Ich gehe allein durch die Stadt, in einer vollkommen zerworfenen
Stimmung. Ich bin so krank in mir, daß ich dreißig Gesunde anstecken
könnte. Mein Kopf ist von literarischen Plänen erfüllt, ich habe die
Sehnsucht, irgend etwas genau so darzustellen, wie ich es fühle, und
wär's auch nur was Geringes, so strahlend und klar als nur möglich es zu
sagen, nahe dem Ideal ... Ich komme über eine Brücke, steige die breite
Seitentreppe hinab und auf der parkartigen Insel bin ich nun allein.
Tausend Gedanken bewegen mich, aber nichts ist da faßbar, es scheint
mir, ich werde untergehn, heute abend ... Es ist Abend. Ich setze mich
auf eine Bank nieder, ganz im Schatten. Vom Quai drüben breitet sich ein
Lichtschein in den Himmel aus, die dichten Äste lassen nur ein paar
Sterne herein. Auf dem Boden der Allee ist aus diesen Sternen, Ästen und
städtischen Lichtern etwas geworden, eine Verwirrung, eine Ruhe zugleich
... in diesem Augenblick, während ich zu Boden sehe, ergreift mich tief
die Schwierigkeit aller Darstellung. Was kann ähnliches sein zwischen
meinen Worten und dem, was ich da sehe. Niemals, niemals. Ich empfinde
es im Herzen meines Herzens: gäbe es nicht Beweise, Beispiele, daß die
Menschen seit jeher Schriftstellerei betrieben haben, man würde den
Gedanken daran als den unglaublichsten Wahnsinn verjagen ... Meine
Stimmung jetzt genau: man sollte glauben, daß sie aufgeregt ist
irgendwie, daß ich an Literatur denke. O nein, trotz allem bin ich jetzt
so glücklich und voll von einer zufriedenen Müdigkeit, wie nur selten,
ich fühle mich ganz bei mir, ich habe mich lieb, und die Gedanken an
Schreiben zersplittern mich nicht, sie sind nur kleine Liebkosungen und
das Hauptgefühl bleibt: es ist Herbst, und da ist Wasser, eine Brücke
... Ein Licht geht schnell über das bläuliche Wasser unter den andern
Lichtern, die stehn oder langsam gehn. Ich sehe den Quai nicht, nur die
Spiegelung. Da glaube ich, dieses rasche Licht war die Spiegelung einer
Tramway. Falsch, ein Kahn mit einer Laterne voran ist vorbeigeglitten,
ohne Geräusch, es war also keine bloße Spiegelung. Und wie die Lichter
lange Glanzlinien alle ins Wasser legen, das in kleinen Wellen
dazwischenströmt! Diese Linien oder Flächen kürzen sich abwechselnd
zusammen, dehnen sich aus, wie Gummibänder, an die man etwas gehängt hat
und die jetzt eine Weile elastisch auf und ab sich ziehen, ehe sie zur
Ruhe kommen ... Ich betrachte den Brückenbogen, die Balustrade mit ihren
kleinen Pfeilern hoch oben. Von Zeit zu Zeit eine Steinkuppel zur
Verzierung, nun leuchtet hinter einer solchen Kuppel ein Nimbus hervor,
ein wunderbarer Strahlenkreis; so sind auf Reklamebildern manchmal
Moscheekuppeln im Glanz, der dann die Worte trägt: »Der beste Kaffee ist
usf.« Ich weiß, diese Strahlen kommen nicht aus dem Stein, gehören zu
einer mir unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, die dahinter unten auf
dem andern Teil der Insel steht. Sie beleuchtet auch Bäume, die ich
unter dem Brückenbogen hindurch sehe, ein hellgrünes Licht wirft sie auf
den nächsten, dann braun scheint eine andere Gruppe, mancher Strich
gelblich. (Auch Maler müßten verzweifeln, fällt mir ein.) Und nun, hoch
oben zwischen den kleinen Pfeilern ziehn ununterbrochen Menschen vorbei,
Wagen, ein Lärm. Diese Brücke ist wie ein hohes Haus, von dem aber nur
das oberste Stockwerk benutzt wird. Und hier unten sitze ich allein im
Dunkel, ganz glücklich, bei mir. Wer das fassen könnte! Von Zeit zu Zeit
knackt etwas auf die Erde und zerschmettert, wahrscheinlich fallen die
reifen Kastanien, sage ich mir, und aus Vorsicht setze ich den Hut auf,
den ich bisher in der Hand gehalten habe. Zugleich, obwohl ich nichts
sehe, sehe ich die grünen, stachligen Früchte, innen so schön weiß, ganz
zersprungen und zerschmettert auf dem harten Boden, und der braune Kern
muß davongerollt sein, vielleicht unter meine Bank. Noch zugleich
bemerke ich eine lange Reihe von Oleanderbäumen, zwecklos. Oder zu
welchem Zweck? Vielleicht hat man sie aus der Restauration zum Lüften
hergestellt. Ich höre Lärm. Auf dem ganz finstern Spielplatz kommandiert
ein Knabe, vier winzige Mäderl stehn in einer Reihe, heben die Hände,
marschieren, drehn sich um. Werden sie nicht zu spät zum Abendessen
kommen? Indessen sitzen zwei oder drei Gouvernanten und reden leise
miteinander, auf einer entfernten Bank. Ich stelle mir durch das Dunkel
hindurch vor, doch sehe ich nichts, daß sie im Reden ähnlich ruhig die
Hände ausbreiten wie auf ägyptischen Malereien konversierende Könige.
Nur einen Moment, das geht vorbei. Auch an meine Kindertage muß ich
denken, hier auf demselben Fleck haben wir bis in die Nacht hinein den
verbotenen Fußball gespielt. Und indessen huschen über die beleuchteten
gelben, grünen und rötlichen Bäume, die ich durch den riesigen
Brückenbogen hindurch fern im Hintergrund sehe, ganz flüchtige Schatten.
Die Leute von der Brücke herab werfen also diese dünnen Schatten, das
sehe ich heute zum erstenmal, und diese Bäume, die doch unregelmäßig
auch hintereinander stehn, wirken wie eine glatte, ebene Fläche.
Merkwürdig! Aber sag' es einmal, sag' es doch so, daß man es sieht ...
Ekelhaft. Aber die gute Luft! Die gute Luft auf dieser Insel! Es ist ein
milder Herbstabend.
Plötzlich erschien mir diese Baumfläche mit ihrem Schattenspiel wie eine
Kulisse. Warum sitze ich nicht lieber im Theater, da hat man was
Sicheres, Abgegrenztes, statt allein ohnmächtig in dieser
problematischen, unendlichen Natur! Die Herbstsaison hat begonnen. Ich
werde fleißig ins Theater gehen, alles andere ist gefährliche
Ausschweifung.