Höhere Welten

1.

Ich bin weder Spiritist noch Antispiritist, weder Antitheosoph noch

Theosoph. »Welcher Weltanschauung gehören Sie also an?« Ich bin Literat.

Man wird sich doch endlich angewöhnen müssen, die Literatur als eine

vollgültige alles umfassende Weltanschauung anzusehen, nicht als einen

Beruf. Der Schriftsteller hat seine ihm eigentümliche Art, die Dinge zu

sehen, er sieht eben das Literarische an ihnen, also das künstlerisch

Beschreibenswerte, das den an diesen Dingen anderweitig Beteiligten

freilich sehr oft nur einen Nebenumstand darstellen mag ... Hierdurch

gerät er allerdings in den üblen Verdacht, zu ironisieren, d. h. von den

Dingen nicht ergriffen zu sein ... Ganz falsch: er ist in seiner Art

ergriffen, literarisch ergriffen von ihnen. -- Einem Dichter vorwerfen,

daß er sich von der Welt nur literarisch beeinflussen läßt, ist genau

dasselbe, wie einem Politiker vorwerfen, daß er sich nicht um den

Knochenbau seiner Wähler kümmert, oder einem Anatomen, daß ihm einerlei

ist, ob die Skelette seines Kabinetts zu Lebzeiten der konservativen

oder freisinnigen Partei angehört haben.

Ich gestehe von vornherein und mit Stolz, ich bin Literat, ich

interessiere mich auch für »Höhere Welten« nur literarisch. -- Kommt

einer und predigt mir, daß die ganze sinnliche Welt nur Schein ist, daß

es ganz andere Dinge gibt, die zu sehen für mich von der allerhöchsten

Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdammnis stürzen

wird, -- so werde ich nicht umhin können, die seltsame Haarformierung

und Frisur etwa dieses Drohenden in erster Linie, als Hauptsache zu

beobachten und im Geiste unwillkürlich die treffendsten Worte und

Vergleiche dafür zu suchen. Ganz einfach: er stellt mich in seine

übersinnliche Weltanschauung, ich ihn in meine literarische. Niemals

werde ich zugeben, daß die literarische Weltanschauung irgendeiner

anderen, noch so erhabenen, nicht ebenbürtig ist. -- Dieses Gejammer

über die »Lebensschwäche des Künstlers«, über die »Minderwertigkeit der

Literatur gegenüber dem Leben«, möge endlich aufhören! Warum sich der

Literatur schämen? Sie ist ein Mittelpunkt, nicht schwächer als Erotik

oder Demagogie oder Wissenschaft.

Ich schäme mich nicht, -- dies als Vorbemerkung -- ich freue mich der

Literatur.

2.

Viele Nachmittage verbrachte ich einst mit Gustav Meyrink, nun habe ich

ihn lange nicht gesehen und hätte ihn vergessen, wenn mich nicht neulich

wieder seine vortreffliche Dickens-Ausgabe (bei Langen) gut an ihn

erinnert hätte ... Oft hatte ich damals das Gefühl, daß es rings um ihn

spuke. Als ich ihn kennen lernte, sprach zufällig gerade jemand mit

leiser Stimme auf ihn ein, erzählte von einem Spukhaus in Budapest, das

die Behörden aber versperrt hielten. Niemand dürfe hinein. Er lächelte:

