Hat niemand mehr Lust, mit mir in ein Panorama zu gehn? Diese
Vergnügung, obwohl sie ja dem Namen nach alles, rundweg alles, was man
nur sehn kann, darzubieten verheißt, gehört keineswegs zu den heutigen
und irgendwie begünstigten, sie ist eine ruhige, altmodische Vergnügung
und kann als solche dem Tempo unseres Zeitalters natürlich nicht mehr
nachkommen. Das Panorama wird bald die symbolische Zufluchtsstätte aller
Unzufriedenen mit unserer Zeit sein, wird ein dunkles, melancholisches
Vergnügen mit viel Bitterkeit auf dem Grund, bekommt -- wie alles, wo
solche Schwächlingsopposition sich einnistet -- einen Beiglanz von
Poesie, von verlorner Kindheit, von süßer und höchst angenehmer
Faulenzerei, von all den lieben Dingen, welche der starke und, wie man
zu sagen pflegt, gesunde Hauch der Neuzeit etwas angegriffen hat; wir
werden ja sehn, was ihnen nachkommt. Weniger träumerisch ausgedrückt:
die Panoramen gehn halt ein. Billigerweise muß eine harmlose
Einrichtung, die auf einem so ganz einfachen physikalischen
Kunststückerl, wie das Körperlichsehn ist, beruht, dem neuen und
kompliziert-technischen Hervorzauberer beweglicher Landschaften und gar
lebendiger Wesen das Feld räumen. Armes Panorama, Vergnügung unserer
Großeltern, Überbleibsel der Biedermeierzeit: jetzt erregt unsere Nerven
der Kinematograph. Wir wollen beflimmert sein, förmlich von wechselnden
Augen aus kreidiger Leinwand heraus angeschaut, nicht selbst ruhig und
sanft durch zwei Gucklöcher in eine schwarze Kiste blicken.
Wie dem auch sei, wir treten ein. Das Gefühl, daß es heute vielleicht
zum letztenmal ist, lassen wir vorläufig gar nicht erst aufkommen. Aber
während wir uns an dem höflichen, unsagbar freundlichen und dabei gar
nicht hübschen Billettfräulein vorbeibewegen, durch geraffte,
staubigrote Portieren in den Raum treten, der die große Holztrommel mit
den Weltbildern faßt -- und schon hören wir das akzentlose, wie seit
Ewigkeit vorhandene, nagende Ticken des Uhrwerks --: während wir also
alle Vorbereitungen treffen und den Hut an einen Rechen hängen, müssen
wir doch dem allerdings gefährlichen Gedanken nachgehn, daß niemand auf
der ganzen Erde sich so feinfühlig und gütig benimmt wie Kaufleute,
denen es geschäftlich nicht gut geht, am besten: die vor dem Konkurs
stehn. Scheint es nicht, als ob alle Menschlichkeit und gute Erziehung,
Selbstbeherrschung und Demut in solchen liebenswürdigst zusammenträfen.
Als ob ihre gar nicht mehr erzwungen klingende Aufmerksamkeit gegen die
Kunden, ihr Witzigsein und ihr ernstliches Besorgtsein um mein so
bescheidenes Einkaufspaket, ja noch um die Schnurmasche an diesem Paket,
ihre vorbildliche Heiterkeit im Geschäftsgespräch sie selbst für ihre
peinliche Lage reichlich entschädigen müßten. Ich kannte einen solchen,
einen Photographen, den die Konkurrenz verbesserter Apparate ruinierte;
in der kritischen Zeit glich er einem zarten shakespearischen Edelmann,
so gewählt waren seine stets vernünftigen Worte, so fein sein Anstand.
Ein Muster des guten Tons war er, eine Blume seines Standes. Nun, ein
solcher Schimmer von Selbstlosigkeit und Moral breitet sich auch über
niedergehende ganze Unternehmungszweige aus, niedergehende
Unternehmungen haben etwas Aristokratisches und selbst ihre
Angestellten, wiewohl gegen monatliches Fixum verpflichtet (jawohl, mein
höfliches Fräulein), gewinnen Anteil an diesem ein wenig
verweichlichten, süßlich duftenden Altjungfernhimmel der Gerechten;
weiche, schwarze Seide, billige, und etwas welker Blütenflor stünde
ihnen gut zu Gesicht, doch genug davon, sonst werde ich noch ganz und
gar traurig. -- Dieses Zimmer ist von einer heillosen, sprachlosen
Wehmut, in seiner Dunkelheit, die nur von der Decke her ein wenig
rückstrahlendes Licht beregnet, es wird einem wirklich ganz feucht um
den Hals, und dazu funkeln paarweise die Fensterchen wie winzige
Kabinenluken eines fernen Dampfers. Doch jetzt erhebt sich ein Laut, ein
allgemeiner, durch den ganzen Raum fortschütternder, wie ein im Schlafe
gelalltes Wort, ein halbgelähmtes Aufatmen, die einzige Lebensäußerung
dieses Kosmos, rüttelnd an seinem ganzen Bau -- es ist nichts, nur die
Bilder sind weitergerückt und ein Glöckchen hat das Zeichen dazu
gegeben. Ruhe ist wieder eingetreten, zum Weinen tiefe Ruhe ...
