Kommentar zu Robert Walser

Die einzig richtige Form, in der Buchkritiken verfaßt sein sollten, ist:

der Kommentar. Solange es aber nicht Mode geworden ist, mit solcher Ehre

unsere zeitgenössischen Dichter auszuzeichnen, die man nur wohl den

lieben römischen und griechischen Klassikern zuteil werden läßt, --

diese Ehre, daß auf jeder Seite, die nur je ein Weniges des

unschätzbaren Textes enthält, unter dem Strich jedes wichtigere Wort des

Dichters erwogen und belobt, jede Wendung mit Parallelstellen belegt

oder als originell befunden, jeder angedeutete Gedanken und jede auch

nur etwaige Anspielung in voller Schönheit zu Ende ausgearbeitet wird,

-- solange dies alles nicht eingeführt ist, bleibt nichts übrig, als

eine kurze, unvollkommene und deshalb auch schwierigere Kritikerleistung

zu versuchen.

Ich werde also nur einen Pseudokommentar geben können, eine Auswahl

kommentierender Anmerkungen vielmehr, zusammengehalten durch

übersichtliche, dafür aber auch nur halbrichtige Leitsätze, die ich

zwischen fünfmal oder zwanzigmal so viel Anmerkungen wahrscheinlich

anmutiger, geahnter und doch auch exakter versteckt hätte.

Gleich im Beginn veranlaßt und begeistert mich der Genuß von etwas so

Außergewöhnlichem, wie es Walsers Dichtungen sind, zu folgender

unwahrscheinlicher Behauptung: -- Es gibt Zwei-Schichten-Dichter, z. B.

Dickens, der es vortrefflich versteht, wenn er etwas Lustiges darstellt,

den darunter liegenden Ernst, und im Ernsten das Lustige darunter und

dahinter ahnen zu lassen. Oder Hamsun bringt es zustande, daß jemand

eine Situation berichtet, die er selbst mißversteht, der Erzählende;

aber wir, die Leser, verstehen sie durch seine verirrte Erzählung

hindurch. Das Buch Dostojewskis »Ein Werdender« erglänzt unsterblich in

solchen Details ... Neben solchen Zwei-Schichtern gibt es die

einflächigen Dichter, natürlich. Drei-Schichter hat es aber bisher noch

nicht gegeben. Walser ist so ein Drei-Schichter, da haben wir ihn.

Obenauf, in der ersten Schicht, ist Walser naiv, fast ungeschickt,

schlicht, geradeaus. Wenige lassen sich davon täuschen, man spürt

schnell die zweite Schicht unter der ersten, die Ironie, das

Raffinement, den Feinfühligen. Also ist Walser, wie man so zu sagen

pflegt, »gemacht« und »unecht«. O nein, weit was Überraschenderes ist

er. Er hat nämlich noch unter der tiefen zweiten Schicht eine tiefere

dritte, einen Grund, und der ist wirklich naiv, kräftig und

schweizerisch-deutsch. Und den muß man gut durchgefühlt haben, ehe man

ihn versteht, in dem wurzelt manch seltsamer Reiz seiner Sprache,

Gesinnung, ja des Aufbaus seiner Werke.

Zunächst die Sprache. Man hat wohl schon lange nicht in unserer Zeit,

die sich von allen einfachen Prosamelodie abzukehren scheint, Sätze

gehört wie den: »Joseph sah ihn den Hügel durch den abstürzenden Garten

hinuntergehn.« Welche blendende, vielmehr stille Reinheit, welche

Abgewogenheit in den Vokalen, der Stellung und Länge der Worte, welche

ungezwungene Musik. Ich gestehe hiermit, daß es nur wenige Bücher gibt,

die mich durch ihren unsaubern Stil nicht anwiderten. Bei Walser aber

atme ich furchtlos auf, noch mehr: hier erquickt mich jeder Ton, hier

schallt es so angenehm ... Nun ist es aber eine Eigentümlichkeit der

Walserschen Diktion, daß er die Ruhe seiner Sätze oft mit einem

scheinbar der Zeitungssprache oder dem Vulgären entnommenen Wort

scheinbar unterbricht. Hier setzt nun die Drei-Schichten-Theorie ein.

Solche Zerrissenheit klingt naiv, unbefangen, kunstlos. Der tiefer

Zusehende erkennt wohl romantische Ironie in ihr, denkt etwa an Heine.

