Liane de Vriès

Der Reklamograph: interessanter, als man glaubt. Dann schnellte eine

»akrobatische Neuheit« über die Varietébühne, dann hielten Clowns

Violinen und Glocken an Drehbänke, und es klang wie eine Art von Musik,

so sollte es auch sein. Die Kulisse oft benutzten Herbstlaubes

erzitterte vom Urwaldgekreisch dressierter Kakadus und von ihren

springenden Farben. Gut, gut, all das sind Versprechungen -- kommt sie

noch nicht? Ich sah sie verdeckt hinter den turnenden Arabern, hinter

dieser temperamentvollen Wüste, hinter synkopischen Engländerinnen,

hinter der Pause, die den Riesensaal hell machte und all die blauen

schönen Zigarrenrauchwolken zu den Wolken des Plafonds trieb, zu den

Fächerspiegeln, den Verzierungen. Aber sie zeigte sich nicht. Noch diese

Germania mit kantigen Hüften mußte auftretend sie verdecken und

Zigeunerweisen geigen, mit ihrem Bogen alle Ziehbrunnen der Pußta heben,

pizzicato und im Flageolet, wobei passenderweise ihre Postichen

kräuselnd in Unordnung gerieten, während zur nächsten Cantilene doch

wieder schon der gehörige Augenaufschlag in Bereitschaft war. Geh schon

weg! Und auch du, ade, Amerikanerin, die den Kunststücken der Brüder

hilft, auf sie zeigt, im tiefsten Mundwinkel ihren Goldzahn aufblitzen

läßt. Ade, geh schon weg ...

Dann trat Liane de Vriès auf. (»Während dieser Nummer wird nicht

serviert.« Das Plakat ist von Damaré in Paris gedruckt und schlecht. Ein

Freund hat mir erzählt, er habe in der Nacht, nachdem er sie gesehen,

nicht schlafen können ... So sammle ich schnell noch, vor dem erregten

Moment, alles, was ich bisher von ihr weiß.) Musik. Ich schließe die

Augen. Und dann sehe ich sie, sie steht da auf der Bühne, und ich höre

sie, und es ist die Sprache, die Sprache Flauberts. Da steht sie, so wie

ich mir immer die Pariserin meiner Legenden vorgestellt habe, ich habe

Paris noch nie gesehen: da ist nun das Vorbild der mondänen

Wochenschriften, der Bilder von Fabiano, Gosé, Galanis, de Mouvel, das

Vergnügen meiner einsamen Abende im Kaffeehaus, nächstens werde ich

davon schreiben. Da ist sie, und es ist keine Enttäuschung, nein, eher

war das Erwarten eine Enttäuschung, denn ich hätte sie sehnsüchtiger

erwarten sollen ... Ihr Hut, das Kleid mit Flittergold, und dazu geben

die vielen echten Perlen eine Harmonie, eine Harmonie im höheren Sinne,

o jenseits, dort wo auch die Wurzeln von Minus-Eins schweben! Die

Perlen, die solitären Brillanten und an Ketten die Schmuckstücke, neben

ihrer Schönheit sagen sie tautologisch noch einmal dasselbe: »Man muß

mich lieben, alle lieben mich.« Das sagen die Schmuckstücke, das sagt

die Schönheit auch allein. Denn sie ist schön. Hab' ich's noch nicht

gesagt?... Sie ist schön und so weiß, andere werden vom elektrischen

Reflektor beleuchtet, sie wirft ihr Licht in den Reflektor, beleuchtet

ihn. Toilettekünste, wendet eine ein. Aber mach' es ihr doch nach,

kleine Hausfrau, eben wirst du von der Bühne her aufgefordert, nicht

eifersüchtig auf deinen Mann zu sein; denn dieser Kuß gilt gerade ihm.

