Von allen Tatsachen des Seins, die man zu szenischer und dichterischer
Behandlung in Anspruch genommen hat, scheint sich der Tod als die
unfruchtbarste erwiesen zu haben. Die Idee des Todes dient dazu, um die
Romane oder Trauerspiele abzuschließen, abzuschneiden nur in manchen
Fällen, sie soll schrecken und erhabene oder auch wohl groteske
Ausblicke gewähren (»Der Tod ist in der Welt« -- Byrons »Kain«) oder
bestenfalls wie im »Hamlet« dazu dienen, die philosophischen Spielereien
eines Grüblers zu veranschaulichen. Wo der Tod auftritt, zeigt er sich
in einer dieser drei Gestalten. Einfach und banal. Das richtige Nichts,
über das auch nichts zu sagen ist. Was jedoch nicht ausschließt, daß er
bei Publikum und Kritik in beinahe ebenso hohem Ansehen steht wie andre
banale und leere »große Ideen«, zum Beispiel: der Pantheismus. Braucht
es doch heutzutage nur des leisesten Verdachtes, daß ein Dichter
»Pantheist« ist und den großen Zusammenhang der Natur fühlt, die Natur
in sich, sich in der Natur, und wie alle die bereitstehenden Floskeln
heißen, um ihm sofort den Ruf eines großen Tiefsinns und göttlichen
Ernstes zu verschaffen, wie denn auch ganz Deutschland auf Verhaeren
prompt hineingefallen ist.
Stellen wir also fest: man hat den Tod trotz aller Pflege bisher
vernachlässigt. Man ist von ihm zu sehr geblendet, läßt sich zu sehr
imponieren. Immer nur Tod als etwas Großes, Abschließendes,
Langweiliges, ... das kann doch nicht alles sein. -- Doch nun fällt mir
der Übergang schwer. Soll ich sagen, daß ich, um dem dringenden
Bedürfnis einer detaillierteren, ruhigeren Dichterbehandlung des Todes
abzuhelfen, auf die nachfolgenden Dinge verfallen bin? Wie unrichtig
wäre das! Fasse man vielmehr das Bisherige als ungeschickte Einleitung
auf, zu der mich die innere Erregung über das Nachfolgende, das mich
natürlich zunächst beschäftigt, verlockt hat. Ich habe da wirklich
Merkwürdiges zu berichten; man kann mit der Idee des Todes ganz familiär
werden, das ist's, oder noch besser: sie ist ebenso aller
Abschattierungen vom Traurigsten zum Süßesten und Gleichgültigsten fähig
wie alle menschlichen Dinge.
Da lese ich, an einer Straßenecke wartend, ganz zerstreut, nur durch das
farbige Bild angezogen, folgenden Witz (das tschechische Witzblatt, das
ihn enthält, hängt aufgeschlagen hinter der Glasscheibe eines
Buchhändlers):
=Ballerine=: Du, und was sagt denn dein Vater eigentlich zu unserem
Verhältnis?
=Junger Herr=: Er weiß doch nichts davon.
=Ballerine=: So, wird denn bei Euch keine Bilanz gemacht?...
Das habe ich gelesen und starre nun in die Luft, den Passanten entgegen.
Es ist schwer zu beschreiben, was da in mir vorgeht ... Ich suche diesen
Witz zu begreifen, denn ich verstehe ihn nicht. Ich suche, indem ich
mein Hirn umwühle, irgendeinen Standpunkt zu finden, von dem aus mir das
eben Gelesene irgendwie auffallend, bemerkenswert, stark, wertvoll oder
amüsant erschiene. Es muß doch etwas daran sein, sage ich mir, sonst
würde man es nicht drucken, illustrieren, in der Hauptstraße ausstellen.
Aber trotz aller Anstrengungen verschwimmt es mir, erscheint matt und
von einer krankhaften Farblosigkeit. Wäre es ein Mädchen, ich müßte es
als »krankhaft-interessant« oder so ungefähr bezeichnen. So zart und
blaß steht es (ich meine: den Sinn und die Gesamtheit dieser Worte) im
Hintergrund meiner Gedanken, opernhaft bescheidene und doch jedenfalls
temperamentvolle Mignon! Ich empfinde eine krankhafte Wollust, so an der
äußersten Peripherie meiner Denkfläche gekitzelt zu sein, dort wo mein
Verständnis aufhört und nur noch unscharfe Bilder liefert. Mit
wissenschaftlichem Interesse förmlich verfolge ich das Erlahmen meines
Denkmechanismus, wie etwa der Experimentalpsychologe die geheimnisvollen
Vorgänge am Rande des Sehfeldes prüft. Ich beobachte, wie mein Verstand
dieses ihm Dargebotene, das zu weit abliegt von den Dingen, mit denen er
sich sonst befaßt, nicht mehr fassen kann, es mit andern Dingen
verwechselt, daran herumarbeitet, schließlich kraftlos es in den
allgemeinen Trubel der Welt, aus dem er es für einen Augenblick
hervorgezogen hat, zurückfallen läßt. Und ganz deutlich mischt sich in
das Gefühl der Schwäche und Ermüdung nun eine Art von humoristischer und
doch wehmütiger Todesahnung, die ich eben beschreiben will ... Doch auf
diesem Wege komme ich ihr nicht näher. Vielleicht anders.
