Das Wunderkind

Es gibt eine Stufe im Jahr, nur wenige Tage, da scheint alles in

Klarheit zu erstarren. Du mußt sie bemerkt haben, fühlender Freund, wenn

du durch die erfrorenen Parkanlagen mit langsamem Nicken schreitest,

wenn dein Herz urplötzlich der Seltsamkeit dieser einzigen Stunden so

hingegeben ist, daß es in entfernte Gegenden entrückt scheint, auf

kostspieligen Eisenbahnfahrten ... Der Herbst ist vorbei. Der Winter hat

alles zerstört, entlaubt, verwühlt. Und auch dein Ach, mit dem du

notwendig diesen Untergang akkompagniert hast, verhallte schon, du

Lieber. Aber zum Vorfrühling ist noch weit, zu diesen nach allgemeiner

Übereinkunft schicksalsvollen Erweckungen. Denn du siehst noch den

Schnee in soliden, beinahe ewigen Flächen über die Wiesenbeete gehüllt,

schollig aufgeschaufelt zu beiden Seiten des Parkweges und ein wenig

angeschmutzt, ganz weiß aber in den Ästen. Er scheint flockig vor lauter

Frische, du greifst ihn an, da pocht er dir steinhart in die Hand.

Zwischen Winter und Vorfrühling trifft dich dieser Schlag wie mit Klang

einer Glocke. Und nun verstehst du es: alles ruht ringsum, eine Pause

von unendlicher Bedeutung ist eingetreten. Wenn du auch im

wissenschaftlichen Bewußtsein hast, daß die Säfte in diesen Stämmen

weiterkreisen: du siehst es nicht, nichts geschieht, weder verfällt

etwas, noch lebt es wieder auf, der Tod ist vorüber und die Auferstehung

noch nicht einmal angekündigt. Was will die Sonne? Sie strahlt gelblich

zwischen Schatten der Zweige hindurch, etwas geht von ihr aus, was man

eisige Wärme nennen möchte. Aber nicht vermag sie, und nicht vermag die

milde, schnobernde Luft diesen harten, stillen Baumstämmen irgendwie

Leben zu entlocken. Fremdartig wie ein körperlicher Gegenstand an einen

andern Gegenstand fällt, so fällt das Sonnenlicht, mit Luft gemischt, an

den hölzernen Baum, ohne Reizung. Baum und Sonne haben einander nichts

zu sagen ... O einzige Stunde im Jahr, reinste, keuscheste,

unausgesprochenste! Und auch du, Freund, halte die Tränen nicht länger

zurück, geh' in Rührung den schräg geneigten Weg herab, der heute, da

nichts wirkt, da auch die Schwerkraft aufgehoben scheint, deine Schritte

nicht um ein Gran beschleunigen wird. Wie an einem kleinen schwachen

Luftballon befestigt schreitest du herab, im Gleichgewicht. Vergiß es

niemals, wie deutlich heute alle Dinge waren, innerlich ohne Zweck, ohne

Beziehung aufeinander, wie ähnlich Kristallen. Daß eine Amsel

vorbeihüpft, ist ein bloßes Naturschauspiel. Denn sieh, sie frißt

nichts, sie sucht nichts, sie will nichts, sieht nicht ihr braunes

Weibchen nebenan. Mit einem saubern Schnitt hat sich jedes Wesen heute

aus dem Gemenge der Welt losgelöst, einzeln nun und friedlich blickt es

in den lautern wolkenlosen Himmelsäther, entschlossen, für eine Zeit

unverändert so zu bleiben.