»Ja, so wird es immer gemacht« ... Er selbst berichtete über

erstaunliche Erlebnisse, einmal in Tirol habe sich ein Tisch, an dem er

mit Freunden experimentierte, bis an die Decke gehoben, habe ihre Köpfe

an den Plafond gedrückt. Er hatte eine ruhige Stimme und einen

glänzend-treuen warmen Blick seiner großen blauen Augen. Ich betrachtete

jede Stunde, die er mit mir verbrachte, als Geschenk, ich stand

vollständig unter seinem Einflusse; oft erwartete ich, wenn spät nachts

das Kaffeehaus fast leer war und der herrenlose Tabaksqualm, der von

Abwesenden aufgerührte Staub wie auf matte Nachzügler eines Heeres auf

die letzten Gäste sich stürzte: jetzt müßten Geisterhände hervorgreifen,

die Tischbeine umklammern und dann auf uns los ... Ich bewunderte sein

Wissen, seine geheimen Wege. Er galt als unheilbar krank, schleppte ein

Bein nach, -- er kurierte sich selbst und wurde gesund. Er machte

alchymistische Experimente, zu denen seine ausgeschriebene

Geschäftsschrift mit banal-violetter Tinte so entzückend wenig paßte. --

Ich begleitete ihn nachts zu seiner Wohnung, in einem Vorort neben der

Gasanstalt. Und auch das schien mir okkult, daß er neben der Gasanstalt

wohnte, und entsetzte mich, unklar schwebte mir vor: wenn nun ein Funke

überirdischer Aureole in so einen gefüllten Gasometer einschlägt, dieser

Brand ... Später durfte ich ihn besuchen, in seiner Bibliothek blättern.

Eine Standuhr aus Porzellan fiel mir im Zimmer auf, das Zifferblatt war

eine Trommel, eine teuflische Gestalt hielt sie zwischen die gespreizten

Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wütender Grimasse

den Arm hoch empor, um auf sie loszuschlagen. Man konnte nicht hinsehen,

ohne jeden Augenblick den Knall zerkrachenden Porzellans im Ohr zu

haben. Daneben hing ein Bild, blasses Gesicht, Schlangen, Phosphor. »Was

stellt das vor?« »Den Hüter der Schwelle«, sagte er leichthin, welchen

mystischen Ausdruck ich erst Jahre darauf verstand.... Überdies schwieg

er gern, wurde plötzlich lebhaft, witzig, lebte in Rätseln und

Prozessen, niemand verstand ihn, ein Schleier von Widersprüchen hüllte

ihn leuchtend ein, fast blendend. Er verkehrte unter anderem mit einem

Mann, der Fliegen sammelte, tote Fliegen, deren er schon Tausende besaß.

Er pflegte immer an der äußersten Kante des Trottoirs zu gehen, wie um

alles übersehen zu können, was zwischen ihm und der Wand vorging; doch

sah er oft gar nicht auf. Ich erinnere mich nicht, irgendeinen Menschen

nach ihm mit der gleichen Demut geliebt zu haben ... Gegenwärtig wandelt

sich mir seine Gestalt langsam in eine Legende um, geschrieben in

violetter Geschäftsschrift.

3.

Viele Jahre später, nachdem ich meine geheimwissenschaftlichen

Kenntnisse in den Büchern der Blawatzky, in Kiesewetters Archiv, im

Lotus, Luzifer-Gnosis, Flammarion usf. erweitert hatte und mir immer

noch ein Gedicht von Goethe oder eine Fuge von Reger erstaunlicher,

geheimnisvoller, verehrungswürdiger als alle okkulten Manifestationen

erschien, selbst rätselhafter als jene beiden ineinandergeschlossenen

intakten Ringe aus hartem Holz, die Zöllner aufbewahrt, -- traf mich ein

neuer Ruf aus der Geisterwelt. Einige jüngere Freunde (daß ich auch

einmal mit Leuten, jünger als ich, verkehren werde, hätte ich noch

unlängst nicht gedacht. So altert man!) luden mich ein, sie hätten ein

Medium unter sich, sie bewegten Tische. Ich geriet in ein schlecht

erleuchtetes Zimmer, in dem einige schon aufgeregt warteten, einige von

früheren Erlebnissen lachend erzählten oder begeistert. Das Medium, ein

sechzehnjähriger starker Bursche, an dem man diese Eigenschaft zufällig

entdeckt hatte, rauchte Zigaretten, schien teilnahmslos. Wie ich erfuhr,

interessierten ihn die Versuche wenig, und er mußte jedesmal erst sehr

gebeten werden, seine Kraft wirken zu lassen. Das alles spielte unter

Kameraden, guten Freunden, alle aus reichen Familien, ein Betrug war

ausgeschlossen ... Ich fand bereits ein ausgebildetes Zeremoniell vor.