Vergraben wir uns also schnell bis an die Ohren in die Schaumuscheln und
flüchten wir -- dazu ist ja das Panorama da -- aus der Nässe
heimatlicher Lebensbedingungen in fremde, schon durch ihre Entlegenheit
oder gar durch bessere Sonnen gewärmte Gegenden, frischen wir vergangene
Geographieschulstunden auf, sei es durch eine Reise über das Weltmeer,
sei es in Florenz. Ich sah neulich Bitlis, die Hauptstadt von Kurdistan,
ich fand es gemütlich dort zu wohnen am Fuße einer uralten Festung, die
Hauptstraße herunterzubummeln, welche auf der einen Seite den aus harter
Steppenerde gegrabenen Wall hat, auf der andern einen schmalen,
schnellen Fluß mit einem Halbmondbrückchen aus Stein darüber. Ich war
auch einmal in Ceylon, sah fremdartige wie aus Hanf gewebte Schiffchen
an der Küste eines Landsees, ihre Ankerseile gespannt zum Greifen. Ein
Mädchen, vielleicht eine junge Frau, lächelte mich an in der Nähe von
Kapstadt, angesichts des Tafelberges lächelte sie aus guten, starken,
weißen Zähnen. -- Doch damit die Illusion nicht zu ergreifend werde,
sind die Bilder handkoloriert wie schlechtere Ansichtskarten. Da gibt es
spaßige Bäume aus Grünspan, der Boden ist zitronengelb und mit drei
immerwiederkehrenden Nüancen müssen sich alle die bunten Trachten eines
sizilischen Volksfestes zufriedenstellen. Dann dieser Himmel, er ist
glasig grünblau, sehr transparent und milde, auch die heftigsten Wolken
bewahren das Durchsichtige, etwa wie schmutzige Wände eines
Tintenfasses, und werden niemals regnen. In diesem Glasgrund der
Diapositive finde ich die schöne, heitere Stilisierung, die Erdferne der
Panoramawelt. Zu Glas vereist das hurtige Bächlein mit seinen Schatten
unter den dichten Waldbäumen, Glas zeigt sich unterbrechend in dem allzu
naturwahren Gesicht eines Bettlers, und nicht nur Kirchenfenster sind
glitzrig, auch ihre Reflexe auf dem Estrich haben etwas seltsam
Materielles, man glaubt sie unter den Schritten der Pilger knistern zu
hören. Anläßlich dieser Kirchenfenster kann ich überdies nach so viel
Lob des Panoramas einen Tadel aus Gerechtigkeit nicht unterdrücken:
Interieurs von Kirchen, auch von Palais und Gemäldegalerien geben keine
schönen Panoramabilder. Sie wirken flächig, tot, versperrt. Wenn ich
daher auf dem kalligraphierten Programm in der Auslage meines
Stamm-Panoramas allzu oft die Worte »Inneres von --« lese, vermeide ich
es, trotz des geringfügigen Eintrittsgeldes von zwanzig Hellern,
einzutreten. Ich halte derartige Aufnahmen für stilwidrig, für eine
Verkennung des Panoramastils. Autoren von Panoramakollektionen sollten
(falls sie überhaupt vor dem endgültigen Untergang ihres Metiers noch zu
theoretischen Überlegungen kommen) ihre Bemühung dankbaren Gegenständen
zuwenden, denen sie im Kreis ihrer Methoden neue Wirkungen entlocken
mögen. Denn keine Kunst überschreitet ungestraft die Grenzen ihrer
legitimen Macht. Gute Bilder sind, zum Beispiel, Straßenszenen, weite
Ausblicke, kurz alles, worin plastisches Hervorheben und Abstände zur
Geltung kommen. --
Nun wieder etwas Trauriges: ich habe einmal, durch unziemliche Neugierde
verleitet, den Vorhang zu meinen Füßen, der rings um das Polygon
gespannt war, gehoben, um in das Innere dieser oft so lebensvollen,
weiten Gegenden zu gelangen, und ich dachte nichts anderes, als nun ganz
bestimmt in ein wärmeres Klima, nach Italien oder zwischen fahnen- und
segelartige Firmen einer japanischen Gasse zu kriechen. Aber als ich
mich bückte, sah ich nichts als einen leeren Raum, diesen grell
beleuchtet von einem in der Mitte an einer Eisenstange hoch
emporgereckten, nackten Glühstrumpf, dumpfige Luft, den schmutzigen
Boden mit drei oder vier ausgebrannten Zündhölzchen, und gar nichts von
Farbe, denn ich hatte den Kopf schon hinter dem Gürtel der überraschend
winzigen Bildchen, der von einem Zahnrad getrieben ruckweise vorging. So
starrte ich erschrocken in ein hellstrahlendes, ganz kahles Geheimnis,