Sie ist schön -- können diese Hände auch Wärme geben? Unmöglich, daran

zu glauben!... Ganz ruhig nun betrachtet, denn es ist höchste Zeit,

einige wertvolle Beobachtungen zu machen: ihre Brust liegt im oberen

Fünftel etwa des Leibes, das macht ihn stark und schlank zugleich,

schafft Raum für männerartige Freiheit des Unterkörpers, für die in

Müllers System beliebten Korsettmuskeln. Wie gesund sieht sie aus, wie

schön und gesund. Lieber noch als mit ihr sein ... möchte man sie sein!

Sie ist so rein, gewaschen, überwacht, Sündfluten von Reinigungsbädern

förmlich müssen durch ihre Haare gegangen sein, daß sie so naß glänzen

und so trocken sind. Das ist unbegreiflich, obwohl nichts unbegreiflich

ist. Alles andere war Schweinerei bisher, Brunst. Hier beginnt meine

Liebe. Und diese freie Stirn, das intelligente Achselzucken, dieses

Sich-wenden einer großen Dame, wobei der nackte Rücken mit Grübchen,

Schatten, Sehnen, Anhöhen erscheint. Gewiß ist sie witzig, das sehe ich

an ihrem nackten Rücken, und gut, brav. Alle schönen Frauen sind brav,

nur bei Maupassant und andern schlechten Autoren (Wiener Schule!) sind

sie's nicht. Und siehst du, sehen Sie ... ich habe recht gehabt, sie hat

Deutsch und Tschechisch gelernt, um uns etwas zu sagen. Was ist das für

eine Szene? Ein Kellner kommt auf die Bühne, bringt ihr einen Brief.

Jetzt fetzt sie den Brief auf, ihr Zeigefinger als Messer, wie der sich

ins Seidenfutter wühlt und einen Schlitz macht, um den sich Locken des

Papiers aufbäumen! Sie erklärt uns alles: jemand möchte sie zum Souper

einladen: »Sind Sie es? Oder Sie in der Loge, auf der Galerie?«

Strophenweise antwortet niemand, natürlich, weil alle wie im magischen

Banne liegen und vielleicht auch nicht so perfekt die Sprache Flauberts

beherrschen, und das gibt ihr Gelegenheit zu ihren aufreizenden Mienen,

zu dieser ewig lügnerischen, ironischen Geste: »Niemand will mich, ach,

warum will mich niemand?« Den Finger an der Lippe steht sie da,

weinerliche Vorwürfe heuchelnd.

Ihre andern Couplets. O schönster Abend meiner Saison heuer, neben

Variationen von Reger ... Die andern Couplets: Sie ist Masseuse und

streichelt ihre Umrisse, modelliert sich, zu unserer größeren

Aufmerksamkeit. Oder sie hat was Schönes, sie gefällt und weiß nicht

warum. »Fragt nur eure Söhne, die wissen's.« Oder sie muß lachen, von

unsichtbarer Hand gekitzelt. Oder das kleine Erschrecken, die Halbkreise

(statt Halbellipsen) der Augenbrauen, der Mund, der ein o sagt, weil er

einmal rund sein möchte, nach seiner sonst so sanft geschwungenen Form.

Die Klappen des Kleides an ihrem Busen und zwischen diesen Klappen, das

feste Licht im Ausschnitt locker, doch nicht schwankend. Nun verteilt

sie Blumen und ist einfach das, was sie ist, ohne Gesang und Pointen:

eine schöne, gutartige, gescheite Frau, ein Aktivum des Weltalls ... Zum

Schluß verbeugt sie sich tief. Achtung, die Klappen!... ein

Kollektivkuß, den sie in ihre hohle Hand gibt und ausstreut; dennoch bin

ich in Dankbarkeit beschämt ...

Mein lieber Freund, auch ich habe die Nacht darauf nicht geschlafen.

Aber aus einem andern Grunde. Ich mußte das da schreiben. (In erster

Linie nämlich bin ich Schriftsteller, nicht Liebhaber.)

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 32 / 42 题