Von hier aus, von der Kleinstadt, stelle ich mir manchmal eine Redaktion
wie einen ungeheuren Palast vor, der seinen Lärm in die dunkeln
Nebenstraßen wie eine Ausstrahlung verbreitet. Noch ehe man ums Eck
biegt, fühlt und sieht man an allem: Ah, jetzt kommen wir zur Redaktion
... Geflügelte Stiere bewachen das Portal, und wer vorbeigeht, nimmt den
Hut ab. Der Unterbau des Palastes besteht ganz aus riesigen
Rotationsdruckmaschinen, die so kompliziert wie Rechenmaschinen (als der
Erfinder sie zu Ende erdacht hatte, kam er ins Irrenhaus), aber
zweihundertmal so groß aussehen. Im ersten Stockwerk geschehen
Musterbeispiele der Dinge, die von den Redakteuren in der nächsten
Nummer beschrieben werden müssen: ein Pferd stürzt, der erste Schnee
schwebt nieder, Armeen ziehen vorbei, Parlamente debattieren, ein
Aviatiker nimmt von seiner Mutter Abschied, Schauspieler in ihren
Kostümen sprechen erhebende Verse. In der nächsten Etage, die durch ein
kompliziertes Treppensystem mit der untern verbunden ist, gibt es nichts
als Telephone, ungeheure Fernrohre, Bahnhöfe für Expreßzüge,
Warenmagazine, Kinematographen -- kurz ein solches Durcheinander aller
Kultureinrichtungen, daß dem Beherztesten der Mut sinkt. Der
Chefredakteur rollt auf Flügelrädern durch lange Galerien, in denen
seine Angestellten laut schreiend schreiben, die Füllfeder an seinem
Gürtel ist wie ein diamantbesetzter Degen. Durch das offene Fenster
sieht man auf den Hof, wo Nachrichten und Herzensergüsse aufgestapelt
werden, aus andern Höfen führen Fäden zu allen Städten des Kontinents
und Amerikas ... So stelle ich mir das Redigieren vor, und das ist
eigentlich meine regelmäßige, natürliche Ansicht, die ich nur dann
unterdrücken kann, wenn ich das Wort »Redaktion« mit absichtlicher
Schnelligkeit und Unachtsamkeit ausspreche.
Komme ich aber nach Berlin oder Paris, so sieht die Wirklichkeit ganz
anders aus. Ich muß lange das Haus der Redaktion unter fünfzig
gleichartigen derselben Gasse herausstöbern, niemand spricht noch in der
nächsten Nähe dieses Hauses von Dingen, die man als Ehrfurcht gegen ein
so ungeheures Etablissement deuten könnte. Noch der Krämer nebenan
scheint nicht zu ahnen, daß gleich benachbart eine Redaktion ist, und
hält sich selbst offenbar für wichtiger. Ein Kind spielt Reisen, es ahnt
nichts. Ein Lastwagen poltert durch die merkwürdig unbelebte Gasse. Und
nur ein kleines Emailschildchen heißt »Simplizissimus« oder sonst etwas,
ganz ebenso große Schildchen hat ein Rechtsanwalt und ein Schreibbureau
im Toreingang ausgehängt. Oft muß ich sogar an Pflaster und Blumen
vorbei ins Hinterhaus gehen, an ruhigen, mit sich selbst beschäftigten
Dienstmädchen oder Mietern vorbei. Und dann empfängt mich an einem
gewöhnlichen Schreibtisch ein gar nicht mystischer Herr, spricht die
üblichen Dinge, während ich das einfache Mobiliar betrachte: ein paar
Bücher, einen Telephon-Tischapparat wie in jedem größern Geschäft,
Briefe, ein Sofa, einen Briefordner, einen Kunstdruck an der Wand ...