Man trat um das Tischchen (ein leichtes war ausgewählt), bildete die

Kette, indem man die Hände nur leicht auflegte, die eigenen Daumen, mit

dem Nachbar die kleinen Finger verband und nun leicht plaudernd auf die

Phänomene harrte, nicht etwa mit Willensanspannung oder Religiosität,

denn ausdrücklich wurde ein heiterer Gleichmut als besonders günstig für

den Eintritt der okkulten Ereignisse bezeichnet. Man erzählte Witze oder

Alltägliches. Dann beugte sich einer, der zum Sprecher für alle

ausersehen war, zur Tischplatte hinunter und murmelte: »Ist ein Geist im

Tisch?« Nach mehreren vergeblichen Versuchen zuckte es im Tisch, endlich

neigte er sich langsam feierlich zu einer Seite herab. Der Sprecher:

»Willst du uns antworten. Ja -- einmal, Nein -- zweimal, ich weiß nicht

-- dreimal.« Der Tisch neigt sich einmal, zweimal, dreimal, und so geht

es weiter bis zwölf. Wir schließen daraus, daß der Geist erst um zwölf

Uhr erscheinen will. Zwei Stunden lang stehen wir herum und essen

Brötchen. Um zwölf wird die Kette geschlossen und sofort meldet sich der

Geist. Man sagt ihm das Alphabet vor, und bei dem ihm passenden

Buchstaben bewegt sich der Tisch, so erfährt man seinen Namen, seine

Wünsche. Es ist eine Frau in Semlin, ihr Kind ist krank, sie bittet uns,

für das Kind zu beten. Wir geraten in Aufregung, denn keinem von uns ist

es eingefallen, jetzt gerade an Semlin zu denken. Die folgenden

Nachrichten sind noch überraschender, machen uns halb toll. »Einen Arzt,

schnell einen Arzt« zittert der Tisch. Und unfehlbar geht er seinem

eigenen Willen nach, selbst dann wenn alle einen ganz anderen Buchstaben

zur Ergänzung des eben diktierten Wortes erwarten, kommt es oft

entgegengesetzt. Oft will man nicht das ganze Alphabet aufsagen, nennt

den nächsten Buchstaben ratend. Der Tisch rührt sich nicht. Er reagiert

auf seine Art und nicht anders. »Können wir dir helfen?« fragen wir die

unbekannte Semlinerin, die auf so seltene Art uns sich genähert hat.

»Beten, beten.« Wir sind so erregt, daß wir alle laut zu beten beginnen.

»Sollen wir dich weiter fragen?« Der Tisch gibt ein so heftiges »Ja«,

daß er unsern Händen sich entreißend zu Boden stürzt. Das Schwierige

ist, in solcher Hitze über die richtige Fragestellung nachzudenken.

Endlich nach unsäglicher Mühe, alle Schweißtropfen auf der Stirn,

erfahren wir, daß wir an die Polizei telegraphieren sollen. Wohin aber

den Arzt schicken? Besonders neugierig sehn wir dieser Antwort entgegen,

denn nun mußte die Semlinerin, die uns ihren Namen, ihre Adresse vorhin

nicht näher nennen wollte, ihr Inkognito lüften. Die Antwort: »Postamt

Belgrad« ... Nun sind unsere letzten Zweifel verstummt, denn keiner hat

an Belgrad gedacht, alle schwören, gar nicht so bewandert in der

Geographie zu sein; die Landkarte, schnell geholt, zeigt uns erst, daß

Belgrad und Semlin einander gegenüberliegen. Eiligst läuft einer von uns

zur Hauptpost, es ist drei Uhr nachts, und gibt unser französisch

aufgesetztes Telegramm an die Polizeiverwaltung Belgrad auf, die über

diesen nächtlichen, so dringenden Wunsch aus Prag, sofort einen Arzt zum

dortigen Postamt zu senden, damals sehr erstaunt sein muß. Wir fühlen

uns schaudernd dem Wahnsinn nahe, wir verstummen. Nach einer Stunde

antwortet der Tisch: »Das Kind ist tot«, ein leises Zittern, das lange

anhält, folgt dem letzten Schlag ...

