Ich habe beständig Einfälle, von denen ich wohl annehmen darf, daß sie
einem Regisseur ganz hübsch zugute kämen. Immerhin sehe ich ein, daß
unsre Zeit für diese Einfälle noch nicht reif ist, und deshalb vermeide
ich es, besondere Sorgfalt auf ihre Ausarbeitung zu verwenden.
Kunterbunt, so wie sie mir durch den Kopf marschieren, seien sie hier
aufgezeichnet, und manche werden wohl eher nur der Anfang eines
Einfalles als Einfälle genannt werden. Tut nichts; sollen sich die mit
ihnen Mühe geben, die später von ihnen profitieren wollen! Ordnung in
diese unreifen, halb ausgereiften Pläne bringen: das ist meine Sache
nicht. Möge man nur deshalb nicht das Ganze für einen Scherz halten ...
Also ich ertappe mich oft dabei, im Theater, bei langweiligen Szenen
(und das sind so viele!), daß ich schon gar nicht mehr auf das
klangreiche und doch wieder so klanglose Gerede aufpasse -- sondern
plötzlich habe ich, beispielsweise, die Lehne eines glattpolierten
Alt-Wiener Sessels auf der Bühne ins Auge gefaßt und amüsiere mich
damit, ein Pünktchen des grünlich durchs Fenster einfallenden Mondes auf
dieser Lehne zu verfolgen. Wie es behaglich da festsitzt und aus sich
heraus strahlt, als eine Filiale des Mondes, dieses Pünkterl, ja als ein
Mond für sich. Und mit jener Leichtigkeit, die ätherischen Dingen eigen
ist, rutscht es das harte, glatte Holz entlang, ohne eine Spur von
Sentimentalität, von Heimweh nach der frühern Ansiedlung, falls eine der
Bühnenfiguren eben diesen Sessel in die Hand nimmt. Ist das nicht
interessanter als das ganze Drama? Der grüne Punkt, die Blüte des
Mondes, entfaltet sich auf einmal und bedeckt den Seidensitz des Sessels
eiligst und doch so zart, daß keine Dame der Welt mit einer auch nur
annähernden Grazie so in diesem Sessel Platz nehmen könnte ... Und
hieraus entspringt mein Vorschlag. Man führe keine Handlungen auf,
sondern einfach Szenen aus dem Leben der Dinge. Der Vorhang geht auf.
Man sieht ein kahles Zimmer, einen kahlen Tisch, auf dem Tisch brennt in
einfachem Leuchter eine Kerze. Das Fenster ist geöffnet, ein Nachtwind
kommt herein. Die Kerze flackert, erhebt sich, sie kämpft, sie wirft
Lichter die Wand hinauf und hinab, sie wird schwächer, es war aber nur
eine List von ihr, gleich darauf brennt sie in voller Leuchtkraft,
glänzend, aber auch dies war nur Schein, sie hat sich erschöpft, sie
glimmt nur, atemlos zittert das Publikum, der Wind verstärkt sich, wie
zum Hohn entfacht er sie, galvanisiert gleichsam die Leiche, sie
erlischt -- und das vollkommene Dunkel des Zimmers nun, in dem nicht
einmal die schwarze Fensteröffnung sich abhebt, unterscheidet sich vom
schwächsten Glimmen viel mehr als dieses Glimmen von der hellsten
Helligkeit. Diese Einsicht erschüttert jedermanns Herz ... Ja, ich würde
mit dem Luxus der Ausstattungsstücke gründlich aufräumen. Nichts habe
ich im Kopf als lauter Reformen. Keine Ballette, keine exotischen,
hängenden Gärten, keine venezianischen Serenaden! Ich würde das Publikum
zum Genuß des Details erziehen, der verachteten groben Umgebung. So hat
man ja auch früher gemeint, man könne Stilleben nicht anders malen als
mit üppig getriebenen Pokalen, über Prunkteppiche hingebreiteten Hasen,
Rehen und Auerhähnen, den Strecken ganzer fürstlichen Jagden, den
Weinernten Italiens, mit schwellenden Pfirsichen und Guirlanden süßester
Rosen. Bis Cézanne auf einen Bauerntisch neben einen Krug ein Laib Brot
legte und das schöner oder ebenso schön war wie die verschwenderischen
Holländer. So habe ich auch bei Bernheim ein Wunderbild des van Gogh
gesehen, es stellte vor: einen rohen Sessel, der die ganze Fläche der
Leinwand einnimmt, und auf dem Sitz steht eine brennende Kerze. Zu
gestehen, daß ich diesem Bilde die Inspiration zu der obigen
Kerzen-Tragödie verdanke, hieße, die Schlußkraft, das literarische
Feingefühl und das Ahnungsvermögen meiner Leser beleidigen.