und ich besaß den Leichtsinn, einen Augenblick zu denken, auch unsere
Welt, die uns so raffiniert betrieben dünkt, könnte in ihrer Mitte so
eine leere, schweigsame, einfache, gleichgültige Hauptsache haben. Doch
lehnen wir das ab, es ist unwissenschaftlich, laben wir uns dagegen an
den historischen Toiletten, die mit der ganzen Unbefangenheit des
damaligen Modernseins auf diesen Bildern getragen werden, vor Europäern
wie vor Eingeborenen, an den Hütchen, culs de Paris, den Ballonärmeln,
die man schön fand, als in Wien die Rotunde neu war. Ja, diese
Bilderserien reisen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wie sie auch von Stadt
zu Stadt reisen, ihre Figurinen haben daher das Unbewußt-Hilflose, das
Komische von allem, was nicht mehr ist und nicht bei uns ist. Mit
verhaltenem Mitleid kommen wir ihnen am besten entgegen und doch waren
sie, die Stutzer, auf allen Bildern wiederkehrend, waren die damals
höchst gegenwärtige Reisegesellschaft des Stereographen oder seine
mächtige, einflußreiche Gemahlin, die bald auf zertrümmerten Säulen
einer schottischen Abtei sitzt, bald vor einem Zulukraal mit
zugekniffenen Augen der Sonne trotzt. Wir kennen sie schon, die gnädige
Frau. Und wir sind überhaupt von Langeweile nicht allzuweit entfernt,
wir beobachten schon nicht mehr die Bilder, sondern vielmehr den Moment,
in dem sie doppelt hereinschweben, schattenhaft anprallen mit Gerumpel
(dem einzigen Lebenslaut in dieser Karthause), nicht stehn bleiben
können und endlich wackelnd sich beruhigen. Die Bilder bleiben uns zu
lang. Dann wieder gibt es andere, die offenbar nur kürzere Zeit, zu kurz
vor dem Auge stehn, deren Einzelheiten man hastig durchsucht, umklaubt,
förmlich in Unordnung bringt aus lauter nervöser Angst, daß das Ganze im
nächsten Augenblick davonfedern muß. Das Totenglöckchen von der Wand her
klagt man, wiewohl man weiß, daß es mechanisch die Zeit abmißt, der
Ungenauigkeit und Willkür an. Ja, der Mensch ist eben eine ganz
besondere Uhr. -- Man könnte nach all dem glauben, daß ich ein Freund
der Panoramen bin, ein Sentimentaler. Aber weit entfernt davon sehe ich
kaum den Vorzug, den die Unterhaltung im Panorama vor dem Durchblättern
irgendeiner illustrierten Reisebeschreibung haben sollte. Höchstens den,
daß man gezwungen wird, alle Bilder eine gewisse gleiche Zeit lang
(obwohl sie bald länger, bald kürzer ist) zu betrachten, und wenn man
dazu noch geldgierig ist, daß man die ganze Runde zwei- oder mehrmals
ansieht. Denn das ist ohne weitere Umstände erlaubt. Freilich könnte man
einwenden, daß sich auch der Kino die Verlockung ununterbrochener
Vorstellungen zunutze gemacht hat. Aber -- nun kommt mein letzter Trumpf
-- in welchem andern Etablissement kann man, verliebt in ein besonderes
Bild, diesem von Guckloch zu Guckloch, von Sessel zu Sessel folgen und
einen ganzen Nachmittag lang nichts als dieses Eine vor der Seele haben.
Wo, ich bitte? Im Panorama nur, im altmodischen, dessen sämtliche Sessel
mit oder ohne Lederpolster beinahe immer leer sind; so sieht man am
Schluß meiner Betrachtung die Vortrefflichkeit dieser Einrichtung wieder
mit ihrer Verlassenheit zusammenfallen, was ich überdies nach so vielen
vorbereitenden Akkorden in grobe Worte zu fassen wohl gar nicht mehr
nötig gehabt hätte. Nur unruhige Kinder gehn noch hin, verarmte
ehemalige Hochzeitsreisende schwelgen in Erinnerungen, untätige
Offiziere suchen passende Schlachtfelder für ihre phantastischen
Kolonialkriege. Man kann auch mit einer Dame ins Panorama gehn und, wenn
man sich so setzt, daß man die Vorhand hat, ihr mit Kennerschaft die
Bilder, die sie zu sehn bekommen wird, angenehm vorerzählen: »Du, aber
jetzt kommt was Schönes ...« Nur muß man wissen, daß ein Bild im
Holzrahmen immer verdeckt bleibt, daß also das meine erst als
übernächstes (nicht als nächstes) zu ihr kommt, und wenn ich (wie
natürlich) noch so dicht neben der Schönen sitze.