Unter Kindern

Viele Nachmittage in diesem Sommer verbrachte ich unter Kindern. -- Eine

schöne, gütige Dame, die mich kannte und mein Vergnügen an neuen Dingen,

lud mich öfters auf ihre Villa ein, nahe bei Prag. Die Ortschaft heißt

Koschirsch. Dort sind Obstpflanzungen, Gärten, Restaurants für

Ausflügler, auch ein paar Fabriken, die aber der Luft nicht weh tun, und

vor allem ein Zug der herrlichsten Anhöhen, voll von Gestrüpp, Bäumen,

versteckten Pfaden, Drahtzäunen und feisten Grasbüscheln, über die man

ausrutschen muß.

Die Dame wußte wohl, daß zehn Jahre viel Zeit sind und daß ich

inzwischen viel Kindliches vergessen habe, wenn auch nicht alles. Und

diese Dame hat zwei Kinder, ein lustiges Mäderl und einen kühnen,

schlanken Buben, und die haben Freunde und Freundinnen, da gibt es oft

Gesellschaften. Da war ich also auch mit eingeladen.

Lärm, der zum Himmel dringt, ungeheurer Lärm, Kreischen noch darüber

hinaus wie eine Feuersäule aus einem Dorf, die Hände geschüttelt und

gerissen, Gruppen, die einen Schritt zwischen Laufen und Tanzen

einschlagen, Gespräche in drei Worten und beendet durch einen Schlag auf

die Schultern, Mädchen, die sich durch Ketten anderer drängen, sich

paarweise fassen, übereinander kollern, immerwährendes Lachen durch

dieselben Lippen hindurch, die ebenso immerwährend auch reden ...

Anfangs ging es mir steif durch den Kopf, es war mir unbegreiflich.

Diese vielen winzigen Gesichter, und sind sie nicht alle einander

ähnlich, ja gleich?... Und diese Bewegung, wird dir nicht der Arm müde,

wenn du zusiehst, wie zwecklos und außer sich dieser Knabe wie eine

Radspeiche den seinen dreht und dazu redet und lacht noch obendrein,

alles zugleich? Die Luft muß dir ausgehn ... Aber ich gewöhnte mich

daran. Bald verstand ich alles, ich unterschied diese ähnlichen Augen

und Näschen, nannte jedes mit dem Namen. Plötzlich war ich

eingeschrumpft, nach dem Maßstabe kindlicher Angelegenheiten fand ich

die kurzen Gartenwege lang wie Landstraßen, und die Beete waren nur noch

da zum Dreintrampeln. Ich schrie mit. Ich bot meine Kenntnisse an, und

es bildeten sich Spiele, wie ich wollte oder wie ein anderer wollte

manchmal. Sprach ich einen Vorschlag aus, so war ich ängstlich aus

Ehrgeiz und kränkte mich, wenn er nicht angenommen, gar interesselos

überschrien wurde.

Bald verstand ich alles. Alle Kinder wollten neben dem Haustöchterchen

sitzen, denn sie war Geburtstagskind und gab das Fest. Sie stritten, sie

schlossen Verträge: »Also du bist jetzt bei ihr, aber auf dem Heimweg

komm' ich dran,« das war die wichtigste Angelegenheit. Aber eine wurde

vorgezogen, Bascha, die hübsche Polin, die am lautesten schrie

(manchmal, denn manchmal auch schrien alle am lautesten) und die von der

Schaukel stundenlang nicht fortzubringen war ... Es begann zu regnen,

die Bäume im Garten bekamen schwarzgrüne Blätter im Schatten tiefer

Wolken, dunkel war es, feuchte Luft stieg aus dem nassen Gras wie aus

Höhlen. Man sah, wie in helleren Regionen des Himmels graue Wolkenzipfel

sich drehten, im Drehen auflösten, wie sie als Regen im Fall

verschwanden. »O weh,« sagten die Erwachsenen und bedauerten die Kinder,

»jetzt ist der Ausflug verregnet.« Aber die Kinder machten sich nichts

aus dem bißchen Wasser, sie lachten weiter, und eine sah ich mit

erhobenem Zeigefinger im strömenden Guß durch die Allee hüpfen, mit dem

Triumphruf: »Es regnet nicht mehr, es regnet nicht mehr.«

In der Veranda wurde gegessen, große Butterbrote, Kaffee, manche

erklärten sich für Milch. Und man sprach von der Schule, hauptsächlich

vom »Dividieren«, das war der Erbfeind, die Schattenseite des Daseins.