Der Verstehende aber sieht unter dieser wirklichen Naivität und

wirklichen Ironie (beide sind real vorhanden, nur beide nicht

selbständig, beide auf die dritte Schicht beziehungsvoll) eine ganz

inwendige Seelen-Unbekümmertheit, eine über allen Mitteln stehende und

deshalb in den Mitteln mit Fug wahllose Dichterurkraft. Ein Beispiel

(man findet leicht treffendere): »Das Feuer, das wie alle =wilden

Elemente= keine Besinnung hat, tut ganz verrückt. Warum sind noch die

=zügelnden Menschenhände= nicht in der Nähe? Müssen denn gerade in

solcher =Schreckensnacht= usf.« Ich habe mir erlaubt, natürlich gegen

den Text, die deutlichsten Papierworte hervorzuheben. Wie flüchtig sieht

man sie der Feder des Dichters entgleiten, als Anklänge fast an populäre

Schillerzitate, sieht den Dichter ihr Unangebrachtes erkennen, ironisch

belächeln, sieht ihn sie dann trotzdem stehen lassen, einer inneren

Flüchtigkeit, weil Heiterkeit folgend, die sich zu jener oberflächlichen

Flüchtigkeit wie ein lebendiger Mensch zu seiner Momentphotographie

verhält ... Walser liebt es, wie in dem zitierten Buch (»Fritz Kochers

Aufsätze«), sich als Knaben, als halberkennenden Reifenden zu

verkleiden, um diesen Stil gleichsam zu rechtfertigen. Doch führt er ihn

glücklicherweise auch ohne besondere Rechtfertigung durch alle Bücher

hindurch und ebenso durch seine schönen eilfertigen kleinen Stücke in

unsern Zeitschriften.

Was für Sätze, was für Satzneubildungen und unbewußtes Glück! »Ich wohne

sehr nett in einem, es kommt mir vor, hochgelegenen Turmzimmer.« Oder:

»Er wolle, fand es Tobler für passend zu sagen, nicht hoffen, daß es

soweit komme.« Ohne Arg und doch mit großer Schlauheit und doch im

Herzen ohne Arg wird mit der deutschen Syntax hübsch gewirtschaftet.

Gehäufte Verba geben einen halb-komischen, ganz-entzückenden Effekt:

»... daß ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie

glauben werden, von mir verlangen zu dürfen.« Oder alte Phrasen werden

mit einem neuen oder recht abgebrauchten Adjektiv kuriert: »Die Berge am

Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne Tag über den See

verbreitete usf.« »Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen

... an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit.« Analog zu »Ins Reine

Schreiben« wird neu geschaffen: »Ins Mehrfache Schreiben.« -- Ist es

möglich, einer tausendjährigen Sprache so neue gezwungen-ungezwungene

Töne abzulisten, die von nun an nicht mehr verstummen werden?! Wer in

solchen neuen Stilerfindungen nicht das größte literarische Tun unserer

Zeit sieht, von dem kann man getrost sagen, daß er von dem Wesen der

Literatur noch nie eine Ahnung in der Seele verspürt hat.

Über die Schweizer Provinzialismen bei Walser und ihre Schönheit denke

man sich einen selbstverständlichen Absatz hier eingeschoben.

Ebenso über seinen scheinbar sorglosen, dennoch sehr bedachten und doch

im Tiefsten blumenhafte frische Sorglosigkeit aushauchenden

Szenenaufbau.

Seine Gesinnung erkläre ich mir gleichfalls dreischichtig. Eine leicht

erkennbare Aristokratie im Wesen (»Warum ist Armut eine solche Schande?

Ich weiß es nicht. Meine Eltern sind wohlhabend. Papa hat Wagen und

Pferde.«); man würde aber irren, wollte man die durch solche

leichtfertige, absichtlich leichtfertige Reden als deren Widerlegung

deutlich durchschimmernde soziale Mitleidsgesinnung als die wahre

auffassen. Noch tiefer vielmehr stößt man wieder auf etwas sehr Nobles,

Feinorganisiertes, Sich-Abschließendes -- und wundervoll ist es, wenn

Walser manchmal durch einen einzigen Satz den Leser zwingt, alle drei

Standpunkte mit ihm zu durchlaufen. »Es wurde nach und nach bei den

Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten bessern, nämlich bei solchen,

die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das

gerade sind ja die Besseren ...« Man suche sich das Richtige aus!