Und da überfällt mich immer wieder derselbe Gedanke, den ich jetzt
ausdrücken möchte. Ich fühlte mich überlistet. Es erscheint mir
plötzlich wie eine bloße Übereinkunft, eine Legende, daß von diesem ganz
unmerkwürdigen Zimmer so viel Erschütterung und Macht ausgeht. Warum
gerade von hier aus? Wo sind die Fäden? Ist die Druckerei hinter der
Wand? Wo laufen die Verbindungen zu dem Kapital, zu den Autoren, zu den
Setzern an ihren Kästen, zu den Verkäufern in ihren Kiosken auf den
Boulevards? Ist es nicht ein bloßer Aberglaube, daß sich diese Verkäufer
immer wieder an dieses in nichts ausgezeichnete Zimmer wenden und an
andre nicht? Man müßte sie aufklären über ihre Verblendung. Man müßte
vor allem einmal folgenden Versuch machen: ein Zimmer mit sklavischer
Genauigkeit nach einem wohlrenommierten Redaktionszimmer einrichten. Ich
würde es dann übernehmen, mich ruhig wartend an den Schreibtisch zu
setzen, das getreu nachgebildete Elfenbeinmesser in der Hand. Ich bin
überzeugt, es müßte auf diesem Wege plötzlich eine mächtige Zeitschrift
entstehen. Entsteht sie nicht, dann ist das nur ein Beweis dafür, daß
die Kulissen des nachgemachten Redaktionszimmers nicht genau dem
wirklichen gleichen. Ich fühle es: die richtig ausgestattete Bühne muß
die szenischen Vorgänge in sich hineinziehen wie ein luftleerer Raum
Luft in sich saugt. Nur ruhig warten und in die Wand schauen: plötzlich
fühlst du das Kapital hinter dir, die Interessengruppen, alle
Verhandlungen, die der Gründung vorangehen mußten, plötzlich ist alles
da, wie etwas Vergessenes im Gedächtnis auftaucht und doch von jeher da
war. Und du fühlst, daß du in diesem Moment Menschenhände in einer
fernen Setzerei bewegst; der Telephonapparat, der ein bloßes
Bühnenversatzstück ist und gar nicht an die Leitung angeschlossen,
funktioniert in diesem Augenblick, du weißt es und du zweifelst nicht.
Ohne Elektrizität klingelt die Signalglocke. Du erteilst Weisungen,
Ratschläge, Entscheidungen. Du bist ein lebendiger Machtfaktor. Ein
Unterbeamter, von dessen Existenz du bisher nichts geahnt hast, tritt
herein, legt Ausarbeitungen vor, die du ihm gestern aufgegeben hast, wie
es scheint. Andre danken für empfangene Vorschüsse. Und ohne daß du dich
von deinem Platz gerührt hast, hörst du mit einem Mal, wie draußen vor
dem Fenster die Zeitungsjungen den Titel deiner Zeitschrift in die Luft
brüllen, wie sie die noch klebrigen Blätter, die nassen, schwarzen,
zischenden Lettern entfalten und schwingen, wie sie rennen und so
schnell den Vorbeigehenden das Papier in die Hand stecken, daß man
meint, sie reißen es ihnen aus der Hand ... Überdies bist du gar kein
Schwärmer für Zeitschriften natürlich, im Grunde hältst du alle für
überflüssig. Nur einmal hast du es aus wissenschaftlichem Interesse
probieren wollen, ob man eine Zeitschrift nicht intuitiv von innen
heraus gründen kann, mit Hilfe der Bühnenausstattung eines
Redaktionszimmers, statt rationalistisch mit den langweiligen
Maschinerien der Welt.
Um mein Problem zu formulieren: ich möchte den genauen Anteil suchen,
den das Bühnenmäßige an den Vorgängen des Lebens hat.
Dasselbe gewöhnliche Zimmer, als Gerichtssaal eingerichtet: und ganz
gewiß werden bald Richter, Zeugen und Angeklagte da sein. Die
Ähnlichkeit der äußern Situation, sofern sie nur täuschend und exakt
ist, muß die gewohnten Vorgänge des Lebens heranlocken ... Ebenso glaube
ich, daß ein Sterbender sofort dem Tode entrinnen müßte, wenn man ihn
aus der gewohnten Sterbeumgebung, aus diesem Bett und Nachthemd und
Kästchen nebenan mit den farbigen Arzneien in Fläschchen, aus dieser
Luft und den das Ende heranzagenden Freunden, plötzlich auf die Straße
versetzte, an eine Straßenkreuzung, wo die Reihen der Automobile vor dem
weißen Stab des Polizisten stocken, wo alles schreit und läuft und jeder
Passant eher dem nächsten absichtlich auf den Fuß treten würde als an
Sterben denken. Wenn man aufpassen muß, daß einem im Nachtwind nicht der
Hut in die nächste Pfütze fliegt, hat man keine Zeit zu sterben. Die
Szenerie ist es, die mordet und das Leben rettet.