Der Ordnungsliebende

Nun wünsche ich mir seit heute früh eine Insel.

Eine Insel zum Ordnen.

Ordnungsliebe ist meine geheimste und eigentlichste Eigenschaft, daran

zweifle man nicht, bitte. Aber jahrelang habe ich leider keinen Ausweg

für sie gefunden, keinen andern Ausweg als schäbige Pedanterien ohne

Erfolg, peinvolle Anstrengungen. Deshalb eben freue ich mich heute so,

seit dem Frühlicht, da ich über die Steinbrücke ging. Denn nun weiß ich,

wohin ich strebe, was ich mir wünschen soll ...

Seit längsten Jahren ist es meine Sehnsucht, irgendein Ding genau zu

ordnen, durch Ordnung zu beherrschen, über seine kleinlichsten

Veränderungen zu wachen und förmlich Buch zu führen, es gründlich in der

Hand zu haben, ohne daß ihm eine dunkle Ecke übrig bliebe, wahrhaft zu

einer Kolonie des eigenen Ich es auszugestalten ... Aber ahnt man, wie

schwer das ist? Gewiß gehört es zu den kompliziertesten Unternehmungen

unseres Erdballs, ohne daß sich bisher ein Ruhm oder auch nur eine

Aufmerksamkeit für das Überwinden dieser Schwierigkeit gezeigt hätte. Es

ist ein bisher noch nicht gewürdigter Sport, den ich entdeckt habe. Und

eigentlich mehr als kompliziert. Ich will gleich die Wahrheit sagen: es

ist unmöglich. Ehemals habe ich versucht, meinen Schreibtisch zu ordnen.

Das war eine meiner Jugendtorheiten, ein idealistischer Zug der zarten,

unerfahrenen Seele ... Wie schön habe ich davon geträumt, ihn

übersichtlich geschlichtet zu haben, jede Ecke und Schadhaftigkeit der

kastanienbraunen Schreibmappe zu kennen, ihre Lage genau nach eigenem

Willen zu bestimmen und die Zentimeter zu wissen, die ihr Rand von dem

Rand des Schreibtisches, von dem grün eingepflanzten Tuch Abstand hat.

Dann die Bücher! Jedes einzelne durchforscht, alle Worte, alle

Beistriche darin auf den ersten Handgriff zugänglich wie Sklavinnen im

Serail, und jedes unintriguant an seinem Platz, ohne Widerrede. Hier die

Briefe, hier die Papiere, das Tintenfaß ohne die mindeste Verzierung

eines Kleckses an seine gewisse Stelle gezwungen, von der es sich nicht

rühren darf. Lauter Kettenhunde. Willige Löschblätter, ein Messer wie

zum Rasieren, Lineale voll Pflichtgefühl, Federn von biederem Charakter

und ganz nahe auf geringstem Raum aneinander gepreßt, Tinte mit

deutlicher Abneigung gegen Staubkörner. All dies wie etwas Ewiges, dem

Wechsel der Zeit entrückt, aus dem allgemeinen Raum in einen Privatraum

meines Fabrikats gehoben, frei von der üblichen Kausalität ... Wie

herrlich: ich würde aufhören zu arbeiten, aus Angst, dieses Heiligtum zu

beflecken, und nur an manchen Abenden behaglich möchte ich die Lampe

entzünden, um verzückt und voll Andacht dieses Wunder von Ordnung,

Präzision, Dienstfertigkeit zu betrachten, so gemütlich und mit einem

sichern Haushalt zufrieden; an unruhigen Abenden, während draußen wüst

die Bohémiens zu den trostlosen Sprüngen ihres ungeordneten Lebens

ansetzen ...

Ach, daß es ein Traum geblieben ist!

Unmöglich, einen Schreibtisch bis zur letzten Feinheit zu ordnen. Ganz

einfach, weil es unmöglich ist, die Grenze dieses Schreibtisches zu

bestimmen. Seine Holzfüße verlaufen unmerklich in das Holzparkett des

Fußbodens, tröpfeln wie Regenlinien ins Meer, die Zimmerwand berührt ihn

mit ungeschickter Zärtlichkeit, andere Möbel stoßen an, es ist ein

kameradschaftliches Kitzeln und Winken von allen erdenklichen Dingen

her, schließlich bemerkt man (man bemerkt es ärgerlich), daß kein Ding

in der Stube einer gewissen Beziehung auf diesen Schreibtisch entbehrt.

Die Stube wieder steht mit allen andern Räumen des Hauses in Verbindung,

das Haus ist auf der Straße, die Straße gehört der Stadt, die Stadt

rechnet sich zur zivilisierten Welt ... So kommt es, daß man als

gewissenhafter Mensch, um einen kleinen Schreibtisch zu tyrannisieren,

schließlich die ganze Welt in Ordnung bringen müßte; eine Aufgabe, die

man vielleicht aus Bescheidenheit, vielleicht mit Rücksicht auf

mangelhafte Sprachkenntnisse ablehnt ...

Das Unendliche und die Zusammenhänge. Nun habe ich die siegreichen

Feinde meiner Ordnungsliebe genannt. Doch scheint es mir, als würden sie

von heute an nicht siegreich bleiben. Ich habe die Steinbrücke

beschritten, ich habe zufällig einen Blick der Inselfläche unter ihr

gegeben ... Ich will nicht prahlen, möglicherweise ist all das ein

Irrtum ... Aber nein, ich glaube wirklich, daß diese Insel etwas

Abgeschlossenes ist, wie nichts anderes in der Welt. Das Wasser ringsum

und die Mauer des polierten Quaderquais sind so brav, mit nichts

außerhalb zu kokettieren. Wohlan, die Insel liegt da, nichts als Insel,

punktum, keine Gemeinschaften mit unvorhergesehenen Kameraden. O diese

Insel. Und zumal im Herbst, wenn keine Belaubung stört. Zweifellos

könnte ich sie säubern, unterwerfen, regieren. Jeden Morgen würde ich an

einem Ende beginnen und, kriechend auf allen Vieren, die Blätter vom

Boden klauben, das Gras abmähen, die Bänke putzen, die Spatzen

erschießen. Sie könnte mein kleines Königreich sein, wo nichts ohne

meine Einwilligung vor sich geht, später würde ich die Bäume fällen, die

Beete umhacken, um mir die Arbeit zu erleichtern. Natürlich dürfte kein

Mensch Zutritt haben ... Allmählich müßte alles Leben und jede Zuckung

in meinem Gebiete aussterben, nichts bliebe als eine Sandfläche von

geometrisch genau berechenbarer Gestalt und einer bestimmten

gleichförmigen Farbe, hart in den Quaigürtel gepreßt und durch den Fluß

nach allen Seiten begrenzt, ein höchstes Musterbild der

Übersichtlichkeit und der eindeutigen Regel, und so durch kahle

Erstarrung wie ein Fremdkörper aus diesem zappeligen Dasein

ausgeschieden ...

Ich werde mich an einen Staat wenden und ihn bitten, mir eine seiner

Inseln zu schenken, eine ganz kleine Insel zum Ordnen ...

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 17 / 42 题