Kinematographentheater

Mitarbeiter der Firma Pathé frères, Paris, stelle ich mir so etwa vor:

nach neuen kinematographischen Ideen ausstreifend durch die

bekannt-schöne Umgebung von Paris kommen sie, beispielsweise, zu einer

Sandgrube. Sofort ruft einer: Voilà! usf., auf französisch natürlich, zu

deutsch ungefähr heißt es, daß seiner Ansicht nach hier die beste

Gelegenheit für eine neue Aufnahme wäre, die man dann »Drama in den

Goldminen Kaliforniens« nennen könnte. Und schnell werden die

notwendigen Utensilien herbeigeschafft, wie breitkrämpige Hüte,

Revolver, Seile für Goldlasten, Kurbeln, Patronengürtel, quer um die

Brust zu schnallen, und los, man spielt schon unter Aufsicht des

gigerlhaften Regisseurs Wildwestmanieren auf den Film ... Oder ein

flaches Magazindach gibt diesen Romantischen Anregung zu maurischen

Zitadellen, ein Sumpf zu Ritten durch die Wüste Gobi, ein

vorbeifahrender Kulissenwagen zu allen Szenerien der Erde ... Und nicht

als Tadel sage ich das, nein, es entzückt mich ja, daß gerade durch

diese Edisonerfindung, die anfangs nur nüchtern kopiertes Leben sein

wollte, so viel phantastisches Theater in die Welt gekommen ist ... Nun

sitze ich manchen Abend vor der weißen Leinwand und, nachdem es mich

schon beim Eintritt jedesmal belustigt hat, daß es hier eine Kassa, eine

Garderobe, Musik, Programme, Saaldiener, Sitzreihen gibt, all dies

pedantisch genau so wie in einem wirklichen Theater mit lebendigen

Spielern, nach dieser, wie mir scheint, witzreichen Beobachtung macht

mich das leise Sausen des Apparats siedend vor Erwarten. Ich habe die

Liste studiert, ich weiß, welche Nummer »belehrend«, welche »urkomisch«,

»sensationell« oder »rührende Szene aus dem wirklichen Leben« sein wird.

Und bald verfinstert sich der Saal zu einer »Reise nach Australien«. Ich

sehe Straßen, Menschen, die vorbeigehn, sehr schnell trotz aller

Behaglichkeit, manche bleiben stehn und unbeteiligt schaun sie unter

ihren australischen Mützen her zu mir. Grüß dich Gott, Mensch, du siehst

mich nicht, vielleicht bist du schon tot, einerlei, sei mir gegrüßt!

Sodann erlebe ich eine Feuersbrunst, Alarm, die pflichtübertreue

Löschmannschaft im Ansturm. Es kommt mir vor, als hätte ich denselben

Brand auch auf einer Reise durch Chikago schon erlebt, aber vielleicht

täuscht mich da mein kinematographisches Gedächtnis. Überdies bin ich

nicht nach Australien gekommen, um nur Brände zu sehn; gleich werde ich

durch zwei Schienen überrascht, die auf mich zugleiten, ich sitze

nämlich in der Lokomotive eines Blitzzuges, ich erfreue mich an Bergen,

Flüssen, Eingeborenen, an dem absoluten Nichts im Tunnel. Typen aus dem

Innern des Landes; wie immer bei exotischen Aufnahmen fehlt der Raseur

nicht, nicht der eingeseifte Schwarze, der Grimassen mitteleuropäischen

Varietéstils schneidet. Schluß, überraschend, ach warum schon? Aber das

folgende ist nicht schlechter. Die Wissenschaft hat ihr Recht bekommen,

jetzt zappelt das Fröhliche an die Reihe und mit Adagiobegleitung eines

Wiener Liedes die Tragik. Da sind die Zaubereien, geduldig kolorierte

tausend Photographien, Verwandlungen der Blumen in Ballettmädchen,

Brahminen mit langen Bärten, Übeltäter, denen der Kopf abfällt wie

nichts, Schwebende, Reisende zum Mond, Gottheiten, der Teufel.

Geschehnisse des Alltags wollen nicht fehlen. Falschmünzer werden

entdeckt, Verbrecher nach langer Verfolgung gefangen genommen, arme

Kinder gefoltert, Familienväter unschuldig verurteilt, gerettet im

letzten Augenblick. Ich kenne das auftretende Personal schon ganz genau,

genau den Knaben, der sich vor Lachen kaum halten kann, immer wenn er

weinen soll. Dieser betrogene Gatte war gestern ein nicht zu rührender

Bruder. So erfüllt sich die Gerechtigkeit, über die einzelne Tat hinweg.

Dies bewundere ich; noch mehr aber, wie durch Gesten die

kompliziertesten Voraussetzungen deutlich gemacht werden. Man sieht:

»dich hasse ich« oder »warum hast du gestern meinem Onkel gesagt, daß

ich um halb sechs Uhr noch zu Hause war?« oder »auch der Sohn dieses

Mannes hat mich vor zwanzig Jahren bestohlen«. Und nur das eine

erscheint mir rätselhaft, da gewöhnliches Sprechen schon durch so starke

Gesten dargestellt wird: wie man kinematographisch jemanden andeuten

würde, der in einem fremden Lande gestikulierend sich verständlich macht

oder der von Natur aus zu heftigen Gebärden neigt. Indes zu Nachdenken

ist nicht die Zeit. Denn die zweite Abteilung überschüttet mich schon

mit Bildern »zum Kranklachen«, wie das Programm sie nennt, mit

betrunkenen Briefträgern, Naturmenschen, Galanen, die in einen Kasten

sich verstecken und dann die o! so lange, so zum Kranklachen lange Reise

im Speditionswagen, auf der Eisenbahn wippend mitmachen müssen.

Matratzen werden lebendig, ein Klebestoff ist unübertrefflich, der

Stiefel zu eng, Teller zerkrachen lautlos in Staub, Megären heulen,

Witzbolde lachen. Und ganze Versammlungen von Menschen, die einander

prügeln, ganze Kolonien von Leuten, die unter jeder Bedingung einen

davonlaufenden Pintscher einfangen wollen ... Die Lebendigkeit, mit der

so viel geschieht, hat mich schließlich aus meiner halbschlafenden

Daseinsart aufgeschüttelt. Nun auf dem Heimwege werde ich zum Erfinder,

denke mir selbst neue Bilder für den Biographen aus: eine Verfolgung, in

der einmal statt Automobil, Lokomotive oder Dräsine zwei Schiffe

miteinander Wettlauf machen, ein Kreuzer und ein Piratenschiff, über die

weite Meeresfläche hin verringert sich immer mehr im wütendsten Schießen

ihr Abstand ... Das wäre allerdings ein teurer Film. Um so billiger der

zweite, darstellend einen Dichter in einsamer Kammer, der über die

Schwierigkeiten eindringlicher, doch rückhaltender Darstellung in

verzweifelte Wut gerät.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 19 / 42 题