Also ich habe beschlossen, jetzt häufig ins Theater zu gehen. Ich mache
den Anfang mit »Torquato Tasso«. Das Stück ist berühmt, aber ich habe es
noch nie gesehen, nicht einmal gelesen. Ja, so bin ich, ziemlich
ungebildet. Es ist richtig eine Premiere für mich.
Ein italienischer Garten. Nun, ich hätte mir Gärten, in denen Dichter
mit Fürsten spazieren gehen, anders vorgestellt, überschwänglicher. Und
geschlossener, nicht so für uns Zuseher offen. Aber das liegt vielleicht
im Wesen der Bühne ... Und nun erklingen Verse, da beruhige ich mich
sofort, das ist schön ...
Jemand stört, die Bankreihe herein. Ich schaue zürnend auf. Aber nicht
lange zürnend. Es ist Hede, das schöne Mädchen, sie sitzt zufällig neben
mir.
»Guten Abend, Fräulein Hede.«
Sie erkennt mich und streckt mir die Linke hin, da sie mit der Rechten
allerlei zu tun hat, die Nadeln aus ihrem Hut ziehen, die Bonbonniere
hinlegen neben den kleinen Handspiegel ... Hede, die lustige Gefährtin
unsrer Nächte, jeden andern hätte ich eher hier erwartet als sie.
Und ich sage es ihr auch.
»Wissen Sie denn nicht, daß ich jetzt auf Theater studiere.«
»Nein, seit wann denn?«
»Ich hab' schon drei Stunden gehabt.«
Voll Stolz zieht sie aus ihrer Pompadour einen kleinen Flaschenstöpsel
und zeigt ihn mir: »Das muß ich jetzt immer im Mund haben und üben. Es
ist wegen der Aussprache ...« Wir reden weiter von andern Dingen, aber
sie hat keine Ruhe, sie wühlt weiter in ihrem Tascherl und endlich
findet sie, was sie sucht, einen zweiten, ebensolchen Korkstöpsel.
»Sehen Sie, da hab' ich noch einen,« weist sie mir ihn vor.
Das Parterre ist ziemlich leer, in unsrer Nähe sitzt niemand, so müssen
wir nicht fürchten, daß unsre Gespräche stören. Nur daß da auf der Bühne
etwas geschieht, stört uns.
»Ich bitte Sie, was geht denn da vor? Wovon handelt das Stück?«
Ich sage ein paar Dinge darüber, Nachklänge des Gymnasiums.
»So, und was geschieht zum Schluß?«
»Er versöhnt sich mit dem Antonio.«
»Das ist alles ..?« Sie macht ein enttäuschtes Gesicht, eine Weile
schaut sie noch auf die Bühne, mit Anspannung, wie man einem
Entfliehenden etwa nachschauen würde. Dann gibt sie sich mit einem Ruck
mir, sieht mich so lange von der Seite an, bis ich es bemerke ... Da war
gerade ein Klang, irgendein leiser Angstschrei des Genies, wie
Baudelaires Albatros zieht er traurig taumelnd vorbei. Ich fahre auf.
»Wollen Sie das Opernglas, Fräulein?«
»Ah nein, ich seh besser ohne Glas.«
Wie gesund sie ist: von den dicken Wangen angefangen, bis hinunter.
Diesen Busen könnte man für eine Merkwürdigkeit halten, so groß ist er,
so eine fremdartige Masse. Und unbegreiflich, wie sie ihn ohne Mühe
erträgt, und wie er überdies in ihre Gestalt hineinpaßt. Ganz nahe bei
mir hält sie ihre Schulter, dick, dick, dick. Und vollkommen schön und
immer aufs neue verlockend, unter diesem runden Arm seine Hand zu
wärmen. Nein, die haben wir noch nicht ruiniert. Eher gehen wir alle
zugrunde, als daß dieser unerschütterliche Felsen von Lebenskraft wankt.
Wie sie atmet, wie ruhig! Nein, unsre Nächte haben sie nicht im
mindesten nervös gemacht, da ist ein Stück Natur und ergibt sich nicht.
Nicht einmal ein Opernglas braucht sie ... Es fällt mir ein, wie sie
einmal in einer Weinstube die Röcke hob und mit Stolz ihre weißen,
widerstandsfähigen Schenkel zeigte, den schmalen Streifen wie ein weißes
Strumpfband zwischen Hose und schwarzem Strumpf. Nein, da können noch
zehn Großstädte kommen, ihr geschieht nichts, der Hede. Sie ist ja noch
so jung. Damals war ich sehr müde, in dieser Weinstube, voll von Wein,
ehrlich gern wäre ich schlafen gegangen, denn ich halte nicht viel aus.
Aber sie setzte sich auf den Tisch, und ein Schrei kam aus ihr heraus,
ein Jubel, wie ein Pferdeschrei ... Ja, ja, schöne Beine hat sie, das
muß man sagen.
»Warum sind Sie eigentlich nicht mehr beim Ballett?«
Sie murrt etwas. Etwas, was sie offenbar selbst nicht begreift.
Irgendein Beschützer hat entdeckt, daß sie eine angenehme Stimme hat.
(Warum nicht, denke ich, sicher ist alles an ihr gesund und natürlich.)
Also jetzt wird sie Heroine.
Ich lenke sie wieder zur Bühne, denn ich möchte ja ganz gern dem Drama
zuhören: »Wie gefällt Ihnen unsre Heroine?«
»Ja, sie hat eine angenehme Stimme.« Eine Weile hat sie mit strengem
Gesicht aufgepaßt, während Eleonore sprach, dann kommt dieses Urteil ...
