Ich habe eine Entdeckung gemacht: Sämtliche Soubretten der Welt haben
genau eine Art, auf dem Podium zu gehen. Wie oft habe ich darüber
gesonnen, in dieses scheinbar so zackige Hin- und Hermarschieren eine
Regel zu bringen. Da ist sie nun (und ich bitte Sie, lieber Herr
Verleger, keine Kosten zu scheuen, um ihren Lesern durch eine kleine
Reproduktion zu zeigen, was ich meine):
[Illustration: Schema der Bewegung einer Chansonette]
Nämlich: die normale Chansonette singt zuerst einige kleine Zeilen
rechts auf der Bühne, rechts vorn, das Gesicht gegen die Zuschauer
gekehrt; dann geht sie gegen den Hintergrund, geht jedoch mit dem Rücken
voran, immer noch uns zulächelnd; nicht ganz erreicht sie die Wand und
doch, als würde sie elastisch von dort (nach den Gesetzen unseres
Physiklehrbuches) zurückgeschleudert, kommt sie jetzt mit schnellerem
Schritt energisch auf uns zu, immer singend, nach links vorn, mit
wachsendem Lächeln. Von hier aus wiederholt sich vielleicht dieselbe
Kurve in der entgegengesetzten Richtung, das ist unabwendbar. Ich bin
wirklich froh, daß mir nach vielen Beobachtungen dieses
wissenschaftliche Gesetz klar geworden ist. Vielleicht gebe ich jetzt,
mit einem befreundeten Mathematiker, bald eine »Geometrie des Chantants«
heraus. Ich weiß ja auch schon, daß von den beiden Ästen der heute
entdeckten Kurve der erste immer weniger steil als der andere sein muß;
natürlich, weil die Dame vorsichtiger mit dem Rücken gegen die Wand
losgeht als mit dem Gesicht gegen das Publikum nach vorn.
Und solche Dinge weiß ich noch viele. Ich sitze so gern im Chantant, es
ist mein liebstes Theater. Das Zimmer ist eng, heiß, und noch am
nächsten Vormittag wird dieser Zigarrenrauch meine Augen zwicken. Der
Klavierspieler brilliert. Das heißt nicht etwa: brillant spielen. Er hat
seine eigene Technik: »brillieren«, er läßt stets die Schwierigkeit
seiner Ouvertüren durchschimmern und namentlich auch seine Ohnmacht auf
diesem (ach! zufälligerweise) so miserablen Pianino. Fast ebenso laut,
wie die Leute reden, spielt er. Wieso ermüdet er nicht? Vielleicht hofft
er, von einem dieser Gäste eines Abends entdeckt, zu einem bessern
Klavier hingeführt zu werden. -- Die Mädchen kommen, die lieben Mädchen,
und man vergißt ihn. Sie haben ihre Metallschuppen an, ihre
Trikotstrümpfe, wie zu unserer Väter Zeit, sie zeigen auf ihre Frisur,
auf ihren Schuh, den sie vorstrecken, während sie sich vorbeugen; all
dies, um anzudeuten, daß sie »von Kopf bis Fuß« einfach die
»Brettlkönigin« sind. Es sind geheiligte Bewegungen, die sie ausführen,
Stiltraditionen: dieses Vorhalten eines Spazierstocks soll »gigerlhaft«
sein; Seidenhosen, noch so kurze über noch so dicken Schenkeln, deuten
den »Gassenbub« an; das Wort »ich bin noch =jung=« wird viele Strophen
hindurch immer wieder mit demselben Geheul neuer Erkenntnisse
ausgestoßen; der Kakewalkschritt, als wate man knietief durch Sand, so
mit Aufgebot aller Kraft, ist »Amerika«; wird der steif abstehende Rock
ans Knie vorn mit beiden Händen gepreßt, so daß er hinten sich hebt, bei
seitlich geneigtem Köpfchen, so ist »Unschuld« gemeint; aber »Paris«
selbst, Metropole des Lasters, rauscht über die Szene, wenn dann die
Kleine die Röcke aufhebt, den gebückten Kopf an sie legt, als wolle sie
in diesem Polster ausruhen, und nun von hier aus lächelnde Blicke
schickt -- als Halbmond füllen die Dessous schön den Raum aus zwischen
Bein und Hals, wie ein geöffneter Fächer; oder in geänderter Figur
mischt sie jetzt alles durcheinander, beugt sich noch tiefer zu ihren
Spitzen, wie eine Wäscherin über die Wäsche, hebt schnell abwechselnd
ein Bein, das andere, und mit eiligen Händen rührt sie die schäumenden
Falten, wirft sie hin und her, während ihr Blick beschäftigt auf diesem
Schaukeln ruht. Weisheit des Chantants! Sie singt: »Was die Französin
kann. Das kann auch ich. Es ist nicht so viel dran. Ganz sicherlich. Nur
weil's Franzosen sind. Drum hamm's mehr Glück. Doch hat die Wienerin
denselben Chic.«