Es ist in dem labend komplizierten Wesen dieses Dichters gelegen, daß er

vielartige Figuren von solcher Vollständigkeit ihres Gehabens und

Wirkens gestalten kann und nicht im Relief, nein rund, komplett. Er

braucht nur seines eigenen Wesens Züge zu isolieren, aus sich

herauszustellen ... Da erscheint in mehrfachen Varianten die schöne,

stattliche Frau aus patrizischem Bürgerhaus, der der Hochmut so gut

steht, der man gern dient. Immer trägt sie Federn auf dem Hut ... Da

erscheint der junge Mann, bald Schüler, bald Kommis, bald Gehilfe, der

es in keinem Beruf lange aushält. Das Heroische und die Kunst leben in

ihm, hübsch verwickelt mit kleineren Begierden wie z. B. einer kräftigen

Eßlust. Die Liebe zum Bruder, der als Ideal vorschwebt, wird oft

gezeigt. »Geschwister Tanner« gar ist die Geschichte einer in sich

zusammenhaltenden, ganz bunten und doch durch einen edlen Familienzug

angeglichenen Kette von Geschwistern. In ihrem Familienstolz zeigt sich

wieder der Aristokrat. Nur das Feine, Ebenbürtige gefällt ihnen. Am

liebsten würden sie in einer märchenhaften Welt von Schönheit leben, wie

sie Karl Walser zierlich aufzuzeichnen weiß; und ebenso wird im Buche

»Der Gehilfe« gern geträumt, in der guten Art Gottfried Kellers etwa,

ausführlich im Schlaf, oder wachend vom »Ritterfräulein in Samtrock und

ledernen Handschuhen.« Doch -- und das ist das Dreischichtige,

Vielschichtige, Ungezähltschichtige meinetwegen -- in demselben Buche

spielt auch die kleine »verschuggte« Silvi ihre wichtige Rolle, und

allnächtlich »pißt sie ins Bett«. Was ich damit sagen will: Die Feinheit

Walsers hat durchaus nichts Ästhetelndes, mir so verhaßt Wienerisches!

Fritz Kocher, dessen Aufsatzheft mit den Worten »Der Mensch ist ein

feinfühliges Wesen« beginnt, sagt so schön, wie er den »Lehrer in der

Schulstube« beschreibt: »Hin und wieder kratzt er sich wollüstig in den

Haaren. Ich weiß, welche Wollust es ist, sich in den Haaren zu kratzen.

Dadurch reizt man das Denken unendlich. Es sieht allerdings nicht

besonders schön aus, aber item, es kann nicht alles schön aussehen.«

Das ist nun Walsers lieblichster Frohsinn; er steht, obwohl poetischeren

Zeiten entsprossen, fest in unserer unpoetischen Gegenwart. Er liebt

sie, er macht sie poetisch. Er hält einfach ihre Ekelhaftigkeiten aus --

der gesunde schöne Körper »fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu

ertragen«, das ist die gute Basis, die er allen seinen Helden gibt. Ihr

Lachen ist ein ins Akustische umgewandelter solcher Gesundkörper. Allen

Mädchen müssen sie wohlgefallen, und das freut diese jungen Herren

selbstverständlich ... In ihrer guten Laune gefällt ihnen selbst alles.

Sie finden sich zum Erstaunen mühelos in der Welt zurecht. Der liebe

verschwenderische, scheinbar so gar nicht ins 20. Jahrhundert passende

Herr Tobler, Erfinder der genial unpraktischen Reklameuhr und des

Schützenautomaten, wird sich schließlich -- so eröffnet uns die

abschließende Voraussicht des Romans --, wenn er den Gläubigern seine

»brillante« Villa am Seeufer räumen muß, auch in der engen Stadt »in

einem billigen Quartier« recht wohl fühlen. »Man gewöhnt sich an

alles ...« Von einer versinkenden Weltanschauung, von überlebten

Stimmungen ist in der obersten Schicht dieser Bücher viel die Rede (»Man

bedauerte das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des

Melkers Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich verfahren«, so

heißt es von dem derben Naturburschen im Polizeigefängnis, der noch das

Blut der »stolzen und unbändigen Ahnen des Landes« hat und dafür, d. h.

für Raufhändel, bestraft wird), aber im Innersten der Bücher lebt schon

eine tüchtige Anpassung an die Neuzeit, an Industrie und alles, was man

will. Der Gesunde wendet sich eben von nichts ab. »Ich liebe und verehre

Tatsachen.« Oberste Schicht mag bei Walser Romantik oder Ironie der

Romantik sein, zuunterst liegt tapferster freundlich-ausgesponnenster

Positivismus: »Nichts kann mich so tief aufregen wie der Anblick und der

Geruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und Böses ist bald

ausempfunden, aber aus etwas Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so

schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die Laster interessieren

mich viel, viel weniger wie die Tugenden.« -- Hier, wenn irgendwo, finde

ich den neuen Ton, =die Romantik unserer letzten, arkadisch-gegenwärtigen

Strömung=, endlich, endlich die Reaktion auf Nietzsche,

die Freiheit, die Entspannung der Seele. Deshalb die Fülle

der Eingebungen bei Walser, als hätte er das Dichten überhaupt erfunden.

... Was für Einfälle: diese Musterschule »Benjamenta« mit ihrem so

intelligenten, so unermüdlich vom Dichter belobten und doch unterirdisch

von ihm mißachteten Vorzugsschüler, dieser Brief, der mit »Geachtete

Frau« beginnt, oder der betrunkene Wirsich, dieses Mitleidige,

Mitleidslose, Mitleidsindifferente usf. usf. ... Es ist wirklich

unmöglich, diesen Dichter nach Gebühr zu loben. Ich kann meine verliebte

Freude über seine Existenz in Kurzem nicht mehr anders ausdrücken als

indem ich die Namen seinen bisheutigen Bücher mit meiner schönsten

Schrift ins Manuskript kalligraphiere: »Gedichte« -- »Fritz Kochers

Aufsätze« -- »Geschwister Tanner« -- »Der Gehilfe« -- »Jakob von Gunten«

-- Aufsätze.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 34 / 42 题