Auch der Herr Lehrer war eingeladen, und nun bildete sich in der Ecke,

mir zunächst, eine eifrige Verschwörung. Plötzlich brach eine helle

Stimme aus: »Bitte, Herr Lehrer, werden wir morgen nicht dividieren?«

Dann habe ich mit den Buben Raupen gesammelt, eine große Heuschrecke auf

die sanfteste Art getötet, nachdem ihr vorher einer ein Bein ausgerissen

hatte ... Es wurde wieder schön, und wir erstürmten die Hügel, die

Düppler Schanzen mit Hurrageschrei. Man fing eine Blindschleiche, die

wie ein Stock in der Hand erstarrte, und sekierte sie, was ich auch

sagen mochte. Bis ich drohte. Dann kamen die herrlichen Spiele meiner

Jugend: »Nationale«, »Räuber und Polizei«. Die Polizisten müssen zuerst

auf dem Bauch liegen, das Gesicht in den Händen, und dürfen nicht sehen,

wie die Räuber sich verstecken. Dabei sollen sie bis dreihundert zählen

... O wie fielen mir in dem Lärm alle Erfahrungen und Schliche aus den

Kinderjahren ein, von der Schützeninsel, als wir noch unter den

Brückenbogen spielten. Diese Streitigkeiten: »Sie haben geschaut«,

»Nein«, »Die Räuberhöhle darf nicht bewacht werden.« Dann wie man in

rasender Eile zählt und immer das Zählen dem überläßt, der größter

Virtuos im Schnellzählen ist und in neuen Schwindeln. Man zählt immer

nur bis zehn und merkt sich die Zehner, denn da gibt es weniger Silben

auszusprechen bei »eins, zwei, drei« als bei »einundzwanzig,

zweiundzwanzig, dreiundzwanzig«. Für halb und halb erlaubt gilt es auch,

statt der letzten fünfzig »langsam« bis zehn zu zählen, und wie hastig

ist dieses »langsam«. Doch die Räuber sind schon versteckt. Aus einem

sichern Gebüsch lächeln sie über die vergeblichen Operationen der

Polizei, laufen dann weit, um sie irrezuführen. Und wie war es da Freude

und Stolz, kriechend sich die Hände zu zerkratzen, die Hosen

aufzuschlitzen im Winkel. Und gar zu rennen über die Stoppelfelder hin,

die hart sind wie das beste Pflaster und noch überdies durch Knacken bei

jedem Tritt ein lustiges Gefühl ihrer Härte dem Laufenden mitteilen. Wie

der Wind blies! Wie sich das Gelb einförmig bis an den Himmel hob und

nichts mehr vor mir lag, auch in meinem Geiste nichts anderes, als diese

Fläche, die zu überlaufen war, geradeaus! Wie wir dann überraschend auf

der anderen Seite erschienen, wo niemand uns erwartet hatte, und

tollkühn, die letzten Mohikaner, den steilen Abhang hinunter mehr

sprangen, stürzten als rannten, durch die angedonnerte Meute

hindurch!... Ja es war Gesundheit und voll Frohsinn, nie mehr werde ich

mich so frei fühlen, wie in diesem Augenblick des Herunterrennens, so

glanzvoll und so mit Recht bewundert!

Nein, zehn oder fünfzehn Jahre sind nicht viel, ich habe sie gestrichen.

Überdies nannten die Erwachsenen mich ein Kind, und ich mußte mit ihnen

die Villa besichtigen, das Speisezimmer, das Bad, das Klavier, und so

fort. Aber ich hörte -- es drang durch die geschlossenen Fenster -- das

Jauchzen der Kleinen, aus dem Garten, von den Bergen her. In diesem

Moment wurde ich wirklich ein Kind. Tiefer Schmerz befiel mich, daß ich

nicht unter den andern mit unten sein durfte, daß ich mich langweilen

mußte, wie früher auf Spaziergängen mit der Gouvernante längs des Quais.

Draußen rauschten die Bäume, so hell warf die Sonne Funken durch die

naßglänzenden Blätter. Da faßte ich die Hand der guten, schönen Dame und

bat schon, man möge mich zu den Kindern fortlassen ...

Der Sommer ist vorbei, und nun bin ich wieder allein, ein erwachsener

Schriftsteller für Österreich und das Deutsche Reich.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 16 / 42 题