Der zweite Akt beginnt, ein kompliziertes Gespräch der Herzogin mit
Tasso. »Liebt er sie eigentlich?« fragt mich das Mädchen neben mir ganz
einfach. Ich, ebenso einfach: »Ja.«
Sie legt den Arm oben auf die Rückenlehne des nächsten Sitzes, um sich
bequemer hinstrecken zu können. Dabei entstehen neue Arten von Rundungen
aus ihrem Körper, neue Höhlen und Einsprünge. Sonst kenne ich nur von
Bildern her so ausgedacht reizvolle Stellungen. Aber hier ist es ohne
Absicht und ist Wirklichkeit. Es ist schrecklich aufregend, so etwas zu
sehen; noch aufregender, es nicht zu sehen ... Ich wende mich also
wieder zu ihr: »Na, was?« Nur um etwas zu sagen, eine primitive
Anknüpfung.
»Was denn?« erwidert sie erschrocken. Sie hat schon halb geschlafen.
Eine Weile sehen wir einander an, keiner hat einen Einfall. Dann erlöst
sie etwas, aus vollem, aufrichtigem Herzen hat sie es erkannt und sagt
es, denn sie ist ein ehrliches, gutes Mädchen: »Wissen Sie, das Stück
ist eigentlich ziemlich fad ...«
Plötzlich bin ich entflammt. Ich weiß nicht, was das ist, manchmal
bricht tief aus mir heraus irgendeine Person, die gar nicht mein Ich
ist. Dann fange ich an, mit Begeisterung Dinge zu reden, an die ich gar
nicht glaube. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, zu lügen. Sondern ich
denke immer noch in der Unterströmung: »Ja, rede nur, Max, rede nur brav
weiter. Das ist zwar nicht deine Meinung. Aber nur zufällig. Ebensogut
könnte es auch deine wahre Meinung sein, das Schicksal hätte sein Steuer
nur ein wenig nach links oder rechts biegen müssen, und bums, schon wär'
aus dir wirklich das geworden, was du jetzt redest. Also lasse dich nur
aus, lasse dein ungeborenes, durch irgendwelchen Zufall nur verhindertes
Ich auch ein bissel zum Leben ...« Also nehme ich ihre Hand und werde
ganz gerührt vor innerer Roheit, die ich in mir aufwachsen fühle wie ein
Gebäude: »Sie haben recht, Hede. Wozu ich eigentlich hergekommen bin! So
ein langweiliges Stück, es geschieht ja nichts, immerfort wird nur hin
und her geredet. Da stelle ich mir ein Drama ganz anders vor. Lauter
Handlung, lauter Krawall. So wie Sherlock Holmes. Und glühende
Liebesszenen dazwischen, zum Zerspringen. Hier weiß man ja eigentlich
nie, was sie voneinander wollen und ob sie überhaupt etwas wollen ...«
Im Zusammenhang damit bespreche ich ein Rendezvous mit ihr. Warum sie
mich schon so lange nicht besucht hat? Ob sie wieder kommen will?
»Wenn's sein muß,« sagt sie. Das ist eine ihrer Lieblingsredensarten.
»Sehr gut,« entzücke ich mich weiter, »und ich werde ein Stück für Sie
schreiben. Ich plane nämlich schon lange ein Drama, bisher habe ich's
noch nicht versucht. Ausgezeichnet passen wir jetzt zusammen, Sie als
Schauspielerin! Es wird eine Bombenrolle für Sie sein, und jetzt werde
ich das Stück auch sofort anfangen. Für Sie, ja? Es soll 'Lady Hamilton
und Nelson' heißen, oder so ähnlich. Wissen Sie halt, ein Seeheld, und
sie liebt ihn sehr und verführt ihn auch zu ein paar Dingen, die nicht
so das Rechte waren. Auch einen Tanz muß sie drin tanzen, den Shawltanz,
den sie selbst erfunden hat. Gefällt Ihnen das?... Es ist eine
historische Sache; Goethe selbst, verstehen Sie, von dem dieser Tasso
ist, hat sie in Neapel gesehen.« Ich höre mir selbst zu und weiß jetzt
wirklich nicht mehr, ob das wahr oder falsch ist, was ich da rede. Ich
will ja im Ernst dieses Drama schreiben. Aber ich würde mich schämen,
wenn mich wirklich diese Argumente dazu bestimmt hätten, diese
Schönheiten und Vorzüge meines Planes, die ich ihr anpreise. »Und vor
allem viele Schlachten werden vorkommen. Lauter Seeschlachten. Ein Akt
spielt auf dem Verdeck des Admiralschiffes während der Schlacht bei
Trafalgar. Das Schießen darf gar nicht aufhören. Sogar in den
Zwischenakten muß geschossen werden ... Nun, was sagen Sie jetzt? Werden
Sie da keine Angst haben?«
»Ich? Angst?« Sie wird ganz wild und setzt sich aufrecht. »Ich habe nie
Angst. Hören Sie, voriges Jahr waren wir in Brandeis auf Sommerwohnung.
Abends sitzen wir da im Restaurant. Plötzlich macht sich der
Wachtmeister, was mit uns gesessen ist, einen Jux und schießt sein
Revolver los, blind geladen natürlich, auf die Erde. Alle sind sitzen
geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ich stehe auf und gehe lustig
im Zimmer herum, wie wann nix g'schehn wär« ...
Auf der Bühne rast eben Tasso, verwundet, wegen irgendeiner Kleinigkeit
gellen seine Schreie durch den Palast. Er zittert, seine Lippen sind
weiß und gekräuselt, wie schäumendes Wasser in immer neuer Bewegung.
»So was Überspanntes!« sagt das gesunde Mädchen neben mir.
Ich lobe sie. Ein Kerl ist das, ein Stück Felsen ...
Entschieden sind wir beide heute nicht die richtigen Zuhörer für Tasso.