Manchmal, wenn ich so recht müde bin, in der Nacht -- in einem
Kaffeehaus ist man schon ohne Erfolg und ohne Lust gesessen, jetzt freut
man sich auf das kühle Bett zu Hause, aber wieder fällt es zum Unglück
einem Kameraden ein, ein anderes Lokal vorzuschlagen und aus Mattigkeit
kann man nicht »nein« sagen, läßt sich wieder aus der reinen Nachtluft
in lärmenden Rauch verschleppen -- in solcher, tieftrauriger und wohl
auch erbitterter Abgeschlagenheit, wenn die Augen beißen, die Lippen weh
tun, erscheint jenes Todesgefühl wieder. Und wieder in der Form, daß ich
mein Vermögen, Dinge aufzufassen, schwinden fühle. Ich kann zum Beispiel
nicht mehr feststellen, ob der schwarze Fleck auf der Sessellehne
jenseits des Tisches ein Ornament dieser Lehne ist oder etwa ein Teil
des dunklen Anzugs meines Freundes oder vielleicht etwa ganz weit hinten
im Saal, ein Stückchen Klavier, das perspektivisch über die Sessellehne
ragt. Ich kann das nicht feststellen, weil ich keine Lust, keine
Berufung dazu fühle. Lasse lieber einen unanalysierten, unreinlichen
Komplex in meinem Gehirn. Man reicht eine komplizierte, glänzende
Schüssel auf den Tisch, allerlei Farbenflecken sind auf ihr, vielleicht
Backwerk, und ein dumpfer Lärm brandet um sie her, aus ihr heraus,
sollte sie ein Musikinstrument sein? Ich kann sie nicht mehr auflösen,
ich bitte einen neben mir, das Zweckdienlichste in bezug auf diese
Schüssel oder was es sonst ist, zu unternehmen, nur mich in Ruhe zu
lassen. Es ist der tiefste Punkt der Erschlaffung. Der ganze Körper ist
eine einzige, müde, wunde Fußsohle ... Und da denke ich mir nun: »Max,
jetzt bist du tot. Vielmehr, du warst tot und bist jetzt soeben wieder
zum Leben aufgeweckt worden. Da bist du jetzt natürlich ganz ungeübt,
unbeholfen, elementar. Nur die einfachsten Dinge des Lebens sind dir im
Gedächtnis geblieben, nur solche, die dir im Leben das Wichtigste waren.
Fragte man dich beispielsweise jetzt nach Flaubert, da würdest du noch
etwas wissen, wenn auch nicht so viel wie in deiner Blüte. Auch Worte
wie: Geliebte, Vaterland, Mutter -- wären dir zur Not verständlich,
gäben dir etwas zu fühlen. Aber diese Weinstube? Waren dir jemals in
deinem früheren Leben Weinstuben wesentlich, zentral? Nun ist aber nur
der Mittelpunkt deines Ich erst erwacht, auf das andere sollst du dich
erst allmählich besinnen, und da kommen solche barocke, willkürliche
Einrichtungen wie eine Bar mit hohen Sesseln noch lange nicht an die
Reihe. Dies, Max, die Erklärung deines gegenwärtigen Zustandes. Du hast
dich zu nebensächlichen Eindrücken zu entwickeln noch nicht Zeit gehabt.
