Zufällige Konzerte

Ach wie auf Erden nichts, wie nichts auf Erden gleicht den Schauplätzen

angenehmer Begebenheiten! Das Postamt war rot. Gleichfalls die Kirche

machte kein Geheimnis aus ihren deutlichen Ziegelsteinfugen. Von da in

den Kurpark reichten wenige Schritte. Und man erging sich in diesem ohne

jegliche Verantwortung, dem Bewußtsein ungerechten Vorzugs fremd,

wiewohl die vielfach krummen Wege so zeitverschwenderisch waren und die

reichlichen Seelüfte darin eine ganz unverdiente Belohnung für uns

Müßiggänger. Daran dachte man nicht; o die Schauplätze angenehmer

Begebenheiten. Weil's mir damals gut, so richtig gut ging, fiel mir nie

es ein, die Anlage dieses Parkes auf Steuern und Taxen, seine

freundliche Abwechslung der Gebüsche, Wiesen und Bauminseln auf

ermüdende Studien ausländischer Werke über Hortikultur, die Kinderfeste

auf geschäftstüchtige Tricks der Badeverwaltung und Toiletten der Damen

auf Berufspein ihrer Ehemänner zurückzuführen; kurz alles auf das

ökonomische Prinzip. Sonst erscheint mir doch die Welt so gnadenlos

betrieblich und zielbewußt, im Dunst des Arbeiten-Müssens, von

Fabrikswaren besetzt. Damals jedoch bewegte sie sich liebenswürdig. Und

als ich einmal, von irgendwelcher Bank aus ganz ferne Kurmusik zu hören

bekam, verübelte ich dies niemandem, sondern ich hörte gut zu und

staunte nur ... Das Stück, auf seinem Wege durch die Bäume her zu mir,

hatte Blättergrün und Zweige, Tau, Sonnentupfen in seine Töne

mitgenommen, sie wehten gefärbt und aufgefrischt. Das Herablassen einer

Persienne im Hotelfenster links blinzte aus ihnen, mit den Spatzen des

Sandwegs und mit dieser Vormittagsstunde in Südostbrise. Mein Herz

klopfte. Wie ein hinter erglühender Luft bebendes Gebäude, wie ein Shawl

in Bewegung, aus dem die eingewebten Metallstücke glänzen, standen die

Akkorde vor mir, wie das Laforguische _je ne sais quoi qui n'a de nom

dans aucune langue, de même que la voix du sang_ ... Indessen erkannte

ich das Stück nicht, wiewohl es mir geläufig war. Ich ging zwischen

seinen kontrapunktischen Stimmen wie zwischen Häuserfronten, und es war

wie in der Heimatstadt manchmal, wenn man aus einem neuen Durchhaus

tritt oder von ungewohntem Standpunkt her beobachtet. Alles ist fremd

und dennoch alles vertraut. Ich weiß, daß ich zu Hause bin und dennoch

kenne ich mich nicht aus. So vergißt man auch bisweilen, aus Träumen

nachts erwachend, die Lage der Fenster, die Wand am Bettrand, rechts und

links im Dunkel. Jeden Augenblick kann die richtige Orientierung

einfallen, mit einem Schlag alles ins gewöhnliche Licht ordnen, aber das

zieht man in süßer Qual hinaus, absichtlich verwirrt man sich und ist in

fremder Stadt, in fremdem Bett. Endlich längs eines Geigenlaufs schwinge

ich mich in die Erkenntnis, daß ich die Meistersinger-Ouvertüre vor mir

habe ... So wohlgetan hat sie mir schon lange nicht, seit ich vor Jahren

mit ihr bekannt wurde, seit den ersten Entzückungen nicht mehr. Ich

sitze da und, gerührt von jeder Modulation, danke ich dem lieben Gott

für sie. Manchmal überrascht mich so die Musik, wie aus einem

freundlichen Hinterhalt, und das wollte ich sagen: dann findet sie die

Seele ganz anders offen als im Theater oder in den zweckdienlichen

Konzertsälen. Zufällig kommt sie, Wind trägt sie her und löscht sie aus,

Sonne wie über die Alpen gießt sich über Melodien. Niemand bietet mir

Programme an oder das mit einer harfenschlagenden Dame gezierte

Titelblatt eines thematischen Leitfadens. Keine Vor- und Nebensitzenden,

keine Presse, keine Bonbons, nicht Gucker, nicht Begeisterung, nicht

gemachte Begeisterung und keine aus Furcht, die Begeisterung könnte

gemacht erscheinen, gemachte Nicht-Begeisterung. So natürlich geht alles

und nicht einmal stolz sein auf seine Natürlichkeit kann man. Man hat

weder Zeit, sich in Frack, noch aus Protest gegen Zeitvergeudung bei der

Toilette nicht in Frack zu werfen. Einfach wird man vom Genuß

attackiert, auf kurzem Wege vergewaltigt ...