* * * * *

Der zwölfjährige Klaviervirtuose Széll springt aus der Kulisse, förmlich

befreit von etwas, was ihn dort festgehalten hat. Er ähnelt einem

kleinen, aber festen Fußballspieler. Seine Schenkel in den kurzen Hosen

sind dick. Eine Hand wirft er im Gehen vor und zurück wie ein Pendel,

die andre wie ein Quirl beschreibt enge Kreise am Körper. Kaum kann er

es erwarten, am Klavier zu sitzen, den Sessel in die richtige Höhe

aufzukurbeln. Wie sehr kennt man diesen Eifer an wohlgeratenen Kindern

bei ihren Spielen und Hetzen, wie natürlich dies alles ... Und nun,

während das Orchester schon dem feurigen Schmerze des F-Moll-Konzerts

von Chopin sich preisgibt, hält er sich mit den Fingern heftig an dem

gekrümmten Holzprofil unterhalb der Klaviatur fest, förmlich um nicht

gegen seinen Willen ins Spielen zu kommen. Den Kopf bewegt er im Takt,

und sein Gesicht ist so zart und weiß, daß man es in der Luft

verschwimmen sieht, nur von den blonden Haaren zurückgehalten ... Nun

setzt er ein, fröhlich wie ein Kind, dem endlich in Gesellschaft

Erwachsener zu reden erlaubt wird. Seine Läufe rutschen gesund und klar

aus dem Gelenk ... Jemand flüstert neben mir: »So soll Chopin gespielt

werden.« Nein, das ist natürlich falsche Begeisterung. Aber ich denke

mir: »So soll von Kindern Chopin gespielt werden.« Oder noch deutlicher

und wahrhaftiger wird es zum Gefühle »So mag Chopin, als er noch ein

Knabe war, wie dieser hier, in kurzen, weißen Hosen, so mag er die Keime

seiner zukünftigen Musik, seines zukünftigen Leidens mit ahnungsvollen

Regungen in sich gespürt haben.« ... Der zerlegte Dreiklang, mit dem das

Adagio beginnt und schließt, wie breitet er so sehnsüchtig die Arme aus

nach einer Geliebten, die ihm immer ferner ins Höhere entschwindet. Noch

einen Ton, noch einen gibt er zu, klettert zögernd empor, vergebens ...

So pflege ich diese Stelle zu spielen, manchmal an Abenden, wenn die

ganze mühevolle Erfahrung meiner Jahre sich in mir angesammelt hat. Ich

übertreibe es vielleicht und bleibe minutenlang bei diesen süßen Noten

... Keine Spur davon heute. Und recht so, und bravo, lieber Széll,

wackerer Knabe, du bringst das vorgeschriebene Diminuendo und das

vorgeschriebene Ritardando, aber ist es deine Sache, vergiftete Tropfen

von Liebe den zerlegten Dreiklängen zu injizieren, die musikalische

Figur am Ende durch Überschwang zu zerstören? Und du springst im letzten

Satz tapfer und richtig auf die weit entfernte F-Taste, aber ohne

wahnsinnigen Zorn, denn wer sollte dich in deinem talentierten Leben

gekränkt haben? Kurz, du spielst das ganze Stück so vorzüglich sauber,

so freundlich und durchaus nicht ohne die angemessenen Betonungen, daß

es mir heute in großen Formen entgegentritt und über allem Dampf

menschlicher Leidenschaften. Ja, man sollte sich alle Musikwerke einmal

von Wunderkindern vorspielen lassen. Das ist etwas ganz andres als das

Spiel erwachsener Virtuosen, gereifter Männer, die ihre eigenen

Erlebnisse kommentierend in die Akkorde einflechten, deren zerrissenes

Herz schreit, getröstet wird und wieder schreit ... Heute erinnert mich

das Konzert an die hellen kühlen Tage, die weder dem Winter noch dem

Vorfrühling gehören. Wie im Park draußen die Sonne wirkungslos um die

Baumstämme steht, so kann die Hitze dieser Komposition nicht in die Hand

des kleinen Spielers dringen. Die Hitze ist hier, und die Hand ist hier,

aber zwischen den beiden gibt es keinen Zusammenhang, sie grenzen

aneinander, aber sie berühren einander nicht. Und gerade dadurch

entstehen so genaue reine Konturen, eine Freude für jeden Menschen, der

das Seltene liebt ... Er ist zu Ende. Er verbeugt sich vor dem

applaudierenden Publikum und, wie man ihn belehrt hat, leitet er einen

Teil des Beifalls, indem er die drei-, viermal kurz zusammenschlagenden

Hände erhebt, dem Orchester zu. Auch diese Form des nervösen Maestro,

den man gejagt durch alle Länder, alle Orchester der Großstädte sich

vorstellt, heute hier, morgen dort, erfüllt er mit schöner fremder

Sicherheit, ohne Selbstüberwindung oder etwas derartiges Nervöses durch

sie äußern zu wollen. Er setzt sich wieder und, da man weiter

applaudiert, steht er wieder auf, um mit einem Ruck sich zu bücken.

Während aber andre, die Gereiften, während des Beifalls im Sitzen so

tun, als beschäftige sie schon wieder das Klavier und ihr nächstes Stück

und als schrecke sie nur der gesteigerte Lärm zu noch einer Verbeugung

auf: sitzt der Knabe ruhig da, die Arme über der Brust gekreuzt, schaut

dem klatschenden Publikum ins Gesicht, wartet in dieser Stellung eine

passende Weile, ehe er wieder vortritt. Man hat ihn eben belehrt, er

solle zwischen den Verbeugungen warten. Vielleicht zählt er inzwischen

bis dreißig.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 30 / 42 题