Um es gleich zu sagen: unsere spiritistischen Experimente, von da an mit

Eifer fortgesetzt, erreichten nie mehr die Erregungshöhe dieser ersten

Nacht. Zwar gaben sich noch viele Geister kund: ein Kammersänger, der

beklagte, am Suff gestorben zu sein -- ein Einsiedler in Tibet, dessen

Klopfen ganz zart (wie infolge der ungeheuren Entfernung) kam und dessen

Buchstaben Worte einer uns unverständlichen Sprache ergaben -- dann ein

junges Mädchen unserer Gesellschaft, das jüngst durch Selbstmord

gestorben war -- dann der Geist Lortzings (seltsam, gerade dieses

Komponisten, der keinen von uns besonders interessierte). Aber die

Resultate waren oft unklar, oft sinnlos oder banal. Es beteiligten sich

exakte Psychologen an den Sitzungen und untersuchten, ob sich ein von

uns unterschiedenes Psychisches nachweisen ließe. Wir stellten Fragen,

die keiner von uns hätte beantworten können, die man erst in

Nachschlagewerken hätte aufsuchen müssen. Die Geister ließen sich auf

solche Fragen nicht ein oder beantworteten sie unrichtig. Ein einziges

Mal gab Lortzing das Entstehungsjahr des »Wildschütz« richtig an ...

Allmählich wurden die Sitzungen immer langweiliger. Zum Schluß erschien

immer nur ein und derselbe Geist, der gar nichts wußte, gar nichts

sagte, aber immer alle andern, die sich meldeten, eifersüchtig

verdrängte. Indessen waren die spiritistischen Sitzungen zu einer

geselligen Unterhaltung herabgesunken, man fügte sie auf Hausbällen in

den Kotillon ein, Mädchen nahmen teil, wobei sich einige als hochgradig

nervös, wo nicht medial veranlagt enthüllten; schließlich benützte man

dieses Spiel, um die kleinen verliebten Affären Lebender und Toter zu

erforschen, um irgend jemanden wenigstens in Verlegenheit zu bringen,

wenn schon nichts bewiesen werden konnte. Die Ernsthafteren gaben die

Sache ganz auf.

Was mir von dieser Periode geblieben ist, sind angenehme Erinnerungen an

das rein-körperlich so süße Gefühl, wenn unter den Fingern der belebte

Tisch sich zu bewegen beginnt, dieser unirdische Druck, dem man nicht

widerstehen kann, dann die individuelle Mannigfaltigkeit der Geister,

von denen die einen hastig antworteten, andere faul und undeutlich,

einige lustig aus der Nähe, andere, wie unter Wasser vergraben,

schwerfällig. Dann denke ich immer noch gern an die hohen Grade von

Angst, die ich damals durchmachte, wenn ein Geist versprach, etwas

niederzuschreiben oder gar selbst zu erscheinen (es ging aber nie in

Erfüllung oder in so koboldhaft mißdeuteter Weise, daß ich an die

Schlauheit des Teufels in Volksmärchen denken mußte z. B. der Geist

schrieb etwas nieder, sagte auf wiederholte Fragen: ja, er habe etwas

geschrieben -- es sei aber unsichtbar). Und endlich: ich kann den

Eindruck nicht los werden, daß an diesen mysteriösen Nachrichten aus

Semlin doch etwas Wahres war. Vielleicht kann ein Mensch, durch die

innerste Not zur Ekstase getrieben, eine unglückliche Mutter wie diese,

ihre herzsprengenden Gefühle in den Weltraum hinausströmen und

mitfühlenden Wesen, deren Geist gerade um dieselbe Stunde allen

kosmischen Wellen offen steht, in zarten Schwingungen übertragen. Ist

das so undenkbar?

4.