Himmlisch! auf der Straße entzückt es mich, wenn ein Vorübergehender

nicht ganz richtig die inniggeliebte Barcarole ans »Hoffmanns

Erzählungen« pfeift ... Der Cafetier läßt seinen Phonographen

losknirschen, ich verliere die Zeitung aus der Hand, denn so süß wie

nichts mischt sich in das Klappern der Tassen und in Geflüster von

andern Tischen her die Arie der Tosca ... In einer fremden Stadt hörte

ich einmal ein Bach-Präludium, sehr gut auf einem jedoch schlechten

Klavier (die Töne knatterten so) vorgetragen. Nie werde ich vergessen,

mit welcher Freude ich damals in das gegenüberliegende Haus trat und zu

dem offenen Fenster hinaufhorchte. Ich hörte auch noch die Fuge an und

ging dann in Glück meiner Wege ... Begeistert bin ich für Nationalhymnen

der Soldaten, die zufällig unten meinem Fenster vorbei in die Schlacht

marschieren ... für die angstvoll asthmatischen Klänge eines

Leierkastens auf verlorener Landstraße, die an den Geruch doppelt

gewärmten Dorfkaffees erinnern; der Mann beginnt zu kurbeln, wenn er uns

von weitem herannahen sieht, und zwar genau dort, mitten in einem

Doppelschlag meinetwegen, wo er aufgehört hat, als er den Wanderer vor

uns genügend weit mit seinen Tönen geleitet erachtete ... Ich liebe auch

die städtischen Flaschinetts, hohlflötend und scharf; die Musik alter

Ringelspiele; Orchestrions mit Janitscharenmusik; wispernde Aristons mit

ihren Stahlbürsten, die plötzlich vom Wäschekasten herab oder beim

Öffnen eines Stammbuchs einem Glockenspiel ähnlich erklingeln; die

Berlioz-Instrumentation der Straße zur Singstimme eines fensterputzenden

Dienstmädchens ... Oder ich ziehe mit den Gabelzinken in gestehendes

Fett der Schöpfenbratensauce Kratzrinnen, die ich dann zu wohnlichen

Gassen mit Häusern, groß und klein, mit Verkehrshindernissen und Volk zu

vergrößern weiß. Das bringe ich fertig. Ich vergrößere auch oft das

Eßzeug in Gedanken, mache aus dem Tisch eine weite Ebene, beschneit

infolge des weißen Tischtuchs, die Teller sind wie Gebirge, die Messer,

Gabeln, Löffel wie silberblinkende Seen, sicher wie ein Glaspalast steht

mitten in weiter Einsamkeit das Salzfaß. Dazu summe ich gewisse

Schlußsätze von Brahms, zum Beispiel den aus der Cellosonate F-Dur

op. 99 oder aus dem Streichquartett (oder ist es ein Quintett?) G-Dur.

Er geht so ... Könnte ich ihn doch allen vorsummen, die mir nicht

glauben wollen, daß er in diese traute, friedlich im Familienkreis

dämmernde Kinderstuben-Vergrößerungsstimmung (ich nenne sie auch

Knecht-Ruprecht-Stimmung, aber ich weiß nicht, warum, und ich denke

dabei auch an Marktbuden am Abend und Spielzeug aus farbigem Holz)

einzig schön hineinpaßt ...

Das sind meine Vergnügungen.

Nun will ich, bitte schön, nur kein Programm daraus machen, keinen

Antrag auf Umstürzung unsres gesamten Konzertlebens, keine Aktion mit

dem Motto: »Aufgepaßt! Sie können sich noch retten. Es ist höchste Zeit,

daß etwas für unsere Kultur geschieht!« ... Das liegt nicht in meinem

Sinn.

Ich habe nur meine Notizen gesammelt, von deren Belanglosigkeit leider

für das praktische Leben ich aufrichtig überzeugt bin, und gebe sie hier

zum besten.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 14 / 42 题