. Der Gesunde wendet sich eben von nichts ab. »Ich liebe und verehre
Tatsachen.« Oberste Schicht mag bei Walser Romantik oder Ironie der
Romantik sein, zuunterst liegt tapferster freundlich-ausgesponnenster
Positivismus: »Nichts kann mich so tief aufregen wie der Anblick und der
Geruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und Böses ist bald
ausempfunden, aber aus etwas Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so
schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die Laster interessieren
mich viel, viel weniger wie die Tugenden.« -- Hier, wenn irgendwo, finde
ich den neuen Ton, =die Romantik unserer letzten, arkadisch-gegenwärtigen
Strömung=, endlich, endlich die Reaktion auf Nietzsche,
die Freiheit, die Entspannung der Seele. Deshalb die Fülle
der Eingebungen bei Walser, als hätte er das Dichten überhaupt erfunden.
... Was für Einfälle: diese Musterschule »Benjamenta« mit ihrem so
intelligenten, so unermüdlich vom Dichter belobten und doch unterirdisch
von ihm mißachteten Vorzugsschüler, dieser Brief, der mit »Geachtete
Frau« beginnt, oder der betrunkene Wirsich, dieses Mitleidige,
Mitleidslose, Mitleidsindifferente usf. usf. ... Es ist wirklich
unmöglich, diesen Dichter nach Gebühr zu loben. Ich kann meine verliebte
Freude über seine Existenz in Kurzem nicht mehr anders ausdrücken als
indem ich die Namen seinen bisheutigen Bücher mit meiner schönsten
Schrift ins Manuskript kalligraphiere: »Gedichte« -- »Fritz Kochers
Aufsätze« -- »Geschwister Tanner« -- »Der Gehilfe« -- »Jakob von Gunten«
-- Aufsätze.