Während der Spiritismus die Bewohner einer geahnten höheren Welt uns

physikalisch vordemonstrieren will, durch Töne, Gewichtsverlust u. ä.,

behauptet die Theosophie, daß jeder durch gewisse Seelenübungen zu einem

direkten Schauen der höheren Welt gelangen kann. Diese Lehre, die von

den Geheimlehren der Inder, mittelalterlicher Mystik, Kabbala abstammt,

gründet sich also nicht auf objektive Beweisgründe, sondern auf

subjektives Erleben jedes Beteiligten, kann aber jedem, der ihr

infolgedessen objektive Gültigkeit abspricht, entgegenhalten, daß ja

auch unsere irdische Welt kein objektives Kriterium der Wahrheit bietet.

Man lese nur in einer modernen Logik, beispielsweise bei Husserl, nach,

wie hier, nur um dem »radikalen Skeptizismus zu entgehen«, eine Evidenz

angenommen wird. Unsere ganze Erkenntnistheorie steht eben vor einem

ungelösten Rätsel, und man kann einem, der Dinge sieht, die wir nicht

sehen, nichts als statistische Wahrscheinlichkeitsgründe gegen seine

Behauptung, keine Widerlegung vorhalten ... Auf dieser Lücke irdischer

Philosophie ist das System neuer Theosophie, wie es Dr. Rudolf Steiner

in seinen sehr zahlreichen Büchern und Vorlesungsheften bietet,

nachdenklich und reizvoll aufgebaut. Seine Sprache ist bei weitem klarer

und ruhiger als die der Blawatzky, etwas weitschweifig, aber logisch

gegliedert, im Grunde unwiderleglich. Wie fein betont er, daß der

»Geheimschüler« vor allem nüchtern sein soll, daß Phantasterei mit

dieser »höheren Welt« nichts zu tun hat. Sehr einnehmend lehnt er auch

jeden Fanatismus ab, betont den Wert der Einwände: kurz, er arbeitet in

der Manier der Wissenschaft, nicht des Glaubens, er verschanzt sich nach

allen Seiten, er fordert vor allem von den Trainierenden Geduld und

Hingabe. Gelingen Experimente nicht, so ist dies nur ein Beweis dafür,

daß man nicht geduldig und devotionell genug war.

Das Merkwürdige ist ferner, daß diesem Manne Scharen von Anhängern aus

der ganzen Welt mit vollem Vertrauen folgen, daß er Verehrung wie kaum

ein anderer Lebender genießt, daß sich Legenden um ihn bilden, wie die,

er esse nur eine Weintraube täglich, er erscheine seinen Schülern als

Geist usf. Dabei soll er von allen, ehe er sie in seinen Unterricht

aufnimmt, vollständige Schulung in der Mathematik verlangen, ja gerade

in der Mathematik.

Ich höre einen Vortrag Steiners über Theosophie. Der Saal ist dicht

gefüllt. Viele Ausländer sind eigens, um ihn zu hören, nach Prag

gekommen. Wie in einem internationalen Seebad, nur moralisch

disziplinierter, wimmelt es von Französinnen, Engländern, noch

Entfernteren. Es zeigen sich ... Männer mit weißen Bärten, andere, unter

deren schöngewölbter glänzender Stirnkapsel die Brille wie eine

Bewaffnung sitzt, viele Frauen in Reformkleidern, mit gemalten

Achselbändern, weiße Haare, in ganz kleinen schmalen Zöpfchen zu einem

Häuflein geringelt, unter ihnen ein schönes Prager Mädchen, die ich von

der Gasse kenne und hier nicht erwartet habe, ihr Hut mit roten

Fittichen paßt dem schwarzen Haar, und es beruhigt mich eine Weile, daß

sie also bei aller Sorge um Karmagesetz und Wiedergeburt ihrer

zeitlichen anmutigen Existenz doch die Pflege nicht entzieht ...