Schön wäre auch ein Zyklus: Schreibtische. Der des Ministers, des
Direktors, des Professors, des Dichters, des staatlich angestellten
Diurnisten, der Schreibtisch eines »höhern Wesens«, eines eleganten
Fräuleins, eines Gelangweilten ... Der Vorhang geht auf. Man sieht, was
man sieht. Schluß. Keine Erklärungen, kein überflüssiger Lärm. Eine
Katze schleicht zwischen stürmisch beschriebenen Papieren, und man weiß,
es handelt sich um den Dichter. Ich selbst übrigens fürchte mich vor
Katzen. Aber natürlich wäre auf individuelle Abweichungen hier keine
Rücksicht zu nehmen.
Das Butterbrotpapier, nach dem gleichnamigen Gedicht von Christian
Morgenstern, dramatisiert, gäbe eine weitere prächtige Bereicherung des
Repertoires.
Leben und Treiben in einem Korridor. Die Bühne ganz schmal, unendlich
tief. Fenster an Fenster, jedes wirft seinen Lichtstreifen über den
Boden. Viele Türen, numeriert. Wir sind in einem öffentlichen Gebäude.
Hauptfinanzamt oder so etwas. Die Katze aus dem benachbarten Dachzimmer
des Dichters schleicht vorbei. Spucknapf. Darüber warnende Inschrift,
nicht daneben zu spucken. Eine Maus. Auch Menschen werden geduldet,
sofern sie sich mit ihrem Seelenleben nicht vordrängen. Beamte, fröhlich
und trüb. Bureaudiener bringt Bier, Gabelfrühstück. Agent mit
Barttinkturen, Zahnpasta, Junggesellen-Knöpfen, die man nicht annähen
muß. Privatparteien, sich verirrend. Wieder alles leer; Katze, Maus,
Spucknapf, Sonnenstreifen. Schöne Dame erscheint, läßt ihren Freund für
ein Gespräch und einen kurzen Kuß aus seinem Bureau rufen. Sie gehen auf
und ab. Ab. Es hagelt, ein Fenster zerbricht. Ensemble der
herbeistürzenden Diener. Wir hoffen, daß die Dame vor dem Unwetter nach
Hause gekommen ist.
Der Kahn. Die Bühne stellt den Rand eines Flußbades dar, ein
Brettersteg, Geländer. Im Wasser der Kahn, zur Seite. Er schaukelt, ein
Dampfer ist vorbeigefahren. Köpfe schwimmender Mädchen, in roten und
gelben Badehauben, von ferne ähnlich Turbanen. Brennende Sonne,
Wassergeruch und Holzgeruch, hier scheint es gesünder zu sein als im
obigen Korridor. Der Kahn füllt sich mit Wasser. Unberechenbar bewegt er
sich, stößt an seine Nachbarkähne, er führt ein eigentümliches Leben.
Knaben schöpfen das Wasser aus. Ein fescher Herr vom Ruderklub dankt
ihnen durch ein paar Püffe, steigt ein und, futsch, ist er
davongefahren, über das glitzernde Wasser.
Jetzt ein Traum meiner Jugend: Das Seebeben. Hat man schon einmal
bemerkt, wie das Wasser in einem Lavoir schwankt, das man mit
mangelhafter Geschicklichkeit trägt? Es legt sich gleichsam mit seinem
ganzen dicken Leib, eine einzige Welle, zunächst auf die eine Seite des
Lavoirs und, nachdem es hier gehörig übergespritzt ist, liegt es schon
wieder ebenso heftig und schwer auf der andern Seite. Wie eine Bleimasse
scheint einem das Wasser, so gewichtig, und was seine Flüssigkeit dabei
anlangt, flüssiger als ein Wasserfall, direkt haltlos, sinnberaubt ...