Also schlafe, schlafe nur ruhig ...«
Ich habe auf diese Art im höchsten Grade die Eigenschaft, mich geistig
tot zu stellen und so zu vereinfachen ... Plötzlich mitten in meinem
Treiben findet sich mir die Frage ein: Was würde ich zu dieser Sache
sagen, wenn ich soeben aus dem Grabe entstiege? Oder noch verschärft:
Was würde jemand zu dieser Sache sagen, der nur für einige Augenblicke
aus der tiefen Ruhe des Jenseits hierher versetzt würde und gleich
wieder weg müßte? Hierher, zum Beispiel vor die Oper in Paris? Welchen
verworrenen Eindruck, welchen falschen, müßte er sich von diesen Dingen
machen?... Oder noch anders: ich liege halbschlafend nachmittags auf dem
Kanapee, da weckt mich leise, falsch gespielte Salonmusik, die mir nie
das Geringste bedeuten kann. Und doch, wie dankbar wäre ich für diesen
leeren Fetzen Realität -- ein Jahr nach meinem Tode, wenn ich plötzlich
erwachend nichts als eben dieses Stück hören könnte, diese Erinnerung an
meine ehemalige Existenz. Und wie würde sich diese Musik in einem
solchen Moment meiner Seele ausmalen? Ich könnte mir vielleicht im
Augenblick nicht herauskonstruieren, was das »leise« »falsch gespielte«
»Salonmusik«, was das überhaupt bedeuten soll »Schallwellen« ... Es ist
köstlich, für einen Moment mit Hilfe dieses Tricks (ich bin tot, soeben
wieder erwacht) alle die komplizierten Erfahrungen, die man hat,
preiszugeben, sich selbst gleichsam in einen Urzustand zu versetzen und
nun zwischen den fein ausgebildeten Lebensdingen ratlos umherzutappen
wie in einem ungeheuerlichen Chaos, in einer ganz sinnlosen Rumpelkammer
... Wir üben jetzt ein Quintett. »Noch einmal drei Takte vor M«, schreit
einer wütend, weil es nicht klappt. Ich weiß sofort, was er meint. So
eingefahren bin ich in diese, von mir doch so wenig notwendig erlebte
Konstellation. Was würde von all dem Herumsitzen, Stimmen, Plaudern,
Sich-Anstrengen übrig bleiben in meinem posthumen Gedächtnis? So zieht
man ein Schema seines Daseins, um dann mit doppelter Lust vorläufig noch
das Unschematische weiter zu genießen.
Das Thema dieses »posthumen Gedächtnisses« hat noch einen Ausläufer. Ich
habe nämlich schon zu Lebzeiten ein teilweise posthumes Gedächtnis ...
Zur Erklärung: Die Symphonien Beethovens, die Königsdramen Shakespeares,
die Violinsonaten von Bach, Brahms und Reger gehören doch zu meinem
essentiellen geistigen Besitzstande, glaub' ich. Näher geprüft, ergibt
sich, daß ich sie nur deshalb zu besitzen meine, weil ich sie periodisch
immer wieder durchnehme. Aber jedesmal bin ich doch wieder von ihnen
überrascht, entdecke neue, schon halbvergessene Schönheiten. An den
Percy Hotspur hatte ich schon beinahe ganz vergessen, da ist er wieder,
willkommen, mein Held, denkst du noch an unsere letzte Begegnung vor
drei Jahren, in drei Jahren also auf Wiedersehen!... Aber mein Glauben,
daß ich alle diese Dinge und noch einige andere, mir unentbehrliche, zu
jeder Zeit im Kopf habe, ist doch nur Fiktion. Dadurch entstanden, daß
ich sie jeden Augenblick wieder auffrischen kann ... Wenn ich aber nun
sterbe, dann ist doch diese Hoffnung auf weitere Periodizität zu Ende.
Dann kann ich nichts mehr auffrischen. In diesem Moment weiß ich nur
das, was mir gerade aktuell (nicht nur potentiell) im Kopf ist. Und ein
großer Teil, ja der größte der Dinge, die ich liebe, wird also schon
lange vor mir gestorben sein; -- zu jener Zeit, da ich eben nichts
ahnend zum letztenmal die Percyszenen gelesen habe und ihre Details
vergesse, sterben sie. Diesmal ist es ein Vergessen für die Ewigkeit ...
Mit einem Satze: ich kann nicht in einem Moment meiner vollsten
Ausbreitung sterben. Ich sterbe allein, ohne meine liebsten
Lebensbegleiter. Sie haben sich schon längst, zu verschiedenen Zeiten
von mir verabschiedet, allmählich, einer nach dem andern, ohne daß ich
es bemerkt habe. Vielleicht ist heute, während ich dieses schreibe,
schon ein Teil meines Ich, meines Wissens und meiner Gefühle tot, tot
für immer und ich weiß gar nichts davon ... Diesen Zustand immer vor
Augen, ist es da ein Wunder, daß ich den Erlebnissen meines Daseins mit
einer überzärtlichen Hingabe entgegenkommen möchte, daß ich sie immer,
wenn sie wieder auftauchen -- zum Beispiel den Einsatz der Geigen in der
Zweiten Brahmssymphonie, den Napoleon von Lautrec usf., -- wie Freunde
begrüße, die noch einmal zu sehen ich kaum erhofft habe ... Ja, es hat
neben den komischen auch seine rührenden Seiten, wenn man mit dem Tode
sich auf guten Fuß stellt, wenn man dem allgemeinen und nichtssagenden
Sterben es vorzieht, schon bei Lebzeiten seinen eigenen, ganz privaten
Tod zu haben.