Freilich verlangt ja auch Dr. Steiner (und dies gehört zu den

verlockendsten Partien seiner Lehre), daß der Geheimschüler seinen Beruf

nicht vernachlässige, daß er seinen Körper und den Geist kräftig und

gesund erhalte. Hat sie es daher? Oder aus sich selbst? -- Mir fällt da

überdies ein, daß aus denselben indischen Lehren Schopenhauer seine

Askese, dem Pessimismus ableitete, während Steiner (dem allgemeinen

amerikanischen Zug unserer Zeit folgend) Tüchtigkeit und Optimismus

diesen Quellen entnahm ... Nun steht er am Pult, ein langer schwarzer

Strich, sogar der Ausschnitt des Rockes ist von der schwarzen Krawatte

ganz ausgefüllt, nur die beiden niedrigen Dreiecke des Umlegekragens

ragen weiß vor. Das Gesicht mager, gelb, faltig, soweit die

eingefallenen Wangen mit ihrer Spannung noch Falten zeigen, schöne Augen

und Hände, wie sie Frauen gefallen. Er schreit, er läßt nicht ab, er

breitet die Arme weit aus, die Handflächen uns zugekehrt und im

Gegengewicht den schlanken Rumpf zurückgebogen, oder er fährt mit

gestrecktem Daumen und zwei Fingern, die andern Finger schlaff, durch

die Luft, er ist unermüdlich. Selbst Einwände trägt er mit demselben

Pathos vor, wie das, was ihm gefällt, und die Unverdrossenheit, mit der

er für das Publikum bei den Elementen der Lehre anfängt, deren letzte

Komplikationen ihm doch so geläufig sind, hat wirklich etwas Rührendes

und Großes. Oft schließt er die Augen, und ein Zittern von den Füßen aus

durchsteigt den ganzen Körper. Er macht auf mich den Eindruck eines

Mannes, der in seinem Ideal aufgeht ... Nach dem Vortrag:

Fragebeantwortung, geschickt und schlagfertig. Ich wundere mich, daß er

sich auf so etwas Menschliches einläßt, auf dieses Virtuosenstück. Da

habe ich aber zu laut gesprochen, und eine seiner Verehrerinnen weist

mich zurecht: »Ich denke, das überlassen wir ruhig ihm, er wird schon

wissen, was er tut. Er befolgt seine besonderen Zwecke, davon bin ich

überzeugt.« Wir kommen ins Gespräch, die Dame, obwohl der Vortrag den

Anhängern Toleranz so warm empfohlen hat, wird recht bissig. Ich stelle

mich vor. »Aber das ist ja unter Theosophen ganz egal.« »Ich bin aber

kein Theosoph,« muß ich nun noch meine Höflichkeit vor ihr

entschuldigen. Zum Schluß meint sie, sie habe so ihre Gedanken darüber,

daß Steiner die Fragezettel immer nach den Vorträgen zu sich nehme. Ich

will die Drohung nicht bemerken, die darin liegt, und meine:

»Wahrscheinlich studiert er zu Hause die Fragen genauer.« Sie aber, von

der Allwissenheit und Allmacht ihres Meisters, dem die Dämonen

gehorchen, ganz durchdrungen, fährt fort: »Er erkennt wohl auch, wer den

Zettel geschrieben hat« ... Ich fühle mich schuldig ...

Also bleibt diese dunkle Drohung in mir zurück? O nein. Denn Steiner hat

die Unvorsichtigkeit begangen, einen Vers von Goethe zu zitieren (kein

minderer Stil sollte wagen, so Hervorleuchtendes in seine Zeilen

einzulassen) -- und die schön geordneten Vokale, die unendlichmal als

alle Astralleiber mysteriösere Musik dieser Worte hat wie Mondschein

mein Gemüt schon ganz erfüllt. Und sie bleibt zurück, in meinem nur

literarisch organisierten Gehirn, auf dem Heimwege, hat mich längst

schon wieder aus den Polemiken und systemhaft verwirrten Abstraktionen

in ein Reich aufgelösten unwiderstehlichen Wohlgefallens gezogen ... Ich

bleibe bei meiner Partei. Wir werden ja sehen, was man von diesem

bornierten Parteistandpunkt aus (denn borniert ist er, begrenzt,

glücklicherweise!) noch erleben kann. Auch aus den »höheren Welten«

komme mir noch manches Schöne!

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 33 / 42 题