Dies alles auf ein ungeheures Meer übertragen, und man hat das, was ich
mir unter Seebeben vorstelle, wovon ich bisher leider weder ein Bild
gesehen noch eine Beschreibung gelesen habe. Ich wäre jedoch schmerzlich
enttäuscht, falls dieses gewaltige Elementarereignis einfach so vor sich
ginge, daß das Meer Wellen, nur etwas größere als sonst, würfe. Das
würde ja ein Sturm sein, nicht viel mehr. Nein, die Natur übertrifft
gewiß unsre kühnsten Träume. Das Meer bildet eine einzige Fläche, ich
bitte darum, von Asien bis Amerika, und diese große Fläche steigt auf,
stellt sich schief, erhebt sich bis an die zerreißenden Wolken, sie
senkt sich wieder, und dumpf wie das Schicksal richtet sie sich auf der
andern Seite empor, diese ungeheure Schaukel. So wie das Verdeck eines
Schiffes schlingert ... Sache des Regisseurs ist es nun, dies auf die
Szene zu bringen. Ich würde es so machen: Eine Hafenstadt, die nachts in
ihrem unglücklichen Schlaf von einem Ausläufer des Seebebens überrascht
wird. Das Wasser ist bis zur Höhe der halben Bühne gestiegen. Jetzt
bemerkt man, daß es leise schwankt, in seiner ganzen Oberfläche, die an
der Seite der Bühne emporklettert und wieder fällt. Kein Rauschen, kein
Getöse. Es sieht beinahe sanft aus: wie eine Mutter, die ihr Kind in den
Schlaf wiegt, wie eine große Wiege. Damit aber kontrastiert aufs
gräßlichste die Hast in den dunklen Gebäuden, die aufleuchtenden
Fenster, die sofort wieder im Wasserschwall erlöschen, das Rufen
treppauf und treppab. Die Häuser stehen noch, es sieht fast aus, als
seien sie zu dem Zweck gebaut, unter Wasser zu stehen, wie die Paläste
der Stadt Vineta. Aber der Zuschauer ahnt, daß sie schon unterwaschen
sind, daß sie nicht lange mehr standhalten können. Und während die
unheimliche Flut lautlos, ohne Grausamkeit, wie gesagt, ihre
Wiegebewegung fortsetzt, brechen plötzlich in dem Moment, wo man es
nicht mehr erwartet (warum gerade jetzt? warum nicht früher?), alle
Häuser samt der Domkirche in die Knie. Sie werden in Trümmern
davongeschwemmt, die Stadt existiert nicht mehr, die Flut wiegt sich
noch immer.
Ein freundlicheres Bild: Die Liebenden in der Landschaft. Ein heiß
verliebtes Paar hat einen Ausflug unternommen, und während sie
dahinschreiten, verwandelt sich die Gegend, natürlich nur für ihre
Augen. Der geschickte Redakteur leiht uns ihre Augen. Nebst der Sonne
glänzen alle Sterne am Himmel, der Mond, zwei Kometen, deren Schweife je
einem des Paares Luft zuwedeln. Es ist sehr heiß. Der Bach, an dem sie
gehen, ist aus Silber, die Waldbäume aus patiniertem Kupfer, die kleinen
Küchlein bei der Hütte aus Gold. Sämtliche Singvögel sind Virtuosen in
ihrem Fach. Eine Wiese wird zu dem Gefieder eines sagenhaften
Riesenpapageis, der sie über alle Lande hinwegträgt, an träumerischen
Aussichten vorbei, wobei er immer den Namen eben dieser beiden Menschen
in die Luft hinausschmettert, als hätte er mehr nicht gelernt. Dies
alles ist aber nur die erste Stufe der Zauberei. Mit einem Schlage ist
die ganze Umgebung zurückverwandelt, ist gewöhnlich und ordnungsgemäß
Wiese, Bach, Wald, aber trotzdem ist sie für die beiden gänzlich neu,
sehenswert bis aufs äußerste, noch nie dagewesen. Sie sagen es einander.
(Der geschickte Bühnenkünstler sehe, wo er bleibe.) Hierauf fragen sie
einander, wann der letzte Zug nach Prag zurückfährt. Ihre Gespräche sind
nicht sehr belangreich, wie man sieht. Der erquickte Zuschauer jedoch
überhört geduldig einige Dummheiten und Kindereien, da er durch den
Anblick dieses reizenden Ausstattungsstückes genugsam entschädigt ist.